Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Iftikhar Gilani

Umstrittenes Kaschmir

Indien und Pakistan sind einer Lösung näher als je zuvor – und doch weit davon entfernt

Hauptstreitpunkt zwischen Indien und Pakistan ist die Region Kaschmir, um die beide Staaten drei Kriege geführt haben. Darüber hinaus birgt der Konflikt aber auch innenpolitisch erheblichen Sprengstoff.

Die umkämpfte Kaschmir-Region grenzt nicht nur an Indien und Pakistan, sondern auch an China.Die umkämpfte Kaschmir-Region grenzt nicht nur an Indien und Pakistan, sondern auch an China. (© AP)

Als die Außenminister Indiens und Pakistans im Januar 2006 die dritte Rundes ihres so genannten Composite Dialogue, der gemeinsamen Gespräche, begannen, bekräftigten beide Seiten ihren Willen zur friedlichen Beilegung des Kaschmir-Konflikts. Inzwischen steht man wieder ganz am Anfang. Während eines Treffens hochrangiger Beamter und Diplomaten nur wenige Monate später hatte Indien das Thema Kaschmir erneut auf Eis gelegt und von Pakistan gefordert, konkrete Schritte gegen terroristische Aktivitäten zu unternehmen. Gemeint waren damit vor allem die gewaltsamen Zwischenfälle außerhalb des Unionsstaates Jammu und Kaschmir, wie die Anschläge in der Pilgerstadt Varanasi, bei denen im März 20 Menschen starben, oder die verheerenden Bombenattentate auf Vorortzüge in Mumbai (früher Bombay), die im Juli 2006 fast 200 Menschenleben forderten. Erst danach könne man erneut über bilaterale Fragen einschließlich des Kaschmir-Problems sprechen, hieß es.

Karte von KaschmirQuelle: commons.wikipedia.orgKarte von Kaschmir
Quelle: commons.wikipedia.org
Gleichwohl bekräftige Delhi zum wiederholten Male, dass man an einer "dauerhaften Beziehung" zu Pakistan interessiert sei. Während sich Indien in früheren Gesprächen jeglicher Diskussion über Jammu und Kaschmir verweigerte, bat der indischen Verhandlungsführer im Januar sein pakistanisches Gegenüber Ideen und Vorschläge zu unterbreiten, die zu einer Lösung des Konflikts beitragen können. "Wir sind bereit, uns alles anzusehen, was uns präsentiert wird", sagte Staatssekretär Shyam Saran und löste damit eine mehr als 30 Jahre anhaltende Blockade.


Bis 1975 waren Indien und Pakistan aktiv darum bemüht, eine Lösung für das Kaschmir-Problem zu finden – obwohl man zuvor dreimal Krieg gegeneinander geführt hatte (1947, 1965 und 1971). (siehe Infokasten) Doch nach einer Übereinkunft mit dem legendären Sheikh Abdullah – über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Politiker Kaschmirs und glühender Verfechter des Rechts auf Selbstbestimmung – glaubte Indien, den Konflikt beigelegt zu haben und weigerte sich, mit dem Nachbarn über das Thema Jammu und Kaschmir zu verhandeln. Gemäß dem Abkommen mit der damaligen Premierministerin Indira Gandhi rückte Sheikh Abdullah von seiner Forderung ab, die Kaschmiren in einer Volksabstimmung über ihre staatliche Zukunft entscheiden zu lassen. Im Gegenzug wurde er zum Ministerpräsidenten von Jammu und Kaschmir ernannt. Pakistan war nach der Niederlage im Krieg von 1971 nicht in der Lage, sich dem entgegen zu stellen.

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historischer Hintergrund

Geschichte des Kaschmir-Konflikts

Nach der Teilung des Subkontinents im August 1947 vereinbarten Indien und Pakistan kein grundlegendes Sicherheitsarrangement. Es gab weder eine verbindliche Nichtangriffserklärung noch erkannte man die territoriale Integrität des anderen in den gerade gezogenen Grenzen offiziell an.

Fast folgerichtig brach nur zwei Monaten nach der Unabhängigkeit, im Oktober 1947, der Konflikt um Kaschmir aus. Das mehrheitlich von Muslimen bewohnte Fürstentum war zunächst unabhängig geblieben und strebte freundschaftliche Beziehungen zu Indien und Pakistan an. Nachdem jedoch von der pakistanischen Armee ausgerüstete Kämpfer in Kaschmir einrückten, bat der hinduistische Maharaja Neu Delhi um militärische Hilfe. Indien gewährte die angeforderte Unterstützung jedoch erst, nachdem Kaschmir seinen Beitritt zur Union erklärt hatte.

Der erste indisch-pakistanische Krieg von 1947 bis 1949 endete mit einem Waffenstillstand unter Aufsicht der Vereinten Nationen. Anschließend wurde Kaschmir entlang der so genannten Line of Control geteilt – in das pakistanische Azad Kashmir ("Freies Kaschmir") und die Northern Areas sowie den indischen Unionsstaat Jammu und Kaschmir. Ein zweiter Krieg um Kaschmir wurde 1965 geführt, wobei der mit sowjetischer Vermittlung im Jahre 1966 zu Stande gekommene Vertrag von Taschkent den Status quo wieder herstellte.

