Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

18.1.2007 | Von:
Stefan Mentschel

Vom "Raketenmann" zum geachteten Staatsoberhaupt

Präsident A.P.J. Abdul Kalam

Abdul Kalam gilt als "Vater" des indischen Raketenprogramms. Er gilt als ehrgeizig und diszipliniert, vor seinen Leistungen als Ingenieur und Wissenschaftler zieht man den Hut. Doch auch als Präsident erwarb er sich landesweit Sympathien, denn bei seinen öffentlichen Auftritten demonstriert er eine große Volksnähe, ist jovial und kontaktfreudig.

Das Bild ging um die Welt. Gemeinsam mit dem damaligen Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee winkte Abdul Kalam im Mai 1998 triumphierend in die Kameras der internationalen Presse: Tief unter der rajasthanischen Wüste hatte Indien gerade fünf atomare Sprengsätze gezündet. Und der kleine Mann war maßgeblich an der Entwicklung der Trägersysteme für diese Waffen beteiligt. Dass ihn Vajpayee und seine hindunationalistische Indische Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) vier Jahre später als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schickten, war aber weniger Dankbarkeit geschuldet, sondern vielmehr politischem Kalkül.

Avul Pakir Jainulabdeen Abdul Kalam wurde im Oktober 1931 im südindischen Rameswaram – heute Unionsstaat Tamil Nadu – geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist das jüngste von mehreren Geschwistern muslimischer Eltern. Sein Vater, so heißt es, habe Boote an Fischer vermietet und als Fährmann Hindu-Pilger zum berühmten Ramanathaswamy Tempel übergesetzt.


Als erstes Mitglied seiner Familie besuchte Kalam die Universität. Nach seiner Ausbildung zum Luftfahrt-Ingenieur am Madras Institute of Technology (1954-57) bewarb er sich zunächst erfolglos bei der indischen Luftwaffe. Über die Forschungs- und Entwicklungsorganisation des Verteidigungsministeriums DRDO (Defence Research and Development Organisation) kam Kalam 1963 zur indischen Raumfahrt-Behörde ISRO (Indian Space Research Organisation), wo er fast 20 Jahre an unterschiedlichen Projekten mitwirkte – unter anderem am Bau der Rakete SLV-3, die 1980 den ersten indischen Satelliten ins All trug.

1982 wurde Kalam Direktor der DRDO und mit der Leitung des Raketenprogramms betraut. Fünf Großprojekte wurden in den folgenden Jahren initiiert, deren Ergebnisse zum Synonym für ein neues indisches Selbstbewusstsein wurden. Nag (Kobra), Prithvi (Himmel), Akash (Erde), Trishul (Trident) und Agni (Feuer) heißen Kalams Raketen-Kinder, die vor allem Pakistan Angst und Schrecken einjagen sollen. Mit den Mittel- und Langstreckenraketen vom Typ Agni – sie lassen sich unter anderem mit Atomsprengköpfen bestücken – könnte aber auch die Volksrepublik China ins Visier genommen werden.

Kompromisskandidat von Regierung und Opposition

Eineinhalb Jahre nach den Atomtests machte Premier Vajpayee den "Vater" des indischen Raketenprogramms zum obersten Wissenschaftsberater der Regierung. Nach wenigen Monaten gab Kalam das Amt jedoch wieder auf, um sich voll und ganz der Ausbildung junger Studenten widmen zu können – mit dem erklärten Ziel, bis zum Jahr 2020 rund 100.000 Inderinnen und Indern den Weg in die Forschung zu ebnen. Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis er die politische Bühne erneut betrat.

Im Juni 2002 schlug die regierende BJP den Junggesellen für das Amt des Staatspräsidenten vor. Obwohl Kalam als der Wunschkandidat Vajpayees galt, ging es den Hindunationalisten vor allem darum, eine zweite Amtszeit für Kocheril Raman Narayanan (1921-2005) – wie fast von der gesamten Opposition vorgeschlagen – zu verhindern. Ein Grund dafür war, dass der zur Gruppe der Dalits (Unberührbare, Unterdrückte) gehörende Narayanan der BJP trotz seiner durch die Verfassung eingeengten Möglichkeiten mehrmals die Grenzen ihres Handelns demonstriert und auch öffentlich zum Teil scharfe Kritik geäußert hatte. Vor allem die radikalen Kräfte im Umfeld der BJP hofften, ein parteipolitisch unabhängiges Staatsoberhaupt in ihrem Sinne manipulieren zu können und mit ihm bei Kontroversen leichteres Spiel zu haben.

