Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

28.3.2008 | Von:

Die Briten im Heiligen Land

20. Jahrhundert

Die eingewanderten Zionisten waren erregt und verärgert, blieben aber in der Defensive, weil sie damals noch viel zu schwach für den Angriff (auf wen auch immer) waren. Sie mussten Zeit gewinnen, damit mehr Menschen kamen, die halfen, ihre Position zu stärken. Erregt waren auch die Gemüter der arabischen Welt, besonders der Palästinenser. Sie wollten nun endlich über sich selbst bestimmen, fühlten (und fühlen) sich als die Eigentümer des Heiligen Landes und erkannten deutlich, dass ihnen Gefahr drohte, entweder in Form britischer oder jüdischer Fremdherrschaft oder gar beides. Die Palästinenser gingen deshalb in die Offensive, und dabei waren sie schon damals brutal. Bereits am ersten Jahrestag der Balfour-Erklärung, am 2. November 1918, kam es in Jerusalem zu gewaltsamen antibritischen (und auch natürlich antizionistischen) Demonstrationen. Im April 1920 stürmte ein fanatisierter arabischer Mob während des Nebi-Mussa-Festes das jüdische Viertel in Jerusalem. Im Mai 1921 kam es besonders in der Hafenstadt Jaffa zu blutigen Unruhen. Nach Meinung der arabisch-palästinensischen Bevölkerung handelten die Zionisten nämlich nicht nur im britisch-kapitalistischen Auftrag, sondern auch aufgrund kommunistisch-gotteslästerlicher Ideen. Ein seltsames politisches Gebräu wurde hier unterstellt, aber Ängste sind nicht unbedingt dem klaren Denken förderlich. Und dass sich die Palästinenser von allen Seiten bedroht und geprellt fühlten, muss man verstehen. Verstehen muss man aber auch den Ärger der Zionisten, vor allem der sozialistischen Zionisten, die doch alles so gut meinten und so schlecht machten -zumindest im Zusammenleben mit den Palästinensern. Diese verspürten jedoch weder das Bedürfnis, von den Engländern beherrscht, noch von den sozialistischen Zionisten "befreit" zu werden.

Das jüdische Volk (und damit auch sich selbst) wollten die Zionisten ebenfalls befreien, nämlich vom Leid der jahrhundertelangen Diaspora. Ort der Befreiung konnte ihrer Meinung nach nur das "Land der Väter" sein. Sie wollten ja nur Rückkehr, keine Eroberung, keine Landnahme wie vor rund dreitausenddreihundert Jahren, also wie in biblischen Zeiten. Die Gegner der sozialistischen Zionisten, die eher bürgerlich-rechtsnationalistischen "Revisionisten" unter Wladimir Jabotinsky (einer der geistigen Väter von Menachem Begin, Jitzchak Schamir und Ariel Scharon), gaben sich weniger Illusionen hin. Sie glaubten nicht an die Bereitschaft der Araber, sich von den Juden befreien zu lassen. Anzunehmen sei vielmehr, dass die Araber das Land, das auch sie als "ihr Land" betrachteten, energisch verteidigen würden. Verständlicherweise. Deshalb müssten die Zionisten, so Jabotinskys Rat, um ihr Gemeinwesen eine "eiserne Wand" errichten. Gegen sie würden die Araber zwar immer wieder anrennen, aber am Ende einsehen, dass dieser Sturmlauf der Wand besser bekomme als ihrem Kopf. Wie so oft, ist auch in bezug auf die sozialistischen Zionisten festzustellen: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht, denn die Briten wollten Besitzer bleiben, und die Palästinenser hielten (und halten) sich, wie die Juden, für die wahren Eigentümer des Heiligen Landes. Der Konflikt war programmiert, unabwendbar, aber zunächst aufschiebbar.

Der Aufschub kam nach 1922 aus zwei Gründen. Erstens hatten die Briten ihre Machtstellung stabilisiert, und zweitens nahm die Zahl der jüdischen Einwanderer wieder ab. Nur in den ersten Wirren nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution der Kommunisten suchten Juden den Weg nach Palästina. Die meisten, die auswanderten, strebten ohnehin eher in die USA als in das Heilige Land. Deutlich wird hier ein typisches Muster der zionistisch-israelischen Geschichte: Nur eine Minderheit will nach Zion, die Mehrheit (sofern sie einen Ortswechsel vollzieht oder vollziehen muss) sucht die "Fleischtöpfe Ägyptens". Die Palästinenser konnten hoffen, die Briten sich freuen, und die Zionisten mussten bangen. Das währte nicht lange. Die Krise der Zionisten war 1928/29 überwunden. Es kamen wieder neue jüdische Einwanderer. Im Herbst 1929 begann die Weltwirtschaftskrise. Auch außerhalb des Heiligen Landes wurden die Fleischrationen kleiner.

