Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des Britischen Mandats


28.3.2008
Nach Ende des Ersten Weltkrieges war Palästina noch ein Teil des Osmanischen Reiches. Mit dem Sieg der Briten über die türkischen Truppen 1917 fiel Palästina unter britische Herrschaft. Aber welche Politik verfolgten die Briten und welche Rolle spielte die arabische Bevölkerung in ihrer Politik?

Eine brennende und bis heute von allen Beteiligten intensivst diskutierte Frage der Geschichte Palästinas zur Zeit des britischen Mandats ist die nach den Gründen der Transformation der arabisch sprechenden Bevölkerung in Palästina[1] in eine reduzierte und vertriebene Minderheits- oder Flüchtlingsgesellschaft, von der weder der Name des Landes noch der Bevölkerung übrigblieb. Am Ende des Mandats und nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg wurden 78% des britischen Mandatsgebiets der neue Staat Israel, ein kleiner Küstenstreifen wurde von Ägypten verwaltet und unter dem Namen Gazastreifen bekannt, der Rest des Gebiets wurde dem Haschemitischen Königreich Jordanien zugeschlagen.

Im Jahre 1918 lebten nach Zählungen der britischen Militärregierung 573.000 Araber (davon ca. 10% Christen) und 66.000 Juden (ca. 10.3% der Gesamtbevölkerung) in Palästina. 1936 hatte sich das Verhältnis nach massiver Einwanderung aufgrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland in folgender Weise verändert: 955.000 Araber (davon ca. 12% Christen) und 370.000 Juden (27% der Gesamtbevölkerung). Selbst am Vorabend des ersten arabisch-israelischen Krieges konstituierte die jüdische Bevölkerung mit 600.000 Personen nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Im Folgenden soll in aller gebotenen Kürze hauptsächlich ein Blick auf die innere Konstituiertheit und Entwicklung der arabischen Bevölkerung Palästinas, d.h. der palästinensischen Gesellschaft unter dem britischen Mandat geworfen werden.

Palästina unter osmanischer Herrschaft



Altstadt von Jerusalem während des Osmanischen Reiches.Altstadt von Jerusalem während des Osmanischen Reiches. (© National Photo Collection Israel)
Weder unter mamlukischer noch unter osmanischer Herrschaft hatte es jemals einen Verwaltungsdistrikt "Palästina" gegeben. Teile dieser Küstenregion gehörten zur Provinz Damaskus, andere zum Vilayet Tripoli oder Sidon und später Beirut. Im 19. Jahrhundert wurde Jerusalem ein unabhängiger Distrikt, der direkt Istanbul unterstellt war. Erst die britische Militärverwaltung richtete am Ende des 1. Weltkriegs einen Verwaltungsdistrikt "Palästina" ein, der ursprünglich auch Gebiete der Syrischen Wüste östlich des Jordans mit einschloss. Mit der Abtrennung Transjordaniens 1921 und der Verabschiedung des Mandatsstatus 1923 für das Gebiet waren die Grenzen Palästinas festgelegt. Diese wie alle anderen Mandatsgrenzen wurden von den Arabern als "künstlich" bezeichnet, d.h. sie wurden von den Interessen von Außenmächten bestimmt ohne jede Rücksichtnahme auf die Wünsche der Bevölkerung oder der wirtschaftlichen, kulturellen und geographischen Gegebenheiten vor Ort. Der "künstliche" Charakter der Grenzen sollte aber nicht über die Verfestigung solcher Grenzen hinwegtäuschen: Auf dem Logo der Hamas werden ausgerechnet die von den Briten festgelegten Grenzen benutzt, um das Territorium des – so die Charta der Hamas – "islamischen Waqf [fromme Stiftung] Palästina, die immer bestand und bis zum Tag der Auferstehung so bleiben wird", zu definieren.