Damit waren aber weder die territoriale Streitfrage um die Zugehörigkeit Kaschmirs noch der indisch-pakistanische Konflikt gelöst, der sich nach den militärischen Auseinandersetzungen beider Staaten zu einem latent kriegerischen Verhältnis ausgeweitet hat. Obwohl sich das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan in jüngster Zeit spürbar entspannt hat, ist Kaschmir nach wie vor Hauptstreitpunkt und dauerhafter Belastungsfaktor der bilateralen Beziehungen.
Stefan Mentschel

Dabei war das Problem keineswegs gelöst. Die Manipulation mehrerer aufeinander folgender Wahlen nach dem Tod Sheikh Abdullahs im Jahr 1983 riss alte Wunden wieder auf. Viele Kaschmiren, die sich mit der Zugehörigkeit ihrer Heimat zur Indischen Union abgefunden hatten, beklagten, dass die in der Verfassung garantierten demokratischen Grundrechte hinter den hoch aufragenden Bergketten, von denen Kaschmir umgeben ist, offenbar nicht gelten. Die Landtagswahlen von 1987, an denen besonders viele junge Leute teilgenommen hatten, brachten das Fass schließlich zum Überlaufen. Für alle offensichtlich wurde das Ergebnis zu Gunsten der gewünschten Sieger verschoben, wobei vor allem die Partei von Sheikh Abdullahs Sohn, Farooq Abdullah, davon profitierte. Beobachter glauben, dass dieses Wahlen Rechtfertigung und Auslöser für die bewaffneten Auseinandersetzungen waren, denen bis heute über 50.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. (siehe Tabellen) Trotzdem ging Indien allen Gesprächen über den Kaschmir-Konflikt aus dem Weg und beschuldigte Pakistan, den Konflikt anzuheizen.

Opfer terroristischer Gewalt in Jammu und Kaschmir – 2006

 ZivilistenSicherheitskräfteTerroristenGesamt
Januar11 94969
Februar1174361
März14134370
April37163891
Mai751352140
Juni491154114
Juli361063109
August232459106
September282261111
Oktober212364108
November24174384
Dezember*1112335
Gesamt3401665921098

*bis 18. Dezember 2006
Quelle: Institute of Conflict Management, Neu Delhi (http://www.satp.org)


Opfer terroristischer Gewalt in Jammu und Kaschmir – 2005

 ZivilistenSicherheitskräfteTerroristenGesamt
Januar411661118
Februar1374666
März45864117
April3413110157
Mai6028110198
Juni563399188
Juli6424155243
August4711 75133
September552290167
Oktober442584153
November421643101
Dezember20156398
Gesamt52121810001739

Quelle: Institute of Conflict Management, Neu Delhi (http://www.satp.org)

Streben nach würdevollem Frieden

Erst im Januar 2006 keimte erneut Hoffnung, als Delhi die pakistanische Seite um Vorschläge für eine endgültige Lösung des Problems bat. Seitdem tauschen sich beide Seiten regelmäßig aus – zumeist mit Hilfe so genannter non-papers. Obgleich der Inhalt dieser Papiere offiziell nicht bekannt ist, wollen gut unterrichtete Quellen in Erfahrung gebracht haben, dass es inzwischen eine größere Übereinstimmung als jemals zuvor gebe. So fordert Pakistans Präsident Pervez Musharraf ein joint management (sinngemäß: gemeinsame Führung) und die Aufteilung hoheitlicher Aufgaben, während Indiens Premier Manmohan Singh für ein cooperative management (sinngemäß: kooperative Führung) wirbt.

Mancher politische Beobachter glaubt, dass sich Musharraf und Singh nur gemeinsam an den Tisch setzen und einen Begriff zwischen joint management und cooperative management finden müssten, um das Problem zu lösen. Daher mutet es ironisch an, wenn beide Regierungen trotz dieser Annäherung noch immer weit von einer Lösung entfernt sind. Der ehemaligen indische Geheimdienstchef und Kaschmir-Kenner Amarjit Singh Dulat ist davon überzeugt, dass die Zeit reif für eine Lösung ist. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten die Wahrnehmung zahlreicher kaschmirischer Führer verändert, so Dulat. Sie strebten nicht mehr nach Unabhängigkeit sondern nach einem "würdevollen Frieden".

Auch indische Offizielle sind demnach aufrichtig daran interessiert, auf Pakistan zuzugehen. Gleichzeitig verweisen sie darauf, dass die gewaltsamen Zwischenfälle des Jahres 2006 – für die der Nachbar zumindest mitverantwortlich gemacht wird – den Annäherungsprozess erschweren. "Wir sind ein demokratisches Land, und es ist nicht möglich, gegen die öffentliche Meinung zu handeln, die dem Friedensprozess nach diesen Vorfällen weitgehend ablehnend gegenüber steht", heißt es aus Regierungskreisen. Ob sich etwas bewege, hänge vom Erfolg an der "Terrorismusfront" ab.

Noch mehr als die oppositionelle Indische Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP), die fest entschlossen ist, sich vom Nuklearabkommen mit den USA bis hin zur Annäherung mit Pakistan gegen jede von Premierminister Manmohan Singh eingeleitete Initiative zu stellen, wenden sich auch Teile der regierenden Kongresspartei vehement gegen ein Voranbringen des Friedensprozesses mit Pakistan.


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