Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

Die Shoah ist ein Teil von uns

Interview mit Ella Milch-Sheriff


10.6.2008
Ella Milch-Sheriff ist eine eine Sabra, so nennt man die in Israel geborenen Juden. Die Generation soll der Sabra-Kakteenfrucht gleichen, die außen stachelig und innen saftig ist. Gleichzeitig trägt sie die Bürde der zweiten Generation. Ihre Eltern sind Shoah-Überlebende. Die erfolgreiche Komponistin hat einen Weg in der Musik gefunden, das Schicksal ihrer Familie zu verarbeiten.

Ihre Eltern sind Holocaust-Überlebende. Sie gehören der zweiten Generation an, sind eine "Sabra", also in Israel geboren. Welche Bedeutung hat die Shoah für Sie?

Ella Milch-Sheriff 
© Eberhard AugElla Milch-Sheriff
© Eberhard Aug
Ella Milch-Sheriff: Mein ganzes Leben ist von dem Schicksal meiner Eltern geprägt. Das Schicksal meiner Eltern ist ein Teil meines Lebens. Damit meine ich nicht den Holocaust als großes allgemeines Thema, sondern das schreckliche Schicksal meiner Eltern, all das, was sie durchmachen mussten. Meine ganze Kindheit war sehr traurig, ohne Freude und ohne Lächeln. Die Atmosphäre bei uns zu Hause unterschied sich z.B sehr, von der meiner Freundin, ihre Eltern waren schon vor dem Holocaust nach Israel gekommen.

Nach der Staatsgründung sprach man selten über die Shoah in Israel. Wie war es bei Ihnen?

Ella Milch-Sheriff: Meine Schwester und ich wussten, dass unsere Eltern im Holocaust waren, aber wir wussten keine Details. Als ich 13 Jahre alt war, erfuhr ich, dass mein Vater eine erste Familie gehabt hatte, aber keiner sprach davon. Es war reiner Zufall, ich kam nach Hause und suchte ein neues Buch, weil ich damals schon gerne gelesen habe. Da entdeckte ich ein Buch, das ich noch nicht kannte und ich fand dort einen Artikel über meinen Vater. Darin erzählte er über seine erste Familie und darüber, wie seine erste Frau und sein Sohn im Holocaust umkamen. Das war ein großer Schock für mich. Als meine Eltern nach Hause kamen, fragte ich sie, warum sie mir früher nichts darüber erzählt hatten. Heute denke ich, dass ich es vorher auch nicht hören wollte, denn ich war eine Sabra, eine in Israel geborene Jüdin und ich wollte eine neue Welt schaffen. Zum Beispiel haben meine Eltern polnisch und jiddisch miteinander gesprochen und ich wollte das nicht hören, ich wollte nur hebräisch hören und hebräisch sprechen.

Welche Rolle wird die Shoah in Zukunft haben? Welche Rolle spielt sie für die dritte Generation?

Ella Milch-Sheriff: Es ist unmöglich in Israel nicht an die Shoah zu erinnern, es ist ein Teil von uns. Meine Söhne sind heute 28 und 20 für sie bedeutet die Shoah viel, aber in einer anderen Art als für mich.

Wie sollte in Zukunft erinnert werden? Wie kann in Zukunft ohne die Zeitzeugen erinnert werden?

Ella Milch-Sheriff: Die zweite, dritte oder vierte egal welche Generation wird niemals vergessen. Ich versuche als Künstlerin und Musikerin, diese Erinnerung wach zu halten. Für mich war und ist es eine Aufgabe, an die Shoah zu erinnern, ohne dass ich es zunächst wusste. Ich habe eine Oper über das Thema komponiert. Ich glaube nur so kann man diese Erinnerung halten, durch Musik, Malerei, durch Bücher, aber auch Tanz und Film.

Israel feiert 60 Geburtstag. Was wünschen Sie Israel?

Ella Milch-Sheriff: Das Leben in Israel ist sehr schwer, wir müssen immer kämpfen um zu existieren und ich weiß nicht wie es in Zukunft sein wird, denn ich sehe leider keine Lösung. Mein Wunsch wäre, dass wir, die Palästinenser und Israel in Frieden leben können. Ich sehe keinen Grund warum es nicht so sein kann. Leider ist es noch nicht dazu gekommen, aber ich hoffe es wird irgendwann so sein.

Das Interview führte Hanna Huhtasaari im März 2008.



 

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