Das britische Mandat



Das Mandatssystem war ein politisches Konstrukt, das einen Kompromiss des von Präsident Wilson angemahnten "Selbstbestimmungsrecht der Völker" mit den imperialistischen Ambitionen der europäischen Mächte im Nahen Osten erwirken sollte. Prinzipiell wurde das Selbstbestimmungsrecht von allen Beteiligten anerkannt, seine Durchführung aber in eine unbestimmte Zukunft verschoben aufgrund der "mangelnden politischen Reife" der betroffenen Völker. Die Mandatsverträge verpflichteten die Mandatsmächte, die Bevölkerungen auf das notwendige Niveau "politischer Reife" zu bringen, um sie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Dieses Ziel erwähnt der Mandatsvertrag für Palästina nicht, sondern die Mandatsmacht verpflichtet sich in der Präambel des Vertrags die britische Unterstützung für die Errichtung einer "nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina", die in der im November 1917 veröffentliche Balfour Deklaration zugesichert wurde, in die Tat umzusetzen. Auf diese Verpflichtung wird auch in den Artikeln 2, 4, 6 und 11 ausführlich eingegangen. Auf die Mehrheitsbevölkerung wird in der Präambel eingegangen, wo im Zusammenhang mit der Verpflichtung für die "nationale Heimstätte" festgestellt wird, dass "nichts unternommen werden sollte, das die zivilen und religiösen Rechte von existierenden nicht-jüdischen Gemeinschaften beeinträchtigt". Die Förderung und der Schutz des zionistischen Projekts wurden durch die Übernahme der Balfour-Erklärung in den Mandatsvertrag der offizielle der Grund für die Präsenz der Briten in Palästina. Dementsprechend war die Zusammenarbeit der Briten mit dem Jischuv bei der Errichtung von politischen, gesellschaftlichen und Sicherheitsinstitutionen meist eng, während die Mehrheitsbevölkerung der Araber als politische Entität oder zumindest Problem überhaupt nicht angesprochen war.

Während des 1. Weltkriegs hatte Großbritannien widersprüchliche Versprechungen gegeben, die kaum miteinander zu vereinbaren waren. Dazu gehörten die Husain-McMahon Korrespondenz von 1915/1916, die arabische Unabhängigkeit versprach, dem Sykes-Picot Abkommen von 1916, das die Aufteilung des Gebiets zwischen Frankreich und Großbritannien festlegte sowie die Balfour-Erklärung von 1917, die den Juden die Schaffung einer "nationalen Heimstätte" in Aussicht stellte.

Im Verlaufe der Mandatsherrschaft verfolgten die Briten oft einen scheinbar widersprüchlichen Kurs und noch lange nach dem Ende des Mandats beschuldigten sowohl die Palästinenser als auch die Zionisten die Briten, während ihrer Herrschaft jeweils die andere Seite unterstützt zu haben. Allerdings war die britische Politik in Palästina keineswegs wankelmütig oder einseitig. Sie verfolgte geradlinig ein Ziel: die britische Kontrolle über die Land- und Wasserverbindungen (Suez) zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean - also den "imperial highway" nach Indien – möglichst kostengünstig zu erhalten. Das ließ sich häufig am besten in Zusammenarbeit mit den Zionisten erreichen.

Zu gewissen Gelegenheiten war aber eher eine Unterstützung der arabischen Seite zur Durchsetzung der wirklichen Interessen Großbritanniens geboten. So wurde nach den arabischen Unruhen von 1920 das sogenannte "Churchill White Paper" veröffentlicht, in dem zum ersten Mal der Umfang jüdischer Einwanderung von den "Kapazitäten" des Landes abhängig gemacht wurde.

Nach den arabischen Unruhen 1929 wurde ein Jahr später von der britischen Regierung das sogenannte "Passfield-White-Paper" veröffentlicht, in dem eine Begrenzung jüdischer Einwanderung und zionistischen Landkaufs empfohlen wurde. Allerdings wurde dieses White Paper auf jüdischen Protest hin in einem Brief der britischen Regierung an Chaim Weizmann (von den Arabern als "Black Letter" bezeichnet) wieder zurückgenommen.

