Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

Der Zionismus und die arabische Frage


28.3.2008
Übersahen Zionisten die "arabische Frage"? Wie war die Haltung in der zionistischen Bewegung gegenüber den Arabern in Palästina? Anja Siegemund über die Positionen in den zionistischen Lagern.

Ein bulgarischer Jude und ein Araber in Jaffa.Ein bulgarischer Jude und ein Araber in Jaffa. (© National Photo Collection Israel)
Im Jahr 1921 erklärte der Zionistische Kongress in einer "Resolution zur arabischen Frage" seinen "Willen, mit dem arabischen Volk in einem Verhältnis der Eintracht und der gegenseitigen Achtung zu leben". Jedem der Völker Palästinas solle "eine ungestörte nationale Entwicklung" gesichert werden. Der Kongress – und damit die Legislative der Zionistischen Bewegung – forderte die Zionistische Exekutive auf, "ihre Bemühungen um eine aufrichtige Verständigung mit dem arabischen Volk [...] in erhöhtem Maße fortzusetzen."[1]

Ein Hintergrund der Erklärung waren die blutigen Ausschreitungen in Palästina, von Arabern gegen Juden in demselben Jahr 1921, die etwa 100 Todesopfer gefordert hatten. Doch der Inhalt der Resolution, Verständigung mit den Arabern und was darunter zu verstehen sei, wurde innerhalb der zionistischen Bewegung kontrovers beurteilt. Die jeweilige Sicht hing eng damit zusammen, wie man die eigene, die jüdische Frage sah, d. h. wie man den eigenen Zionismus definierte. Je mehr Zionismus als sozioökonomische oder politische Lösung verstanden wurde, d. h. eigene Materie in Palästina in Form von Boden und politischer Macht für wichtig befand, desto größere Schwierigkeiten hatte er mit diesbezüglichen Konzessionen an die Araber Palästinas. Er hatte sie umgekehrt umso weniger, je mehr Zionismus als Idee galt, als subjektive Wiederbesinnung auf die eigene jüdische Identität. Die Prototypen dieser Zionismus-Versionen, die man oft auch nach ihren Präferenzen für Quantität oder für Qualität der jüdischen Siedlung unterschied, gediehen in verschiedenen Kontexten: Osteuropäischer Zionismus basierte tendenziell zum einen mehr auf ökonomischen Krisensituationen und sogar materiellen Existenzängsten, zum anderen auf der Begegnung mit institutionalisiertem Antisemitismus und sogar Pogromgefahr, so dass eigene Materie zumeist eine wichtige Bedeutung erhielt. Ein Zionismus der Idee hatte viele Anhänger gerade in Deutschland, wo er sich im 19. und 20. Jahrhundert nicht in einer Atmosphäre des Überlebens entfalten musste, sondern wo man sich im Kontext relativer Emanzipation und relativen Liberalismus befand.

