Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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28.3.2008

Der erste arabisch-israelische Krieg

Interview mit Benny Morris

Warum funktionierte der UN-Teilungsplan nicht? Wie konnte Israel den Krieg gegen die arabische Invasion gewinnen? Benny Morris spricht im Interview über die Rolle der UN, über israelische Kampfstrategien und über Motive der arabischen Armeen Israel anzugreifen.
Benny Morris.Benny Morris. (© AP)
Benny Morris: Der UN-Teilungsplan (UN-Generalversammlung Resolution 181) funktionierte vor allem deshalb nicht, weil die arabische Seite – die Palästinenserführung, das Arab Higher Committee und die arabischen Staaten ihn ablehnten und Auseinandersetzungen provozierten, um seine Umsetzung zu verhindern. Auf jüdischer Seite gab es Minderheitenparteien – die nationale revisionistische Bewegung oder die sozialistische Achdut HaAwoda-Partei – die gegen die Idee einer Teilung waren und ganz Israel (Palästina) für die Juden beanspruchten, doch die Hauptbewegung des Zionismus, angeführt von David Ben-Gurion und Chaim Weizmann, akzeptierte die Resolution. Die Jewish Agency Executive, die "Regierung" des Jischuw, der jüdischen Gemeinde Palästinas, sagte "ja" und hatte, wie aus den verfügbaren Quellen hervorgeht, die Absicht, die Resolution umzusetzen, die die Gründung eines jüdischen Staates neben einem palästinensischen arabischen Staat vorsah. Die Araber jedoch sagten "nein" und begannen einen Krieg. Das war der Hauptgrund, warum der Plan nicht funktionierte.

Aber auch die Bestimmungen der Resolution selbst waren mit größeren Problemen behaftet. Sie teilten das Land in sieben Stücke, drei arabische, drei jüdische und ein internationales (Jerusalem). Doch keine der beiden (dreigeteilten) nationalen Einheiten machte in geopolitischer Hinsicht wirklich Sinn, denn sie hatten keine natürlichen Grenzen und waren unmöglich zu verteidigen, was zu einer Reihe verschiedener Probleme geführt hätte, wenn die Resolution von beiden Seiten angenommen worden wäre. Außerdem hätten laut Resolution in dem jüdischen Staat 500.000 Juden und über 400.000 Araber gelebt, die nicht Teil eines jüdischen Staates sein oder unter jüdischer Herrschaft leben wollten. Damit war die zukünftige Katastrophe schon vorprogrammiert. Dazu kam noch, dass 100.000 Juden in der Jerusalemer internationalen Zone leben sollten, außerhalb des jüdischen Staatsgebietes – auch hier wieder ein unnatürliches Konzept (sie wollten Teil des jüdischen Staates sein, die Juden Palästinas wiederum wollten ein Staat sein, der ihre angestammte Hauptstadt, Jerusalem, mit einschloss). Auch das könnte ein Problem nach dem anderen verursacht haben.

Nachdem Ben Gurion am 14. 5. 1948 den Staat Israel ausgerufen hatte, griffen die Armeen der arabischen Länder (Syrien, Libanon, Jordanien, Ägypten und Irak) Israel an. Wie konnte Israel den Krieg gewinnen?

Benny Morris: Israel gewann den konventionellen Krieg gegen die Armeen der einfallenden arabischen Staaten, weil die jüdische Gemeinde zwar klein, aber bestens organisiert war (sie hatte eine demokratische Staat-im-Staat-Struktur, die sie während der Jahre unter britischem Mandat entwickelt hatte, und staatliche Organe wie Außenminister, Finanzminister usw. waren Ende 1947 bereits im Ansatz vorhanden), hoch motiviert war (sie fürchtete eine Wiederholung des Holocaust, der eben erst geendet hatte) und auf erstklassige Mitglieder zählen konnte. Der Jischuw hatte sich über viele Jahre auf einen Krieg vorbereitet, den, wie sie wussten, die Araber eines Tages entfesseln würden – und eine effiziente Bürgerwehr aufgestellt, die Hagana. 1946-48 investierten sie eine Menge Geld, das von Juden weltweit aufgebracht wurde, um Waffen zur Verfügung zu stellen und die dreihundert verstreuten jüdischen Siedlungen militärisch abzusichern. Als die palästinensischen arabischen Milizen am 30. November 1947 ihren Krieg gegen den Jischuw zu führen begannen, wurden sie bald geschlagen, obwohl sie, was die Bevölkerungszahlen betrifft, 2:1 überlegen waren und wahrscheinlich ebenso viele bewaffnete Männer aufweisen konnten wie die Juden. Doch die Palästinenser brachten nie eine nationale Miliz zustande – jedes Dorf und jede Stadt hatte eine eigene Bürgerwehr (insgesamt 800 Milizen).