Teilungsplan der Peel-Kommisson von 1937.Teilungsplan der Peel-Kommisson von 1937. (© Beck Verlag)
Die dramatisch zunehmende Auswanderung aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina führte in den 1930er Jahren zu neuen Unruhen. Nach dem Beginn des arabischen Boykotts 1936 veröffentlichte die Peel Commission ihren Bericht im Juli 1937. In diesem Bericht wurde zum ersten Mal von einer Teilung des Landes in einen jüdischen und arabischen Staat gesprochen. Nach heftigen Diskussionen nahm der zionistische Weltkongress den Teilungsvorschlag an. Die palästinensischen Araber lehnten ihn - genauso wie davor das ganze Konzept des Mandates - sofort ab. Dies führte zu weiterer Gewalttätigkeit, Verhaftung verschiedener palästinensischer Führer und der Flucht des Großmuftis Hajj Amin al-Husaini.

Nach drei Jahren palästinensischer Unruhen und am Vorabend des 2. Weltkriegs veröffentlichte die britische Regierung 1939 erneut ein White Paper. Darin wurde bestimmt, dass in 10 Jahren ein unabhängiger Staat Palästina errichtet würde, in dem Araber und Juden gleichermaßen vertreten und an Regierung und Verwaltung beteiligt sein würden. Die Einwanderung sollte auf 75.000 Juden während der nächsten 5 Jahre begrenzt sein. Illegale Einwanderer würden davon abgezogen. Landverkäufe an Zionisten sollten beschränkt werden. Die jüdische wie arabische Seite lehnten das White Paper ab.

Der Mandatsmacht gelang es nicht, eine Lösung in der Palästinafrage zu erreichen. Großbritannien ging aus dem 2. Weltkrieg geschwächt hervor, und als Indien 1947 seine Unabhängigkeit und der "Imperial Highway" seine Funktion verloren hatte, gab die britische Regierung ihr Mandat an die neu gegründete UNO zurück.

Die arabische Bevölkerung unter dem britischen Mandat



Die arabische Bevölkerung des neu konstituierten Mandats Palästina befand sich von Anfang an in einer schwierigen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation. Der vierhundertjährige politische Bezugsrahmen, durch das Osmanische Reich und den Sultan gegeben, war weggebrochen. Ein gerade entstehender, sich selbst noch definierender, politischer arabischer Nationalismus forderte die Freiheit und Unabhängigkeit aller Araber und verweigerte die Aufteilung des Territoriums durch die Europäer anzuerkennen. Traditionellerweise hatten Teile der Bevölkerung der nun Palästina genannten Region sich politisch nach Damaskus ausgerichtet (das heutige Westjordanland bis nach Jaffa und das östliche Galilea) andere mussten sich mit dem Gouverneur von Tripoli, Sidon oder Akko aueinandersetzen. Jerusalem war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine irrelevante Kleinstadt (ca. 10.000 Einwohner) geblieben. Die Konstruktion einer politischen und territorialen Einheit Palästinas hatte keinerlei historische Vorbilder, auf die man sich hätte berufen können. Die Frage nach nationaler Identität (Araber oder Palästinenser) und politischer Loyalität (Damaskus oder das neuerdings zur Hauptstadt Palästinas erhobene Jerusalem) war daher völlig offen und führte zu vielen Spaltungen.

Die politische Zerissenheit wurde darüberhinaus von einer Vielzahl alter und neuer Weltanschauungen und Ideologien geprägt. Neben traditionellen, religiös legitimierten patriarchalischen Herrschaftsmodellen entstand ein politischer Islam; der Panarabismus bestand neben einem arabischen, territorialen Nationalismus; Sozialismus, Säkularismus, Fortschrittsglaube, Forderungen nach politischer Partizipation und Demokratie bestanden nebeneinander und gegeneinander. Diese Zerissenheit stand im scharfen Gegensatz zu der relativen, politischen Homogenität des Jischuvs. Er spiegelte jedoch keineswegs das gesamte Spektrum der osteuropäischen jüdischen Gemeinde vor dem ersten Weltkrieg wider. Die Zionisten waren eine verschwindend kleine Gruppe, deren Ideen die große Masse der Juden nicht teilte. Von den ca. 2,2 Millionen jüdischer Emigranten aus dem Zarenreich bis zum 1. Weltkrieg gingen nur ungefähr drei Prozent nach Palästina. Diese teilten in der Tat eine dezidiert nationalistische und sozialistische Weltanschauung; sie waren gebildet und jung.