Buber und die Verständigung mit der arabischen Bevölkerung



Im Groben sind im Zionismus vier große Lager in Bezug auf die Araberfrage zu unterscheiden, die sich seit Anfang der 1920er-Jahre mehr und mehr herauskristallisierten. Eingebracht hatte die Resolution Martin Buber, Philosoph und Pädagoge und ein herausragender Repräsentant des Lagers, das sich unter den Oberbegriffen "Verständigung – Integration" zusammenfassen lässt. Für die Vertreter dieses Lagers war Zionismus vor allem Idee und außerdem verbunden mit der Vorstellung einer anderen, besseren Weltordnung, zu verwirklichen auch in Palästina. Sozialismus, Pazifismus und Messianismus flossen hier zusammen, die Ideologien der radikalen Welt- und Menschheitsveränderer im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In deren Sinne erhob man ethische Höchstansprüche an den Zionismus, die arabische Frage galt dabei als Prüfstein. So sprachen Buber und seine Mitstreiter von jener Verständigung mit den Arabern Palästinas als wichtigem Faktor, ja fast einer Bedingung des Zionismus. Entsprechend enttäuscht waren sie vom schließlichen Wortlaut der Resolution. Denn in ihren ursprünglichen Entwürfen hatten sie um einiges emphatischer als in der angenommenen Fassung formuliert, dass man in "Frieden und Freundschaft" mit dem arabischen Volk zu leben wünsche. Dies reflektierte eine Sicht von Verständigung weit über politische Übereinkunft hinaus, auch als persönliches und wissensmäßiges Kennenlernen des arabischen Anderen, sogar als – in heutigen Begriffen – multikulturelles Zusammenleben. Buber stand beispielhaft für eine solche Verständigung von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk, von Kultur zu Kultur und nicht nur von Politikern zu Politikern. Doch auf den zum Teil unpolitischen Wurzeln des Konzepts der Verständigung bauten höchst politische Konsequenzen auf. Die Araber wurden nicht nur als Partner im Aufbau des Landes gesehen, sondern sogar als Landsmann/frau. Dass man sich in erster Linie als Bewohner dieses Landes und nicht als Angehöriger eines Volkes empfinden sollte, nahm Diskussionen vorweg, die Jahrzehnte später noch geführt werden. Und aus der individualethischen Forderung, die Perspektive des Anderen zu verstehen, zogen viele Zionisten mit einem Verständigungskonzept die in den 1920er-Jahren fast revolutionäre politische Konsequenz, die palästinensischen Araber als Volk und ihre Rechte als Kollektiv anzuerkennen. Damit hing zusammen, welche Staatsverfassung man für das Gemeinwesen in Palästina anstrebte. Schon im Resolutionsentwurf für 1921 war formuliert worden, dass die Juden in Palästina die Araber nicht beherrschen wollten. In den folgenden Jahren wurde mehr und mehr der Gedanke einer Staatsverfassung auf binationaler Grundlage entwickelt, der aus dem Kontext europäischer Vielvölkerstaaten des beginnenden 20. Jahrhunderts übernommen wurde und im Verständigungslager ein zentraler Punkt werden sollte. Für Palästina dachte man dabei an ein Gemeinwesen mit politischer Parität und zwei gleichberechtigten Staatsnationen, ungeachtet dessen, wer Majorität und wer Minorität sei, eventuell auch mit internationaler Überwachung. Dies erteilte nicht nur jeglichem "Judenstaat" eine Absage, sondern verlangte, neben der numerischen Bevölkerungsverteilung auch die zukünftige Bevölkerungsentwicklung unberücksichtigt zu lassen – von jüdischer wie von arabischer Seite. Dass dies problematisch war und beide Nationalismen damit kaum einverstanden waren, bildete den großen Knackpunkt des Verständigungskonzepts. Dessen Logik allerdings sagte in Bezug auf die Araber, gerade und nur das binationale Konzept sei imstande, den arabischen Widerstand gegen den Zionismus zu schwächen. Die Vertreter von Verständigung gingen damit davon aus, der Zionismus müsse und könne – bei allen Schwierigkeiten – Verständigung möglich machen.

Jabotinsky und das Konzept der Eisernen Mauer



Das andere Ende des zionistischen Spektrums, für das Zionismus vor allem politische Selbstbestimmung bedeutete, ging nahezu vom genauen Gegenteil aus: dass es keine Basis für solche Verständigung gebe und auch eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen beiden Völkern sich nicht vermeiden lasse, dass deren jeweilige nationale Bestrebungen auf gleichem Raum unvereinbar seien, dass die kulturellen Unterschiede sich nicht so einfach wegwischen ließen. Auch von seinem ganzen weltanschaulichen Hintergrund her war dieser Ansatz dem Konzept von Verständigung entgegengesetzt. Wo der eine Integration, die Gemeinschaft von Völkern und Menschen anstrebte – und solche beispielhaft in Palästina verwirklichen wollte – stand sein Gegenüber für politische und kulturelle Abtrennung, Separation, und betonte sehr absolut die Einteilung der Menschen in Nationen mit spezifischen Interessen. Die Resolution von 1921 schien aus dieser Sicht auf reinem Wunschdenken basiert. Vladimir Ze´ev Jabotinsky, Cheftheoretiker dieses separatistischen Ansatzes, sah keine der beiden Nationalbewegungen in Palästina zu einem Kompromiss bereit, daher Verständigung und freiwilligen Interessensausgleich als ein illusionäres Konstrukt und die zionistische Seite insofern genötigt, die eigenen Interessen auch gegen die Interessen der Araber durchzusetzen. Er selbst gehörte zu den frühesten und stärksten Advokaten eines jüdischen Staates in Palästina sogar inklusive Transjordaniens. Um dies zu verwirklichen, bliebe dem Zionismus nichts anderes als eine "Eiserne Mauer" zu errichten. So lautete Jabotinskys symbolische Bezeichnung für den Ausbau der eigenen Macht mit Militärgewalt, eine Bastion, hinter der die jüdische Siedlung voranzutreiben sei. Dagegen würden die Araber so lange anrennen, bis sie die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens einsähen und schließlich ihren Widerstand gegen den Zionismus aufgäben. Sobald dies der Fall und der jüdische Staat etabliert sei, wären ernste Verhandlungen über das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern möglich. Dass für Jabotinsky damit die Eiserne Mauer nur ein Übergangszustand war und er im übrigen Separation im Sinne von Transfer der arabischen Bevölkerung aus Palästina explizit ablehnte, waren zwei Tatsachen, die in seinem Lager oft übersehen wurden.

