Großbritannien und EU

Mögliche wirtschaftliche Folgen des Brexit


10.6.2016
Die zweitgrößte Volkswirtschaft wird die Europäische Union verlassen. Die Konsequenzen für die Wirtschaft Großbritanniens werden wahrscheinlich enorm sein. Erste Auswirkungen zeigten sich schon vor der Entscheidung.

Britische Pfund, WährungDie Unsicherheit aufgrund des näher rückenden Referendums wird von Ökonomen als ein Grund für das derzeit schwache britische Pfund identifiziert. (© picture-alliance/dpa)

Wird Großbritanniens EU-Referendum zum wirtschaftlichen Eigentor? Genau das befürchtet jedenfalls Karren Brady – und die Britin kennt sich mit solchen Fragen bestens aus, schließlich ist sie stellvertretende Vorsitzende des Londoner Fußball-Erstligavereins West Ham United. In einem Rundschreiben an alle Proficlubs in Großbritannien warnte Brady kürzlich: Falls die Briten bei der Volksabstimmung am 23. Juni tatsächlich für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen sollten, drohten "verheerende Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit des britischen Fußballs".

Brady und andere Fußballfachleute erwarten, dass es für englische Klubs nach dem sogenannten "Brexit" sehr viel schwieriger würde, talentierte Spieler aus Kontinentaleuropa nach Großbritannien zu holen. Denn diese brauchten dann Einreisevisum und Arbeitserlaubnis im Vereinigten Königreich. Dabei lebt der britische Fußball von diesen ganz besonderen "Importen". Aus Deutschland beispielsweise stehen unter anderem die Nationalspieler Mesut Özil (FC Arsenal) und Bastian Schweinsteiger (Manchester United) auf der Insel unter Vertrag. Jürgen Klopp trainiert seit dem vergangenen Jahr den FC Liverpool.

Die Sorgen in der britischen Premier League mögen exotisch erscheinen – doch eines zeigen sie: Wenn die Briten der EU wirklich den Rücken kehren sollten, hätte dies wohl auch wirtschaftliche Konsequenzen, an die bisher die wenigsten denken. Schließlich ist das Vereinigte Königreich die zweitgrößte Volkswirtschaft im europäischen Staatenbund nach Deutschland und knapp vor Frankreich. Zu befürchten ist deshalb, dass der Brexit nicht nur ein europolitisches Erdbeben, sondern auch ein schwerer wirtschaftlicher Rückschlag für Europa wäre. Bisher haben die Briten freien Zugang zum EU-Binnenmarkt. Nach dem Austritt drohten ihnen dagegen Zölle und andere Handelshemmnisse. Weniger Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und dem europäischen Kontinent könnte weniger Wohlstand bedeuten – und zwar auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

Wirtschaftliche Beziehungen auf dem Prüfstand



Die Zahlen sprechen für sich: Europa ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner Großbritanniens. Mehr als 40 Prozent der britischen Exporte an Waren und Dienstleistungen gehen in die anderen EU-Staaten. Niemand profitiert davon so stark wie die Banken im Londoner Finanzviertel: Mehr als ein Drittel des gesamten Großkundengeschäfts im Finanzsektor der EU wird heute in Großbritannien abgewickelt und damit mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Auf dem europäischen Binnenmarkt werden eben nicht nur Güter, sondern auch Finanzdienstleistungen "made in Britain" im großen Stil gehandelt. Deshalb fürchten die Londoner Banker den Brexit.

Aber auch andere EU-Staaten würden unter dem Austritt Großbritanniens wohl leiden, denn mehr als die Hälfte der britischen Importe stammen aus dem EU-Raum. Deshalb fürchtet beispielsweise auch die deutsche Autoindustrie den Brexit: Für Audi, BMW und Mercedes zählen die Briten bisher zu den besten Kunden. Doch Zollschranken könnten nach dem Brexit das Geschäft belasten.

Vor allem für BMW ist das Land zudem ein wichtiger Produktionsstandort. Die Bayern fertigen im englischen Oxford den populären Kleinwagen "Mini", der in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zu einem britisch-deutschen Verkaufsschlager geworden ist. Wenn die Briten aus dem Binnenmarkt herausfielen, würde das zwar nicht das Aus für den "Mini" bedeuten, wäre aber für die ausgeklügelte paneuropäische Zulieferkette des Herstellers eine große Herausforderung. Kein Wunder also, dass Torsten Muller-Otvos, Geschäftsführer der britischen BMW-Tochterfirma Rolls-Royce, kürzlich in einem Rundschreiben an seine britischen Mitarbeiter dafür warb, beim Referendum für den Verbleib in der EU zu stimmen.

