Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

Viele ungehobene Schätze

Indiens moderne Literatur ist mehr als Rabindranath Tagore und Salman Rushdie


24.1.2007
Neben der hier zu Lande bekannten englischsprachigen Literatur mit indischen Wurzeln gibt es unglaubliche Vielfalt an Geschichte und Gedichten, die in einer zahlreichen Regionalsprachen verfasst wurden und werden. Da überhaupt von "indischer Literatur" im Singular zu sprechen, verbietet sich geradezu.

Rabindranath Tagore in Kalkutta, vermutlich 1915Rabindranath Tagore in Kalkutta, vermutlich 1915
Wären Scheuklappen angenehmer zu tragen, fiele es dem westlichen Leser wesentlich leichter sich einzureden, die indische Literatur der Moderne sei recht gut zu überschauen. Man könnte sich auf einem der seit Salman Rushdie exzellent vermarkteten indoenglischen Sprach-Atolle niederlassen, fokussiert allein darauf, was auf diesem literarischen Eiland geschieht.

Als das eine gewichtige Buch für die berühmte einsame Insel hätte man dazu ein Werk des ersten und bislang einzigen indischen Literaturnobelpreisträgers (1913), Rabindranath Tagore, im Gepäck. Das ergäbe zwar eine handhabbare, "indische" Lektüre, repräsentativ wäre sie nicht.

Ausgeblendet würden so nicht nur etwa sieben literarisch höchst ereignisreiche indische Jahrzehnte bis zum weltweit Aufmerksamkeit erregenden Erscheinen von Rushdies Mitternachtskindern (1981). Dem Blick entzogen wäre auch das die englischen Inseln umschließende uferlose Meer von stilistisch wie thematisch unterschiedlichsten Geschichten und Gedichten, die in einer der anderen 23 indischen Nationalsprachen, den unzähligen Regionalsprachen oder Dialekten verfasst wurden und werden. Da überhaupt von "indischer Literatur" im Singular zu sprechen, verbietet sich geradezu.

Ein kleiner Trost mag sein, dass es auch Indern kaum möglich ist, einen aussagekräftigen Überblick über die Entwicklungen in den ihnen unbekannten indischen Sprachen zu gewinnen. Denn Übersetzungen aus einer indischen Sprache ins Englische sind immer noch zu selten, in eine nichtenglische aber kaum vorhanden.

Tagores modernes, unverkennbar indisches Werk



Die massiven blinden Flecken in der westlichen Rezeption indischer Literaturen des letzten Jahrhunderts waren von Beginn an programmiert. Indien sollte spätestens seit seiner geistigen Entdeckung durch die Romantiker ein aus der Zeit gefallenes mystisches Land des Glaubens sein. Indien, das war das Land der Veden, der Upanischaden und ganz gewiss der letzten Wahrheiten. Auch moderne Literatur erwartete man daher als religiös oder wenigstens philosophisch geprägt.

Regale mit Indien-Bildbänden während der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2006
Foto: Frankfurter Buchmesse/HirthRegale mit Indien-Bildbänden während der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2006
Foto: Frankfurter Buchmesse/Hirth
Man fand sich glücklich bestätigt bei Tagore (1861-1941). Der in allen literarischen Gattungen produktive Sprössling einer einflussreichen Brahmanenfamilie war längst zum Großmeister der zeitgenössischen bengalischen Lyrik aufgestiegen, als 1910 erstmals eine von ihm selbst recht frei in prosaisches Englisch übersetzte Auswahl seiner gottsuchenden, naturmystischen Gedichte erschien. Gitanjali (Dt. 1914), das blumige "Liedopfer", für das er den Nobelpreis erhielt, betörte die schwärmerisch gestimmte westliche Öffentlichkeit sofort. Dreimal besuchte Tagore (1921, 1926, 1930) mit wallendem Haar, Bart und Gewand wie der ewige Traum eines weisen orientalischen Erlösers daherkommend auch Deutschland. Das sah seine Klischees – aus deren Umarmung Tagore sich in seiner westlichen Rezeption kaum mehr lösen konnte – bestätigt und war dementsprechend hingerissen. Mit Ausnahme einiger einheimischer Literaten: So hatte sich Rainer Maria Rilke geweigert, Gitanjali ins Deutsche zu übertragen, das sei ihm zu fremd, Thomas Mann wollte nur einzelne Gedichte gelten lassen, selbst der den Orient gern romantisierende Hermann Hesse gab sich reserviert. Heute erhältliche anspruchsvollere Übersetzungen hätten ihr Urteil vielleicht günstiger ausfallen lassen.

