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Kampfansage an die Demokratie

Hindunationalisten schüren Vorurteile gegen religiöse und ethnische Minderheiten


18.1.2007
Der Hindunationalismus propagiert die Überlegenheit eines Teils der Gesellschaft gegenüber Minderheiten wie Muslimen und Christen. Mehr noch: In der Hindu-Nation soll es keinen gleichberechtigten Platz für andere geben. Die BJP, politischer Arm der Hindunationalisten, hat Indien bis 2004 in diesem Sinne regiert und dabei sichtbare Spuren hinterlassen.

Jugendliche Mitglieder der hindu-nationalistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) in Jammu, 2011.Jugendliche Mitglieder der hindunationalistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) in Jammu, 2011. (© AP)

Hinter dem Begriff Hindunationalismus steht ein weit komplexeres Phänomen, als es die beiden Worte vermuten lassen, aus denen er zusammengesetzt ist. Im Wesentlichen beschreibt "Nationalismus" eine Bewegung, die sich den Werten und Symbolen eines Landes, einer Nation verpflichtet fühlt. Wie andere Nationalismen – etwa der irische oder kurdische – definiert sich auch Hindunationalismus entlang gesellschaftlicher, kultureller, sprachlicher und religiöser Linien. Zusammengefasst sind diese in der Hindutva-Ideologie, in der ganz konkrete Vorstellungen von einem zukünftigen Indien als "Reich der Hindus" (Hindu Rashtra) formuliert werden.

Der Kern dieser Ideologie wurde 1939 von M.S. Golwalkar, einem der wichtigsten Vordenker des Hindunationalismus, in We And Our Nationhood Defined (sinngemäß: "Wir und unser nationale Identität") niedergelegt. Golwalkar beschreibt in seinen Thesen, die so geradlinig wie beängstigend formuliert sind, das Ziel, eine möglichst homogene Nation der Hindus zu schaffen. Ähnlich der von Adolf Hitler propagierten "Überlegenheit der deutschen Rasse und Nation" definiert er dabei die Vormachtstellung der Hindus gegenüber "minderwertigen" Bevölkerungsgruppen innerhalb Indiens. So fordert Golwalkar, dass etwa Muslime und Christen die hinduistische Kultur und Sprache annehmen sowie die Religion der Hindus verehren. Weiter heißt es, dass die "fremdländischen Rassen in Hindustan" ihre selbstständige Existenz aufgeben und in die Hindu-Gemeinschaft aufgehen müssen, oder sich völlig der Hindu-Nation unterzuordnen haben – ohne Anspruch auf jegliche Bürgerrechte.



Die ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Konstrukt Hindunationalismus und dem deutschen Nationalsozialismus gehen noch weiter. So bezeichnet Golwalkar in späteren Schriften den Holocaust an den europäischen Juden als einen Schritt, um die "Reinheit von Rasse und Kultur" zu erhalten. Deutschland habe damit gezeigt, dass es unmöglich sei, eine nationale Einheit aus Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen historischen und kulturellen Wurzeln zu formen. Dies sei ein "gutes Beispiel für uns in Hindustan, von dem wir lernen und profitieren können". Daraus schlussfolgernd lässt sich festhalten, dass der Hindunationalismus – der sich in den 30er und 40er Jahren stark am europäischen Faschismus und Nationalsozialismus orientierte – keineswegs auf einer gutartigen Philosophie aufbaut.

Bis heute machen Vertreter des militanten Hindunationalismus kein Hehl aus ihrer Bewunderung für Mussolini und Hitler. Zudem sind sie getrieben von der Idee eine Hindu-Nation zu schaffen, die sich vollkommen von der 1947 in die staatliche Unabhängigkeit entlassenen säkularen und demokratischen Republik Indien unterscheidet. Doch für die Realisierung dieses Projekts bedarf es neben einer Ideologie auch konkreter Aktionspläne, um die Bereiche Bildung, Kultur, Politik und Soziales im Sinne hindunationalistischer Vorstellungen zu verändern.

