Chancen für alle?
Bildung zwischen Analphabetismus und Eliten-Förderung
Bildung obliegt in Indien, ähnlich wie in Deutschland, der geteilten Kompetenz von Unionsstaaten und Zentralregierung. Daher ist das Bildungssystem gekennzeichnet von großen regionalen Unterschieden sowohl bei den Schulformen als auch in Qualität und Reichweite.Bildung obliegt in Indien, ähnlich wie in Deutschland, der geteilten Kompetenz von Unionsstaaten und Zentralregierung. Das indische Bildungssystem ist daher gekennzeichnet von großen regionalen Unterschieden sowohl bei den Schulformen als auch in Qualität und Reichweite.
Struktur des Bildungssystems
Prägend für das indische Bildungssystem ist die Koexistenz mehrerer Schulformen – staatliche, semi-staatliche und private Institutionen einerseits sowie formale und nicht formale Institutionen andererseits. Seit 1986 gibt es eine landesweit verbindliche Grundstruktur der Schulbildung, die so genannte Zehn-Plus-Zwei-Struktur – zehn Jahre Schulausbildung bis zur Sekundarstufe und zwei Jahre Oberstufe. Seit einigen Jahren misst man auch der frühkindlichen Bildung mehr Bedeutung bei. So werden vielen staatlichen Grundschulen vorschulische Einrichtungen für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren angeschlossen. Das Gesetz zum Recht auf Bildung, die Right to Education Bill von 2005, erhebt den Zugang zu kostenloser Bildung zu einem Grundrecht für jedes Kind im Alter von 6 bis 14 Jahren und schreibt acht Jahre Elementarbildung als verpflichtend vor. Das entspricht den Stufen primary- und upper primary education. Die 9. und 10. Klasse bilden die Sekundarstufe, die 11. und 12. Klasse (higher secondary) entsprechen der Oberstufe.
Zusätzlich gibt es berufsbildende Schulen, die Schüler nach Abschluss der Sekundarstufe auf den Eintritt in das Berufsleben vorbereiten (z.B. Polytechnische Schulen).
Der Abschluss der Oberstufe berechtigt zur Teilnahme an den Aufnahmeprüfungen der Universitäten und Technischen Hochschulen. An den Universitäten gibt es dreijährige Bachelor-Studiengänge, darauf aufbauend zwei Jahre bis zum Master (vergleichbar mit dem deutschen Magister/Diplom) und weitere zwei bis drei Jahre bis zum Doktorgrad. An den Technischen Hochschulen führt das Studium nach drei bis vier Jahren zum Diplom.
Neben den beschriebenen Institutionen des formalen Bildungssystems gibt es das nicht-formale Bildungssystem, das sich bis in den Hochschulbereich erstreckt. Nicht formale Institutionen staatlicher und privater Träger wie die etwa von Nichtregierungsorganisationen eingerichtete Abendschulen auf dem Land richten sich an Kinder und Jugendliche, denen aus verschiedenen Gründen – Erwerbstätigkeit, Arbeitsmigration der Familie oder Versorgung jüngerer Geschwister – der Besuch einer formalen Schule nicht möglich ist. Sie decken ebenfalls den Bereich Erwachsenenbildung ab, der in Indien aufgrund der hohen Zahl erwachsener Analphabeten große Bedeutung hat. Im Rahmen des Programm "Bildung für alle" (Education for All) wird auch der Ausbau des nicht formalen Bildungssektors gefördert, um das Erreichen eines der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen – fünf Jahre Grundschulbildung für alle Kinder bis 2007 und acht Jahr Elementarbildung für alle Kinder bis 2010 – zu gewährleisten.
Weitere Informationen
Im September 2000 kamen die Staats- und Regierungschefs von 189 Ländern zu einem Gipfeltreffen der Vereinten Nationen in New York zusammen. Als Ergebnis des Treffens verabschiedeten sie die Millenniumserklärung, die die globalen Herausforderungen und die Agenda für die internationale Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschreibt. Aus dem Entwicklungs- und Umweltkapitel wurden acht international vereinbarte Ziele in einer Liste zusammengestellt und mit konkreten Zielvorgaben und Indikatoren belegt, die Millenniumsentwicklungsziele oder Millennium Development Goals (MDG):
- Ziel 1: Den Anteil der Weltbevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger leidet, halbieren
- Ziel 2: Allen Kindern eine Grundschulausbildung ermöglichen
- Ziel 3: Die Gleichstellung der Geschlechter und die politische, wirtschaftliche und soziale Beteiligung von Frauen fördern, besonders im Bereich der Ausbildung
- Ziel 4: Die Kindersterblichkeit verringern
- Ziel 5: Die Gesundheit der Mütter verbessern
- Ziel 6: HIV/AIDS, Malaria und andere übertragbare Krankheiten bekämpfen
- Ziel 7: Den Schutz der Umwelt verbessern
- Ziel 8: Eine weltweite Entwicklungspartnerschaft aufbauen
Der staatliche Hochschulsektor umfasst 20 so genannte Zentral-Universitäten (Central Universities), 42 spezialisierte Hochschulen – darunter sieben Indian Institutes of Technology (IIT) und sechs Indian Institutes of Management
(IIM) – sowie 100 Deemed Universities. Letztere sind nicht wie die Zentral-Universitäten durch ein Gesetz legitimiert, sondern wurden von der für Hochschulbildung zuständigen Behörde, der University Grants Commission, mit dem Status der Universität ausgestattet. Sie gehen auf privatwirtschaftliche Initiativen zurück, finanzieren sich jedoch zum größten Teil aus dem Bildungsbudget der Unionsregierung.
Daneben gibt es 215 Universitäten, die von den einzelnen Bundesstaaten betrieben werden und bundesstaatlicher Gesetzgebung unterliegen. Der seit den 90er Jahren rasant gestiegene Bedarf an höherer Bildung konnte aufgrund der Ressourcenknappheit nicht vom staatlichen Bildungssystem gedeckt werden. Die Folge war eine unkontrollierte Ausbreitung privater Institutionen, das Anlaufen von kostenpflichtigen Studiengängen vor allem in den technischen Bereichen an staatlichen Universitäten sowie der Ausbau der von Fernstudiengängen.
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