Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

26.1.2007 | Von:
Renée Zucker

"Rebellieren führt doch nirgendwohin"

Jugendliche zwischen sozialem Zwang, Familiensinn und persönlichen Träumen

Jugendliche in Indien sind oftmals gefangen zwischen sozialem Zwang, Familiensinn und persönlichen Träumen. Bis heute finden es die wenigsten schlecht, dass die Eltern ihre Ehepartner für sie aussuchen. Doch es gibt auch junge Leute, die gegen die Regeln der Gesellschaft rebellieren.

Junges Paar in Neu Delhi.Junges Paar im verregneten Neu Delhi. (© AP)

Im Winter sind Javed* und Iqbal Freunde. Im Winter haben beide Arbeit und sehen sich täglich. Von November bis März ist Hauptsaison in dem kleinen Touristenort an der Küste des südindischen Unionsstaates Kerala. Da arbeitet der 26-jährige Javed von neun Uhr morgens bis spät in die Nacht in einem Internet-Café und der 24-jährige Iqbal muss nebenan in einem der Läden seiner Familie Souvenirs aus seiner Heimat, dem 4000 Kilometer entfernten Kaschmir verkaufen. Beide haben ein paar Jahre die Schule besucht und leben wie die meisten jungen Leute in Indien bei ihren Eltern.


Javed ist das dritte von vier Kindern und der einzige Sohn seiner Familie. Bevor er daran denken kann, eine eigene Familie zu gründen, müssen erst die Mädchen aus dem Haus, damit sie den Eltern nicht weiter finanziell zur Last fallen. Weil es außerhalb der Touristensaison keine Arbeit gibt, gehen viele Keraliten in die Staaten am Persischen Golf. Mehr als eine Million Männer und Frauen verdingen sich dort als Arbeitsmigranten. Das hat zur Folge, dass es in Kerala zwar einen gewissen Wohlstand gibt, aber kaum Arbeitsplätze dort geschaffen werden.

Auch Javeds Vater hat lange in Dubai gearbeitet. Nun ist er krank. Javed kann nicht an den Golf, er hat kein Geld für die Reise und die Arbeitserlaubnis. Als einziger Sohn führt er die Gespräche mit den Ehe-Anwärtern für seine Schwestern und trifft eine Vorauswahl. Der Vater entscheidet dann, wen die Tochter heiratet. Die Tochter kann auch mal einen Kandidaten ablehnen, aber sie sollte davon nicht all zu oft Gebrauch machen.

Wenn Javed mit seinem Vater in einem Raum ist, setzt er sich erst hin, wenn der ihm die Erlaubnis dazu gibt. Er darf nicht auf gleicher Höhe mit dem Vater sitzen, sondern muss immer etwas tiefer hocken.

Die zwei älteren Schwestern konnten schon verheiratet werden, nun hofft Javed, in diesem Winter so viel Geld zu verdienen, dass auch die Jüngste unter die Haube kommt. Dann muss er nur noch seine Eltern und nicht mehr die ganze Familie unterstützen. "Schwestern sind teuer", sagt er achselzuckend, "man muss ihnen nicht nur Geld, sondern auch ein Stück Land mitgeben. Bevor sie das Mädchen überhaupt kennen gelernt haben, fragen sie zuerst, was man bezahlen will."

Obwohl Kerala einer der reichsten und fortschrittlichsten Staaten der Indischen Unions ist, und man hier selbst unter den Mädchen kaum noch Analphabeten findet, sind die strengen Regeln der Dowry, der Mitgift, nach wie vor gang und gäbe – bei Hindus, Christen und Muslimen gleichermaßen. Am besten wäre es, sagt Javed, wenn eine Familie gleich viel Söhne und Töchter habe. Dann könne sie das, was sie bei den Mädchen bezahlen muss, durch die Söhne wieder reinholen.

