Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

7.4.2014 | Von:
Heinz Werner Wessler

Von Max Müller zur postkolonialen Diskursanalyse

Südasienbezogene Forschung und Lehre in Deutschland

Im 19. Jahrhundert wurde Deutschland zum herausragenden Zentrum für das Studium der klassischen indischen Sprachen, Literatur und Philosophie. Wissenschaftszweige, die sich auch mit der indischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft beschäftigen, entstanden dagegen erst in den letzten Jahrzehnten.

Ein Porträt Max Müllers, gemalt von George Frederic Watts, Datum unbekannt.Ein Porträt Max Müllers, gemalt von George Frederic Watts, Datum unbekannt.

Max Müller ist der in Indien wohl bekannteste westliche Indologe und zugleich einer der wenigen flächendeckend verehrten Persönlichkeiten deutscher Herkunft. Als erster Herausgeber der heiligsten Überlieferung des orthodoxen Hinduismus – Rigveda – verkörpert er wie kein anderer die in Deutschland und Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene Faszination am Sanskrit und der in dieser "heiligen Sprache" verfassten brahmanischen Tradition des Hinduismus. Dass Max Müller den weitaus größten Teil seines Gelehrtenlebens in England zubrachte und niemals indischen Boden betrat, tut seinem Ruhm keinen Abbruch. Sogar die Goethe-Institute in Indien haben sich mit dem Namen "Max-Mueller-Bhavan" ihr eigenes, landesspezifisches Label gegeben.

Heute ist vergessen, dass die Veröffentlichung des heiligsten Textes der brahmanischen Tradition eigentlich ein Sakrileg darstellte: Schließlich handelte es sich um Geheimwissen, das streng genommen nur den "zweimal geborenen" Hindus – im engeren Sinne: den Brahmanen – vorbehalten war. Die hinduistischen Rechtsbücher sehen brutale Strafen für Uneingeweihte vor, die gewollt oder ungewollt Zeugen von Rezitationen der vedischen Mantras werden.

Nicht vergessen werden sollte auch, dass Max Müller selbst außerhalb des heiligen Kontinents Bharatavarsha geboren wurde – und also daher per definitionem ein mleccha war: Ein Fremder, der außerhalb der Kastenordnung steht und daher quasi unberührbar im Sinne der indischen Dalits ist. Die hinduistische Xenologie ("Fremdenkunde") ist in hohem Grade von der Wahrnehmung des Fremden als mleccha bestimmt, auch wenn sie im Einzelfall Verdienste anerkennen kann.

"Große Tradition" der deutschen Indologie

Das europäische Interesse am indischen Subkontinent, seinen Gewürzen, sagenhaften Reichtümern, Kuriositäten und Weisheitslehren geht bereits auf die Antike zurück und manifestierte sich damals etwa in der weiten Verbreitung des Indienberichts des Megasthenes, Botschafter des Seleukos I. Nikator am Hof von Chandragupta Maurya in Pataliputra, dem heutigen Patna, ab ca. 302 v.Chr. Auf Megasthenes geht vermutlich das Missverständnis zurück, der der Vermännlichung der Flussbezeichnung "der Ganges" zugrunde liegt: In Indien ist "die Ganga" weiblich und eine Flussgöttin.

Nachdem der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama 1498 als Erster mit seinen Karavellen den direkten Seeweg von Europa nach Indien komplett durchfahren hatte, entwickelte sich ein stetig wachsender interkontinentaler Seehandel zwischen Asien und Europa. Im Schatten dieser historischen Entwicklung nahm auch das europäische Interesse an der reichen Kultur, an den Religionen und Literatur des Subkontinents zu.

