Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

17.7.2008 | Von:
Iftach Shevach

Die Globalisierung hat die ursprüngliche Kibbutzidee verdrängt

Interview mit Iftach Shevach

Iftach Shevach ist ein Kibbutznik, d.h. er ist in einem Kibbutz geboren und aufgewachsen. Im Interview zeigt er sich besorgt über die Zukunft der Kollektiv-Siedlungen.

Sie haben einen Dokumentarfilm über den Moshav Nahalal gedreht. Warum?

Iftach Shevach. Foto: Hanna HuhtasaariIftach Shevach.
Foto: Hanna Huhtasaari
Iftach Shevach: Die Entwicklung in Nahalal macht mich traurig. Vieles steht heute leer, nur noch 30% des Bodens wird landwirtschaftlich genutzt. Als befreundete Farmer vor ein paar Monaten nach insgesamt 80 Jahren die Rinderzucht aufgegeben mussten, berührte mich ihr Schicksal sehr und ich beschloss einen Film über den Moshav zu drehen. Ich lebe selbst in einem Kibbutz ganz in der Nähe von Nahalal und sehe die Entwicklung auch bei uns, wie auch bei den meisten Kibbutzim und Moshavim in Israel.

Was sind die Probleme?

Iftach Shevach: Vor allem die Jugend verlässt die kollektiven Siedlungen und zieht in die Städte. Die ältere Generation bleibt zurück. Das Problem ist, dass das Land wieder zurück an die Regierung fällt, wenn es über eine bestimmte Zeitspanne nicht mehr bearbeitet wird. Dies ist für die ältere Generation traurig mitzuerleben.


Wann kam die Wende?

Iftach Shevach: Ende der 1980er Jahre. Damals war die wirtschaftliche Situation in Israel sehr schlecht und das hat sich auch auf die Kibbutzim und Moshavim ausgewirkt. Bis in die späten 1970er Jahre hatte der israelische Staat die Kibbutzim finanziell unterstützt, das hörte in den 1980er Jahren auf.

In der Kibbutz-Ideologie sprach man von einer besonderen Verbindung zwischen Mensch und Boden. Gibt es so etwas noch?

Iftach Shevach: Ich persönlich fühle diese Verbindung. Mir ist die Verbindung zwischen Land und Mensch sehr wichtig. Sie ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen und ich hoffe, wir können diese Verbindung wieder zurückholen.

Wie hat sich die Kibbutz-Ideologie verändert?

Iftach Shevach: Die Globalisierung hat die ursprüngliche Kibbutzidee verdrängt. Heute arbeiten dort z.B. Gastarbeiter aus den Philippinen, weil sie billiger sind. Außerdem gibt es in vielen Kibbutzim Gästehäuser für Touristen aus dem Ausland. Sie öffnen sich den anderen wirtschaftlichen Bereichen, um Geld zu verdienen.

Wie wollen Sie die Entwicklung aufhalten?

Iftach Shevach: Ich bin mir darüber bewusst, dass sich die Kibbutzim und Moshavim verändern müssen, sie müssen sich wirtschaftlich umorientieren. Trotzdem denke ich, sollten wir die Ideen der Gründerväter nicht vergessen. Wir müssen die Verbindung zum Boden wieder herstellen. Die Idee der Solidarität und das füreinander Dasein. Ich glaube die ursprüngliche Idee wird überleben.

Was wünschen Sie Israel zum 60.?

Iftach Shevach: Ich wünsche eine Wiederbelebung der Kibbutz-Idee und dass mein Sohn, der heute 2 Jahre alt ist, im Kibbutz bleiben wird.

Das Interview führte Hanna Huhtasaari im April 2008 in Israel.


Arabischer Frühling

Der Arabische Frühling und der israelisch-arabische Konflikt

Mit den Umbrüchen in der Region hat Israel nicht nur geopolitische Partner verloren. Die innenpolitische Zuspitzung in Staaten der Region, insbesondere in Syrien, könnte den Nahostkonflikt sogar weiter verschärfen. Muriel Asseburg erklärt, warum.

Mehr lesen

Ausstellungstafeln der Amadeu Antonio Stiftung im Bundespresseamt über verschwiegenen Antisemitismus.
Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine Gesellschaftstheorie, die so viel Anreiz bietet, weil sie für alles Schlechte dieser Welt einen Schuldigen benennt. Hat es also gar keinen Sinn, etwas dagegen zu tun? Anetta Kahane meint: nein. Ein Plädoyer für den entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus.

Mehr lesen

Holocaust-Erziehung kann Jugendliche zwar sensibel machen für die Gefahren des Antisemitismus, aber nicht immunisieren. Die Maßnahmen der Aufklärung müssen umfassender sein.

Mehr lesen