Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

7.4.2014 | Von:
Dr. Sabine Wienand

Viele ungehobene Schätze

Indiens moderne Literatur ist mehr als Rabindranath Tagore und Salman Rushdie

In Deutschland ist vor allem die englischsprachige Literatur mit indischen Wurzeln bekannt – angefangen von Rabindranath Tagore über Salman Rushdie bis zu Aravind Adiga. Daneben gibt es jedoch eine unglaubliche Vielfalt an Geschichten und Gedichten, die in einer der zahlreichen Regionalsprachen Indiens verfasst wurden und werden, die sich selbst Einheimischen kaum erschließt. Vor diesem Hintergrund verbietet es sich geradezu, von der "indischen Literatur" im Singular zu sprechen.

Kunde in einer Buchhandlung in Alt-Delhi, IndienNur ein kleiner Ausschnitt der indischen Literatur - Kunde in einer Buchhandlung in Alt-Delhi. (© picture-alliance/akg)

Sich ein Land über seine Bücher zu erschließen, ist immer ein Wagnis. Man denke an den in Indien sprichwörtlichen Blinden, den man einen Elefantenschwanz berühren lässt, und der auf die Frage, wie denn nun ein Elefant aussehe, nur antworten kann, er sei wohl ein dünnes, pinselhaftes Tier. Aber sich voran zu tasten, um ein differenziertes Verständnis der modernen Literatur zu erlangen, ist alles andere als leicht. Es mangelt uns vor allem an guten Übersetzungen, und das Angebot an vorwiegend englischen Werken indischer Autoren lässt uns übersehen, dass indische Schriftsteller und Dichter ihre stilistisch wie thematisch unterschiedlichsten Geschichten und Gedichte eben auch in den anderen 23 indischen Nationalsprachen, den unzähligen Regionalsprachen und Dialekten verfassen. Überhaupt von "indischer Literatur" im Singular zu sprechen, scheint da nicht mehr angemessen.

Ein kleiner Trost mag sein, dass es auch Indern kaum möglich ist, einen aussagekräftigen Überblick über die Entwicklungen in den ihnen unbekannten indischen Sprachen zu gewinnen. Denn Übersetzungen aus einer indischen Sprache ins Englische sind immer noch zu selten und oft von zweifelhafter Qualität, in eine nichtenglische, also auch in andere indische Sprachen aber kaum vorhanden. Wo also sollte man beginnen, was darf nicht fehlen? Ein Muss ist immer noch das Werk von Rabindranath Tagore, der im Jahr 1913 als erster und bislang einziger indischer Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Tagores modernes, unverkennbar indisches Werk

Die massiven blinden Flecken in der westlichen Rezeption indischer Literaturen des letzten Jahrhunderts waren von Beginn an programmiert. Indien sollte spätestens seit seiner geistigen Entdeckung durch die Romantiker ein aus der Zeit gefallenes mystisches Land des Glaubens sein und bitteschön auch bleiben. Indien, das war das Land der Veden, der Upanischaden und ganz gewiss der letzten Wahrheiten. Auch moderne Literatur erwartete man daher als religiös oder wenigstens philosophisch geprägt.

Rabindranath Tagore in Kalkutta, vermutlich 1915Rabindranath Tagore in Kalkutta, vermutlich 1915
Man fand sich glücklich bestätigt bei Tagore (1861-1941). Der in allen literarischen Gattungen produktive Sprössling einer einflussreichen Brahmanenfamilie war längst zum Großmeister der zeitgenössischen bengalischen Lyrik aufgestiegen, als 1910 erstmals eine von ihm selbst recht frei in prosaisches Englisch übersetzte Auswahl seiner gottsuchenden, naturmystischen Gedichte erschien. Gitanjali (Dt. 1914), das blumige "Liedopfer", für das er den Nobelpreis erhielt, betörte die schwärmerisch gestimmte westliche Öffentlichkeit sofort. Dreimal (1921, 1926, 1930) besuchte Tagore mit wallendem Haar, Bart und Gewand wie der ewige Traum eines weisen orientalischen Erlösers daherkommend auch Deutschland. Das sah seine Klischees – aus deren Umarmung Tagore sich in seiner westlichen Rezeption kaum mehr lösen konnte – bestätigt und war dementsprechend hingerissen.