Vom 16. Jahrhundert an gab es immer wieder einzelne christliche Missionare, die sich intensiv mit Sprache und Kultur des indischen Subkontinents beschäftigten und ihre Berichte und ihre Übersetzungen nach Europa sandten. Der eigentliche Durchbruch für die Indienbegeisterung der deutschen Romantik und damit für die Anfänge der wissenschaftlichen Indologie stellte aber die Übersetzung des Kunstdramas Shakuntala von Kalidasa durch William Jones (1789) und dessen Weiterübersetzung in Deutsche durch Georg Forster (1791) dar.

Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Übersetzungen klassischer indischer schöner Literatur und religionsphilosophischer Werke in Europa mit Begeisterung aufgenommen wurden, entstand rasch das Bedürfnis, diese Texte auch im Original lesen zu können. Anders als Portugal, England und Frankreich hatte Deutschland niemals koloniale Ambitionen auf dem indischen Subkontinent. Während die britische East India Company ihre angehenden Angestellten praxisorientiert ausbildete, verstand sich das deutsche Gelehrteninteresse an Indien nicht als Teil einer kolonialen Unternehmung. Es sah sich vielmehr ganz im Dienste der schöngeistigen Erschließung der klassischen Philosophie, Religion und Literatur des indischen Subkontinents. So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts eine weltweit einzigartige Dichte von indologischen Lehrstühlen.

Grundlegend war das sprachwissenschaftliche Interesse am Sanskrit, dessen Verwandtschaft mit anderen klassischen europäischen und vorderasiatischen Sprachen (Latein, Griechisch, Altpersisch usw.) zur Begründung der so genannten "Indogermanistik" führte. Sanskrit schien den Ursprüngen dieser Sprachfamilie viel näher zu sein als alle anderen indoeuropäischen Sprachen.

Sprache und Weisheit

Das eigentliche Gründungsdokument der deutschen Indologie, Friedrich von Schlegels "Über Sprache und Weisheit der Indier" (1808), dokumentiert diese Kombination von romantischen und sprachvergleichenden Interessen. Angefangen mit der Berufung von Friedrich von Schlegels Bruder August Wilhelm an die neu gegründete Bonner Universität 1818 wurden innerhalb weniger Jahre vielerorts in Deutschland Lehrstühle für Indologie gegründet, die sich vor allem der Erforschung der neu entdeckten Welt der Sanskrit-Literatur und Sprache widmeten. Im Laufe der Zeit kam die Erforschung des Mittelindischen (Pali, Prakrit) hinzu, das ebenfalls eine beachtliche Menge an literarischen Werken der verschiedensten Gattungen zu bieten hat.

Im Zeitalter des Postkolonialismus ist die Indologie des 20. Jahrhunderts auf dieser Grundlage zum Fragenhorizont interkultureller Hermeneutik vorgedrungen. Ein monumentales Werk wie das von Wilhelm Halbfass, "Indien und Europa : Perspektiven ihrer geistigen Begegnung" von 1981 ist ohne die Vorgeschichte von mehr als 150 Jahren indologischer Forschung nicht denkbar. Einer der Ausgangspunkte von Halbfass' Interpretation der indischen Geistesgeschichte ist seine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff "Inklusivismus" als Bezeichnung einer universellen Eigenart indischen Denkens, wie ihn der ehemalige Bonner und später Münsteraner Professor Paul Hacker in die wissenschaftliche Debatte eingebracht hatte.

In den letzten Jahrzehnten muss sich die altehrwürdige Indologie auch mit kolonialismuskritischen Fragestellungen auseinandersetzen. Kaum zu übersehen ist der zum Teil offenkundige Rassismus vieler deutscher Indologen früherer Zeiten, wie das etwa im folgenden Zitat von Hermann Oldenberg in seiner "Geschichte der Literatur des alten Indien" zum Ausdruck kommt: "Die nach Westen weisenden Kräfte und Charakterzüge des indischen Volks mussten in der Abgeschnittenheit vom frischen Leben des Westens rettungslos erschlaffen, in der müden Stille, unter dem glühenden Himmel der neuen Heimat, in der langsamen aber unausbleiblichen Vermischung mit den dunkelfarbigen Urbewohnern. Ein neues Volk, ein neuer Volkscharakter musste sich bilden, der Charakter, welcher daraus hervorging, dass der alten hohen intellektuellen Begabung, der reichen Phantasie der indischen Arier das Gegengewicht gesunder Tatkraft entzogen ward."

