Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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Shoah und Einwanderung

Nehmen Sie sie doch als "schwimmende Fracht" mit: Das Rettungsprogramm der Jewish Agency während des Holocaust


27.3.2008
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beschränkte die britische Mandatsmacht die jüdische Einwanderung nach Palästina. Mit den Konferenzen von Evian (1938) und Bermuda (1943) schloss die internationale Gemeinschaft ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Der Jischuv setzte deshalb auf "illegale" Einwanderung.

Das Flüchtlingsschiff "Jewish State" der Untergrundarmee Hagana am Hafen
von Haifa im Oktober 1947.Das Flüchtlingsschiff "Jewish State" der Untergrundarmee Hagana am Hafen von Haifa im Oktober 1947. (© AP)

Ende 1942 stattete Stanislaw Kott, ein langjähriges Mitglied der polnischen Exilregierung, dem Jischuv (den jüdischen Siedlern in Palästina vor der Staatsgründung Israels) einen Besuch ab, um sich mit ranghohen Vertretern der Jewish Agency Executive (JAE) und führenden Köpfen der polnisch-jüdischen Landsmannschaften (Einwanderer- organisationen) zu treffen. Das Treffen fand gerade zu dem Zeitpunkt statt, als jüdische Politiker in Palästina begriffen hatten, dass Hitlers Plan, das europäische Judentum auszurotten, wirklich real war; nur wenige Tage zuvor hatte die Jewish Agency ihre erste Erklärung zu den Absichten Nazideutschlands herausgegeben. Anfang der 1980er-Jahre entdeckte ein bekannter israelischer Historiker das Protokoll eines Banketts, zu dem die Jewish Agency 1942 aus Anlass von Kotts Besuch geladen hatte. Das Protokoll, das in einem Jerusalemer Archiv aufbewahrt war, enthüllte, dass die Anwesenden das Thema der Bürgerrechte in Polen nach der Beendigung des Krieges diskutierten. "Ich frage Sie", meinte der israelische Historiker herausfordernd, "war es das, was ihnen damals Sorge bereitete – der Status der Juden in Polen nach dem Krieg? War ihnen nicht bewusst, was gerade passierte? Nicht einmal Ben-Gurion?"

Diese beunruhigende Frage hallte lange nach, bis Clio, die Muse der Geschichte, eben jenen Historiker in die Archive der polnischen Exilregierung in London führte, wo er den Bericht fand, den Kott seinen Kabinettskollegen vorgetragen hatte. Aus diesem Dokument geht hervor, dass Kott berichtete, Ben-Gurion habe ihn nach dem Bankett zu einem Spaziergang durch Jerusalem eingeladen, bei dem Ben-Gurion alles, was bei dem Abendessen gesagt worden war, als unbedeutend abtat. "Was da gesagt wurde, ist unerheblich", sagte Ben-Gurion. "Die entscheidende und wichtigste Frage ist die, was getan werden muss, um die Juden zu retten, die in Europa in der Falle stecken und dahingeschlachtet werden. Wir alle müssen tun, was in unserer Macht steht, um sie zu retten."

Die Geschichte der widersprüchlichen Schlüsse, die aus isolierten Beweisen zu einem einzelnen Ereignis gezogen werden, zeigt, wie notwendig es ist, sowohl das offenkundige als auch das verborgene – das öffentliche als auch das hinter den Kulissen ablaufende – Wirken der Führung des Jischuv in dieser kritischen Periode zu untersuchen.

Jischuv und die Einwanderungspolitik der britischen Mandatsmacht



Warum hat die jüdische Führung diesen doppelten Kurs verfolgt? Der Jischuv stand seit dem Ende des Ersten Weltkrieges unter britischem Mandat und war von der Politik Großbritanniens abhängig. Der Britische High Commissioner für Palästina während der Kriegsjahre, Sir Harold Alfred MacMichael, war für seine negative Einstellung gegenüber der jüdischen Gemeinde bekannt. Seine Position wurde mit dem Ausbruch des Krieges und der Verabschiedung der Notstandsgesetze zunehmend feindseliger. Der Konflikt zwischen der jüdischen Gemeinde und den Mandatsherren konzentrierte sich auf drei Themen: Einschränkungen bei Landkäufen, Deportationen illegaler jüdischer Einwanderer und die Suche nach illegalen Waffenlagern jüdischer Untergrundbewegungen. Mit der Verkündung des nationalsozialistischen Vernichtungsprogramms kam allem, was die jüdische Einwanderung in Palästina behinderte, eine neue Bedeutung zu: es war das Todesurteil für jene, die in Europa blieben.

Die Politik der Briten in Hinblick auf die jüdische Gemeinde in Palästina während des Krieges stützte sich in erster Linie auf das Weißbuch von 1939, in dem festgestellt wurde, dass Großbritannien seine Verpflichtung erfüllt hatte, bei der Schaffung einer "nationalen Heimstätte" für die Juden mitzuhelfen. Das Weißbuch legte strikte Einwanderungsquoten für die Zeit zwischen 1939-1944 fest und vergab insgesamt 75.000 Scheine, 15.000 pro Jahr.

