Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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Das Verhältnis der DDR zu Israel


28.3.2008
Die staatliche Politik der DDR war zurzeit der Verfolgungen in den Jahren 1952/53 durchaus antisemitisch. Danach kam es immer wieder zu antiisraelischen Kampagnen, die auch offen antisemitischer Stereotype bedienten. Wie hat sich die Haltung gegenüber Israel entwickelt? Sebastian Voigt mit einem historischem Rückblick.

Herzlich begrüßte Erich Honecker im Haus des ZK den PLO-Vorsitzenden, Yasser
Arafat, am zweiten Tag seines offiziellen Freundschaftsbesuchs in der DDR im
März 1982.Herzlich begrüßte Erich Honecker im Haus des ZK den PLO-Vorsitzenden, Yasser Arafat, am zweiten Tag seines offiziellen Freundschaftsbesuchs in der DDR im März 1982. (© Bundesarchiv, Bild 183-1982-0310-027, Fotograf: Mittelstädt, Rainer.)

Die Beziehung zwischen Israel und der DDR ist nicht monokausal zu erklären. Sie unterliegt Wandlungen und ist doch über die meiste Zeit eher als ein "Nichtverhältnis" aufzufassen, weil es auf staatlicher Ebene jahrzehntelang keine offiziellen Kontakte gab. Unerlässlich zum Verständnis dessen sind zwei Ebenen: erstens die geopolitische Konstellation des Kalten Krieges und die Einbindung der DDR in die außenpolitische Strategie der Sowjetunion. Zweitens muss die ideologische Legitimation der DDR als antifaschistischer Staat, als "das bessere Deutschland" in einer differenzierten Beurteilung berücksichtigt und in Zusammenhang mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus, wie einer in der Bevölkerung weit verbreiteten Judenfeindschaft, diskutiert werden. Das Verhältnis von pragmatischem, außenpolitischem Interesse und ideologischer Motivation durchzieht also den Gegenstand wie ein roter Faden.

Reaktionen auf den UN-Teilungsplan



In der UNO-Debatte im November 1947 über die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina unterstützte die Sowjetunion die Gründung eines jüdischen Staates im Nahen Osten als eine Konsequenz aus dem Holocaust. Der sowjetische Botschafter begründete dies in seiner Rede wie folgt: "Es mag (...) nicht verfehlt sein, meine Zuhörer noch einmal daran zu erinnern, dass die Juden als Ergebnis eines von Hitler-Deutschland entfesselten Krieges mehr als jedes andere Volk gelitten haben. Sie wissen, dass es in Westeuropa kein einziges Land gab, dem es gelang, das jüdische Volk gegen die Willkürmaßnahmen der Nazis zu schützen. Die Lösung des Palästina-Problems, basierend auf der Teilung Palästinas in zwei separate Staaten, wird von grundlegender historischer Bedeutung sein, weil eine solche Entscheidung die legitimen Ansprüche des jüdischen Volkes berücksichtigt."[1] Selbstverständlich spielten auch strategische Interessen eine wichtige Rolle. Neben dem Ziel der Zurückdrängung Großbritanniens bestand aufgrund der sozialistischen Tradition der Kibbuz-Bewegung und des Linkszionismus die Hoffnung, dass ein Staat entstünde, der sich eng an die Sowjetunion anlehne. Israel wurde außerdem als fortschrittlich im Vergleich zu den feudalistischen, auf vormodernen Strukturen basierenden Gesellschaften im Nahen Osten gesehen. Folgerichtig lieferte die Tschechoslowakei auf Anweisung der Sowjetunion Waffen und bildete Kämpfer aus, als der jüdische Staat nach Annahme des UNO-Teilungsplanes im Mai 1948 von fünf arabischen Armeen überfallen wurde. Auch die SED hatte bereits im April 1948 die ersten offiziellen Kontakte zu Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung in Palästina aufgenommen. Zu diesem außenpolitischen Agieren kommt hinzu, dass es bei den führenden KPD/SED-Funktionären in den Jahren unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ein Bewusstsein für die Verstrickung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung in die nationalsozialistischen Verbrechen gab. So heißt es in einem ZK-Aufruf vom 11. Juni 1945, dass der Sieg der Alliierten die Befreiung der deutschen Bevölkerung gebracht habe, aber "um so mehr muss in jedem deutschen Menschen das Bewusstsein und die Scham brennen, dass das deutsche Volk einen bedeutenden Teil Mitschuld und Mitverantwortung für den Krieg und seine Folgen trägt. (...) Unser Unglück war, dass Millionen und aber Millionen Deutsche der Naziideologie verfielen, (...) das elementare Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit verloren und Hitler folgten."[2] Als zu ziehende Konsequenz daraus wurde ein grundlegender Umbau des Staates postuliert. Die neue politische Ordnung sollte die Grundlagen des Faschismus zerstören und damit die Gefahr des Krieges für immer bannen. Die Proklamation des staatsoffiziellen Antifaschismus führte dazu, dass sich viele jüdische Intellektuelle bewusst in der SBZ bzw. der frühen DDR niederließen und sich für den Staat engagierten. Hierzu gehörten etwa Ernst Bloch, Hanns und Gerhart Eisler, Stefan Heym, Helene Weigel und Arnold Zweig.