Solche markigen Worte sollten aber nicht zum Anlass genommen werden, die ganze deutsche Tradition der klassischen Indologie als Unternehmen im Dienst einer dunklen Herrschaftsideologie zu verdammen. Herrmann Oldenberg war trotz seiner tief liegenden rassistischen Weltsicht ein glänzender (oder: angesehener) Philologe. Sein Buch "Buddha: Sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde" fasst die Ergebnisse der Pali-Forschung des gesamten 19. Jahrhunderts in einem lebendig geschriebenen Forschungsbericht zusammen, das bis in die Gegenwart immer wieder aufgelegt und auch von deutschen Buddhisten nach wie vor studiert wird.

Tradition und Moderne

Für Goethe wie für praktisch das ganze 19. Jahrhundert war vor allem die indische Antike interessant. Die deutsche und die europäische Indologie beschäftigten sich fast ausschließlich mit der Erschließung der in Sanskrit und den mittelindischen Sprachen verfassten Quellen. Albrecht Webers "Akademische Vorlesungen über Indische Literaturgeschichte" (Berlin 1852) blenden die Neuzeit, aber auch die gesamte südindische Literaturgeschichte völlig aus. Auch im späten 19. Jahrhundert – um ein weiteres typisches Beispiel zu nennen – behandelt Leopold von Schroeder in seiner monographischen Publikation "Indiens Literatur und Cultur in historischer Entwicklung" (Leipzig 1887) in einer Folge von 50 Vorlesungen praktisch ausschließlich die Perspektiven einer weit zurückliegenden Vergangenheit, zudem einzig und allein durch die Brille der brahmanischen Literatur.

Das Interesse an der in Sanskrit verfassten Tradition bezog seinen romantischen Impetus vom Indien der Vergangenheit und seine Methodik aus der vergleichenden Sprachwissenschaft sowie der klassischen Philologie des Griechischen und des Lateinischen. Die Geschichte Indiens musste aus dieser Sicht als Verfallsgeschichte einer glorreichen Vergangenheit zur gegenwärtigen Dekadenz erscheinen. Das gegenwärtige Indien schien aus dieser Perspektive nur dann wirklich interessant, wenn es Spuren der vergangenen Hochkultur bewahrt hatte. Dass die orientalistische Wissensproduktion gewollt oder ungewollt Teil eines imperialen Beherrschungsdiskurses war, lag mehr oder weniger außerhalb des Denkhorizonts der deutschen Indologie des 19. Jahrhunderts.

In den letzten Jahrzehnten sind allerdings ganze Wissenschaftszweige entstanden, die sich mit dem "Indien von unten" und mit den "Kleinen Traditionen" beschäftigen. Wissenschaftsgeschichtlich spielten dabei die 1982 von Ranajit Guha begründete Subaltern Studies Group und der von der Orientalismus-Debatte inspirierte und unter dem Label Postcolonial Studies bzw. Postcolonial Theory firmierenden Wissenschaftsdiskurse wichtige Rollen.

Auch andere Disziplinen wie Geschichte, Geographie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft entwickelten verstärkt Interesse am indischen Subkontinent. In beiden deutschen Staaten wurden Studiengänge und die zugehörigen Professuren mit modernen Schwerpunkten eingerichtet, die sich mit der Region beschäftigten. Das Südasien-Institut der Universität Heidelberg war lange das größte Institut dieser Art, dessen Namensgebung darüber hinaus den Wechsel von der traditionell rein philologisch orientierten Indologie zu einer auf den indischen Subkontinent bezogenen modernen Regionalwissenschaft dokumentiert. Das Erlernen südasiatischer Sprachen wird hier eingebunden in einen größeren Kontext von Disziplinen, die sich mit der Erforschung Südasiens beschäftigen. Hinzu kommt, dass sich neben dem Sanskrit etwa an der Universität Heidelberg auch die modernen Sprachen und ihre Literaturen gegenüber dem Sanskrit emanzipiert haben.