Die arabischen Staaten wiesen eine Bevölkerung von 30-40 Millionen auf – aber sie waren auf einen Krieg nicht vorbereitet, hatten undemokratische Regierungen, die von großteils korrupten, inkompetenten Politikern angeführt wurden, und schlecht organisierte kleine Armeen (geeignet, um interne Auseinandersetzungen oder Minderheitenrevolten zu unterdrücken, aber nicht für Kämpfe außerhalb des Landes). Sie hatten inkompetente Offiziere (mit Ausnahme der unter britischem Kommando stehenden Arabischen Legion, der jordanischen Armee) und kämpften weit von Zuhause entfernt, im Land eines anderen. (Die Juden kämpften um Heim und Herd, und um ihr Überleben.) Die arabischen Armeen gingen alle mit geringen Waffenbeständen in den Krieg, die aufgrund des UN-Waffenembargos, das am 24. Mai 1948 über alle Konfliktparteien verhängt wurde, nicht aufgestockt wurden. Die traditionellen Waffenlieferanten der Araber, Großbritannien und Frankreich, hielten sich an das Embargo. Doch der Jischuw erhielt Waffen aus der kommunistisch regierten Tschechoslowakei, die sich nicht an das Embargo hielt und begierig war nach Dollars, sowie aus Schwarzmarktquellen.

Wäre es möglich gewesen, den Ausbruch des Krieges zu verhindern? Warum haben sich die UNO, die westlichen Alliierten, nicht am Krieg beteiligt, um den gerade ausgerufenen Staat Israel zu unterstützen?

Benny Morris: Der Krieg war wahrscheinlich unvermeidbar in den Jahren , 1947, 1948, 1950 und 1955, weil die Juden einen Staat errichten wollten und schließlich dazu auch die internationale Zustimmung bekamen, und die arabische Welt, aus politischen und religiösen Gründen, absolut gegen einen jüdischen Staat war (die Juden wurden als Ungläubige und historische Gegner des Islam angesehen). Die Araber, angeführt von den palästinensischen Arabern, die jeden Kompromiss oder eine Teilung Palästinas ablehnten, wären also auf jeden Fall irgendwann gegen den jüdischen Staat in den Krieg gezogen. Die UNO und jene ihrer Mitgliedstaaten, die einen souveränen jüdischen Staat befürworteten – die USA, die Sowjets, Frankreich usw. – hätten die Resolution 181 umsetzen und Truppen zur Verteidigung des jüdischen Staates entsenden sollen, sobald er von den Arabern überfallen wurde. Doch, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte die Welt genug vom Krieg und vom Sterben, und die Gründung eines jüdischen Staates war ihr wohl letzten Endes kein neuerliches Blutvergießen wert trotz eines allgemeinen Schuldbewusstseins – das dem UN-Teilungsbeschluss vom 29. November 1947 zugrunde lag – nichts getan zu haben, um den Holocaust zu verhindern oder aufzuhalten.

Wie würden Sie die Zeitspanne zwischen der Resolution 181, als der UN-Teilungsplan am 27. November 1947 verkündet wurde, und der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 beschreiben? Und welche strategische Bedeutung hatte diese Periode für den Staat Israel?

