Max Müller und der Postkolonialismus
Indologie und Südasienforschung in Deutschland
Im 19. Jahrhundert wurde Deutschland zum herausragenden Zentrum für das Studium der klassischen indischen Sprachen, Literatur und Philosophie. Die Indologie wurde früh als Fachrichtung an deutschen Universitäten eingeführt. Und bis heute spielt das Erlernen indischer Sprachen in Deutschland eine zentrale Rolle.Max Müller ist der in Indien wohl bekannteste Indologe und zugleich eine der wenigen landesweit verehrten Persönlichkeiten deutscher Herkunft. Als erster Herausgeber der heiligsten Überlieferung des orthodoxen Hinduismus – des Rigveda – verkörpert er wie kein anderer das merkwürdige deutsche Interesse am Sanskrit und der in dieser Sprache der meisten heiligen Texte des Hinduismus verfassten "Großen Tradition" (so genannt im Gegensatz zu einer Vielzahl von anderen, im Volk verwurzelten "kleinen Traditionen") des brahmanischen Hinduismus. Dass Max Müller den weitaus größten Teil seines Gelehrtenlebens in England zubrachte und niemals indischen Boden betrat, tut seinem Ruhm keinen Abbruch. Sogar die Goethe-Institute in Indien ("Max Mueller Bhavan") haben sich mit seinem Namen ihr eigenes, landesspezifisches Label gegeben.
Heute ist vergessen, dass die Veröffentlichung des heiligsten Textes der brahmanischen Tradition eigentlich ein Sakrileg darstellte, schließlich handelte es sich um Geheimwissen, dass den "zweimal geborenen" Hindus – im engeren Sinne: den Brahmanen – vorbehalten war. Die hinduistischen Rechtsbücher sehen schwere Strafen für Uneingeweihte vor, die gewollt oder ungewollt Zeugen von Rezitationen der vedischen Mantras werden.
Nicht vergessen werden sollte auch, dass Max Müller nicht auf dem heiligen Kontinents Bharatavarsha geboren wurde und daher per definitionem ein mleccha war: Ein Fremder, der außerhalb der Kastenordnung steht und daher quasi unberührbar im Sinne der indischen Dalits ist. Die hinduistische Xenologie (Fremdenkunde) ist in hohem Grade von der Wahrnehmung des Fremden als mleccha bestimmt, selbst wenn sie im Einzelfall Verdienste anerkennen kann.
"Große Tradition" der deutschen Indologie
Das europäische Interesse am indischen Subkontinent, seinen Reichen, Kulturen und Religionen geht bereits auf die Antike zurück und manifestierte sich in der weiten Verbreitung des Indienberichts des Megasthenes, Botschafter des Seleukos I. Nikator am Hof von Chandragupta Maurya in Pataliputra (heute Patna) ab etwa 302 v. Chr. Auf Megasthenes geht vermutlich das Missverständnis zurück, dem die Vermännlichung der Flussbezeichnung "der Ganges" zugrunde liegt. In Indien ist "die Ganga" weiblich und eine Flussgöttin.
Nachdem der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama 1498 als Erster mit seinen Karavellen den direkten Seeweg von Europa nach Indien komplett durchfahren hatte, entwickelte sich parallel zur Ausbreitung der überseeischen Handelskontore und Kolonialreiche europäischer Staaten ein reger interkontinentaler Seehandel. Im Schatten dieser historischen Entwicklung nahm das Interesse an der reichen Kultur, Religion und Literatur des Subkontinents zu. Ab dem 16. Jahrhundert gab es auch immer wieder einzelne christliche Missionare, die sich intensiv und wenigstens zum Teil durchaus respektvoll mit Sprache und Kultur des indischen Subkontinents beschäftigten und ihre Berichte und Übersetzungen nach Europa sandten. Der eigentliche Durchbruch für die Indienbegeisterung der deutschen Romantik und damit für die Anfänge der wissenschaftlichen Indologie stellte aber die Übersetzung des Kunstdramas "Shakuntala" von Kalidasa durch William Jones (1789) und die Weiterübersetzung ins Deutsche durch Georg Forster (1791) dar.
Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Übersetzungen klassischer indischer schöner Literatur und religionsphilosophischer Werke in Europa mit Begeisterung aufgenommen. Rasch entstand das Bedürfnis, diese Texte auch im Original lesen zu können. Anders als England und Frankreich hatte Deutschland keine kolonialen Ambitionen auf dem Subkontinent. Das deutsche Gelehrteninteresse an Indien sah sich selbst nicht als Teil einer kolonialistischen Strategie. Es konzentrierte sich auf die schöngeistige Erforschung der klassischen Philosophie, Religion und Literatur. Hinzu kam ein sprachwissenschaftliches Interesse, hatte man doch die Ähnlichkeit vieler grammatischer Formen und des Vokabulars klassischer europäischer und vorderasiatischer Sprachen (Latein, Griechisch, Altpersisch usw.) mit dem Sanskrit schon früh bemerkt. Sanskrit schien den Ursprüngen viel näher zu sein als alle anderen indo-europäischen Sprachen und deren Literatur.
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