Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des Britischen Mandats

28.3.2008

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage der arabischen Bevölkerung



Gesellschaftlich und wirtschaftlich war die Lage der Bevölkerung Palästinas am Anfang der Mandatszeit durchaus vorteilhaft vergleichbar mit der anderer arabischer Regionen, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ihre Eigenstaatlichkeit entwickeln mussten: Beduinen hatten schon im 19. Jahrhundert jede ernstzunehmende Rolle in Wirtschaft und Politik verloren. Zahlenmäßig den größten Teil stellte die bäuerliche Gesellschaft dar, die zunehmend von einem modernen Großgrundbesitzertum dominiert wurde. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren wichtige Teile der landwirtschaftlichen Produktion für den Weltmarkt bestimmt: Seide, Baumwolle, Tabak, Apfelsinen und Getreide. Bis zum Ende des Mandates sollte die palästinensische Gesellschaft zum größten Teil eine bäuerliche Gesellschaft bleiben, während der jüdische Jischuv – obwohl stark vereinnahmt von einer Ideologie des Bodens, den es zu besitzen, bearbeiten und erweitern galt – von vorneherein eine überwiegend urbane Gesellschaft war (mindestens ¾ der jüdischen Bevölkerung).

In der urbanen Gesellschaft der Palästinenser hatte die Klasse der Schriftgelehrten bedeutende Machteinbußen hinnehmen müssen: Sie hatten das Monopol über Erziehung, Rechtsprechung und Weltanschauung verloren und mit der Verbreitung des Nationalismus war auch ihre Rolle als Quelle der Legitimierung politischer Herrschaft nicht mehr gefragt. In den Städten hatte sich in der Endphase des Osmanischen Reiches moderne Bildung und Ausbildung rapide durch Staats- und Privatschulen ausgedehnt. Eine neue Klasse modern trainierter Professioneller und Intellektueller entstand. Die Alphabetisierungsrate in Palästina war eine der höchsten. Das Druck- und Zeitungswesen wuchs und in den sich modernisierenden Städten übernahmen die neuen Professionellen mehr und mehr Funktionen in der Verwaltung der Großgemeinden.

Vom Gedanken des Nationalismus getragen sahen sich diese neuen Schichten nicht nur fähig sondern auch berechtigt, die Geschicke der Nation in eigener Regie zu führen. Die fast komplette Verneinung dieser Erwartungen durch die Mandatsmächte war einer der wesentlichen Gründe, die zu einer Radikalisierung des arabischen Nationalismus führte, der nun im antikolonialen Kampf seine Hauptaufgabe sah. Trotzdem unterschied sich die Entwicklung in Palästina aufgrund der besonderen Bedingungen wesentlich von denen in anderen Gebieten. Schon aus Kostengründen mussten die Briten in Transjordanien, im Irak und auch in dem halb unabhängigen Königreich Ägypten auf die neuen urbanen Klassen zurückgreifen, um Verwaltungsapparat, Schulsystem, Polizei und später das Militär auszubauen. Das waren die Basen, auf denen die neuen nationalen Eliten aufbauten und sich organisierten, um in den Nachfolgestaaten der Mandate die politische Macht auszuüben.

So schlecht auch die in den anderen Mandaten eingerichteten demokratischen Institutionen von Parlamenten, Parteien und Wahlen funktionierten (und von den Mandatsmächten immer wieder manipuliert wurden), so wurden sie doch die Basis für die Bildung neuer, einheimischer, politischer Eliten. Diese Institutionen existierten nicht einmal im Ansatz für die arabische Bevölkerung Palästinas. Stattdessen versuchten die Briten "nicht-nationale" traditionelle und religiöse Institutionen zu fördern oder, wo nötig, zu erfinden. Eklatantes Beispiel dafür war die Einrichtung der Position eines Großmuftis von Palästina, der u. a. die finanzielle Kontrolle über die frommen Stiftungen zugeordnet wurde. Als erster Inhaber dieser Position wurde ein junger Mann ausgewählt, der mit Mühe zwei Jahre religiöse Studien an al-Azhar Universität in Kairo abgeschlossen und in der osmanischen Armee als Offzier gedient hatte. Allerdings gehörte er der wohl wichtigsten Familie in Jerusalem, den al-Husainis, an. Mit seiner Ernennung konnten die Briten die Familie in eine Kooperation einbinden und gleichzeitig einen rivalisierenden Zweig innerhalb der Familie, der traditionell den Bürgermeister von Jerusalem stellte, in seiner Macht reduzieren. Im Gegenzug versprach der junge Mann, Hajj Amin al-Husaini für "Tranquilität" zu sorgen. Für fünfzehn Jahre verstand er es gut andere palästinensische, nationale Bewegungen zu schwächen, besonders im muslimischen Ausland Unterstützung für die palästinensische Sache zu mobilisieren, seine eigene Macht zu erhalten und auszubauen und d.h. sich nicht die Briten zum Feind zu machen. Erst mit dem arabischen Boykott und den Unruhen, als er deutlich gegen die Briten Position bezog, musste er fliehen. Über Irak, die Schweiz und Italien erreichte er im Herbst 1941 Deutschland. Nachdem er lange Jahre mit den Briten kollaboriert hatte, bot er sich nun dem Naziregime an. Die Zeit war ungünstig für ihn, denn der Russlandfeldzug beschäftigte das deutsche Regime viel mehr als der Nahe Osten, den man durchaus bereit war den Briten zu überlassen. Aber mit seinem Talent, sich immer als wichtiger darzustellen als er wirklich war, fand al-Husaini Zugang zu einigen Nazigrößen, besonders Himmler. Er identifizierte sich völlig mit der nationalsozialistischen Ideologie der Judenvernichtung.