Benny Morris: Der Zeitraum zwischen dem 29.-30. November 1947 und dem 14. Mai 1948 war von dem Bürgerkrieg zwischen den jüdischen und arabischen Gemeinschaften Palästinas geprägt. Die palästinensischen Araber wurden von einem ungefähr 5000 Männer zählenden arabischen Freiwilligenheer unterstützt, das sich hauptsächlich aus Syrern und Irakern zusammensetzte und sich die Arabische Befreiungsarmee nannte, während das britische Mandat zu Ende ging und sich die Briten nach und nach aus dem Land zurückzogen. Der Krieg zwischen diesen beiden Gemeinschaften war die erste Phase des 1948er-Krieges (die zweite Phase war der zwischenstaatliche oder konventionelle Krieg, der mit der pan-arabischen Invasion (Ägypter, Syrer, Iraker und Jordanier) am 15. Mai 1948 begann und mit einer Reihe von Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und seinen jeweiligen Nachbarstaaten zwischen Februar und Juli 1949 endete.

Während des Bürgerkrieges, der bis zum 14. Mai 1948 dauerte wurden an die 1.800 Juden von den Arabern getötet – mehrere tausend Araber starben durch jüdische Hand. Als er zu Ende war, hatte sich die Hagana zu einer recht kompetenten Armee entwickelt, die Jewish Agency war zur Regierung des Staates Israel geworden; die Stimmung innerhalb des Jischuw war gut (er hatte eben seinen Krieg gegen die Palästinenser gewonnen) und die angreifenden arabischen Staaten hatten im Wissen um ihre Schwäche und angesichts der Selbstsicherheit des siegreichen Feindes ihre Zuversicht verloren. Alles das bereitete den Boden für den letztendlichen Sieg über die arabischen Staaten.
Was passierte in Deir Yassin? Welche Bedeutung hatte Deir Yassin für die jüdische bzw. die arabische Seite? Und wie haben die jüdische und die arabische Seite Deir Yassin für ihre Zwecke genützt?

Das Dorf Deir Yassin.Das Dorf Deir Yassin. (© AP)
Benny Morris: Deir Yassin war der Schauplatz einer Schlacht und mehrerer von jüdischen Truppen verübter Gräueltaten – in der arabischen Propaganda oft als "Massaker" bezeichnet. Am 9. April 1948 griffen ungefähr 130 Truppen der militärischen Untergrundorganisationen Irgun (IZL) und Lechi (LHI, die "Stern Gang") das Dorf Deir Yassin am westlichen Stadtrand Jerusalems an. Es war während der vorhergegangenen Monate des Bürgerkriegs im Allgemeinen ruhig gewesen und hatte ein Nicht-Angriffsabkommen mit der Hagana geschlossen. Warum die Irgun und Lechi es als Ziel ausgesucht haben ist unklar. Der Angriff fand statt, als die Hagana gerade die "Operation Nachshon" durchführte, die zum Ziel hatte, die von arabischen Freischärlern blockierte Straße von Tel Aviv nach Jerusalem freizumachen und damit die Belagerung der jüdischen Gemeinde der Stadt zu beenden.

Der Angriff der Irgun und LHI auf das Dorf traf auf unerwartet großen Widerstand, vier jüdische Soldaten wurden getötet und zwei Dutzend verletzt, und die Truppen konnten nur langsam vorrücken. Sie warfen Granaten in Häuser, bliesen Häuser in die Luft und schossen auf durch die Gassen flüchtende Menschen. Am Ende der Schlacht töteten sie offenbar auch eine Handvoll Gefangener. Insgesamt wurden im Laufe der Schlacht und bei sporadischen Überfällen rund 110 Dorfbewohner, Kämpfende und Zivilisten (wahrscheinlich vor allem Letztere) getötet. Die Hagana, Araber und Briten trieben die Zahlen der arabischen Toten in der Folge in die Höhe und sprachen gewöhnlich von "254" – sie alle hatten gute Gründe für die Übertreibung (die Hagana, die sowohl IZL als auch LHI als ideologische Feinde ansah; die Briten, die jahrelang unter den Terrororganisationen IZL und Lechi zu leiden hatten; und die Araber, die im Allgemeinen versuchten, das Image der Juden anzuschwärzen und dabei nicht zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppen unterschieden.)

Nach dem Vorfall wurde von arabischen Radiostationen immer wieder über die Geschehnisse berichtet, wobei die Gräueltaten sehr übertrieben wurden. Diese Meldungen hatten wohl zum Ziel, den palästinensischen Widerstand gegen die jüdischen Angriffe und Eroberungen von Dörfern zu stärken; sie hatten aber einen Bumerang-Effekt, indem sie die Kampfmoral der Araber im Land unterminierten – worauf der Geheimdienst der Hagana Deir Yassin als einen Hauptfaktor für die arabische Fluchtwelle und die Ursache des palästinensischen Flüchtlingsproblems bezeichnete. Araber flüchteten aus Angst, die Juden könnten in ihren Dörfern und Städten ähnliche Schreckenstaten begehen.

