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Medienpluralismus in Indien

Fernsehen, Presse und Hörfunk entwickeln sich dynamisch


25.1.2007
Indien wird oft durch seine Gegensätze charakterisiert. Einerseits hat ein Großteil der Bevölkerung nicht einmal Zugriff auf grundlegende Kommunikationsmittel, von den neuen Informationstechnologien ganz zu schweigen. Andererseits ist im Mediensektor ein rasantes Wachstum zu beobachten.

Zeitungsstand in Neu Delhi
Foto: Stefan MentschelZeitungsstand in Neu Delhi
Foto: Stefan Mentschel
Indien wird oft durch seine Gegensätze charakterisiert und tatsächlich weist das Land auch bei der Nutzung von Kommunikationsmedien sehr unterschiedliche Entwicklungen auf. Einerseits hat ein Großteil der Bevölkerung nicht einmal Zugriff auf grundlegende Kommunikationsmittel, von den neuen Informationstechnologien ganz zu schweigen. Andererseits gehört Indien zu den führenden IT-Nationen der Welt und auch im Mediensektor lässt sich ein rasantes Wachstum beobachten. Allein durch die Größe des Landes und die regionalen, sprachlichen wie soziokulturellen Unterschiede weist die indische Medienlandschaft eine einzigartige Vielfalt auf. Um sich diese vorzustellen, müsste man ganz Europa als Vergleichswert in den Blick nehmen. Im Land boomen nicht nur das Fernsehen und die Presse, sondern in jüngster Zeit auch verstärkt das Radio. Diese Entwicklung hängt vor allem mit der ökonomischen Liberalisierung Mitte der 80er und Anfang der 90er Jahre zusammen. Mit ihr hielt die konsumorientierte Marktwirtschaft in Indien Einzug, von der die Medien nicht nur profitieren, sondern die sie auch maßgeblich mitgestalten.





Klare Spitzenposition: Fernsehen in Indien



Das Fernsehen wurde 1959 als staatliches Monopol in Indien eingeführt und die nationale Fernsehbehörde sowie der gleichnamige, hindisprachige Fernsehsender Doordarshan unterstanden bis in die 90er Jahre der Kontrolle des Ministeriums für Information und Rundfunk. Infolge langjähriger Forderungen nach mehr Autonomie für den Rundfunksektor fällte das Oberste Gericht Indiens 1995 ein bahnbrechendes Urteil, das zwei Jahre später zu einer gesetzlichen Neuregelung und zur Gründung einer autonomen Körperschaft des öffentlichen Rundfunks (Prasar Bharati oder Broadcasting Corporation of India) führte.

Doordarshan wurde bis Anfang der 80er Jahre vorrangig zur Verwirklichung entwicklungsorientierter Zielsetzungen konzipiert und spielte bei der Popularisierung staatlicher Entwicklungs- und Bildungsprogrammen eine bedeutende Rolle. Das Fernsehen blieb dennoch lange Zeit ein langsam wachsendes Medium.

Erst ab 1982 beschleunigte sich das Wachstum. Ausschlaggebend dafür war die Einführung familienorientierter Unterhaltungsprogramme. Insbesondere von neuen Fernsehserien versprach sich die damalige Regierung eine verstärkte Integration aller Teile der fragmentierten indischen Gesellschaft in die "nationale Gemeinschaft" und zugleich, dass die Zuschauer die "entwicklungsförderlichen" Einstellungen der Protagonisten übernehmen würden. Vorbild dafür waren lateinamerikanische Telenovelas, die als Beispiele für die Theorie des sozialen Lernens konzipiert waren. Ein "Entwicklungsschub" zeigte sich aber vor allem in sprunghaft steigenden Zuschauerzahlen und einem reißenden Absatz neuer Fernsehgeräte. Zwischen 1980 und 1985 stieg die Zahl verkaufter Geräte von zwei auf fünf Millionen an.

