Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

Vom Jom-Kippur-Krieg bis zum Libanon-Krieg


17.3.2008
Israel wurde von dem ägyptischen und syrischen Angriff am 6. Oktober 1973 überrascht. Die Euphorie des 6-Tage-Krieges war schnell verflogen, die politische Führung in Israel stand unter Druck: Wie konnte der Angriff unbemerkt vorbereitet werden?

1973 – Jom-Kippur-Krieg für die einen, Ramadan-Krieg für die anderen



Israel konnte den Vormarsch der arabischen Einheiten stoppen. Die israelische Armee drängte diese in syrisches Gebiet und in den Sinai in Ägypten zurück. Nach dem Krieg wurde die besetzte Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben.Israel konnte den Vormarsch der arabischen Einheiten stoppen. Die israelische Armee drängte diese in syrisches Gebiet und in den Sinai in Ägypten zurück. Nach dem Krieg wurde die besetzte Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben. (© AP)

6. Oktober 1973, der jüdische Versöhnungstag Jom Kippur. Jitzchak Feller bereitete sich auf den morgendlichen Gang zur Synagoge vor. An ihrem wichtigen Feiertag besuchen viele Juden die Gottesdienste, die bis zum Sonnenuntergang anhalten. Danach wird das Fasten beendet, und manche nehmen dann das erste Mal seit 24 Stunden wieder etwas zu Essen und Trinken zu sich. An Jom Kippur 1973 sollte alles anders sein – auch für Jitzchak Feller.

"Ich war auf dem Weg zur Synagoge, und ich hörte den Verkehr auf der Straße. Es war gegen 9.30 Uhr am Morgen, am Feiertag. Das war wirklich seltsam. Ich dachte mir, es ist zu viel los auf den Straßen für diesen Tag. Nach dem Gottesdienst sah ich noch mehr Fahrzeuge – Militärfahrzeuge. Dann gab es im ganzen Land Sirenenalarm."

Was war geschehen? Die ägyptische Armee hatte israelische Soldaten auf der Sinai-Halbinsel angegriffen. Dort waren israelische Truppen stationiert. Zugleich marschierten syrische Einheiten in die Golan-Höhen ein. Beide Gebiete hielt Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt. Israel befand sich innerhalb weniger Stunden in einem Zwei-Fronten-Krieg. Weder in der ägyptischen Wüste im Süden noch in der Gebirgsregion im Norden gab es eine ausreichende Verteidigung.

Der Krieg von 1973 sollte mit der Bezeichnung des jüdischen Feiertages Jom Kippur in die israelischen Geschichtsbücher eingehen. Araber sprechen dagegen häufig vom Ramadan-Krieg, denn es war zugleich der muslimische Fastenmonat. Die ägyptische Armee schien den Angriff lange vorbereitet zu haben. Die Soldaten überquerten schnell den Suezkanal. Zuvor hatte die ägyptische und syrische Luftwaffe einen Angriff auf israelische Stellungen geflogen.

Die Folgen des Krieges von 1973 reichten weit über die Grenzen des Nahen Ostens hinaus. Die arabischen Staaten nutzten ihre reichen Ölvorkommen, um den Druck auf die westlichen und eher pro-israelisch eingestellten Staaten zu erhöhen. In Ländern wie Saudi-Arabien, Irak und Kuwait liegen die meisten der bisher bekannten Erdölvorkommen. Die arabischen Regierungen erhöhten 1973 den Verkaufspreis, das löste in vielen westlichen Staaten eine wirtschaftliche Krise aus. Der Krieg sollte jedoch schon bald entschieden sein.

Die arabischen Länder hatten wie beim ersten Arabisch-Israelischen Krieg unterschiedliche Pläne mit den Palästinensergebieten. Der ägyptische Präsident Mohammed Anwar as-Sadat sicherte das Westjordanland der PLO zu. Die Palästinensische Befreiungsorganisation war spätestens seit dem "Schwarzen September" 1970 ein Erzfeind Jordaniens. König Hussein hatte daher andere Pläne mit dem Westjordanland – er wollte es wie bereits nach dem ersten Arabisch-Israelischen Krieg in sein Königreich eingliedern.

Die israelische Armee konnte den Vormarsch der arabischen Einheiten stoppen und machte bald Landgewinne. Die jüdischen Kämpfer drangen tief in syrisches Gebiet ein. Die Luftwaffe bombardierte die syrische Hauptstadt Damaskus. In Ägypten überquerten israelische Soldaten den Suezkanal und näherten sich Kairo.