Eine Gruppe der neuerdings Palästinenser genannten Araber konnte sich durchaus gut mit den Gegebenheiten des Mandats abfinden: die Notabeln in Jerusalem, die nun von der Elite einer geringfügigen Stadt im Begriff waren zur Elite eines ganzen Landes aufzusteigen. Das politische Verhältnis der arabischen Bevölkerung zur britischen Mandatsregierung blieb trotzdem weiterhin höchst problematisch. Im Mandatsvertrag waren nur die Zionisten als politische Gemeinschaft erwähnt worden, im übrigen war von einer "nicht-jüdischen Bevölkerung" die Rede, deren Rechte nicht beschnitten werden sollten, für die aber auch kein politischer Plan existierte. Praktisch sah sich die Mandatsregierung als höchste Instanz über den beiden Gemeinwesen, dem jüdischen Jischuv und der arabischen Bevölkerung und förderte den Gedanken, dass die zwei Gemeinwesen unter neutraler, britischer Aufsicht und Leitung ihre eigenen Erziehungssysteme, Sicherheitsdienste, Krankenversicherungen, Gewerkschaften und Wirtschaft aufbauen würden. Der jüdische Jischuv bediente sich mit Enthusiasmus der Empfehlungen der Mandatsregierung und der Kooperation mit ihr, um alle Funktionen einer vorstaatlichen Gesellschaft auszubauen.

Die palästinensische Seite befürchtete, dass eine derartige institutionelle Kooperation die Anerkennung der Legitimität des britischen Mandats über Palästina und damit implizit die Anerkennung der Ansprüche der Zionisten und der Balfour Deklaration bedeuten würde. So beraubte nicht nur die oben erwähnte innere Zerissenheit der Gesellschaft, sondern auch die prinzipielle Ablehnung der Kooperation die Palästinenser der Möglichkeit, ihr eigenes nationales Gemeinwesen systematisch aufzubauen und zu organisieren. Trotzdem existierte gleichzeitig eine tatsächliche Kollaboration zwischen den Briten und traditionellen Notabeln und Elitefamilien, die sich davon für sich selbst Vorteile versprachen, häufig aber eher von den Briten zum eigenen Interesse manipuliert wurden.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage der arabischen Bevölkerung



Gesellschaftlich und wirtschaftlich war die Lage der Bevölkerung Palästinas am Anfang der Mandatszeit durchaus vorteilhaft vergleichbar mit der anderer arabischer Regionen, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ihre Eigenstaatlichkeit entwickeln mussten: Beduinen hatten schon im 19. Jahrhundert jede ernstzunehmende Rolle in Wirtschaft und Politik verloren. Zahlenmäßig den größten Teil stellte die bäuerliche Gesellschaft dar, die zunehmend von einem modernen Großgrundbesitzertum dominiert wurde. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren wichtige Teile der landwirtschaftlichen Produktion für den Weltmarkt bestimmt: Seide, Baumwolle, Tabak, Apfelsinen und Getreide. Bis zum Ende des Mandates sollte die palästinensische Gesellschaft zum größten Teil eine bäuerliche Gesellschaft bleiben, während der jüdische Jischuv – obwohl stark vereinnahmt von einer Ideologie des Bodens, den es zu besitzen, bearbeiten und erweitern galt – von vorneherein eine überwiegend urbane Gesellschaft war (mindestens ¾ der jüdischen Bevölkerung).

