Dossierkopf Iran

Energie und Wirtschaft in Iran


23.7.2009
Iran besitzt nach Saudi-Arabien die größten Erdölreserven weltweit und gehört zu den wichtigsten Nettoerdölexporteuren. Gleichwohl leidet Irans Wirtschaft unter hoher Arbeitslosigkeit und Inflation. Die Gewinne aus dem Ölgeschäft dienen keiner nachhaltigen Wirtschaftspolitik, sondern einer populistischen Verteilungspolitik. Martin Beck analysiert Wirtschaft und Energiesektor Irans.

Das Geschäft mit dem Öl dominiert Irans Wirtschaft. Das Land besitzt 11 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven weltweit. (Ölraffinerie in Iran)Das Geschäft mit dem Öl dominiert Irans Wirtschaft. Das Land besitzt 11 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven weltweit. (Ölraffinerie in Iran) (© AP)

Die Ökonomie Irans ist bereits seit der Restauration des Schah-Regimes 1953 durch die überragende Rolle des Erdöls geprägt, was sich schon damals mehr als Fluch denn als Segen erwies. Die Islamische Revolution von 1979 versprach hier eine grundlegende Änderung: Sozial wurde sie von der traditionellen Mittelschicht – den Bazaris – mitgetragen, die sich von der Gängelung durch den Staatsapparat unter Mohammed Reza emanzipieren wollte. Ideologisch betonten die Revolutionäre egalitäre Entwicklungskonzepte, tatsächlich orientierten sie sich unmittelbar nach Gründung der Islamischen Republik Iran aber an einer Staats- und Planwirtschaft. Darüber hinaus übernahm der Klerus die profitabelsten monopolartigen Unternehmen der geflüchteten und teilweise getöteten Wirtschaftselite der Schah-Zeit und überführte sie in diverse Stiftungen (bonyadha). Der Klerus stieg damit nicht nur zum größten kollektiven Unternehmer in Iran auf, sondern schuf sich auch eine zentrale Einkommensquelle, die keinerlei staatlicher Kontrolle unterliegt.

Zugleich setzte sich die einseitige Ausrichtung der Ökonomie auf den Erdölsektor fort, dessen dominante Rolle für die Deckung des Staatshaushaltes in der Islamischen Republik faktisch ungebrochen ist. Seit dem 2003 einsetzenden Erdölpreisboom und der 2005 erfolgten Wahl Mahmoud Ahmadinedschads zum Präsidenten verstärkte sich die Rolle des Erdöls noch weiter. Warum und wie genau hat das Erdöl aber seine Wirkung in Iran entfaltet?

Erdöl wurde in Iran bereits 1908 entdeckt und seit 1913 kommerziell gefördert, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das Land zu einem der weltweit führenden Energieproduzenten auf. Aktuellen Zahlen zufolge verfügt Iran über 11 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven und nimmt damit hinter Saudi-Arabien den zweiten Platz der erdölreichsten Länder weltweit ein. [1] Anfang 2008 gab das iranische Ölministerium bekannt, dass mit 4,184 Millionen Barrel (englisch für Fass entspricht 159 Litern) pro Tag die höchste Produktion seit Beginn der Revolution erreicht wurde; im Oktober 2007 exportierte Iran 2,93 Millionen Barrel. [2] Auch beim Wert der Exporte, die sich auf über 70 Milliarden US-Dollar beliefen, [3] wurde Iran nur von einem Nettoerdölexporteur übertroffen: Saudi-Arabien. Ungeachtet seines wachsenden inländischen Bedarfs hat Iran gute Chancen, seine Rolle als zentraler Welterdölproduzent zu festigen: Das Land könnte rein rechnerisch auf dem heutigen Niveau noch 87 Jahre produzieren – die USA hingegen nur 12, Russland nur 22 und selbst Saudi-Arabien "nur" 67 Jahre. [4]

Die Gewinne dienen der Herrschaftssicherung



Aktuell ergibt sich die besonders hohe Bedeutung des Erdöls für Iran aus dem seit 2003 anhaltenden Erdölboom. Auf den ersten Blick fallen die Turbulenzen des Erdölpreises ins Auge. Hatte ein Barrel Erdöl im Juli 2008 ein Rekordniveau von fast 150 US-Dollar erreicht, war der Preis im Dezember auf kaum mehr als 30 US-Dollar gefallen. Im Juli 2009 bewegte er sich aber bereits wieder auf einem Niveau von über 60 US-Dollar.