In Deutschland hatte Judenhasser Adolf Hitler seine ab 1933 antijüdische, ab 1938 judenmordende und ab 1941 judenvernichtende Politik eingeleitet. Auch in Polen nahm der Antisemitismus Anfang der dreißiger Jahre (schon vor dem deutschen Einmarsch) dramatisch zu. Die meisten jüdischen Einwanderer, die ab 1932/33 in das Heilige Land kamen, stammten aus Polen, nur achtzehn Prozent aus Deutschland. Das war trotzdem ein neuer deutsch-jüdischer Rekord. Vorher hatten sich gerade die deutschen Juden für den Zionismus so gut wie gar nicht interessiert. Sie hatten ihn sogar mehrheitlich abgelehnt. Es gehe ihnen doch prächtig in Deutschland, hatten sie immer wieder verkündet.

"Weshalb sollen wir den polnischen und deutschen Antisemitismus ausbaden?" fragten die Palästinenser und gaben damit eigentlich schon die Antwort, Sie gingen von der Verteidigung zum Angriff über und veranstalteten im August 1929 vor allem in Jerusalem und Hebron Massaker an der dortigen jüdischen Bevölkerung. Meistens ausgerechnet an orthodoxen Juden, die bis in unsere Gegenwart ebenfalls den Zionismus bekämpfen. Selbst dieses grausame Gemetzel half den Palästinensern nicht, obwohl ein Bericht der britischen Regierung sich auf die Seite der palästinensischen Täter gegen die jüdischen Opfer stellte. Es kamen trotzdem noch mehr Juden nach Palästina. Von 1936 bis 1939 probten daraufhin die Palästinenser den Aufstand; zunächst nur gegen die Juden, dann gegen die Briten und Juden. Am Ende hatten sie militärisch verloren (trotz deutscher, das heißt nationalsozialistischer Waffenhilfe) und politisch gewonnen.

Politisch gewonnen hatten sie, weil der Zweite Weltkrieg nahte und Großbritannien Ruhe in Nahost brauchte. Unruhig aber waren die Araber, weil Großbritannien bis Anfang 1939 die Palästinenser blutig niedergerungen hatte. Auch in anderen arabischen Regionen, besonders in Ägypten und im Irak, meldeten sich die Befürworter eines nach Selbständigkeit strebenden Kurses immer energischer zu Wort. Selbständigkeit dieser Araber, das bedeutete: "Briten raus". Genau das wäre für London eine Katastrophe gewesen, denn der Nahe Osten war von größter strategischer Bedeutung. Im Krieg bestätigte sich diese Einschätzung, Die Briten mussten nun mit allen Mitteln die Araber auf ihre Seite ziehen, um sie als Partner im Kampf gegen Hitler zu gewinnen. Zumindest stillhalten sollten sie. Ein symbolträchtiger und wirksamer Schritt war für die britische Mandatsmacht die Einstellung der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Am 17. Mai 1939 wurde diese Option amtliche Regierungspolitik, veröffentlicht in einem entsprechenden Weißbuch. Auch der Verkauf palästinensischer Böden an die Zionisten wurde verboten. Das Ende des Zionismus schien nah.

Der Zweite Weltkrieg begann, und damit auch der Holocaust. Britische Politik schien, angesichts der offenkundigen Not der Juden Europas, in Palästina versagt zu haben. Aber war das Ziel, Hitler zu schlagen, nicht so moralisch, dass diese Unmoral zu ertragen, ja sogar notwendig war? So zumindest argumentierte man in London (und Washington!) - auch während des Zweiten Weltkrieges, auch in Zeiten der millionenfachen Juden Vernichtung. Hitler habe unbeabsichtigt die Errichtung des Jüdischen Staates gefördert, immer wieder ist diese These zu hören. Durch die Wiederholung wird eine falsche Behauptung allerdings nicht wahr. Hier seien deshalb nur einige Punkte genannt, die für unseren Zusammenhang von Bedeutung sind.

  • Der Holocaust hat die Gründung Israels vielleicht beschleunigt, aber nicht ermöglicht.
  • Der Holocaust war für den Zionismus ein großer innerjüdischer Rechtfertigungsschub. Er bewies nämlich der bis dahin nichtzionistischen Mehrheit der Juden, dass der Zionismus recht behielt, weil er stets vor der Gefahr des mörderischen Antisemitismus gewarnt hatte.
Böse Zungen (auch von Historikern, besonders israelischen) behaupten, dass die zionistische Führung, an ihrer Spitze David Ben Gurion, absichtlich nichts gegen die Judenvernichtung unternahm, weil sie sich eben diesen Legitimationsschub erhoffte. Doch was hätten sie denn ihrerseits wirklich bewirken können? Andererseits wäre eine vollkommene Passivität ziemlich dumm, ja selbstmörderisch gewesen. Wenn überhaupt Juden freiwillig nach Palästina kamen, dann waren es die osteuropäischen. Und gerade sie waren Hauptopfer des Mordes an den Juden.