Bis 1987 produzierte Doordarshan 40 Serien nach dem Strickmuster der Telenovelas und erreichte damit teilweise über 50 Millionen Zuschauer. Die didaktische Komponente ging jedoch zugunsten einer verstärkten Konsumorientierung der Protagonisten zurück, was nicht zuletzt durch das Sponsoring der Serien und die Präsenz von Werbefilmen verstärkt wurde. Somit ist der Siegeszug der Marktwirtschaft in Indien untrennbar mit dem Erfolg der Unterhaltungsserien auf Doordarshan verknüpft und setzte lange vor der Einführung des Privatfernsehens ein.

Ein weiterer bedeutender Einschnitt erfolgte 1991, als die Live-Berichterstattung des zweiten Golfkriegs global den Beginn des transnationalen Fernsehzeitalters einleitete. Auch in Indien wurden die Zuschauer von der Vorstellung erfasst, "live" am Geschehen partizipieren zu können, und Doordarshan sah sich nun mit der Herausforderung durch das stärker nachrichtenorientierte Kabel- und Satellitenfernsehen konfrontiert. So begann Rupert Murdochs Satellitenunternehmen STAR TV im Jahr 1991 von Hongkong aus auch nach Indien zu senden und wurde dort von Anfang an gut angenommen. Später im Jahr erhielten indische Kabelanbieter ebenfalls Zugang zu den verschiedenen STAR-Programmen, was deren Verbreitung weiter erhöhte.

Anfangs sendete STAR TV nur auf Englisch, doch die Ausdehnung des regionalsprachigen Fernsehens ließ nicht lange auf sich warten. Für die privaten Hindi-Sender leistete etwa ZEE TV Pionierarbeit und war gleichzeitig die treibende Kraft bei der Ausbreitung des Kabelfernsehens in Indien. Die Aufholjagd um Quoten und Werbeeinnahmen hat Doordarshan durch grundlegende Programmumgestaltungen in den Folgejahren gut gemeistert und konnte nicht zuletzt durch eigene Satellitensender in indischen Regionalsprachen neue Publikumsgruppen gewinnen. Laut einer repräsentativen Erhebung im Rahmen des National Readership Survey 2006 (NRS) erreicht das Fernsehen inzwischen 112 Millionen indische Haushalte, wovon 61 Prozent über einen Kabel- oder Satellitenzugang verfügen. Neben STAR, ZEE und Doordarshan gehören auch das südindische SUN-Netzwerk, das Sender in mehreren indischen Sprachen umfasst, sowie Alpha (Marathi und Punjabi) und NDTV (Hindi und Englisch) zu den größten Fernsehunternehmen des Landes.

Unterdessen zeigt der indische Staat erneut einen stärkeren Regulierungswillen zugunsten der nationalen Medienindustrie. So wurde 2003 ein neues Gesetz verabschiedet, wonach ausländische Nachrichtensender, die per Satellit nach Indien ausstrahlen, mehrheitlich in den Besitz indischer Partnerunternehmen überführt werden müssen. Da dies sowohl die redaktionelle als auch die operationale Kontrolle über die Sender beinhaltet, lässt sich die Absicht erkennen, zumindest in diesem Bereich den global fortschreitenden Prozess der "Murdochisierung" aufzuhalten. Für Rupert Murdoch selbst bedeutete dies, dass er binnen kurzer Zeit einen indischen Partner für die Übernahme der Mehrheitsanteile (74 Prozent) an seinem Nachrichtensender STAR News finden musste und in Gestalt von Aveek Sarkar von der Pressegruppe Anandabazar Patrika aus Westbengalen auch fand. Die großen Presseunternehmen Indiens zeigen grundsätzlich ein ausgeprägtes Interesse am Fernsehen, weitere bedeutende Akteure, die die indische Fernsehlandschaft erfolgreich mitgestalten, sind die mächtige India-Today- sowie die Indian-Express-Gruppe.


 

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