In seiner Heimat avancierte Tagore nicht nur wegen seiner sprach- und kulturprägenden Leistungen zum mal verehrten mal bekämpften Wegbereiter der modernen Bengali-Literatur, sondern gab kraft seines Nobelpreises dem gesamten literarischen Indien Selbstbewusstsein. Das konnte das Geistesleben des Landes gut gebrauchen. Indien war damals noch britische Kolonie, und an englischer Literatur orientierten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die ersten imitierenden Gehversuche im für den Subkontinent neuen Genre des Romans. 1913 war insofern ein Wendejahr, als mit Gitanjali zum ersten Mal ein modernes, unverkennbar indisches Werk als ebenbürtige Weltliteratur anerkannt wurde.

Zu dieser müssen auch die Werke des Tagore-Zeitgenossen Munshi Premchand (1880-1936) gezählt werden, der zunächst in Urdu, dann in der Schwestersprache Hindi schrieb und als Vater der modernen Hindi-Literatur gelten darf. Er verfasste 300 Kurzgeschichten, eine in allen indischen Sprachen florierende und sich oft parallel entwickelnde Gattung, dazu zwölf Romane, darunter sein mit 70 Jahren Verspätung ins Deutsche übersetztes Hauptwerk Godan (1936). In leichter aber nicht banaler, lebendiger aber nicht agitierender Prosa erzählt der von Gandhi, Tolstoi und Marx beeinflusste Premchand sozialrealistische Geschichten aus dem ländlichen Indien.

Bemerkenswerte, regional verankerte Hindi-Romane

Auch in den kommenden Jahrzehnten entstanden bemerkenswerte, regional verankerte Hindi-Romane, wie Phanishwar Nath Renus (1921-1977) Maila Anchal (1954) oder Nirmal Varmas (1929-2005, auch Verma geschrieben) Parinde (1960). Wie keinem zweiten gelingt es dem preisgekrönten Kurzgeschichtenautor, Romancier und Reiseschriftsteller Varma aus scheinbar trivialen Situationen atmosphärisch dichte Geschichten melancholischer Vereinsamung und Entfremdung zu weben. Gefühle von Verlust und Vereinzelung prägen auch die Sprache der einflussreichen Hindi-Kurzgeschichtenbewegung Nayi Kahani, der im Grundton skeptizistischen "Neuen Erzählung" der 50er und 60er Jahre, vertreten vor allem durch Mohan Rakesh (1925-1972) und Rajendra Yadav (geb. 1929).

Obwohl er zwei Jahre lang die wichtigste Zeitschrift dieser Bewegung herausgab, zeigt sich Bhisham Sahni (1915-2003) frei von deren gedrückter Innerlichkeit. In seinem herausragenden Roman Tamas (1973) stellt er sich dem großen indischen Trauma von 1947, der blutigen Teilung des Subkontinents in ein mehrheitlich hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan. Die Teilung kostete mindestens eine Million Menschen das Leben und mehr als zehn weitere Millionen die Heimat. Literatur über die Unabhängigkeit und die nie verwundene Partition entsteht bis heute, hindu-muslimische Konflikte sind häufige Leitmotive. Ein recht frühes Beispiel, das den Wahnsinn der Zeit anhand eines geplanten Austauschs der Insassen eines Irrenhauses bitterböse karikiert, ist die Erzählung Toba Tek Singh von Saadat Hasan Manto (1912-1955), der Ikone der Urdu-Literatur des 20. Jahrhunderts.

Bis auf Tagore und Manto, der im grammatikalisch identischen aber von persisch-arabischem Vokabular durchdrungenen Urdu schrieb, entstammen alle der eben genannten nichtenglischen Beispiele großer indischer Literatur dem sanskritgeprägten Hindi. Verzeihlich ist das nur insofern, als Hindi, gemeinsam mit Englisch, die offizielle Staatssprache des Landes ist und über die größte Sprecherzahl verfügt. Für etwa 300 Millionen Menschen weltweit ist es Erstsprache, von wohl nochmals so vielen wird es verstanden.