Strukturell erklärt sich die Prägekraft des Erdöls dadurch, dass es sich bei einem Großteil der Einnahmen um so genannte Renten handelt, d.h. um Einnahmen, denen keine Investitions- und Arbeitsleistungen gegenüberstehen. Natürlich sind nicht alle Erdöleinnahmen Renten, denn trotz vorteilhafter naturräumlicher Bedingungen sprudelt auch im Golf das Erdöl nicht einfach aus dem Boden. Da die Produktionskosten am Golf aber nur 1,5 bis 8 US-Dollar pro Barrel betragen, belief sich die Erdölrente in Iran im Jahr 2007 auf über 66 Milliarden US-Dollar. [5] Weshalb und wie prägen Renten aber das Verhalten ihrer Empfänger?

Im Unterschied zu unternehmerischen Gewinnen stehen sie ihren Empfängern zur freien Verfügung – der im Golf außerordentlich hohe Rentenanteil am Verkaufspreis setzt ja eben nicht voraus, dass die Einnahmen zu einem hohen Teil reinvestiert werden. Die Rente könnte zwar theoretisch in den Aufbau entwicklungspolitisch sinnvoller Projekte fließen, die meisten Rentiers verwenden sie aber für ihre Herrschaftssicherung. Die autoritären Machthaber der Islamischen Republik machten hier von Anfang an keine Ausnahme, erst recht nicht Ahmadinedschad.

Ahmadinedschad setzte sich in den Präsidentschaftswahlen 2005 gegen Mohammed Chatami vor allem deshalb durch, weil er offensiv dafür eintrat, den Erdölsektor als eine Quelle iranischen Reichtums zu verwenden, an dem das gesamte Volk qua aktiver Umverteilung durch den Staat von oben beteiligt werden sollte. Diese Botschaft war für jene Schichten, die von der Liberalisierungspolitik Chatamis kaum profitiert hatten, durchaus attraktiv: für die armen Bevölkerungsgruppen auf dem Land und in den Städten sowie für Teile der Mittelschicht. Die reale Wirtschaftspolitik Ahmadinedschads entsprach seinen populistischen Versprechungen: So etablierte er etwa einen mit 1,3 Milliarden US-Dollar ausgestatteten "Liebesfonds", der es jungen Iranern ermöglichen sollte, eine Familie zu gründen. [6] Die staatliche Subventionspolitik wurde bei Konsumartikeln des täglichen Bedarfs, insbesondere auch im Energiebereich (Benzin), ausgebaut: Der führende (exil-)iranische Ökonom Jahangir Amuzegar schätzt, dass unter Ahmadinedschad über 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Subventionen verwendet wurden. [7] Weiterhin spendierte Ahmadinedschad "Bedürftigen" so genannte Gerechtigkeitsanteile im Wert von je 1.000 US-Dollar, Besucher seiner Wahlkampfveranstaltungen im Jahr 2009 erhielten ein Handgeld von 70 US-Dollar und auf dem Land ließ sein Team Lebensmittel verteilen. [8]

Iran fehlt es an einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik



Eine langfristige, an Kriterien der Nachhaltigkeit orientierte Wirtschaftspolitik hat der Iran kaum entwickelt. Dies lässt sich gerade auch an dem im Jahre 2000 gegründeten Ölstabilisierungsfonds zeigen. In diesen sollten insbesondere in Zeiten hoher Erdölpreise große Summen eingezahlt werden, um entwicklungspolitisch nachhaltige Projekte zu fördern. Jedoch wurden dem Fonds immer wieder hohe Beträge zur Deckung von Haushaltsdefiziten entnommen, so dass sein Volumen weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Die fehlende langfristige Entwicklungsperspektive des Regimes wird auch daran deutlich, dass selbst in den Erdöl- und vor allem auch den Erdgassektor nur unzureichend investiert wurde. Aufgrund veralteter Technologie und vernachlässigter Förderinfrastruktur gehen Iran jeden Tag mehrere hunderttausend Barrel Erdöl verloren, und das Land ist trotz seines Erdölreichtums von Benzinimporten abhängig. [9] Weiterhin spielt Iran trotz günstiger Voraussetzungen bei der Produktion von Naturgas nach wie vor eine untergeordnete Rolle: Ende 2008 verfügte Iran über 16 Prozent der weltweit nachgewiesenen Reserven und wurde hierbei nur von Russland übertroffen, steuerte aber weniger als 4 Prozent zur globalen Produktion bei. [10] Diese Zahlen verweisen auch darauf, dass die iranische Argumentation unplausibel ist, das Atomprogramm zur Deckung des heimischen Energiebedarfs aufgelegt zu haben, um mehr Erdöl exportieren zu können: Der für Iran einfachere und billigere, weil mit komparativen Vorteilen versehene Weg hierzu wären höhere Investitionen in den Erdöl- und Naturgassektor.

