Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
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Die Zukünfte der israelischen Gesellschaft


14.4.2008
Israel hat viele Zukünfte. Welche davon Gestalt annehmen wird, hängt von globalen, regionalen und lokalen Entwicklungen ab.

Kippot (religiöse Kopfbedeckung) gibt es in den verschiedensten Ausführungen.Kippot (religiöse Kopfbedeckung) gibt es in den verschiedensten Ausführungen. (© Hanna Huhtasaari)

Einleitung



Vorhersagen sind ein riskantes Geschäft, umso mehr, wenn es um Israel geht. Gemäß der jüdischen Tradition ist die Gabe der Prophezeiung seit der Zerstörung des Tempels den Narren vorbehalten.[1] Im neuzeitlichen Verständnis wird Futurismus entweder dem Reich der Phantasie und der Fiktion zugeschrieben, oder er steht für einen Zweig der Sozialwissenschaften. Ich gehöre keiner der beiden Lehrmeinungen an. Daher ist die folgende Exkursion in die Zukunft, oder eigentlich müsste man sagen die Zukünfte, der israelischen Gesellschaft genau genommen ein Versuch, die Gegenwart zu kommentieren.

Israel hat viele Zukünfte. Welche davon Gestalt annehmen wird, hängt von globalen, regionalen und lokalen Entwicklungen ab, von denen manche einigermaßen vorhersagbar, andere unvorhersagbar sind. In gewissem Maße hängt Israels Zukunft natürlich von den Israelis ab, obwohl es unmöglich ist, dieses Maß zu benennen. Dennoch ist die Verantwortung der Israelis für ihre gemeinsame Zukunft ein faszinierenderes Thema als, beispielsweise, die entsprechende Verantwortung der Schweden. Wegen seiner sensiblen, komplizierten und einzigartigen globalen, regionalen und lokalen Situation kann in Israel die Rolle der Staatsbürger als Individuen oder als Kollektiv von entscheidender Bedeutung sein.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein schwedischer Bürger die Zukunft seines Landes tief greifend verändert, indem er einen politischen Mord begeht. Im September 2003 wurde die schwedische Außenministerin Anna Lindh erschossen. Das war ein schreckliches Verbrechen, eine menschliche Tragödie, die öffentliche Empörung auslöste, aber man wird kaum feststellen können, dass dieser Mord den Lauf der schwedischen, skandinavischen oder europäischen Geschichte verändert hat.

Im Fall Israel ist das völlig anders. Im November 1995 schoss ein Jurastudent namens Yigal Amir, ein praktizierender Jude und zutiefst idealistischer Nationalist, Premierminister Yitzhak Rabin dreimal in den Rücken. Amir veränderte die Geschichte Israels grundlegend und auf allen Ebenen: global, regional und lokal. Mit seiner Tat durchkreuzte er Rabins Bemühungen, ein Friedensabkommen mit den Palästinensern zustande zu bringen und israelische Geschichte zu schreiben. Sowohl Rabin als auch Amir taten, auf unterschiedliche Weise, alles, was in ihrer Macht stand, um als Individuen die Geschichte ihres Landes mitzubestimmen, und die Bedeutung ihres Handelns liegt darin, dass es unmittelbare Auswirkungen auf die sensible, völlig offene, auf dramatische Weise situationsabhängige Lage Israels hatte.

Meine Szenarien für die Zukunft der Israelis müssen solche Beispiele individueller menschlicher Intervention in den Lauf der Ereignisse unbedingt ausschließen. Aufgrund der großen Trends, die man aus diesem unerwartet aufgetretenen Fall herauslesen kann, ist es allerdings möglich, Aussagen über die Zukunft zu machen. Der Friedensprozess, dem sich Rabin verschrieben hatte, der Oslo-Prozess, ist bis heute fest in der israelischen Öffentlichkeit verankert. Amirs Entschlossenheit, diese Initiative zu stoppen, kam aus seinen rechtsradikalen religiösen Überzeugungen, und seine Tat ist daher vor allem in politischem und kulturellem Kontext zu sehen. Wir können unerwartete Einzelaktionen zwar nicht zur Gänze ergründen, aber die Tendenzen nachzeichnen, denen sie entspringen.