Schon eine genauere Kenntnis der Hindi-Klassiker des letzten Jahrhunderts vermag damit, einem nur aus indo-englischen Werken abgeleiteten allzu flachen Bild von indischer Literatur mehr Tiefenschärfe zu geben. Auch ist hier die Wahrscheinlichkeit am größten, auf nicht nur wortgetreue, vielmehr auch stilistisch befriedigende Übersetzungen zu stoßen.

Ungehobene literarische Schätze in Regionalsprachen

Viele literarische Schätze in anderen Sprachen, sei es Bengali, Malayalam oder Kannada, um nur einige zu nennen, bleiben dagegen ungehoben. Als besonders hervorzuhebende, vom interessierten Westen bereits entdeckte Juwele seien Mahasweta Devi (geb. 1926), die Granddame des engagierten Bengali-Romans oder der Sprachmagier O.V. Vijayan (1931-2005), Ikone des in Kerala verbreiteten Malayalam genannt. In Karnataka reüssierten besonders der bewusst in Kannada schreibende Englischprofessor U.R. Anantha Murthy (geb. 1932) sowie der höchst populäre Purnachandra Tejaswi (1938-2007), dem es gelang, mit revolutionärem Herzen und leichter Hand höchst präzise gesellschaftliche Konflikte und Naturerleben anspruchsvoll zu kombinieren.

Hierzulande weitgehend unbekannt, werden die südindischen Autoren von ihren hindisprachigen Kollegen oft beneidet, weil die Anerkennung für den Beruf des Autors in den stärker alphabetisierten südlichen Bundesstaaten weit höher sei als im Hindigürtel, der sich über Nordindien legt. Lokale Bündnisse wie der Kerala Sahitya Pravartaka Sangam hatten es sich zudem seit den 50er Jahren zur Aufgabe gemacht, durch umfangreiche Veröffentlichungen und faire Beteiligung der Autoren an den Erlösen die lokale Literatur zu stärken – mit Erfolg.

Hindiautoren hingegen beklagen in jüngster Zeit, dass das Englische ihnen das Wasser abgrabe. Nun ist englisch-indische Literatur nichts völlig Neues. Auch wenn bislang für weniger als fünf Prozent der Inder Englisch die bevorzugte Sprache war und sogar nur für wenige Hunderttausend tatsächlich Muttersprache ist, entstand in Indien lange vor dem furiosen Auftritt von Salman Rushdies 1981 erschienenen Mitternachtskindern bemerkenswerte antikolonialistische indo-englische Literatur.

R.K. Narayan (1906-2001), der "William Faulkner" Indiens, schenkte der Welt die imaginäre Kleinstadt Malgudi, deren liebevoll sezierter unterer Mittelschicht und ihrer Probleme er über 60 Jahre in Kurzgeschichten-Romanen die Treue hielt. Mulk Raj Anands (1905-2004) Stilexperimente setzten gegen die etablierte auktoriale (allwissende) Erzählhaltung Neuerungen wie den inneren Monolog oder die Stream-of-Consciousness-Technik (sinngemäß: Bewussteinsstrom) und transportierte seine Sozialkritik über ein von Umgangssprache und dem Punjabi entlehnten Redensweisen durchsetztes Englisch. Das Dreigestirn der großen indo-englischen Schriftsteller ergänzen die sich anspruchsvoll mit philosophischen Ideen auseinandersetzenden, nicht leicht zugänglichen Romane von Raja Rao (1908-2006).

"Seichte Belletristikschmöker mit allzu viel Mangoduft"

Gemein ist den drei Altmeistern, dass sie nie primär für eine westliche Leserschaft geschrieben haben. Angesichts von Millionenvorschüssen für Autoren wie Vikram Seth mutmaßen Indiens Intelligenzia und Vertreter der nichtenglischen Literatur häufig, die jüngere Englisch schreibende Generation produziere heute vor allem kommerzgetrieben, oberflächlich und zu entfernt von indischen Lebenswirklichkeiten.