In seiner Heimat avancierte Tagore nicht nur wegen seiner sprach- und kulturprägenden Leistungen zum mal verehrten mal bekämpften Wegbereiter der modernen Bengali-Literatur, sondern gab kraft seines Nobelpreises dem gesamten literarischen Indien Selbstbewusstsein. Das konnte das Geistesleben des Landes gut gebrauchen. Indien war damals noch britische Kolonie, und an englischer Literatur orientierten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die ersten imitierenden Gehversuche im neuen Genre des Romans. 1913 war insofern ein Wendejahr, als zum ersten Mal ein modernes, unverkennbar indisches Werk als ebenbürtige Weltliteratur anerkannt wurde.

Zu dieser müssen auch die Werke des Tagore-Zeitgenossen Munshi Premchand (1880-1936) gezählt werden, der zunächst in Urdu, dann in der Schwestersprache Hindi schrieb und als Vater der modernen Hindi-Literatur gelten darf. Er verfasste 300 Kurzgeschichten, eine in allen indischen Sprachen florierende und sich oft parallel entwickelnde Gattung, dazu zwölf Romane, darunter sein gerade mit 70 Jahren Verspätung ins Deutsche übersetzte Hauptwerk Godan (1936). In leichter, aber nicht banaler, lebendiger aber nicht agitierender Prosa erzählt der von Gandhi, Tolstoi und Marx beeinflusste Premchand sozialrealistische Geschichten aus dem ländlichen Indien.

Bemerkenswerte, regional verankerte Hindi-Romane



Auch in den kommenden Jahrzehnten entstanden bemerkenswerte, regional verankerte Hindi-Romane, wie Phanishwar Nath Renus (1921-1977) Maila Anchal (1954) oder Nirmal Varmas (1929-2005, auch Verma geschrieben) Parinde (1960). Wie keinem zweiten gelingt es dem preisgekrönten Kurzgeschichtenautor, Romancier und Reiseschriftsteller Varma aus scheinbar trivialen Situationen atmosphärisch dichte Geschichten melancholischer Vereinsamung und Entfremdung zu weben. Gefühle von Verlust und Vereinzelung prägen auch die Sprache der einflussreichen Hindi-Kurzgeschichtenbewegung Nayi Kahani, der im Grundton skeptizistischen "Neuen Erzählung" der 50er und 60er Jahre, vertreten vor allem durch Mohan Rakesh (1925-1972) und Rajendra Yadav (geb. 1929).

Obwohl er zwei Jahre lang die wichtigste Zeitschrift dieser Bewegung herausgab, zeigt sich Bhisham Sahni (1915-2003) frei von deren gedrückter Innerlichkeit. In seinem herausragenden Roman Tamas (1973) stellt er sich dem großen indischen Trauma von 1947, der blutigen Trennung des Subkontinents in ein mehrheitlich hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan. Die Teilung kostete eine Million Menschen das Leben und zwölf weitere Millionen die Heimat. Literatur über die Unabhängigkeit und die nie verwundene Partition entsteht bis heute, hindu-muslimische Konflikte sind häufige Leitmotive. Ein recht frühes Beispiel, das den Wahnsinn der Zeit anhand eines geplanten Austauschs der Insassen eines Irrenhauses bitterböse karikiert, ist die Erzählung Toba Tek Singh von Saadat Hasan Manto (1912-1955), der Ikone der Urdu-Literatur des 20. Jahrhunderts.

Bis auf Tagore und Manto, der im grammatikalisch identischen aber von persisch-arabischem Vokabular durchdrungenen Urdu schrieb, entstammen alle der eben genannten nichtenglischen Beispiele großer indischer Literatur dem sanskritgeprägten Hindi. Verzeihlich ist das nur insofern, als Hindi, gemeinsam mit Englisch, die offizielle Staatssprache des Landes ist und über die größte Sprecherzahl verfügt. Für etwa 300 Millionen Menschen weltweit ist es Erstsprache, von wohl nochmals so vielen wird es verstanden. Schon eine genauere Kenntnis der Hindi-Klassiker des letzten Jahrhunderts vermag damit, einem nur aus indoenglischen Werken abgeleiteten allzu flachen Bild von indischer Literatur mehr Tiefenschärfe zu geben. Auch ist hier die Wahrscheinlichkeit am größten, auf nicht nur wortgetreue, vielmehr auch stilistisch befriedigende Übersetzungen zu stoßen.

Viele literarische Schätze in anderen Sprachen, sei es Bengali, Malayalam oder Kannada, um nur einige zu nennen, bleiben dagegen ungehoben. Als besonders hervorzuhebende, vom interessierten Westen bereits entdeckte Juwele seien Mahasweta Devi (geb. 1926), die Granddame des engagierten Bengali-Romans, der Sprachmagier O.V.Vijayan (1931-2005), Ikone des Malayalam oder der bewusst in Kannada schreibende Englischprofessor U. R. Anantha Murthy (geb. 1932) genannt.

