Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
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Die indischen Kinos

Im Windschatten Bollywoods existiert ein vielfältiges filmisches Schaffen


25.1.2007
Seit dem Bollywood-Fieber der letzten Jahre zweifelt auch in Europa kaum noch jemand daran, dass das Kino in der modernen indischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielt. Wenig bekannt ist allerdings die Vielfalt des filmischen Schaffens über Bollywood hinaus.

Der indische Kinofilm "Slumdog Millionaire" gewann im Jahr 2009 den Oscar als bester Spielfilm.Der indische Kinofilm "Slumdog Millionaire" gewann im Jahr 2009 den Oscar als bester Spielfilm. (© AP)

"Das Kino ist unsere zweite, in manchen Fällen sogar unsere erste Religion", sagt die indische Fotografin Dayanita Singh. Und spätestens seit dem Bollywood-Fieber der letzten Jahre zweifelt auch in Europa kaum noch jemand daran, dass das Kino in der modernen indischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielt. Etwas zugespitzt könnte man sogar behaupten, dass Indien derzeit in der deutschen Wahrnehmung mit Bollywood – eine Kombination aus Bombay und Hollywood – gleichgesetzt wird. Anders, laut, bunt, voller Widersprüche und tendenziell ein Ort wo man, so der Publizist Stefan Klein, "vergeblich nach Wahrheiten sucht".

Ist damit nun Indien oder das kommerzielle Hindi-Kino Bollywood beschrieben? Ist Indien für viele Deutsche überhaupt eine Fiktion – wie eben das Kino? Vielleicht nicht zu unrecht reagiert man in Indien auf die westliche "Entdeckung" Bollywoods mit einer gewissen Skepsis, vor allem in intellektuellen Kreisen.

Der folgende Text versucht das Bild des indischen Kinos zu differenzieren, indem er eine filmkulturelle und ökonomische Landkarte der aktuellen Produktion entwirft. Auf dieser kommt das Bollywood-Kino natürlich vor, aber auch der unabhängige Autorenfilm und der Dokumentarfilm.

Filme in 30 der 40 wichtigsten Landessprachen



Das kommerzielle indische Kino ist das produktivste der Welt. Je nach Jahrgang und Zählart werden in Indien zwischen 800 und 1200 Filme pro Jahr gedreht, was ungefähr dem Doppelten des Outputs von Hollywood oder aller europäischen Länder zusammen entspricht. Bollywood, das kommerzielle Hindi-Kino, das zu einem großen Teil in und um Mumbai, dem früheren Bombay produziert wird, macht dabei entgegen weit verbreiteten Vorstellungen keineswegs den größten Anteil an der Filmproduktion des Landes aus.

Tatsächlich werden am meisten Filme in Südindien gedreht, in Andhra Pradesh und dessen Hauptstadt Hyderabad in der Sprache Telugu sowie in Tamil Nadu auf Tamilisch. Kleinere Produktionsstätten gibt es in fast allen Landesteilen. So werden etwa die Filmstudios im nordostindischen Guwahati (Unionsstaat Assam) augenzwinkernd "Gollywood" genannt. Insgesamt werden in Indien Filme in etwa 30 der 40 wichtigen Sprachen des Landes gedreht, so dass man eigentlich von den vielen Kinos Indiens sprechen sollte und nicht von einem indischen Kino.

Doch es ist nicht nur die westliche Wahrnehmung, die der Vielfalt der indischen Filmproduktion nicht gerecht wird. Auch innerhalb Indiens ist die Wertschätzung regionaler Filmproduktionen ein Streitpunkt, zumindest wenn es um die Verbreitung des kommerziellen Films im Ausland geht. So fragen sich etwa Südindiens Filmschaffende, warum der südindische Film von der Internationalen Indischen Filmakademie (IIFA) – im Jahr 2000 von der Industrie zur Unterstützung des indischen Filmschaffens im Ausland ins Leben gerufen – nicht zur Kenntnis genommen wird. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass viele Hindi-Blockbuster Remakes erfolgreicher in Tamilisch, Telugu oder Malayalam gedrehter Filme sind.

Eine Erklärung liegt in der überragenden ökonomischen Bedeutung des kommerziellen Hindi-Kinos, das im In- und Ausland von allen indischen Filmproduktionen die besten Einspielergebnisse erzielt. Anders als die südindischen Filme werden Bollywood-Produktionen in fast allen Landesteilen und Sprachregionen in den Kinos gezeigt und auf Video und DVD veröffentlicht. Nicht von ungefähr hat der Lyriker und Drehbuchhautor Javed Akthar das Hindi-Kino als "zusätzlichen imaginären Teilstaat der indischen Republik" bezeichnet. Als Teilstaat, der in allen anderen vorkommt und doch – sieht man von seinem eigentlichen Stammgebiet, dem 400 Millionen Einwohner zählenden Hindi-Sprachgürtel einmal ab – keinen eigenen Platz hat.