Das vor wenigen Jahren neu gegründete Center for Modern Indian Studies in Göttingen profiliert sich weniger durch seine Sprachausbildung und Philologie als durch moderne interdisziplinäre Forschung. An der Humboldt-Universität in Berlin wurde der alte indologische Lehrstuhl in einen Lehrstuhl für südasiatische Geschichte umgewidmet. Südasien geht außerdem in das Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin ein. Insbesondere im Zuge der Einführung der neuen BA/MA-Studiengänge und der Schaffung eines europäischen Hochschulraumes gingen viele ehemals relativ isolierte Lehrstühle in größere regionalwissenschaftliche Institute auf.

An vielen Universitäten gibt es in ganz verschiedenen Disziplinen Forschungsrichtungen mit Südasienbezug, die kaum miteinander vernetzt sind. Manche Universitäten bemühen sich mit der Gründung transdisziplinärer Zentren um die Zusammenfügung der an den jeweiligen Standorten vorhandenen regionalwissenschaftlichen Kompetenzen. Diesem Ziel dient auch die zunehmende Vernetzung indischer und deutscher Universitäten, beispielsweise in Form von Universitätspartnerschaften.

So unterhält die Universität Göttingen seit einigen Jahren ein Büro in Pune (Maharashtra), mit dessen Universität eine solche Partnerschaft besteht. Mobilitätsprogramme für Dozenten und auch Studenten führen zu rasch wachsendem Austausch. Unter anderem die Uni Würzburg hat sich die "universitätsweite Förderung der Indienkompetenz deutscher Nachwuchskräfte" vorgenommen. Dieses Ziel ist angesichts des rasanten Aufstiegs Indiens als zweiter asiatischer Supermacht neben China auch außenpolitisch gewollt und wird daher unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Auf europäischer Ebene unterstützt das Mobilitätsprogramm Erasmus mundus den Austausch mit indischen Universitäten großzügiger denn je.

Ausblick

Indiens Eliten sind zwar überwiegend anglophon, doch die Sprachkompetenz in Hindi und anderen südasiatischen Sprachen der Gegenwart und der Vergangenheit sind nach wie vor eine Schlüsselkompetenz der interkulturellen Kompetenz, wie sie sich im deutschen Universitätswesen über beinahe zwei Jahrhunderte hinweg entwickeln konnte. Positiv zu vermerken ist, dass der wirtschaftlich-politische Aufstieg Indiens auch in einer Zunahme der Studierendenzahlen insbesondere im Hindi niederschlägt.

In einer Wissenskultur, in der verstärkt nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Wissen und von Ausbildungsgängen gefragt wird, sieht sich die alte Indologie einem zunehmenden Selbstrechtfertigungsdruck ausgesetzt. Die hochschulpolitische Herausforderung liegt darin, die Philologie indischer Sprachen in das sich wandelnden Beziehungsgeflecht der südasienbezogenen Forschungsgebiete kreativ einzubringen.

Die zunehmende Begegnungsdichte mit der seit Jahren wirtschaftlich aufstrebenden Region Südasien wird von ganz neuen und intensiven Formen der Begegnung und des Austauschs begleitet, nicht zuletzt durch südasiatische Wissenschaftler, die in immer größer werdender Zahl an deutschen Universitäten forschen und unterrichten. Überall in Südasien weiß man sehr zu schätzen, wenn Ausländer ernsthaft und ohne Besserwisserei Interesse an den Menschen der Region aufbringen.

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Autor: Heinz Werner Wessler für bpb.de
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