Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

10.6.2008 | Von:
Nava Semel

Träumen heißt in die Zukunft glauben

Interview mit Nava Semel

Nava Semel ist Tochter von Shoah-Überlebenden. Als ihr erster Sohn geboren wurde, sprach ihre Mutter erstmals über Auschwitz. In ihren Büchern setzt sich dafür ein, dass die Erinnerung für die folgenden Generationen wach gehalten wird.

In Ihrem neusten Buch geht es um die Shoah und die Erinnerung daran. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Nava Semel. Foto: Dan PorgesNava Semel.
Foto: Dan Porges
Nava Semel: Ich habe mich mit dem Thema Erinnerung an die Shoah beschäftigt, weil ich denke, dass es ein sehr wichtiges Thema ist. Es geht weniger um die Frage, ob, sondern wie wir erinnern. Fakt ist, dass die Erinnerung auf verschiedenen Wegen weiter gegeben wird. Wir erzählen jemanden etwas, dieser wiederum erzählt das Gehörte in einer anderen Weise weiter. Diese Menschenkette trägt die Erinnerung weiter. Wichtig ist, dass wir diese Kette der Erinnerung nicht abbrechen lassen. Das ist der eine Weg, der andere Weg ist Kunst. Ich denke die Kunst hat einen bedeutenden Anteil daran, die Erinnerung wach zu halten. Historische Bücher über die Shoah sind natürlich sehr wichtig, aber ein Buch über eine persönliche Geschichte hält die emotionale Erinnerung der einzelnen Person wach. Ich als Künstlerin und Autorin bin an der emotionalen Erinnerung interessiert. Ich denke, Israel basiert auf einer der größten emotionalen Erinnerungen. Es gibt kein anderes Volk, das 2000 Jahre im Exil lebte und die Erinnerungen an die historische Heimat wach hielt, um wieder in sie zurückzukehren.

War die Shoah nach der Ausrufung des Staates ein Thema im Land und welche Rolle spielt der Holocaust für die zweite Generation?

Nava Semel: Der Holocaust war ein Thema im israelischen Ethos und im israelischen Kalender. Es war also ein Thema, aber ein verschlossenes. Die Überlebenden sprachen nicht über ihre Erlebnisse mit ihren Kindern. Sie wollten ihre Kinder nicht mit ihren Erlebnissen belasten. Diese emotionale Erinnerung war lange Zeit wie in einem Schließfach verschlossen. Ich weiß, dass meine Mutter Auschwitz überlebte, aber ich habe nie erfahren, was sie dort erlebt hat. Ich wusste, was Auschwitz war, und ich wusste, dass es etwas Schreckliches sein musste, ohne dass man mir davon erzählt hatte.


Haben Sie Ihre Mutter nach Ihren Erlebnissen in Auschwitz gefragt?

Nava Semel: Jedes Mal, wenn ich Sie fragte, antwortete sie mir, und so wurde es jeden aus meiner Generation gesagt, "nein, das ist nichts für dich. Vielleicht wenn du größer bist". Ich denke, die Überlebenden wollten ihre Kinder, aber auch sich selbst schützen. In den 1950er Jahren waren die Erinnerungen noch zu frisch, um darüber zu reden. Sie distanzierten sich von den Erinnerungen, aber sie vergaßen nie. Deswegen benutze ich die Metapher des Schließfaches. Die Shoah-Generation legte ihre Erinnerungen in ein Schließfach, als sie das Schließfach wieder öffneten waren ihre Kinder erwachsen, sie hatten inzwischen Enkelkinder, dann erst war genug Zeit vergangen. Man kann nicht sagen, dass der Holocaust kein Thema war, aber der Umgang mit der Shoah war sehr förmlich, sie war ein Teil der Erziehung und ein Teil der historischen Erinnerung, aber die emotionale und persönliche Erinnerung blieb lange verschlossen. In den 1980er Jahren begann ein Dialog zwischen den Überlebenden und ihren Kindern. Meine Mutter begann mit mir über das Thema zu sprechen, als mein erster Sohn geboren wurde. Sie sprach von ihren eigenen Erlebnissen und nicht von den 6 Millionen Opfern. In den 1980er Jahren erfuhr man von den persönlichen Schicksalen und von den Schicksal der eigenen Eltern.

Wie erinnert man heute in der dritten Generation?

Nava Semel: Die Großeltern teilen heute ihre Erinnerungen mit Ihren Enkelkindern. Hinzu kommt das Erinnern in der Schule: In der 7. Klasse recherchieren die Kinder die Wurzeln ihrer Familien. Die Schüler interviewen ihre Großeltern zu ihren Erlebnissen während der Shoah. Mit 16 Jahren fahren viele Schüler von der Schule aus nach Auschwitz.

Wie wird man ohne die Zeitzeugen erinnern?

Nava Semel: Die Erinnerung wird sich ändern, wenn die Zeitzeugen sterben. Gleichzeitig gibt es z.B. Videos, Bücher, mit den persönlichen Erinnerungen der Überlebenden, die Erinnerungskette wird weitergehen. Ich bin sicher, dass meine Kinder die Erfahrungen ihrer Großeltern ihren Kindern weiter geben. Ich kann zwar nicht in die Zukunft sehen, aber solange sich nur eine Person erinnert, wird die Erinnerung weiter gegeben. Derjenige, der sich erinnert, wird seine Erinnerung mit jemand anderem teilen. Die Erinnerungskette wird also in Zukunft weitergehen. Was mich heute beunruhigt ist die Holocaustleugnung.

Israel feiert in diesem Jahr 60 Jahre Staatsgründung. Wie hat sich das Land aus Ihrer Sicht verändert?

Nava Semel: Zionismus war die Idee, das jüdische Volk zu "normalisieren". Herzls Vision war es, einem Volk mit einer nationalen und religiösen Identität ein Territorium zu geben. Manchmal sind die Menschen desillusioniert, wenn sie nach Israel kommen, dann stellen sie fest: Israel ist wie jeder andere Ort. Das ist es, was der Zionismus zum Ziel hatte, ein Staat wie jeder andere zu werden. Auch wir sind manchmal desillusioniert, eine Utopie ist immer besser als die Realität. Heute ist Israel Realität. Ich denke, es ist ein sehr interessanter Platz zu leben, manchmal ist es auch ermüdend. Manchmal wünschte ich mir, ein Schweizer zu sein.

Was wünschen Sie Israel zum 60.?

Nava Semel: Ich wünsche mir von unseren Nachbarn akzeptiert zu werden. Wir haben einen politischen Konflikt, den wir lösen werden. Ich glaube an die Zwei-Staaten Lösung. Ich bin die erste, die sich für einen palästinensischen Staat einsetzt, aber ich wünsche mir, dass unsere Nachbarn uns akzeptieren werden – ich wünsche mir, das die arabische Welt uns nicht mehr als einen Fehler der Geschichte betrachtet. Für mein Volk wünsche ich mir, das wir nicht die Fähigkeit zu träumen verlieren. Ich meine damit die Hoffnung in die Zukunft. Wir leben in einem Staat, in dem schon so viele Jahre Krieg herrscht, das macht die Menschen manchmal müde. Die junge Generation verlässt das Land. Man kann Israeli sein und in Kalifornien leben oder in Australien, aber ich möchte nicht die junge Generation der Israelis verlieren. Träumen heißt in die Zukunft zu glauben. Ich hoffe Israel wird der Platz für meine Kinder, Enkelkinder und Ururenkel sein.

Das Interview führte Hanna Huhtasaari.


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