Blütezeit der romantischen Familienmelodramen



Die herausragende Stellung des Hindi-Films hat aber nicht nur ökonomische Gründe. Kommerzielle Filme sind Produkte eines spezifischen industriellen Regimes. Sie sind aber auch Produkte einer jeweiligen Kultur und Gesellschaft, und sie reflektieren – wie indirekt auch immer – die Zeit, in der sie entstanden sind. Auf den kommerziellen Hindi-Film trifft dies in besonderer Weise zu, hat dieser doch gerade in der postkolonialen Geschichte Indiens in identitätspolitischer Hinsicht immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Ein Film wie Mother India verhandelt den Übergang von einer feudalen ländlichen zu einer demokratischen Gesellschaft an der Schwelle der Industrialisierung. Hindi-Filme verdanken ihren Erfolg so gesehen auch der Tatsache, dass diese – wie es auch für andere populäre Filmtraditionen gilt – immer wieder auf eine möglichst für alle gesellschaftlichen Gruppen zugängliche Art und Weise virulente gesellschaftliche Konflikte verhandeln.

Für das Hindi-Mainstream-Kino markieren die letzten zwei Jahrzehnte in doppelter Hinsicht eine Trendwende. In diesem Zeitraum veränderte sich die Zusammensetzung des Kinopublikums, wie auch die indische Gesellschaft insgesamt weit reichende soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen durchlief und weiter durchläuft – vor allem in Folge der 1991 vom damaligen Wirtschaftsminister und jetzigen Premier Manmohan Singh eingeläuteten ökonomischen Liberalisierung. Mit Bezug auf das Kino lässt sich die Periode als Blütezeit der romantischen Familienmelodramen beschreiben.

Die Hindi-Filme, die inzwischen auch im Westen mit mehr oder weniger großem Erfolg im regulären Kinoprogramm gezeigt werden, können als Kulminationspunkte dieser Form von Familienmelodramen gesehen werden. Produktionen wie Kabhi Kushi Kabhie Gham (2001), Devdas (2002), aber auch Kal Ho Naa Ho (2004) bringen die All-Inclusive-Formel zur vollen Entfaltung, stellen aber zugleich in ihrer selbstbewussten Formelhaftigkeit auch eine Art Metakino dar, eine Reflexion auf die Filme und die Entwicklung des Hindi-Kinos in den vergangenen 20 Jahren.

Seit den 30er Jahren werden kommerzielle Hindi-Filme in über 100 Länder exportiert. Sie alle sind Produkte einer indigenen Industrie, die noch vor der Unabhängigkeit entstand und zu deren Erkämpfung einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leistete. Wichtige Absatzmärkte sind die ehemalige Sowjetunion, die Türkei, der afrikanische Kontinent und die arabischen Länder.

Wachsender Einfluss der Multiplex-Kinos



Wenn das Bollywood-Kino heute aber vollends das Label "global" verdient, dann nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Präsenz des Westens in populären Hindi-Filmen. Mehr und mehr erzählen Bollywood-Filme Geschichten, die in Emigrantengemeinschaften in westlichen Ländern angesiedelt sind, den Communities der Non Resident Indians (NRI). Das lässt sich nicht zuletzt auf die wachsende ökonomische Bedeutung der NRI zurückführen, die ein immer wichtigeres Publikumssegment für die Hindi-Filmindustrie darstellen.

Gewandelt hat sich aber auch das Kinopublikum in Indien selbst. Vor allem die neuen urbanen Mittelschichten und die mit ihnen seit 1994 auch in Indien immer mehr an Einfluss gewinnenden Multiplex-Kinos in den Metropolen ermöglichen der Filmindustrie eine stärkere Segmentierung des Publikums in unterschiedliche Zielgruppen und eine entsprechende Ausrichtung der Produktion.

Zugleich haben NRI- und neues urbanes Multiplex-Publikum in den letzten Jahren auch indirekt Raum für eine Revitalisierung der regionalen Filmproduktion geschaffen, vor allem in Nordindien. So werden kommerzielle Hindi-Filme nicht mehr für ein möglichst großes, umfassendes Filmpublikum produziert, sondern richten sich immer mehr an ein zahlungskräftiges, urbanes Nischenpublikum. Und mit ihren Geschichten von NRI im Ausland nehmen die Produzenten sogar in Kauf, dass sich das ländliche Publikum in Nordindien von diesen Filmen abwendet.

Ein Folge davon ist die Renaissance der Bhojpuri-Filmindustrie, die Filme in der gleichnamigen Regionalsprache der stark ländlich geprägten Teilstaaten Bihar und Jharkhand dreht – einer Gegend, die früher zum Stammgebiet des Bollywood-Kinos zählte. Einst als "armer Cousin Bollywoods" belächelt, bringen die jüngsten Erfolge von Bhojpuri-Filmen auch die in Mumbai angesiedelte Industrie zum Staunen. Die Filme knüpfen in der Regel an die alte Bollywood-Erfolgsformel eines gut und böse klar unterscheidenden, melodramatisch vorgetragenen Plots an, in dem die Familie und moralische Werte eine zentrale Rolle spielen.


 

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