Das Lager um Ben Gurion und Chaim Weizmann



Beide Konzepte, sowohl jenes der Verständigung als auch jenes der Eisernen Mauer, befanden sich innerhalb der zionistischen Gesamtbewegung in der absoluten Minderheit. Für die zionistische Mehrheit war die arabische Frage vergleichsweise weit mehr in der Peripherie angesiedelt und beeinflusste die Ausgestaltung ihres Zionismus viel weniger. Es handelte sich dabei um das osteuropäisch geprägte zionistische Arbeiterlager um den späteren Staatsgründer David Ben Gurion sowie um die bürgerliche nationalliberale Mitte, repräsentiert durch Chaim Weizmann, langjähriger Präsident der Zionistischen Organisation. Weder die Vorstellung einer besseren Weltordnung für alle Menschen noch jene, einen jüdischen Staat gewaltsam erkämpfen zu müssen, machten die Grundlagen ihres Zionismus aus. Hingegen stand für beide Lager im absoluten Vordergrund, eine möglichst große jüdische Einwanderung nach und Kolonisation in Palästina voranzutreiben. Die Resolution zur arabischen Frage von 1921 reflektierte diese Haltung der Mitte: In dezidierter Absetzung von Jabotinsky erklärte sie den zionistischen Willen zur Kooperation mit den Arabern, betonte aber gleichzeitig, dass die Bemühungen dazu "unter uneingeschränkter Wahrung der Balfour-Deklaration" zu erfolgen hätten – in der die britische Regierung 1917 ihre Sympathie und Hilfestellung für jüdische Siedlung in Palästina erklärt hatte. Dass von Kooperation gesprochen wurde, war kein Lippenbekenntnis, für die zionistische Mehrheit aber eine Frage der Prioritäten und des Zeitpunkts. Kooperation wurde als wünschenswert, aber nicht als so essentiell notwendig betrachtet wie im Verständigungslager. Und im Gegensatz zu diesem war man nicht bereit, das eigene Ziel der großen jüdischen Siedlung aufgrund der Existenz der Araber stark anzupassen oder gar unterzuordnen. Dass dieses Ziel keinen Schaden nehmen würde, war im Prinzip ihre Bedingung für jedwedes Abkommen. Während im Verständigungskonzept Verständigung und Zionismus parallel kamen, lautete die Schlussfolgerung beider mittleren Lager, zunächst eine gesicherte Machtposition zu erringen, soweit wie möglich Fakten in Palästina zu schaffen. Grundsätzliche politische Änderungen in Palästina – wie sie die beiden Lager an den Polenden, in ganz unterschiedliche Richtungen, schon in den 1920er-Jahren anstrebten – sollten möglichst so lange aufgeschoben werden, bis eine für den Zionismus bessere Ausgangsposition erzielt sei.