Für die Araber hatte Deir Yassin seit 1948 eine symbolische Bedeutung – es symbolisiert bis heute das Böse und die Verderbtheit der Juden, die Nakba (Unglück, Katastrophe) selbst, wie Araber den Krieg von 1948 oft bezeichnen. Zweifellos führten Meldungen und Gerüchte rund um Deir Yassin dazu, dass Araber nicht länger im Land bleiben wollten und aus vielen Gegenden flohen, darunter Jaffa und Haifa gegen Ende April. Die arabischen Freischärler übten Vergeltung für Deir Yassin, als sie am 13. April einen Versorgungskonvoi von Ärzten, Krankenschwestern und Studenten aus dem Hinterhalt überfielen, der aus Westjerusalem zum Skopus-Berg unterwegs war, wo sich die Hebräische Universität und die Hadassah-Universitätsklinik befinden. Rund 70 Personen, die meisten von ihnen Ärzte und Krankenschwestern, wurden getötet, mehrere Businsassen verbrannten bei lebendigem Leib.

Existierte ein Plan, die arabische Bevölkerung zu vertreiben?

Benny Morris: Es gab keinen Plan, die Araber aus Palästina zu vertreiben: Es wurde nie ein Beweis für solch einen Plan erbracht, es gibt keine Kopie eines solchen, keinen Hinweis, weder darauf noch auf irgendeine pauschale Entscheidung eines wichtigen jüdischen Gremiums wie der Jewish Agency Executive, der Hagana oder des Generalstabs der israelischen Streitkräfte, "die Araber" zu vertreiben. Einige arabische Propagandisten, darunter der ehemalige israelische Historiker Ilan Pappe, meinen im "Plan Dalet", dem vom Generalstab der Hagana am 10. März 1948 formulierten Plan D, einen solchen "Master Plan" zu sehen. Er war jedoch nicht darauf ausgerichtet, die Araber zu vertreiben. Er war darauf ausgerichtet, die Gebiete des jüdischen Staates am Vorabend des Abzugs der Briten und der erwarteten panarabischen Invasion abzusichern. Ab Anfang April lag allerdings schon "Transfer" oder "Vertreibung" in der Luft – als der Jischuw begann, den Bürgerkrieg zu verlieren, besonders auf den Straßen, und als eine arabische Invasion unmittelbar bevorstand, was die Zerstörung der palästinensisch-arabischen Milizen und ihrer Basen (im Land verteilter Dörfer) notwendig machte.

Kann man sagen, wie viele Palästinenser geflüchtet sind und wie viele vertrieben wurden?

Benny Morris: Die meisten der 700.000 Araber, die aus ihren Häusern vertrieben und später "Flüchtlinge" genannt wurden (was unzutreffend ist, denn zwei Drittel von ihnen landeten in anderen Teilen Palästinas und nur ein Drittel außerhalb des Landes, zumeist in Syrien, dem Libanon und Transjordanien – und "Flüchtling" bezeichnet jemanden, der aus seinem Land vertrieben wird), flohen aus Angst vor einem nahenden Kampf in ihren Dörfern und Städten und vor Kämpfen selbst. Man fürchtete, von Kugeln oder Granaten getroffen zu werden und unter jüdische Kontrolle zu kommen. Andere verließen ihre Heimat, vor allem Dörfer in der dicht besiedelten, von Juden bewohnten Küstenregion und Tälern, weil es ihnen von arabischer Seite geraten oder angeordnet wurde, von lokalen Befehlshabern und Behörden – Frauen und Kinder wurden aus Dutzenden Dörfern fortgeschickt, und ganze Dörfer wurden evakuiert, schon ab Dezember 1947 – entweder aus Angst, dass Zivilisten bei eventuellen feindlichen Handlungen verwundet werden könnten oder aus Angst, unter jüdischer Herrschaft in jüdischen Gebieten leben zu müssen (was in den Augen der Araber als Verrat galt).