  • Die Befürworter der Gründung Israels beriefen sich nach 1945 als Rechtfertigung immer wieder auf den Holocaust, heißt es.
Aber wir müssen den Rückzug der Briten und die Errichtung Israels im welthistorischen Zusammenhang sehen - im Zusammenhang mit der Entkolonialisierung. Was Afrikas wenig moderne Völker durch die Entkolonialisierung geschafft haben, hätten die wohlorganisierten Zionisten, die ihr Gemeinwesen seit 1882 zielstrebig entwickelten, doch auch erreicht; oder? "Wir haben die Zeche für den Holocaust zu zahlen", sagen viele Palästinenser. Ihr Groll über die Gründung Israels mag nachvollziehbar sein. Aber diese Begründung ist falsch. Schon 1937 gab es einen britischen Teilungsplan für Palästina, der durch das Weißbuch vom Mai 1939 zurückgenommen wurde. Trotzdem war der zionistische Zug längst abgefahren und brauste durch die politische Landschaft.

Der Grossmufti von Palästina wurde am 09.12.1941 von Hitler empfangen.Der Grossmufti von Palästina wurde am 09.12.1941 von Hitler empfangen. (© Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A, Fotograf: Hoffmann.)
In einer Hinsicht hatten die Palästinenser tatsächlich die Zeche für ein historisches Menü zu zahlen, das sie allerdings selbst zusammengestellt hatten. Wie manche arabische Nationalisten (zum Beispiel in Ägypten oder im Irak) hatten die Palästinenser im Zweiten Weltkrieg für Deutschland Partei ergriffen. Hilfe und Führung im Kampf gegen die britische Mandatsmacht hatte Palästinenserführer Amin el-Husseini (der Großmufti von Jerusalem) beim deutschen "Führer" gesucht, bei Adolf Hitler. Der fromme Mann aus dem Morgenland bot sogar aktive Unterstützung bei der Judenvernichtung an. Man vergesse nicht, dass deutsche Truppen vom Februar 1941 bis zum November 1942 in Nordafrika kämpften. Dort lebten viele Juden, und mit dem Transport nordafrikanischer Juden in die osteuropäischen Vernichtungslager war begonnen worden.

Diese Form der aktiven Zusammenarbeit war nach dem Krieg den westlichen Politikern weitgehend unbekannt. Entscheidend war für sie, dass sich die Palästinenser für die gegnerische Seite entschieden und sich damit als unzuverlässig erwiesen hatten. Trotzdem waren westliche Politiker (besonders in London) in der Zeit des beginnenden Kalten Krieges gerne vergeßlich. Um den Vormarsch der Kommunisten "einzudämmen", konnte und wollte sich Großbritannien nicht den Luxus leisten, Moral vor Realpolitik zu setzen.

Moralisch verbunden fühlten sich die britischen Politiker den Zionisten gegenüber ohnehin nicht. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im rechtszionistischen Lager laute Stimmen, die forderten, nicht nur offensiv gegen die Palästinenser, sondern auch gegen die Briten vorzugehen. Durchsetzen konnten sie sich mit dieser Forderung nicht, aber 1944 ließen sie sich nicht mehr bremsen. Im Jahre 1944 verkündete Menachem Begin mit dem von ihm geführten militärischen Arm der Revisionisten (dem "Etzel") die "Rebellion" gegen die Mandatsmacht.

Auch nach dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden weigerte sich die britische Regierung, einwanderungswillige Überlebende nach Palästina einreisen zu lassen. Die britische Sturheit erregte nicht nur die Zionisten, sondern auch die Öffentlichkeit in der westlichen Welt. Damit rechnete, darauf baute die zionistische Führung. Ein Flüchtlingsschiff nach dem anderen mietete sie, wohlwissend, dass die englische Marine sie vor der Küste des Heiligen Landes abfangen und in menschenunwürdige Internierungslager verfrachten würde. Ein Leckerbissen für antibritische und zugleich prozionistische Propaganda. Die Geschichte des Flüchtlingsschiffes "Exodus" kennt heute fast jeder; entweder aus dem Bestseller von Leon Uris oder aus dem nach diesem Buch entstandenen Film.

Die militanten Rechtszionisten unter Begin hatten die Briten regelrecht herausgebombt, die Linkszionisten hatten mehr die ebenso wirksame Propagandawaffe eingesetzt (siehe "Exodus"), auch die Palästinenser wollten die Briten lieber sofort aus dem Land abziehen sehen. In den USA empörte sich die Öffentlichkeit (und seit Oktober 1946 auch Präsident Truman) über Dummheit, Sturheit und Unmoral der Briten. Im Februar 1947 gab die britische Regierung auf. Sie überließ das Palästinaproblem der UNO. Die beiden alleingelassenen Konflikt-Parteien, die Zionisten und die Palästinenser, bauten nun, militärisch und diplomatisch, ihre Fronten weiter aus.

Michael Wolffsohn: Wem gehört das Heilige Land?
(c) 2002 Piper Verlag GmbH, München


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