Kalam war der Kompromisskandidat, auf den sich Regierung und Opposition schließlich einigten. Am 18. Juli 2002 wurde er mit überwältigender Mehrheit zum 11. Präsidenten Indiens gewählt, allein die linken Parteien stimmten gegen ihn und für ihre Kandidatin Lakshmi Sehgal. Die 1914 geborene Ärztin hatte sich als Oberst des Rani-Jhansi-Frauenregiments in der Indischen Nationalarmee von Subash Chandra Bose einen Namen gemacht. In Boses Exilregierung war sie zudem erste Ministerin. Kalam löste den "untadeligen" K.R. Narayanan am 25. Juli im Amt ab.

Er sei ein 200-prozentiger Inder, sagen seine Anhänger, die ihn vor allem wegen seines schier grenzenlosen Patriotismus verehren. Und Kalam machte seinem Ruf alle Ehre, indem er sogleich mehr Selbstbewusstsein für sein Land forderte, das sich angesichts rasanter Wachstumsquoten nicht mehr als Entwicklungsland begreifen solle. Vor allem von den "Waffen des Friedens", wie er die indischen Atombomben bezeichnete, erwartete er mehr Respekt für die Eigenständigkeit Indiens.

Gegner hingegen brandmarken den "Raketenmann" (missile man) als Vertreter eines "kleinkarierten militaristischen Nationalismus". Außerdem habe Kalam ein "allzu einfaches, ungeschultes und manchmal unverzeihlich naives Verständnis politischer Sachverhalte" ätzte der Publizist Praful Bidwai nach Bekannt werden der Kandidatur.

Vision für Indiens Zukunft

Inzwischen sind die Kritiker weitgehend verstummt. Ein Grund dafür ist, dass Kalam keineswegs zu einer Marinonette der Regierenden wurde – weder der BJP, noch der Kongresspartei, die die Hindunationalisten bei den Unterhauswahlen im Frühjahr 2004 überraschend aus der Verantwortung fegten. Ein anderer Grund ist die Sympathie, die dem Präsidenten landauf, landab entgegenschlägt. Er gilt als ehrgeizig und diszipliniert. Vor seinen Leistungen als Ingenieur und Wissenschaftler – insgesamt hat er 30 Ehrendoktortitel erhalten – zieht man den Hut. Und mit den heiligen Schriften des Hinduismus soll er sich genauso gut auskennen wie mit dem Koran. Er liebt Poesie, schreibt Gedichte und musiziert. Zu Kalam kann man aufschauen. Gleichzeitig demonstriert er bei seinen öffentlichen Auftritten eine große Volksnähe, ist jovial und kontaktfreudig.

Vor allem Kinder und Jugendliche haben es ihm angetan. Regelmäßig lädt er Schülerinnen und Schüler in seinen Palast ein. Auf der offiziellen Website gibt es eine Rubrik eigens für Kinder. Der Musiksender MTV nominierte ihn sogar für den Preis "Jugend-Ikone 2006". Dass am Ende ein Kricket-Spieler das Rennen machte, tat Kalams Popularität keinen Abbruch.

Die junge Generation bewundert Kalams umfassende Vision für die über eine Milliarde Menschen zählende Indische Union. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Selbstachtung und das Ziel einer umfassenden wissenschaftlich-technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung gehören neben einer optimistischen Weltsicht zu seinen Grundannahmen, die Experten unter seiner Leitung in mehreren Bänden unter Titel dem "Indien 2020: Vision für das Millennium" (India 2020: Vision for the Millenium) ausarbeiteten. Eines der Ziele ist, das Land in nicht einmal zwei Jahrzehnten zu einer Supermacht des Wissens zu machen und als politisches wie wirtschaftliches Schwergewicht in die Runde der G8-Staaten zu führen. Sollte die Vision des Präsidenten tatsächlich wahr werden, könnte Kalam wieder triumphierend in die Kameras der Weltpresse winken. Viel Zeit hat er seinen Landsleuten für die Umsetzung allerdings nicht gelassen.


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