Die im Weißbuch enthaltenen Bestimmungen beruhten auf der Annahme, dass der arabischen Welt eine Schlüsselrolle in Bezug auf die Stabilität in der Region zukomme und Großbritannien deshalb die Araber beschwichtigen sollte, indem es die jüdische Einwanderung einschränkte und, zumindest vorübergehend, sein 1917 gegebenes Versprechen rückgängig machte, eine "nationale Heimstätte für Juden in Palästina" zu errichten. Die Besorgnis der Briten erstreckte sich über den Nahen Osten und die arabische Welt hinaus: Die Briten beobachteten die Muslime weltweit, vom indischen Subkontinent bis nach Nordafrika, mit gewissem Argwohn. Die arabische Revolte in Palästina (1936-1939) und die Loyalität des Großmuftis von Jerusalem, Haj Amin Al-Husseini, und anderer arabischer Nationalistenführer wie Rashid Ali Al-Kailani im an Erdöl reichen Irak gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland machten die Gefahren einer unparteiischen Politik nur allzu deutlich. Die Briten dachten nicht daran, ihre strategische Position in diesen Regionen aufs Spiel zu setzen, indem sie sich den Juden in Palästina gegenüber großzügig verhielten.

Das Weißbuch blieb während des Zweiten Weltkriegs in Kraft, auch wenn es zu weithin publizierten Vorfällen kam wie jenem, als das St. Louis Flüchtlingsschiff (1939) in See stach, die Struma und Mafkure Flüchtlingsschiffe (1942 bzw. 1944) sanken und internationale Konferenzen, in Evian und Bermuda 1938 bzw. 1943, einberufen wurden, um die Flüchtlingssituation zu lösen. Die Folgen des Weißbuches waren, zusammen mit der weiterhin restriktiven US-amerikanischen Einwanderungspolitik, praktisch eine Blockade aller potentiellen Ankunftshäfen für jüdische Flüchtlinge, die der Mordmaschine der Nazis zu entkommen suchten.

Jischuv und "illegale Einwanderung"



In Anbetracht dieser Situation organisierte der Jischuv in den späten 1930er und frühen 1940er-Jahren die "illegale Einwanderung" zehntausender Juden aus Europa, was er so weit als möglich vor den Briten und Amerikanern verborgen zu halten versuchte.

Die Rettungsstrategie des Jischuv stand unter dem unmittelbaren Einfluss der allgemeinen Politik der Alliierten, inklusive deren ausschließlichem Schwerpunkt auf dem Sieg über Hitler und der daraus folgenden Weigerung, Ressourcen für Rettungsmaßnahmen abzuzweigen; deren Bestehen auf Deutschlands bedingungsloser Kapitulation als Bedingung für die Beendigung des Krieges, was jede Verhandlung mit dem Feind oder dessen Abgesandten ausschloss; deren Weigerung, zuzugestehen, dass die Juden von Hitler ausgesucht wurden, um ermordet zu werden und die gleichzeitige Verneinung der Notwendigkeit, besondere Maßnahmen zu ihrer Rettung zu setzen; und schließlich deren Verbot finanzieller Transaktionen in das besetzte Europa, womit für Rettungsoperationen benötigte Gelder blockiert wurden.

Die Situation wurde dadurch erschwert, dass jene Mächte, die die Fluchtrouten der Juden blockierten – die Briten und die Amerikaner – auch diejenigen waren, die, gemeinsam mit den Russen, den militärischen Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland führten. Diese Ambivalenz machte es sehr schwierig für die Entscheidungsträger und Rettungsaktivisten im Jischuv und der weltweiten zionistischen Bewegung, eine klare Haltung gegenüber den Alliierten einzunehmen. Es zwang sie auch, sich die meiste Zeit in einer unbekannten Grauzone, zwischen offenen und verdeckten Aktionen, zu bewegen.

In den Augen der Zionisten war durch den Holocaust bewiesen, dass die Integration der Juden in ihre nicht-jüdische Umgebung eine Illusion war, die niemals Wirklichkeit werden würde und dass die einzige Lösung in ihrer ungewöhnlichen Lage die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina sei. In der Folge sah sich die zionistische Bewegung der großen Herausforderung gegenüber, zwei wichtige Projekte zur gleichen Zeit umzusetzen: den Aufbau der für den zukünftigen jüdischen Staat notwendigen Infrastruktur und die Rettung der Menschen, der sie dienen sollte. Das Bekanntwerden des Ausmaßes des Mordens an den Juden in Europa brachte die tragische Erkenntnis mit sich, dass zwar die Errichtung eines eigenen Staates für das jüdische Volk endlich zu einer realen Möglichkeit werden würde, es jedoch gleichzeitig immer unwahrscheinlicher wurde, dass es dann noch Menschen geben würde, um ihn zu bevölkern.



 

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