In Bezug auf das jüdisch-arabische Zusammenleben in Palästina beharrte die Mitte weder mit großem Nachdruck auf dem Prinzip der Integration noch dem der Separation. Auch das politische Ziel für Palästina definierte man nicht eindeutig. Dass Ben Gurion und insbesondere Weizmann es lange Jahre vermieden, von einem jüdischen Staat zu sprechen, bedeutete keinesfalls, dass sie diesen nicht anvisierten, sondern beruhte auch auf politischer Taktik. Doch während die Konzeptionen der beiden Lager an den Polenden relativ statisch blieben, gab es in der Mitte zur Frage der Staatsform mehr Bewegung, vor allem nach dem arabischen Aufruhr von 1929 [2].

Der in dieser Zeit im Zionismus sehr einflussreiche Weizmann näherte sich nun den Konzeptionen des Verständigungslagers an. Mit seiner Formel "Nicht dominieren und nicht dominiert werden" propagierte er nicht nur die politische Gleichberechtigung beider Bevölkerungsteile, sondern gab vorläufig auch das Streben nach einer jüdischen Majorität in Palästina auf. Dies war innerhalb des weniger konzessionsbereiten Arbeiterlagers undenkbar, aber auch hier waren die Zeiten nun vorbei, in denen man, entsprechend sozialistischer Klassenlehre, behauptet – und gehofft – hatte, auf arabischer Seite sei nur die Großgrundbesitzerklasse der "Effendis" Gegnerin des Zionismus, zwischen jüdischen Interessen und arabischen Massen existiere kein Konflikt und man solle jegliche Verhandlung mit den Arabern aufschieben, bis sich die Klassenstruktur der arabischen Gesellschaft geändert habe. Auch hier wurden die Töne hinsichtlich der jüdischen bzw. arabischen Rechte auf Palästina defensiver und neue politische Zukunftsmodelle für Palästina entwickelt. Ben Gurion selbst hatte früh entgegengesetzte nationale Interessen wahrgenommen, die Araber als Rivalen um Boden, Arbeit und politische Herrschaft gesehen und sogar einen bewaffneten Kampf zwischen ihnen und den Juden vorausgesagt. Als ein Versuch, dem doch zu entgehen, ist sein Plan zur künftigen Aufteilung der Regierungsgewalt interpretierbar, den er nach 1929 präsentierte. Dieser enthielt binationale Elemente, betonte allerdings weiter stark die Bedeutung der Quantität und strebte unter der Voraussetzung, dass die Zahl der Juden jener der Araber mindestens gleich sei, schließlich einen föderalen Staat an. Ben Gurions eigene Partei bremste hier etwas ab, erklärte sich aber mit der Linie der Parität einverstanden – was der radikalste Vorschlag für die arabische Frage blieb, der je offiziell von einer zentralen zionistischen Körperschaft angenommen wurde. Dabei handelte es sich um die Partei, deren Führungskreise die Politik der jüdischen Gemeinschaft in Palästina bestimmten, seit den 1940er-Jahren mehr und mehr auch diejenige der gesamten zionistischen Bewegung und schließlich des Staates Israel.

Doch ab Ende der 1930er-Jahre entwickelte sich der Kurs der zionistischen Mehrheit immer mehr dahin, die jüdische Siedlung in Palästina durch einen jüdischen Staat zu sichern. Man löste sich vom ursprünglichen Prinzip der nur defensiven Gewaltanwendung und ging zum Prinzip der Offensive über. All dies war auch eine Reaktion auf den radikalisierten Kontext der Epoche: auf die Eskalation des Konflikts zwischen Juden und Arabern, die britische Politik der aufgehobenen Unterstützung für die jüdische Siedlung und des fast vollständigen Verbots jüdischer Einwanderung, nicht zuletzt auf Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Angesichts all dessen schien damals den meisten Zionisten die Resolution von 1921 irrelevant, bestenfalls wie ein frommer Wunsch – zumal ihr Pendant auf arabischer Seite fehlte.

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Fußnoten

1.
Abgedruckt in: Martin Buber, Ein Land und zwei Völker, Zur jüdisch-arabischen Frage, hg. von Paul R. Mendes-Flohr, FfM 1993, S. 93f.
2.
Es handelte sich um von arabischer Seite verübte Gewalttätigkeiten, blutige Überfälle und Massaker in allen Teilen des Landes.

 

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