Die Haltung der DDR zum Staat Israel



Sehr bald jedoch wurden die in einen fundamentalen Neubeginn gesetzten Hoffnungen enttäuscht und auch die Israel wohl gesonnene Haltung der DDR verkehrte sich in ihr Gegenteil. Verschiedene Faktoren waren hierfür ausschlaggebend. Mit der sich anbahnenden Blockkonfrontation zerbrach die Anti-Hitler-Koalition und die ehemaligen Alliierten wurden zu unerbittlichen Gegnern. Als der israelische Ministerpräsident David Ben Gurion im Koreakrieg schließlich Partei für den Westen, in Gestalt der Vereinigten Staaten von Amerika, ergriff, war für die DDR Führung klar, dass Israel sich im anderen politischen Lager befand. Zusätzlich stellte Israel Anfang des Jahres 1951 offiziell Reparationsforderungen an beide deutsche Staaten, die es den vier Siegermächten überreichte, weil es mit den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nicht in Kontakt treten wollte. Wegen der unterschiedlichen Größe der beiden deutschen Staaten wurde von der BRD eine Milliarde US-Dollar und von der DDR 500 Mio US-Dollar gefordert. Während die Westmächte Israel drängten, sich direkt mit der BRD in Verbindung zu setzen, die ein Jahr später auch ein Wiedergutmachungsabkommen mit Israel schloss, verhielt sich die UdSSR abwartend und die DDR wies den Antrag brüsk zurück. Ohne eine offizielle Anerkennung sei gar nicht daran zu denken, Verhandlungen über Reparationen aufzunehmen.

Erinnerungspolitik in der DDR



Die Ablehnung verweist aber noch auf ein anderes Motiv, das aus dem Selbstverständnis der DDR und aus der kommunistischen Auffassung des Faschismus resultiert, die von der KPD bzw. der Komintern aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg stammt. Sie geht zurück auf ein Diktum Georgi Dimitroffs aus dem Jahre 1933. Demzufolge sei der Faschismus "die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals."[3] Der Nationalsozialismus erscheint in dieser Analyse als die Verschwörung einer kleinen Gruppe von Kapitalisten. Dadurch werden die Massenunterstützung für das System und die aktive Teilnahme großer Teile der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen ausgeblendet. Des Weiteren wird der Antisemitismus nicht als zentrale Ideologie des NS-Staates verstanden, der eine auf Vernichtung zielende Eigendynamik entfaltete und zu einem der handlungsbestimmenden Momente wurde. Vielmehr wurde er in marxistisch-leninistischer Tradition als Überbauphänomen gedeutet, das der Bourgeoisie dazu diene, das Proletariat zu spalten. Die Großindustrie und das Finanzkapital schienen die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen zu sein, weswegen die Verstaatlichung der Industrie und eine Bodenreform als die angemessenen Schlussfolgerungen aus dem Nationalsozialismus angesehen wurden.

Diese Haltung bedingte die Marginalisierung der Vernichtung der europäischen Juden in der Erinnerungspolitik der DDR. Während die Juden als eigenständige Opfergruppe nicht auftauchten, wurde der proletarisch-kommunistische Widerstand in das Zentrum des staatlichen Gedenkens gestellt. Diese ideologische Auffassung manifestierte sich später auch deutlich in der Gesetzgebung der DDR, wo zwischen "Kämpfer gegen den Faschismus" und "Opfer des Faschismus" unterschieden wurde. Die Juden bekamen als "rassisch" Verfolgte somit eine niedrigere Pension und galten als Opfer zweiten Ranges. Deshalb verwundert es nicht, dass primär keineswegs Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau, Sobibor und Treblinka mit dem Nationalsozialismus assoziiert wurden, sondern die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen zu den Hauptreferenzen in der DDR Erinnerung wurden. Als staatliche Gedenkstätten wurden sie 1958 bzw. 1961 eingeweiht.