Mit den Sanktionen kamen andere Investoren



Zu den wirtschaftlichen Problemen Irans tragen auch die westlichen Sanktionen bei – allerdings können diese die Probleme des Landes nur teilweise erklären. Obwohl die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu Iran bereits 1980 abgebrochen hatten, wurden die bis dato eher symbolischen Sanktionen erst unter Bill Clinton 1995 so verschärft, dass sie eine – wenn auch nicht genau messbare – Wirkung entfalteten. Schmerzhaft waren sie für Iran vor allem deshalb, weil die Verfügung über US-Technologie günstig gewesen wäre, um die durch den Irak im Ersten Golfkrieg (1980-88) verursachten Schäden an der Förderinfrastruktur zu reparieren. Allerdings kam Iran zugute, dass im Weltwirtschaftssystem neue Führungsmächte heranwuchsen, die, wie insbesondere China, bereit waren, in Iran zu investieren. Eine handelspolitische Alternative für Iran waren lange auch die Europäer, nicht zuletzt Deutschland, deren Unternehmen den "Kritischen Dialog" mit Iran ökonomisch flankierten. Erst durch Ahmadinedschads provokante Außenpolitik schwenkte die EU auf den US-Kurs ein und ebnete 2006 den Weg für Sanktionen der Vereinten Nationen.

Bereits vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise befand sich Iran in einer schwierigen ökonomischen Lage: Die populistische Verteilungspolitik war nicht dazu geeignet, die Arbeitslosenquote, die realiter das offiziell eingestandene Niveau von 12,5 Prozent bei weitem übertrifft, zu reduzieren und heizte die Inflation auf über 20 Prozent an. Wegen seiner geringen Vernetzung mit den internationalen Finanzmärkten traf die globale Krise Iran zwar nur indirekt über den fallenden Ölpreis. Aufgrund seiner im Vergleich zu den arabischen Golfstaaten mit über 70 Millionen Einwohnern sehr hohen Bevölkerung und der geringen Rücklagen des Ölstabilisierungsfonds benötigt Iran Schätzungen des Internationalen Währungsfonds zufolge einen Erdölpreis von 90 US-Dollar, um sein Staatsbudget zu stabilisieren. [11]

Die ökonomische Krise Irans wurde von Fachleuten und Intellektuellen in Iran im Vorfeld der Wahlen 2009 thematisiert. Dabei wurde offen kritisiert, dass Ahmadinedschad zu deren Ausmaß wesentlich beitrug. Zum einen, indem er den Westen brüskierte und damit das Sanktionsregime der Vereinten Nationen provozierte. Zum anderen, weil er aufgrund seines Primats der Verteilungspolitik keine für ein rentenpolitisches Krisenmanagement ausreichenden Reserven anlegte. Dies trug zur Vehemenz der Proteste nach der Verkündung der offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 bei.


Fußnoten

1.
BP 2009: BP Statistical Review of World Energy, zugänglich unter: »www.bp.com«.
2.
Middle East Economic Survey (MEES), 26.11.2007, 11.2.2008.
3.
Jean-François Seznec 2008: The Gulf Sovereign Wealth Funds. Myths and Reality, in: Middle East Policy 15.2, S. 107.
4.
BP (Fußnote 1).
5.
Seznec (Fußnote 3), S. 99, 107.
6.
Hiedeh Farmani 2005: Iran Sets Up ‚Love Fund’ With Oil Cash, zugänglich unter: »http://www.middle-east-online.com/english/features/?id=14413=14413&format=0.«
7.
Jahangir Amuzegar 2008: Iran’s Emerging Economic Threats, in: MEES, 7.1.2008.
8.
Henner Fürtig 2009: Turbulente Wahlen in Iran: Die Islamische Republik am Scheideweg?, Hamburg: GIGA-Focus Nahost Nr. 6, S. 4, zugänglich unter: »www.giga-hamburg.de«
9.
MEES, 13.6.2005; 8.8.2005; 30.1.2006.
10.
BP 2009 (Fußnote 1).
11.
Juliane Brach/Markus Loewe 2009: Nur ein blaues Auge? Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf Nahost und Nordafrika, Hamburg: GIGA Focus Nahost Nr. 4, S. 5, zugänglich unter: »www.giga-hamburg.de«

 

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven. Weiter... 

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch sechzig Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus? Weiter... 

Infografiken

Die Vereinten Nationen

Warum wurden die Vereinten Nationen gegründet? Welche Ziele und Aufgaben haben sie? Was ist der Sicherheitsrat und welche Rolle spielt Deutschland? Die 11 Infografiken geben Antworten und zeigen anschaulich, wie die UN aufgebaut sind. Weiter... 

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.