Nachlässige Strafverfolgung religiös motivierter Gewalttaten



Um jedoch den Hindunationalismus in seiner gegenwärtigen Form zu verstehen, ist es notwendig, die Zusammensetzung der indischen Nationalbewegung vor der Unabhängigkeit zu untersuchen. Zwischen 1857 und 1905 rekrutierte sich der Widerstand gegen die Briten aus allen Bevölkerungsgruppen – ohne Ansehen von Religion oder Herkunft. Erst mit Beginn des 20. Jahrhundert begannen sich aus den Religionsgemeinschaften der Hindus, Muslime und Sikhs eigene antikoloniale Bewegungen zu entwickeln.

Die Gründung von Muslim-Lage, Hindu Mahasabha (Große Versammlung der Hindus) und Rashtriya Swayamsevak Sangh (Nationaler Freiwilligenverband, RSS) (siehe Infokasten) sowie des Akali Dal der Sikhs im Punjab waren eine Manifestation politisch-religiöser Interessen im Freiheitskampf, mit denen der Charakter der zunächst einheitlichen Nationalbewegung nachhaltig verändert wurde. Seit dieser Zeit entwickelte sich die Politik des Hindunationalismus immer auch als kommunalistischer Gegenpol zu den Organisationen der Muslime.

Weitere Informationen

Rhastriya Swayamsevak Sangh

Der nationale Freiwilligenbund Rhastriya Swayamsevak Sangh wurde 1925 im zentralindischen Nagpur gegründet. Der RSS stellt den institutionellen Hauptträger der hindunationalistischen Ideologie dar und hat das Ziel, die Hindus nach nationalistischen Gesichtspunkten zu organisieren und die verloren geglaubte Einheit der Hindu-Nation wiederherzustellen. In den Jahren 1927 bis 1947 entwickelte sich der RSS in Nordindien schnell zu einer bedeutenden Organisation der hinduistischen städtischen Mittel- und Oberschicht. Sein Beitrag zum indischen Freiheitskampf war allerdings sehr gering. Von Anfang an richteten sich die Aktivitäten der Organisation mehr gegen die Muslime als gegen die Briten. Nathuram Godse, der Mörder Mahatma Gandhis, war ein Mitglied des RSS.

Kommunalismus ist ein Begriff, der seinen Ursprung auf dem indischen Subkontinent hat. Am besten kann er wohl als "Manipulation von Religion und religiösen Symbolen für politische Mobilisierung und das Streben nach politischer Macht" beschrieben werden. So waren weder die hindunationalistische Bewegung noch die von der Muslim-Liga angeführte Bewegung für die Gründung eines unabhängigen Pakistans religiöser Natur. Gleichwohl ließen sich auch Geistliche immer wieder vor den Karren der Extremisten spannen.

1947 hinterließen die Briten einen zerbrochenen Subkontinent, dessen Entlassung in die Unabhängigkeit von einer Welle der Gewalt überschattet wurde – die Zahl der Toten schwankt zwischen einer und drei Millionen, rund zehn Millionen Menschen waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Doch obwohl Hindus, Muslime und Sikhs gleichermaßen davon betroffen waren, gelang es der hindunationalistischen Propaganda in den folgenden Jahrzehnten die öffentliche Debatte zu beeinflussen und die Muslime als Aggressoren und für die Teilung Verantwortliche zu brandmarken.

Bei allen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen – angefangen mit den ersten kommunalistischen Unruhen nach der Unabhängigkeit in Jabalpur (Unionsstaat Madhya Pradesh) im Jahr 1961 – wurde daher vor allem die Loyalität der muslimischen Bevölkerungsgruppe zur Indischen Union in Frage gestellt. Slogans der hindunationalistischen Scharfmacher wie Mussalman ka ek hi sthan, Pakistan ya Kabrastan (Es gibt nur einen Platz für Muslime, Pakistan oder den Friedhof) spiegeln diese Stimmung wider. Erwähnt sei an dieser Stelle auch, dass bei allen gerichtlichen Untersuchungen kommunalistischer Gewalt bewiesen werden konnte, dass der Agent Provocateur dem hindunationalistischen Spektrum angehört. Gleichzeitig wurde jedoch aufgrund der Nachlässigkeit der Justiz bei der strafrechtlichen Verfolgung religiös motivierter Gewalttaten das Vertrauen in die unabhängige Rechtsprechung massiv beschädigt.



 

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