Auch wenn für weniger als fünf Prozent der Inder Englisch die bevorzugte Sprache ist, entstand in Indien lange vor dem furiosen Auftritt Salman Rushdies bemerkenswerte antikolonialistische indoenglische Literatur. R.K. Narayan (1906-2001), der "William Faulkner" Indiens, schenkte der Welt die imaginäre Kleinstadt Malgudi, deren liebevoll sezierter unterer Mittelschicht und ihrer Probleme er über 60 Jahre in Kurzgeschichten und Romanen die Treue hielt. Mulk Raj Anands (1905-2004) Stilexperimente setzten gegen die etablierte auktoriale (allwissende) Erzählhaltung Neuerungen wie den inneren Monolog oder die Stream-of-Consciousness-Technik (sinngemäß: Bewussteinsstrom) und transportierte seine Sozialkritik über ein von Umgangssprache und dem Punjabi entlehnten Redensweisen durchsetztes Englisch. Das Dreigestirn der großen indoenglischen Schriftsteller ergänzen die sich anspruchsvoll mit philosophischen Ideen auseinandersetzenden, nicht leicht zugänglichen Romane Raja Raos (1908-2006).

"An den meisten Autoren scheiden sich die Geister"



Gemein ist den drei Altmeistern, dass sie nie primär für eine westliche Leserschaft geschrieben haben. Angesichts von Millionenvorschüssen für Autoren wie Vikram Seth mutmaßen Indiens Intelligenzia und Vertreter der nichtenglischen Literatur häufig, die jüngere Englisch schreibende Generation produziere heute vor allem kommerzgetrieben, oberflächlich und zu entfernt von indischen Lebenswirklichkeiten. In Teilen ist der einheimische Vorwurf sicher ungerecht, viele der heute weltweit populären Autoren, ob sie nun in Indien oder wie der große Epiker Rohinton Mistry im Ausland leben, schreiben tatsächlich Weltliteratur. Sicher schwappen aber im Fahrwasser des magischen Realisten Rushdie, vor allem aber nach Arundhati Roys chutneyfiziertem Weltbestseller Der Gott der kleinen Dinge (1997) eine Vielzahl seichter Belletristikschmöker über den Westen, was mit Pech hierzulande dann als "typisch indische" Literatur empfunden wird.

Fassbar ist dieses "typisch indische" sowieso kaum, zu verschieden sind die Repräsentanten "indischer Literatur". Ob in einer globalisierten Welt künftig Sprache, Herkunft oder Themenwahl entscheidend für die Zuordnung sein werden, ist ungewiss. Wenn etwa Kiran Desai, Tochter der ungleich interessanteren deutschindischen Autorin Anita Desai (geb. 1937), die seit ihrem 14. Lebensjahr nicht mehr in Indien lebt und nun nach einem banalen Debüt für ihr gelungeneres, in Indien und New York verankertes Zweitwerk Erbin des verlorenen Landes im Jahr 2006 den renommierten Booker-Preis bekommt, hat dann die "indische Literatur" den Preis gewonnen? Ist der herausragende Lyriker wie Prosaist von Weltrang, Vikram Seth, nun ein besonders indischer Autor, wenn er mit Eine gute Partie (1993) das Indien der 50er Jahre in einem monumentalen 2000-Seiten-Panorama lebendig werden lässt, schon sein nächster Roman Verwandte Stimmen (1999) aber vollkommen inder- wie indienfrei in Europa spielt?

An den meisten Autoren scheiden sich die Geister. Zu den wenigen innerhalb und außerhalb Indiens gleichsam beliebten Schriftstellern gehört wohl der in Kalkutta geborene Amitav Ghosh. Es mag an seinem unprätentiösen Glauben an die entprovinzialisierende Transkulturalität des Geschichtenerzählens liegen, die ihm ermöglicht, den Bücherschrank seines bengalischen Großvaters loben und sich zugleich einer internationalen Literatur verpflichtet zu sehen. In seinen Anfängen schien er durchaus von Rushdie inspiriert, wirft aber themenabhängig die magischen Elemente des magischen Realismus über Bord, um in historischen Romanen wie dem Glaspalast (2000) und zahllosen Essays seine Fähigkeiten als klar sehender Chronist zu beweisen.

Jeder Versuch eines noch so grob gerasterten kurzen Überblicks über indische Literatur kann wohl nur im Parforceritt bewältigt werden. Verwirrend und zugleich unsagbar viel versprechend wirkt die Vielfalt indischen Schreibens wohl auf jeden Neugierigen, der sich den Literaturen des Subkontinents annähern will. Wo nun aber anfangen zu lesen? Wo immer man möchte, denn zumindest soviel sollte deutlich geworden sein: Es wird sich lohnen.


 

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