In der urbanen Gesellschaft der Palästinenser hatte die Klasse der Schriftgelehrten bedeutende Machteinbußen hinnehmen müssen: Sie hatten das Monopol über Erziehung, Rechtsprechung und Weltanschauung verloren und mit der Verbreitung des Nationalismus war auch ihre Rolle als Quelle der Legitimierung politischer Herrschaft nicht mehr gefragt. In den Städten hatte sich in der Endphase des Osmanischen Reiches moderne Bildung und Ausbildung rapide durch Staats- und Privatschulen ausgedehnt. Eine neue Klasse modern trainierter Professioneller und Intellektueller entstand. Die Alphabetisierungsrate in Palästina war eine der höchsten. Das Druck- und Zeitungswesen wuchs und in den sich modernisierenden Städten übernahmen die neuen Professionellen mehr und mehr Funktionen in der Verwaltung der Großgemeinden.

Vom Gedanken des Nationalismus getragen sahen sich diese neuen Schichten nicht nur fähig sondern auch berechtigt, die Geschicke der Nation in eigener Regie zu führen. Die fast komplette Verneinung dieser Erwartungen durch die Mandatsmächte war einer der wesentlichen Gründe, die zu einer Radikalisierung des arabischen Nationalismus führte, der nun im antikolonialen Kampf seine Hauptaufgabe sah. Trotzdem unterschied sich die Entwicklung in Palästina aufgrund der besonderen Bedingungen wesentlich von denen in anderen Gebieten. Schon aus Kostengründen mussten die Briten in Transjordanien, im Irak und auch in dem halb unabhängigen Königreich Ägypten auf die neuen urbanen Klassen zurückgreifen, um Verwaltungsapparat, Schulsystem, Polizei und später das Militär auszubauen. Das waren die Basen, auf denen die neuen nationalen Eliten aufbauten und sich organisierten, um in den Nachfolgestaaten der Mandate die politische Macht auszuüben.

So schlecht auch die in den anderen Mandaten eingerichteten demokratischen Institutionen von Parlamenten, Parteien und Wahlen funktionierten (und von den Mandatsmächten immer wieder manipuliert wurden), so wurden sie doch die Basis für die Bildung neuer, einheimischer, politischer Eliten. Diese Institutionen existierten nicht einmal im Ansatz für die arabische Bevölkerung Palästinas. Stattdessen versuchten die Briten "nicht-nationale" traditionelle und religiöse Institutionen zu fördern oder, wo nötig, zu erfinden. Eklatantes Beispiel dafür war die Einrichtung der Position eines Großmuftis von Palästina, der u. a. die finanzielle Kontrolle über die frommen Stiftungen zugeordnet wurde. Als erster Inhaber dieser Position wurde ein junger Mann ausgewählt, der mit Mühe zwei Jahre religiöse Studien an al-Azhar Universität in Kairo abgeschlossen und in der osmanischen Armee als Offzier gedient hatte. Allerdings gehörte er der wohl wichtigsten Familie in Jerusalem, den al-Husainis, an. Mit seiner Ernennung konnten die Briten die Familie in eine Kooperation einbinden und gleichzeitig einen rivalisierenden Zweig innerhalb der Familie, der traditionell den Bürgermeister von Jerusalem stellte, in seiner Macht reduzieren. Im Gegenzug versprach der junge Mann, Hajj Amin al-Husaini für "Tranquilität" zu sorgen. Für fünfzehn Jahre verstand er es gut andere palästinensische, nationale Bewegungen zu schwächen, besonders im muslimischen Ausland Unterstützung für die palästinensische Sache zu mobilisieren, seine eigene Macht zu erhalten und auszubauen und d.h. sich nicht die Briten zum Feind zu machen. Erst mit dem arabischen Boykott und den Unruhen, als er deutlich gegen die Briten Position bezog, musste er fliehen. Über Irak, die Schweiz und Italien erreichte er im Herbst 1941 Deutschland. Nachdem er lange Jahre mit den Briten kollaboriert hatte, bot er sich nun dem Naziregime an. Die Zeit war ungünstig für ihn, denn der Russlandfeldzug beschäftigte das deutsche Regime viel mehr als der Nahe Osten, den man durchaus bereit war den Briten zu überlassen. Aber mit seinem Talent, sich immer als wichtiger darzustellen als er wirklich war, fand al-Husaini Zugang zu einigen Nazigrößen, besonders Himmler. Er identifizierte sich völlig mit der nationalsozialistischen Ideologie der Judenvernichtung.