Arundhati Roy gewinnt 1997 den Booker Prize, die bedeutendste britische Auszeichnung für LiteraturArundhati Roy gewinnt 1997 den Booker Prize, die bedeutendste britische Auszeichnung für Literatur (© picture-alliance/dpa)
In Teilen ist der einheimische Vorwurf sicher ungerecht, viele der heute weltweit populären Autoren, ob sie nun in Indien oder wie der große Epiker Rohinton Mistry im Ausland leben, schreiben tatsächlich Weltliteratur. Sicher schwappen aber im Fahrwasser des magischen Realisten Rushdie, vor allem aber nach Arundhati Roys chutneyfiziertem Weltbestseller Der Gott der kleinen Dinge (1997) eine Vielzahl seichter Belletristikschmöker mit allzu viel Mangoduft über den Westen, was mit Pech hierzulande dann als "typisch indische" Literatur empfunden wird.

Ob in einer globalisierten Welt künftig Sprache, Herkunft oder Themenwahl entscheidend für die Zuordnung zur "indischen Literatur" sein werden, ist ungewiss. Wenn etwa Kiran Desai, Tochter der ungleich interessanteren deutsch-indischen Autorin Anita Desai (geb. 1937), die seit ihrem 14. Lebensjahr nicht mehr in Indien lebt, für ihr in Indien und New York verankertes Zweitwerk Erbin des verlorenen Landes im Jahr 2006 den renommierten Booker-Preis bekommt, hat dann die "indische Literatur" den Preis gewonnen? Ist der herausragende Lyriker wie Prosaist von Weltrang, Vikram Seth, nun ein besonders indischer Autor, wenn er mit Eine gute Partie (1993) das Indien der 50er Jahre in einem monumentalen 2000-Seiten-Panorama lebendig werden lässt, schon sein nächster Roman Verwandte Stimmen (1999) aber indienfrei in Europa spielt?

Zu den wenigen innerhalb und außerhalb Indiens gleichsam beliebten Schriftstellern gehört wohl der in Kalkutta geborene Amitav Ghosh. Es mag an seinem unprätentiösen Glauben an die entprovinzialisierende Transkulturalität des Geschichtenerzählens liegen, die ihm ermöglicht, den Bücherschrank seines bengalischen Großvaters loben und sich zugleich einer internationalen Literatur verpflichtet zu sehen. In seinen Anfängen schien er durchaus von Rushdie inspiriert, wirft aber themenabhängig die magischen Elemente des magischen Realismus über Bord, um in historischen Romanen wie dem Glaspalast (2000) und zahllosen Essays seine Fähigkeiten als klar sehender Chronist zu beweisen.

Auch Aravind Adiga findet Gehör beim indischen wie internationalen Publikum, ja schockte es geradezu durch die Schonungslosigkeit, mit der sein böses, sozialkritisch wie satirisches Debüt White Tiger, für das er 2008 den Booker Prize gewann, auf die brutalen sozialen Ungerechtigkeiten des Landes hinweist. Sein berührender zweiter Roman Last Man in Tower (2011) über die Misere, die der Bauboom und seine Spekulanten über Mumbais kleine Leute bringt, hat geradezu Dickenssche Qualität. Doch eine Millionenauflage wird Adiga, selbst wenn man die zahllosen Raubkopien seiner Bücher mitrechnet in Indien nicht erreichen.

In den letzten Jahren ist dies zuverlässig nur Chetan Bhagat gelungen, einem ehemaligen Investmentbanker und Absolvent der indischen Eliteinstitute IIT und IIM, der regelmäßig mit mehreren Titeln auf den indischen Bestsellerlisten vertreten ist. Er schreibt ohne Rücksicht auf den internationalen Markt, stilistisch anspruchslos in simplem Englisch. Und gerade das gereicht seinen milde gesellschaftskritischen und zart provokanten – ja, es gibt auch in Indien vorehelichen Sex! – Büchern zum Vorteil. Denn es macht die Geschichten von erster Liebe und Elternstress, von College, Karriere und Korruption auch denen leicht zugänglich, für die Englisch Zweitsprache ist. Wer wissen will, was die aufstrebende Mittelklassejugend zwischen 15 und 25 beschäftigt, der kommt an ihm schwer vorbei.

Wo nun aber anfangen zu lesen? Wo immer man möchte, denn zumindest soviel sollte deutlich geworden sein: Es wird sich lohnen.

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Autor: Dr. Sabine Wienand für bpb.de
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