Nur eine kleine Minderheit wurde physisch verstoßen – das heißt, sie waren in ihren Dörfern und Städten, als diese von Juden erobert wurden und ihnen befohlen wurde, diese zu verlassen (das bekannteste Beispiel einer solchen Vertreibung ist jenes der Bewohner von Lydda und Ramle am 12. und 13. Juli 1948). Fast alle, die flohen, erwarteten wahrscheinlich, nach einem Sieg der Araber oder einer UN- oder sonstigen internationalen Intervention in ihre Heimat zurückkehren zu können. Es ist nicht möglich, die Gründe für die Flucht oder Evakuierung der Araber in genauen Prozentzahlen anzugeben, vor allem, weil oft mehrere verschiedene Gründe, darunter auch die wirtschaftlichen Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, ausschlaggebend waren (was besonders für kleinere und größere arabische Städte zutraf).

Was bewog die arabischen Länder, Israel anzugreifen?

Benny Morris: Die arabischen Länder griffen Israel an, weil sie keinen jüdischen Staat oder souveräne jüdische Gemeinde in ihrer Mitte haben wollten, auf einem Boden, den sie als heiligen islamischen, arabischen Boden betrachteten. Sie wollten den jüdischen Staat in seinem Keim ersticken. Doch sie hatten auch andere Motive. Manche waren wahrscheinlich wirklich der Meinung, ihre Invasion würde der "Rettung" ihrer palästinensischen Brüder und der Rettung der Palästinenser vor den Juden dienen. Andere hatten die Erweiterung des Territoriums ihrer eigenen Staaten durch die Einverleibung von Teilen Palästinas im Auge. Das war sicherlich das Hauptmotiv für die Invasion König Abdullahs von Jordanien, der arabische Teile Palästinas besetzte, jene Teile jedoch mied, die von der UN für den souveränen jüdischen Staat vorgesehen waren. Auch die Syrier schienen eine territoriale Erweiterung anzustreben – um sich Galiläa oder zumindest den See Genezareth Syrien einzuverleiben. Und Ägypten beteiligte sich zum Teil deshalb an der Invasion, weil es verhindern wollte, dass Abdullah zu viel von Palästina für Jordanien erwirbt. Im Allgemeinen jedoch hofften alle (möglicherweise mit Ausnahme Abdullahs, der schon sehr früh erkannt hatte, dass die Araber zu schwach waren, um Israel zu schlagen), den jüdischen Staat zu beschneiden, ihm vernichtenden Schaden zuzufügen und ihn zu zerstören – das war ihr vorrangiges Ziel.

Hatten die arabischen Länder die Absicht, einen palästinensischen Staat zu errichten?

Benny Morris: Die arabischen Staaten waren geteilter Meinung, was die Errichtung eines palästinensisch-arabischen Staates anging. Alle arabischen Führer hassten Haj Amin al Husseini, der an der Spitze der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung und des AHC (Arab Higher Committee) stand. Einige wiederum, darunter der jordanische König Abdullah, hatten es auf Teile Palästinas abgesehen und lehnten die Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates ab. Sie alle legten jedoch Lippenbekenntnisse für die Idee eines eigenen palästinensisch-arabischen Staates ab – denn das war es, was die arabischen Massen, die arabische "Straße" offensichtlich wollte – und alle Staatsmänner (außer Abdullah) fürchteten die "Straße" sehr.

Jordanien besetzte Ostjerusalem und die Westbank. Warum haben sie dieses Land nicht den Palästinensern gegeben?

Benny Morris:Die jordanisch-haschemitische Monarchie verlangte ganz Palästina oder zumindest seine arabischen Teile für sich selbst. Sie war gegen einen palästinensisch-arabischen Staat – und Abdullah hasste Husseini und die Husseinis (die ihn schließlich 1951 ermordeten).
Die UNO forderte bereits 1948 das Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge. Im Friedensprozess hat das Rückkehrrecht für Flüchtlinge immer eine große Rolle gespielt. Oft hört man, wenn das Flüchtlingsproblem gelöst sei, würde sich auch der Konflikt lösen lassen. Stimmen Sie dem zu?