Heute ist Israel eine 60-jährige souveräne, liberale Demokratie, nach Eigendefinition ein jüdischer und demokratischer Staat. Es ist auf einem internationalen Konsens begründet, ratifiziert durch den UN-Beschluss aus dem Jahre 1947, obwohl sein Territorium seit dem Sieg nach dem arabischen Angriff 1948 größer ist als seinerzeit von der UNO zugesprochen. Es wird von der großen Mehrheit der Mitglieder der internationalen Gemeinschaft anerkannt, unterhält strategische Partnerschaften mit wichtigen Weltmächten, darunter vor allem die USA und Deutschland, und ist durch formelle Handels- und Kooperationsabkommen mit bedeutenden internationalen Kräften, im Besonderen den USA und der EU, verbunden.[2] Israel hat die Last einer 41-jährigen Besatzung zweier Gebiete mit dichter palästinensischer Besiedlung zu tragen, in denen gegen den Willen der internationalen Gemeinschaft und selbst vieler Israelis jüdische Siedlungen gebaut wurden. Die Okkupation lässt sich nicht leicht rückgängig machen, in Anbetracht des palästinensischen Anspruchs auf das gesamte Land ("Rückkehrrecht"), der gleichlautenden Forderung der jüdischen nationalen Rechten, die die Siedlerbewegung anführt, und des komplexen Status von Jerusalem.

Es gibt etwa eine Million israelische Araber und vier Millionen Palaestinenser in Gaza und der Westbank.Es gibt etwa eine Million israelische Araber und vier Millionen Palaestinenser in Gaza und der Westbank. (© Hanna Huhtasaari)
Die Zukunftsperspektiven für den Staat Israel pendeln zwischen Wunschdenken und Alptraumszenario. Vom strategischen Standpunkt aus gesehen ist eine ganze Skala von Entwicklungen möglich, von einem erfolgreichen Abschluss der israelisch-
palästinensischen Friedens-
verhandlungen, die Wohlstand und eine demokratische Entwicklung für die ganze Region ermöglichen, bis zu einem atomaren Angriff durch den Iran oder eine andere muslimische Instanz, einen Staat oder eine Organisation, der die teilweise oder totale Zerstörung Israels zur Folge hat. In der Grauzone dazwischen sprechen Szenarien von einem permanenten Kriegszustand oder periodischen Gewaltausbrüchen zwischen Israelis und Arabern über viele Jahre hinweg.

Vom religiösen Standpunkt aus gesehen (der für viele von Belang ist) könnte Israel ein starkes "Licht für die Nationen" im jüdischen Sinne werden, oder aber ein für den Dschihad zurückgewonnenes Land für die Moslems, oder Schauplatz des Armageddon aus christlicher Sicht. Während sich gemäßigte religiöse Kräfte in unserer Generation für bescheidenere und den Menschen eher entsprechende Zukunftsziele einsetzen, darf nicht vergessen werden, dass die großen eschatologischen Perspektiven zweier der drei großen monotheistischen Religionen - der Moslems und der Christen - radikal, endgültig und in höchstem Maße unvereinbar sind.

Wenden wir uns den möglichen Zukünften der israelischen Gesellschaft zu. Es geht mir nicht darum, strategische Vermutungen anzustellen oder einen messianischen Weg anzubieten, sondern die markantesten Richtungen unter den Israelis aufzuzeigen und zu überlegen, wohin diese Trends führen können.


Fußnoten

1.
Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Baba Bathra, S. 12b.
2.
Eine Übersicht über Israels internationale Abkommen und Mitgliedschaften gibt das Außenministerium: www.mfa.gov.il/MFA/foreign%20relations/bilateral%20relations (3.4. 2008). Vgl. auch Efraim Karsh, Israel: The First Hundred Years, Bd. 4: Israel in the International Arena, London 2004.

 

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