Palästina war paradoxerweise ein Land mit weltweit extrem hohen Investitions- und Wachstumsraten in der Zwischenkriegszeit. Besonders an der Küste entstanden Industriebetriebe, Infrastruktur wurde massiv erweitert, städtische und strategische Bauvorhaben wurden durchgeführt. Die bei weitem wichtigsten Investoren waren die Britische Armee und der jüdische Jischuv. Die bessere Bezahlung in diesen Wirtschaftsektoren zog viele arabische Landarbeiter an. Die Migranten aus den arabischen Dörfern wurden in den Städten proletarisiert, ohne dass es eine begleitende Entwicklung einer neuen Führungsschicht gab. Die Abwanderung gefährdete den Wohlstand der Großgrundbesitzer und verringerte ihren Einfluss unter der arbeitenden Bevölkerung, die bessere Einkommensquellen fand. Aber da fast alle größeren Investitionen von den Briten oder dem jüdischen Jischuv getätigt wurden, entwickelte sich auch keine moderne, arabische Wirtschaftelite oder Unternehmerschicht, wie sie sich zumindest teilweise in Ländern wie Ägypten und Syrien entwickelten. In einem Wort: Im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung verloren alte Eliten ihre Funktionen, Legitimation und Autorität. Aber im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern wurde die Entwicklung neuer Eliten mit der Einrichtung des Mandats in Palästina fast völlig arrestiert. Spätestens mit dem Zusammenbruch des arabischen Aufstands 1939 gab es, unabhängig von der Zahl der Reichen, Gebildeten oder Begabten, für die Palästinenser keine funktionierende Führungselite mehr.

Das Ende des Britischen Mandats



Sucht man nach den Gründen für die Niederlage der arabischen Bevölkerung in Palästina, so findet man sie in der grundsätzlichen Ablehnung der Legitimität des Mandats, das in seiner spezifischen Verfassung und Zielsetzung jeden politischen Raum für die arabische Bevölkerung negierte; in der Ambivalenz zur eigenen Identität als Araber oder Palästinenser; in der Vielfalt politischer Ideologien und Weltanschauungen; in der ersatzlosen Auflösung alter, innerlich zerspaltener Eliten; in der Radikalisierung der politischen Lage, die zwar wiederholt zu Unruhen führte, aber mangels neuer Eliten nicht zu politischer Veränderung. Hinzu kommt die überwältigende Dynamik des rivalisierenden Nationalismus der Zionisten. Resultate dieser Entwicklungen oder deren Mangel waren schon im Februar 1939 erkennbar, als die britische Regierung einen letzten Lösungsversuch des Problems unternahm und dazu auch die Vertreter arabischer Staaten nach London zur sogenannten St. James Konferenz einlud, sozusagen als Fürsprecher für die Palästinenser. Die arabische Seite lehnte allerdings direkte Gespäche mit den zionistischen Vertretern ab, so dass die Briten als Vermittler auftraten. Die Konferenz ging ohne eine Einigung zu Ende. Im Februar 1947 übergab Großbritannien das Palästinaproblem an die neugegründeten Vereinten Nationen.

Nach der Annahme des UN-Teilungsplans für Palästina 1947, griffen die benachbarten arabischen Staaten 1948 Israel an, nicht so sehr, wie sie vorgaben, um die Palästinenser sondern um ihre eigenen widersprüchlichen Interessen zu verteidigen. Palästina verschwand buchstäblich von der Bildfläche und es sollte zwanzig Jahre dauern, bevor – unter völlig anderen Umständen – sich wieder eine nationale, politische Elite der Palästinenser entwickeln sollte.

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Fußnoten

1.
Palästina bildete über Jahrhunderte keine eigenständige geographisch-politsche Einheit, die Namen, Grenzen und die Bevölkerung des Gebiets wechselten. Die Bevölkerung Palästinas setzte sich aus verschiedenen Gruppem zusammen, den arabischen Christen, Muslimen, Drusen, und Beduinen.

 

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