Zum Geld verdienen in die Fremde

Iqbal kennt diese Sorgen nicht. Er ist das jüngste von fünf Geschwistern einer recht wohlhabenden Händlerfamilie aus Kaschmir , und er muss für niemanden sorgen. Seine beiden Brüder und die zwei Schwestern sind schon verheiratet. Die Brüder leben mit ihren Frauen und Kindern in dem Haus, das Iqbals Eltern gebaut haben. Die wiederum wohnen bei den Großeltern. Iqbals Schwestern zogen zu den Familien ihrer Ehemänner. Im Sommer leben alle im nordindischen Kaschmir auf einer Insel im Dal Lake, der an die Hauptstadt Srinagar grenzt. Im Winter zieht ein großer Teil der Familie nach Kerala. Hier bleiben die Frauen und Mädchen traditionell im Haus. Sie putzen, waschen, kochen und hüten die Kinder; die Männer halten die Läden in Schwung. Viele Kaschmiren verdienen ihr Geld als Händler in den Tourismushochburgen des Subkontinents.

Iqbal hängt sehr an seiner Familie. In dem Haus in Südindien schläft er mit seiner Großmutter in einem Zimmer. Wenn er mal alleine schlafen muss, hat er Angst. Wenn er mit seiner Mutter oder einer Tante in Kaschmir telefoniert hat, ist er noch lange danach aufgewühlt und unruhig. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien besteht zwischen Indien und Pakistan ein Konflikt um diese Region, der bislang zu drei zwischenstaatlichen Kriegen und einem bis heute andauernden bürgerkriegartigem Zustand im indischen Teil Kaschmirs geführt hat. Zwar nähern sich die verfeindeten Nachbarn zunehmend an, doch weiterhin gibt es fast täglich Bombenanschläge, Razzien und Verhaftungen.

Iqbal ist von klein auf an den Umgang mit Touristen gewöhnt. Früher, als noch Europäer und US-Amerikaner in Kaschmir Urlaub machten, als man es noch "das Paradies auf Erden" nannte, wohnten die Fremden auf Hausbooten, die seiner Familie gehörten. Sein Englisch hat er nicht in der Schule sondern von den Gästen gelernt.

In Kaschmir haben die wenigsten Jugendlichen eine auch nur passabel zu nennende Schulausbildung. Nur wenige können lesen und schreiben, es gibt zu wenig Arbeit für sie und viele sind durch den anhaltenden Konflikt traumatisiert. Fast jede Familie hat wenigstens ein Mitglied, das entweder vermisst wird, bei einem Bombenattentat verletzt wurde oder starb; bei den "Militanten" war oder von der indischen Armee misshandelt wurde. Für junge Leute ist es in Kaschmir zugleich anstrengend und langweilig. Es gibt kaum Orte, an denen sie sich treffen oder etwas unternehmen können, alles spielt sich entweder unter den ängstlich besorgten Augen der Familien oder unter den aufmerksamen Blicken von Polizei und Armee ab. Wer nur irgendeine Möglichkeit sieht, kehrt dem gefährlichen und deprimierenden Unionsstaat den Rücken.

Gerade die jungen Männer ohne eine gute Ausbildung müssen ihr Geld woanders verdienen. Sie sind in allen Landesteilen Indiens anzutreffen, wo sie entweder in Souvenirläden oder als Schlepper arbeiten.

So wie der 30-jährige Majid, der täglich auf dem riesigen Connaught Place im Herzen Delhis herumstromert, Touristen anspricht und sie in verschiedene Läden bringt. Wenn sie dort etwas kaufen, bekommt er Prozente. Manchmal verdient er dabei nur 200 Rupien am Tag, etwa vier Euro. Hundert davon kostet ihn allein die Rikscha, die ihn an seinen Arbeitsplatz und wieder zurück bringt. Zusammen mit seinem Freund Ashraf bewohnt er ein fensterloses, feuchtes, kleines Zimmer, das 3000 Rupien kostet.

Ashraf ist 27 Jahre alt, auch aus Kaschmir und seit ein paar Monaten verheiratet. Seine Frau lebt bei seiner Familie in dem Himalaja-Staat. Die besitzt dort ein Hausboot und Ashraf sucht am Bahnhof oder am Flughafen nach Touristen – am liebsten nach jungen, abenteuerlustigen Rucksacktouristen – denen er eine Reise mit Hausbootübernachtung schmackhaft zu machen versucht.

Manchmal haben die beiden Glück, dann findet Majid US-Amerikaner, die einen Teppich kaufen, was ihm 2000 Rupien einbringt. Oder Ashraf kann junge Europäer überreden, für eine Woche auf sein Hausboot zu gehen. Aber meistens lungern sie nur mit anderen Jungen am Connaught Place herum, trinken süßen Tee und reden über Politik.


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