Etwa 2.700 Israelis und 20.000 Syrer und Ägypter starben bis zum Waffenstillstand mit Syrien am 22. Oktober und Ägypten am 24. Oktober 1973. Wie bei allen Arabisch-Israelischen Kriegen lagen die jeweiligen Angaben über Opferzahlen weit auseinander. Feststeht, dass die israelischen Soldaten besser ausgebildet waren als ihre arabischen Gegner. Sie besaßen mehr Erfahrung, manche hatten bereits 1948, im Suezkrieg 1956 und im Sechs-Tage-Krieg 1967 gekämpft. Zudem hatte es seit 1967 immer wieder Einsätze in den besetzten Palästinensergebieten gegeben. Da die einst streng geheimen israelischen Militärdokumente inzwischen veröffentlicht sind, kann die Zahl der israelischen Opfer als sicher gelten. Bei der Zahl der arabischen Opfer sind die Historiker auf Schätzungen angewiesen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte am 22. Oktober 1973 einstimmig die Resolution 338 verabschiedet. Darin heißt es: "Der Sicherheitsrat beschließt, dass sofort und gleichzeitig mit der Feuereinstellung Verhandlungen zwischen den beteiligten Parteien unter geeigneter Schirmherrschaft mit dem Ziel aufgenommen werden, einen gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten herzustellen." Zugleich sollten die Staaten im Nahen Osten damit beginnen, die Resolution 242 umzusetzen. Diese forderte den Abzug der israelischen Truppen aus den besetzten Gebieten; zugleich wurden die arabischen Länder aufgefordert, den Staat Israel anzuerkennen.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen standen Ministerpräsidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Moshe Dayan im MIttelpunkt der öffentlichen Kritik und traten zurück.Nach dem Ende der Kampfhandlungen standen Ministerpräsidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Moshe Dayan im MIttelpunkt der öffentlichen Kritik und traten zurück. (© AP)
Mit dem Ende der Kampfhandlungen waren auch die Tage der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir gezählt. Sie stand im Mittelpunkt der öffentlichen Kritik in ihrem Land. Wie konnten Ägypten und Syrien ungestört diesen Krieg vorbereiten? Wieso lagen dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad keine Informationen vor? Diese unbequemen Fragen konnte die israelische Regierung nicht beantworten. Golda Meir trat zusammen mit ihrem Verteidigungsminister Mosche Dayan zurück.

Ursachen für die unterlassenen Vorbereitungen könnten in den Folgen des Sechs-Tage-Krieges zu finden sein. Kaum jemand schien in Israel nach dem schnellen Sieg über die arabischen Angreifer eine weitere Attacke für möglich zu halten – schon gar nicht nach so kurzer Zeit.

Israel verkleinerte sich nach dem Krieg wieder. Die besetzte Sinai-Halbinsel wurde 1982 an den ägyptischen Staat zurückgegeben. Die Golan-Höhen wollte die israelische Regierung dagegen nicht an Syrien zurückgeben. UN-Soldaten sichern die Grenze zum Nachbarland. Der Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Ägypten hatte viele Ursachen. Eine davon war das Verhalten von Anwar as-Sadat. Der ägyptische Präsident hatte zwar den Überraschungsangriff an Jom Kippur auf Israel zu verantworten. Doch im November 1977 zeigte sich der einstige Falke als Friedenstaube. Für die Rückgewinnung der ägyptischen Sinai-Halbinsel war as-Sadat zu allem bereit. Er wollte mit Israel Frieden schließen und bot sogar an, vor der Knesset, dem israelischen Parlament, zu sprechen. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin nahm as-Sadat beim Wort und lud ihn nach Jerusalem ein.

Die Rede des ägyptischen Präsidenten hinterließ nicht nur bei den israelischen Abgeordneten Eindruck. Das erste Mal seit der Staatsgründung Israels sprach ein arabischer Staatsmann von Frieden mit den jüdischen Nachbarn. "Wir alle in diesem Lande Gottes – Muslime, Christen und Juden – loben alle Gott und sonst niemanden. Und Gottes Lehre und Forderung lautet: Liebe, Aufrichtigkeit, Frieden. Sie wollen mit uns leben in diesem Teil der Welt. Ich erkläre Ihnen in aller Ernsthaftigkeit: Wir heißen Sie unter uns willkommen. Wir lehnten Sie ab. Wir hatten dafür unsere Gründe und unsere Ansprüche. (...) Aber heute sage ich Ihnen – und ich sage es der ganzen Welt –, dass wir mit Ihnen leben wollen in einem dauerhaften, gerechten Frieden."