Benny Morris: In der Resolution 194 bestätigt die UN-Generalversammlung im Dezember 1948 das "Recht" friedliebender Araber auf Rückkehr bzw. auf entsprechende Entschädigung. Das Problem bestand darin, dass dieselben Araber, die geflüchtet waren, eben noch versucht hatten, den jüdischen Staat und/oder die jüdische Gemeinde zu vernichten – man kann den israelischen Politikern also nicht verübeln, dass sie sie nicht als "friedliebend" ansahen und ihre mögliche Rückkehr als das Eindringen einer großen potentiellen Fünften Kolonne empfanden, die den neugeborenen jüdischen Staat zu destabilisieren und möglicherweise zu stürzen drohte. 1948 zählte die jüdische Gemeinde in Palästina 650.000 Menschen, 1949 lebte eine arabische Minderheit von 160.000 Menschen im Land, die israelische Staatsbürger wurden. Wären 700.000 Flüchtlinge zurückgekehrt und hinzugezählt worden, hätte es beinahe auf einen Schlag eine arabische Mehrheit in dem "jüdischen" Staat gegeben – der damit zu einem arabischen Staat geworden wäre.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde von arabischen Vertretern wiederholt die Anerkennung des "Rückkehrrechts" und seine Umsetzung durch Israel und die internationale Gemeinschaft gefordert. Doch Israel ist bis heute bei seinem "Nein" geblieben – und das beruht, glaube ich, auf der Zustimmung von über 95% der israelischen Juden – denn wenn 4-5 Millionen "Flüchtlinge" (laut palästinensischen Angaben 5 Millionen, laut UN 4 Millionen – wenn man die Flüchtlinge von 1948 und deren Kinder, Enkel und Urenkel mitzählt) zurückkehren, gibt es keinen jüdischen Staat mehr. In Israel leben momentan 5,7 Millionen Juden und 1,3 Millionen Araber. Sollten 4-5 Millionen Araber auf israelisches Staatsgebiet zurückkehren – sie wären zahlenmäßig gleich oder würden leicht überwiegen – und wenn man von der arabischen Geburtenrate ausgeht, die doppelt so hoch ist wie die jüdische Geburtenrate, würden die Araber die Juden sehr rasch überschwemmen – und zu den 22 arabischen Staaten, mit denen die Welt bereits gesegnet ist, würde ein 23. hinzukommen.

Mit anderen Worten: Den Konflikt zu "lösen", indem man eine Rückkehr der Flüchtlinge ermöglicht, würde eine Lösung bedeuten, die ein Israel nicht mit einschließt. Eine solche Lösung ist nicht im Sinne der Israelis. Die Mehrheit der Israelis hält eine Zwei-Staaten-Lösung für gerecht, einen jüdischen Staat, der neben einem arabischen Staat in einem geteilten Palästina existieren kann. Das will die Hamas – die die meisten Palästinenser repräsentiert – aber nicht.

Warum haben die meisten arabischen Länder die palästinensischen Flüchtlinge bis heute nicht integriert?

Benny Morris: Die arabischen Staaten absorbierten und integrierten die palästinensischen Flüchtlinge nicht, weil sie die Palästinenser als eine andere Art von Arabern, als "Fremde" ansahen; weil sie meinten, die Gerechtigkeit würde verlangen, dass die Flüchtlinge zu ihren Häusern und Feldern zurückkehren könnten; und weil sie, wenn sie die Flüchtlinge als arme, staatenlose Flüchtlinge im Land behielten, weiterhin mit internationaler Anteilnahme und Goodwill sowie finanzieller Unterstützung rechnen konnten, gleichzeitig Israel wenig Wohlwollen entgegengebracht wurde (weil es das Problem "verursacht" hatte und für die Misere verantwortlich war) und sie damit über ein Menschenpotential verfügten, das sie im Bedarfsfall gegen Israel (als Guerillas oder Terroristen) zum Einsatz bringen konnten. In Jordanien wurden die Flüchtlinge eingebürgert, aber diskriminiert; im Libanon und in Syrien erhielten sie weder die Staatsbürgerschaft noch (üblicherweise) Arbeitsbewilligungen, mit der Beteuerung, dass sie seit 1949 von der internationalen Wohltätigkeit leben.

Die Interviewfragen stellte Hanna Huhtasaari.
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