Im Kontext des Kalten Krieges wurde das Gedenken von allen Seiten politisch instrumentalisiert. Die DDR trat als legitimer Nachfolgestaat der in den Konzentrationslagern gemarterten und ermordeten Antifaschisten auf, während die BRD in die Fußstapfen der Nazis getreten sei. So heißt es in einem Aufruf des Planungskomitees zur Errichtung der NS-Gedenkstätten Mitte der Fünfziger Jahre: "Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Pflicht! Diese Worte mahnen jeden! Sie rufen uns zur Tat! Wieder ist der deutsche Militarismus zur Hauptgefahr für den Frieden in Europa geworden. Wieder bedroht er die Sicherheit und Unabhängigkeit der Völker. Wieder fordert die militaristische und faschistische Meute in Westdeutschland offen zur Aggression gegen die friedliebenden Völker auf."[4]

Erklärungsbedürftig ist die Entwicklung, dass die SED Führung innerhalb von lediglich ein paar Jahren nicht mehr "Millionen und aber Millionen" Verantwortliche sah, sondern nur noch ein vom amerikanischen Imperialismus geknechtetes und kolonialisiertes Volk. Einerseits steht dies in Zusammenhang mit der endgültigen Stalinisierung der SED, die sich am Vorbild der "Partei neuen Typs", der KPdSU, orientierte, und somit keinerlei Dissens in den eigenen Reihen duldete. Der Antifaschismus wurde nationalistisch-patriotisch aufgeladen und diente hauptsächlich dazu, den vermeintlichen Faschismus in Westdeutschland oder in den Vereinigten Staaten von Amerika zu denunzieren. Die Veränderung steht andererseits im Kontext einer Entwicklung, die sich im gesamten Ostblock vollzog. Getrieben von einem paranoiden Antisemitismus nahm Stalin eine "Ärzteverschwörung" an. Die mehrheitlich jüdischen Ärzte wurden beschuldigt, einen Komplott zur Ermordung der Sowjetführung um Stalin geschmiedet zu haben. Lediglich dessen Tod im Jahre 1953 verhinderte, dass dies für alle Juden in der Sowjetunion ernsthafte Folgen hätte haben können. Bereits der Budapester Rajk-Prozess 1949 markierte den Auftakt einer ganzen Reihe spektakulärer Schauprozesse gegen führende Funktionäre der kommunistischen Parteien in Osteuropa.


Fußnoten

1.
Zitiert nach Arno Lustiger: Rotbuch: Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden, Berlin 1998, S. 186. Dieser Position folgend schrieb das Politbüro-Mitglied Paul Merker im Parteiorgan am 24. Februar 1948: "Der jüdischen Bevölkerung gehören die Sympathien und die tatkräftige Hilfe aller fortschrittlichen Kräfte. Besonders die demokratischen Kräfte Deutschlands haben die Verpflichtung, ihre Sympathien und Hilfsbereitschaft zum Ausdruck zu bringen." Paul Merker: Der neue Staat des jüdischen Volkes, in: Neues Deutschland vom 24. Februar 1948, S. 2.
2.
Zitiert nach Peter Erler u.a. (Hg.): "Nach Hitler kommen wir". Dokumente zur Programmatik der Moskauer KPD-Führung 1944/45 für Nachkriegsdeutschland, Berlin 1994, S. 391f. Noch weiter ging Paul Merker, wenn er schreibt: "Die nicht-jüdischen Deutschen, die dieses Verbrechen nicht verhinderten, die es zuließen, dass die deutschen Juden als Volksfeind erklärt und behandelt wurden, haben deshalb heute die Verpflichtung, die Juden als nationale Minderheit anzuerkennen." Paul Merker: Brief an einen Freund. Die Bewegung Freies Deutschland und die Zukunft der Juden, in: Freies Deutschland, 3. Jg./Nr.5/April 1944, S. 6 – 8, hier S. 7. Derartige Positionen wurden ihm später zum Verhängnis.
3.
Protokoll des XIII. Plenums des EKKI, Dezember 1933, Moskau-Leningrad 1934, S. 277. Hier zitiert nach Wolfgang Wippermann: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, 7. überarb. Aufklage, Darmstadt 1997, S. 58.
4.
Zitiert nach Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1988, S. 211. An anderer Stelle beschreibt er die politische Ausrichtung der Gedenkpolitik in der DDR wie folgt: "Das heißt, der vergangene ‚Kampf gegen den Faschismus´ ging nahtlos in die aktuellen Attacken auf die Bonner Regierung über." Herf, ebd., S. 197.

 

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