Der ägyptische Präsident Anwar Sadat, US Präsident Jimmy Carter und der israelische Premierminister Menachem Begin bei der Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages in Camp David.Der ägyptische Präsident Anwar Sadat, US Präsident Jimmy Carter und der israelische Premierminister Menachem Begin bei der Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages in Camp David. (© AP)
US-Präsident Jimmy Carter schaltete sich ein und lud den ägyptischen Präsidenten und den israelischen Ministerpräsidenten zu weiteren Friedensverhandlungen ein. Auf seinem Landsitz im US-amerikanischen Camp David verhandelten die einst größten Gegner as-Sadat und Begin tagelang. Am Ende stand im März 1979 der ägyptisch-israelische Friedensvertrag. Bereits im Jahr zuvor hatten Menachem Begin und Anwar as-Sadat für ihre Bemühungen den Friedensnobelpreis erhalten.

Der ägyptische Präsident machte sich in der arabischen Welt mit seiner israelfreundlichen Politik viele Feinde. Zu seinen größten Kritikern gehörten Palästinenser und radikale Muslime, die Israel das Existenzrecht absprachen. Am 6. Oktober 1981 fiel Anwar -as-Sadat einem Attentat zum Opfer. Ein Mitglied des ägyptisch-islamischen Dschihad erschoss den Präsidenten auf einer Militärparade in Kairo.

Die Islamisierung der Gesellschaft machte auch vor dem Gazastreifen und dem Westjordanland nicht Halt. Viele suchten im Glauben das, was die Realität nicht mehr bot – die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In den Flüchtlingslagern der besetzten Palästinensergebiete rekrutierten Mitglieder des Islamischen Dschihad Nachwuchs.

Auch in Israel wollte Ende der 70er Jahre bei vielen kein Alltag einkehren. Die Euphorie des siegreichen Sechs-Tage-Krieges war schnell vergangen.

Israel unter Menachem Begin: von der israelischen Besiedlung der Palästinensergebiete bis zum Libanonkrieg 1982



Die israelischen Soldaten besetzten die palästinensischen Gebiete nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Schon kurze Zeit später begann die Besiedlung des Landes mit Zivilisten. Jüdische Siedler zogen mit ihren Familien in das Westjordanland und den Gazastreifen. Sie errichteten eigene Wohnsiedlungen, Fabriken und Geschäfte. Auf eigens für die Siedler gebauten Straßen umfahren sie bis heute palästinensische Orte. Palästinenser, die auf diesem Gebiet einen eigenen Staat anstrebten, empfanden das von Anfang an als Provokation.

Die israelische Regierung sprach bei den Siedlungen von Wehrdörfern. Die Orte dienten der Armee als militärische Stützpunkte. Der stellvertretende israelische Ministerpräsident Jigal Allon hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg einen Plan zur Besiedlung vorgestellt. Der dicht bewohnte Teil des Westjordanlandes sollte an Jordanien abgegeben werden, darunter Städte wie Ramallah, Nablus und Dschenin. Gebiete im Jordantal sowie am Toten Meer und ganz Ost-Jerusalem sollten dem Staat Israel einverleibt werden und stünden somit für die israelische Besiedlung zur Verfügung.

Von 1974 an spielte die religiöse Begründung mehr als die militärische Situation eine Rolle: Jüdische Fundamentalisten gründeten Gusch Emunim, hebräisch für Block der Getreuen. Für die Mitglieder gab es keine Palästinensergebiete, sondern nur ein jüdisches Großisrael. Die jüdischen Siedler beriefen sich auf Textstellen in der Tora. Dort tauchen die Namen von Ortschaften auf, die im heutigen Gazastreifen und im Westjordanland liegen. Die ultra-religiösen Mitglieder von Gusch Emunim errichten dort mit staatlicher Hilfe Siedlungen.

Die Besiedlung aus religiösen Gründen war für sehr gläubige Juden ein ausreichendes Argument. Die dort lebenden christlichen und muslimischen Palästinenser hatten und haben dafür kein Verständnis. Vielmehr schränkten die Siedlungen ihre Bewegungsfreiheit ein. Zwei Bewegungen, eine jüdische und eine palästinensische, profitierten am meisten von den Siedlungsprojekten: Die politische Rechte in Israel sah ihren Traum von einem Großisrael ohne Palästinenser näher rücken; sie unterstützten darum die Siedler. Die politischen Gruppen in den Palästinensergebieten wiederum konnten sich vieler neuer Mitglieder sicher sein; denn PFLP und Fatah sagten den Siedlern den Kampf an.

Aus Sicht der Vereinten Nationen haben die israelischen Siedlungen in den Palästinensergebieten "keine (völker)rechtliche Gültigkeit". Es handelt sich bei diesen Siedlungen nach der UN-Resolution 446 von 1979 um "ein ernsthaftes Hindernis, einen umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten herzustellen". Die Siedlungspolitik verstößt zugleich gegen die Vierte Genfer Konvention. Dort heißt es: "Die Besatzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder entsenden."