Palästina war paradoxerweise ein Land mit weltweit extrem hohen Investitions- und Wachstumsraten in der Zwischenkriegszeit. Besonders an der Küste entstanden Industriebetriebe, Infrastruktur wurde massiv erweitert, städtische und strategische Bauvorhaben wurden durchgeführt. Die bei weitem wichtigsten Investoren waren die Britische Armee und der jüdische Jischuv. Die bessere Bezahlung in diesen Wirtschaftsektoren zog viele arabische Landarbeiter an. Die Migranten aus den arabischen Dörfern wurden in den Städten proletarisiert, ohne dass es eine begleitende Entwicklung einer neuen Führungsschicht gab. Die Abwanderung gefährdete den Wohlstand der Großgrundbesitzer und verringerte ihren Einfluss unter der arbeitenden Bevölkerung, die bessere Einkommensquellen fand. Aber da fast alle größeren Investitionen von den Briten oder dem jüdischen Jischuv getätigt wurden, entwickelte sich auch keine moderne, arabische Wirtschaftelite oder Unternehmerschicht, wie sie sich zumindest teilweise in Ländern wie Ägypten und Syrien entwickelten. In einem Wort: Im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung verloren alte Eliten ihre Funktionen, Legitimation und Autorität. Aber im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern wurde die Entwicklung neuer Eliten mit der Einrichtung des Mandats in Palästina fast völlig arrestiert. Spätestens mit dem Zusammenbruch des arabischen Aufstands 1939 gab es, unabhängig von der Zahl der Reichen, Gebildeten oder Begabten, für die Palästinenser keine funktionierende Führungselite mehr.

Das Ende des Britischen Mandats



Sucht man nach den Gründen für die Niederlage der arabischen Bevölkerung in Palästina, so findet man sie in der grundsätzlichen Ablehnung der Legitimität des Mandats, das in seiner spezifischen Verfassung und Zielsetzung jeden politischen Raum für die arabische Bevölkerung negierte; in der Ambivalenz zur eigenen Identität als Araber oder Palästinenser; in der Vielfalt politischer Ideologien und Weltanschauungen; in der ersatzlosen Auflösung alter, innerlich zerspaltener Eliten; in der Radikalisierung der politischen Lage, die zwar wiederholt zu Unruhen führte, aber mangels neuer Eliten nicht zu politischer Veränderung. Hinzu kommt die überwältigende Dynamik des rivalisierenden Nationalismus der Zionisten. Resultate dieser Entwicklungen oder deren Mangel waren schon im Februar 1939 erkennbar, als die britische Regierung einen letzten Lösungsversuch des Problems unternahm und dazu auch die Vertreter arabischer Staaten nach London zur sogenannten St. James Konferenz einlud, sozusagen als Fürsprecher für die Palästinenser. Die arabische Seite lehnte allerdings direkte Gespäche mit den zionistischen Vertretern ab, so dass die Briten als Vermittler auftraten. Die Konferenz ging ohne eine Einigung zu Ende. Im Februar 1947 übergab Großbritannien das Palästinaproblem an die neugegründeten Vereinten Nationen.

Nach der Annahme des UN-Teilungsplans für Palästina 1947, griffen die benachbarten arabischen Staaten 1948 Israel an, nicht so sehr, wie sie vorgaben, um die Palästinenser sondern um ihre eigenen widersprüchlichen Interessen zu verteidigen. Palästina verschwand buchstäblich von der Bildfläche und es sollte zwanzig Jahre dauern, bevor – unter völlig anderen Umständen – sich wieder eine nationale, politische Elite der Palästinenser entwickeln sollte.

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