Mehr politische Unterstützung im eigenen Land fanden die Siedler von 1977 an. Der israelische Politiker Menachem Begin war an die Macht gekommen. Auf die palästinensische Bevölkerung war Menachem Begin nicht gut zu sprechen. Der Politiker war Mitgründer der Cherut-Partei (hebräisch für Freiheit), die ein Groß-Israel ohne Palästinensergebiete vorsah. Westjordanland, Gazastreifen und Ost-Jerusalem gehörten nach dieser Idee zum israelischen Staat.

1973 ging aus Menachem Begins Partei der Likud-Block hervor (Likud ist das hebräische Wort für Bund). Dabei handelte es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Parteien, die das Staatsgebiet Israels ausdehnen wollten. Die Siedlerbewegung hatte mit dem Wahlsieg des Likud-Blocks 1977 gute Voraussetzungen, ihre Gebiete zu erweitern. Menachem Begin förderte massiv den Ausbau der Siedlungen. Staatliche Subventionen machten das Leben in den Palästinensergebieten für Israelis auch aus wirtschaftlichen Gründen attraktiv. In den zehn Jahren nach Begins Amtsantritt erhöhte sich die Zahl der Siedler von 5000 auf 65.000.

Bereits nach wenigen Jahren der israelischen Besatzung entwickelte sich eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Die israelischen Behörden schlugen auf Importe aus anderen Ländern hohe Zölle. In der Folge griffen die Palästinenser auf die wesentlich billigeren israelischen Produkte zurück. Umgekehrt wurde Israel zum Exportland Nummer eins für palästinensische Waren. Die produzierten nicht selten israelische Unternehmen in den Palästinensergebieten, denn die Löhne der dort beschäftigten Palästinenser lagen ein Vielfaches unter dem israelischen Niveau. Gleichzeitig arbeitete über ein Drittel der palästinensischen Arbeitnehmer in Israel; sie verdienten in Tel Aviv oder Haifa weit mehr als in Ramallah oder Gaza-Stadt. Zugleich strömten israelische Siedler und Touristen in palästinensische Städte, wo für vergleichsweise wenig Geld eingekauft und gegessen werden konnte.

Viele der palästinensischen Arbeitnehmer arbeiteten auf israelischen Baustellen. Die meisten davon lagen auf israelischem Boden, manche aber auch im Westjordanland und dem Gazastreifen. Manche Palästinenser halfen somit beim groß angelegten und kostengünstigen Aufbau der israelischen Siedlungen mit. Einige der Wohngebiete entstanden mitsamt der Infrastruktur auf dem beschlagnahmten Land der Palästinenser. In den 80er Jahren erreichten manche dieser Siedlungen das Format von Städten.

Die wenigsten Bewohner solcher Ortschaften leben nur aus religiösen Gründen dort. Vielmehr locken verbilligte Mieten und die verkehrsgünstige Anbindung an Metropolen wie Jerusalem und Tel Aviv. Der Bau eines Einfamilienhauses ist in israelischen Großstädten für Normalverdiener viel zu teuer. Die Immobilienpreise zwingen viele kinderreiche Familien dazu, in kleinen Mietwohnungen unterzukommen. Dicht bebaute Stadtviertel mit hohen Wohnblöcken zeugen nicht nur in Haifa und Tel Aviv davon.

Die international umstrittene Siedlungspolitik bereitete Menachem Begin im eigenen Land kaum Probleme. Doch die Auswirkungen des unmittelbar bevorstehenden Krieges sollten bald seine Amtszeit beenden. Angreifer aus dem Libanon, dem Nachbarland im Norden Israels, provozierten den jüdischen Staat. Radikale Libanesen verbündeten sich dort mit Palästinensern, die meisten von ihnen Flüchtlinge. Etwa 100.000 Palästinenser waren im Laufe des ersten Arabisch-Israelischen Krieges 1948/1949 aus Städten wie Akko, Haifa und Nazareth in den Libanon geflüchtet.

Zugleich lebten in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon zahlreiche Aktivisten der PLO. Nachdem der jordanische König 1970 die Palästinensische Befreiungsorganisation des Landes verwiesen hatte, organisierten die Mitglieder ihre Angriffe vom Libanon aus. Die PLO schleuste palästinensische Kämpfer über die libanesische Grenze nach Israel. Dort verübten sie Ende der 70er Jahre Anschläge und griffen israelische Orte an. Mit Hilfe arabischer Staaten kamen die PLO-Aktivisten an Katjuscha-Raketen. Mit dem sowjetischen Raketenwerfer konnten sie Ziele im Norden Israels erreichen.

Am 6. Juni 1982 startete die israelische Armee die "Operation Frieden für Galiläa". Galiläa heißt das Gebiet im Norden Israels. Israelische Kampfflugzeuge bombardierten Beirut, wo die PLO ihre Büros hatte, sowie Ziele im Südlibanon. Wochenlanges Artilleriefeuer ging einher mit dem Vormarsch der israelischen Soldaten. Die Armee bekämpfte die PLO-Aktivisten und syrische Einheiten, die an der Seite der Palästinensischen Befreiungsorganisation kämpften. Die israelische Armee zwang die PLO zur Flucht nach Tunis, der tunesischen Hauptstadt. Dort war bereits das Hauptquartier der Arabischen Liga.

Die christlichen Milizen im Libanon nutzten den israelischen Einmarsch, um ihrer Wut gegen die Palästinenser freien Lauf zu lassen. Sie richteten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila vom 16. bis 18. September 1982 ein Massaker an.

Die israelische Armee schien mit der Situation im Libanon überfordert zu sein. Die israelischen Soldaten fanden sich inmitten eines Kampfes verschiedener politischer und religiöser Gruppen wieder. Ministerpräsident Menachem Begin sah sich zusammen mit seinem Verteidigungsminister Ariel Scharon heftiger Kritik ausgesetzt. Strittig war, ob die israelischen Soldaten beim Massaker von Sabra und Schatila nicht eingreifen wollten, nicht konnten oder nicht durften.

Die israelische Regierung setzte bereits Ende September 1982 die Kahan-Kommission ein, um das Verhalten ihrer Soldaten zu untersuchen. Was die Gruppe unter dem Vorsitz des Präsidenten des Hohen Gerichtshofes Jitzchak Kahan herausfand, warf kein gutes Licht auf Ariel Scharon. Der damalige Verteidigungsminister hatte nach Ansicht der Kommission fahrlässig gehandelt. Ariel Scharon musste zurücktreten. Eine Gruppe von Soldaten hatte sich geweigert, im Libanon zu kämpfen. Diese Israelis gründeten die Organisation Yesch Gvul, hebräisch für "Es gibt eine Grenze". Sie lehnten später auch Einsätze in den besetzten Palästinensergebieten ab. Die meisten der im Libanon stationierten israelischen Soldaten verließen 1985 das Land. Nur im Süden sollten in einer sogenannten Sicherheitszone israelische Einheiten bis Mai 2000 verweilen.

Der Iran förderte den Aufbau einer neuen israelfeindlichen Bewegung im Libanon; sie nannte sich die Partei Gottes, auf Arabisch Hisbollah. Das Ziel dieser Gruppe war die Befreiung des Libanons von israelischen Truppen sowie die Zerstörung des Staates Israel. Die Hisbollah machte sich vor allem bei den sozial Schwachen im Land beliebt, da sie eigene Schulen und Krankenhäuser betrieb. Dies führte viele Palästinenser aus den libanesischen Flüchtlingslagern in die Arme der radikalen Gruppe. Die Hisbollah rekrutierte in den Flüchtlingslagern junge Palästinenser, um sich auf den nächsten Krieg mit Israel vorzubereiten.

Martin Schäuble, Noah Flug: Die Geschichte der Israelis und Palästinenser
© Carl Hanser Verlag, München, Wien 2007



 

Arabischer Frühling

Der Arabische Frühling und der israelisch-arabische Konflikt

Mit den Umbrüchen in der Region hat Israel nicht nur geopolitische Partner verloren. Die innenpolitische Zuspitzung in Staaten der Region, insbesondere in Syrien, könnte den Nahostkonflikt sogar weiter verschärfen. Muriel Asseburg erklärt, warum. Weiter... 

Ausstellungstafeln der Amadeu Antonio Stiftung im Bundespresseamt über verschwiegenen Antisemitismus.Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine Gesellschaftstheorie, die so viel Anreiz bietet, weil sie für alles Schlechte dieser Welt einen Schuldigen benennt. Hat es also gar keinen Sinn, etwas dagegen zu tun? Anetta Kahane meint: nein. Ein Plädoyer für den entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus. Weiter... 

TafelDer Feindschaft begegnen

Antisemitismus als Gegenstand des Schulunterrichts

Holocaust-Erziehung kann Jugendliche zwar sensibel machen für die Gefahren des Antisemitismus, aber nicht immunisieren. Die Maßnahmen der Aufklärung müssen umfassender sein. Weiter...