Zwischen Cornwall und Schottland ist der Wahlkampf vor dem brisanten Volksentscheid in vollem Gange – und die Ungewissheit über die wirtschaftlichen Folgen ist das wohl schlagkräftigste Argument der Proeuropäer. Der EU-Binnenmarkt sei "ein Eckpfeiler des britischen Wirtschaftserfolgs", mahnt etwa Carolyn Fairbairn, die Chefin des führenden britischen Unternehmensverbands CBI (Confederation of British Industry). Für viele Briten ist die EU ein Ärgernis. Sie gilt ihnen als undemokratische Zumutung. Aber zugleich fürchten die Bürger um Wohlstand und Jobs, wenn der Brexit kommen sollte. So will zum Beispiel auch der konservative britische Wirtschaftsminister Sajid Javid den Brexit verhindern, obwohl er eigentlich zum Lager der Europaskeptiker zählt: "Mein Herz sagt, der Ausstieg wäre besser. Mein Verstand sagt, dass es im Moment zu riskant ist", schrieb der Politiker kürzlich in einem Gastbeitrag für die britische konservative Zeitung "The Mail on Sunday". Er warnte, dass ein Brexit womöglich zum "Zusammenbruch der EU" führe. "Die Schockwellen könnten sich im derzeitigen Umfeld als katastrophal erweisen", befürchtet Javid.

Erste Folgen schon vor dem Referendum sichtbar



Die britischen EU-Gegner weisen die Warnungen vor den wirtschaftlichen Schäden durch den Brexit als "Angstkampagne" ("Project Fear campaign") zurück. Allerdings hat die Ungewissheit über Großbritanniens Zukunft in der EU für die Briten schon jetzt handfeste wirtschaftliche Folgen. Zum Beispiel am Devisenmarkt, für den die kurzfristigen Risiken entscheidend sind. Am Devisenmarkt hat das britische Pfund gegenüber dem Euro und dem Dollar seit dem vergangenen Herbst deutlich an Wert verloren. Die Unsicherheit aufgrund des näher rückenden Referendums wird von Ökonomen als ein Grund für das schwache britische Pfund identifiziert. Importgüter werden dadurch für britische Konsumenten teurer. Andere sehen den schwachen Pfund aber auch als Chance: Da britische Produkte auf den internationalen Märkten günstiger sind, könne er die Exporte befördern.

Zugleich zögern die Unternehmen wegen des Referendums mit der Einstellung neuer Mitarbeiter und schieben Investitionsentscheidungen auf die lange Bank. Konjunkturexperten erwarten, dass die britische Wirtschaft, die in den vergangenen Jahren noch kräftig gewachsen ist, seit dem Frühjahr annähernd stagniert. In einer kürzlich veröffentlichten Studie weist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) darauf hin, dass die Unsicherheit angesichts des Ausgangs des Referendums das Wirtschaftswachstum in Großbritannien schon jetzt schwäche.

Schwierige Verhandlungen



Wie ginge es nach dem Brexit mit den wichtigen Handelsbeziehungen der Briten zum Kontinent weiter? Es gibt viele Alternativen, bisher haben sich Großbritanniens Europagegner aber nicht auf eine einigen können. Es werde sich eine Lösung finden, argumentieren sie. Schließlich wollten auch französische Weinbauern und deutsche Maschinenbauer weiterhin ihre Produkte in Großbritannien verkaufen. Aber wird dieses Argument ausreichen, um die Wähler von der handelspolitischen Unbedenklichkeit eines EU-Austritts zu überzeugen?

Gewiss, auch Norwegen und die Schweiz sind nicht Mitglieder der EU und haben dennoch guten Zugang zum europäischen Markt. Aber beide Länder müssen im Gegenzug zentrale Regelungen des Binnenmarkts respektieren – einschließlich der freien Zuwanderung von Arbeitnehmern aus anderen Mitgliedstaaten. Eine wohl nicht hinnehmbare Auflage für viele britische EU-Gegner, denn die ungeliebten Einwanderer vom Kontinent und die offenen Grenzen innerhalb der EU gehören zu den Hauptgründen dafür, warum sie den Staatenbund ablehnen.

Nach dem Brexit würden wohl jahrelange Auseinandersetzungen zwischen Brüssel und London über die künftigen Handelsspielregeln bevorstehen. Die EU hätte dabei sehr wahrscheinlich eine bessere Verhandlungsposition als die Briten: Zwar ist Großbritannien ein wirtschaftliches Schwergewicht, aber zugleich ist seine Abhängigkeit noch viel größer. Während 44 Prozent der britischen Exporte 2014 in andere EU-Staaten gingen, entfielen umgekehrt nur rund 8 Prozent der gesamten Exporte der anderen Mitglieder auf Großbritannien.

"Nach einem EU-Ausstieg neue Handelsspielregeln festzulegen, das ist leichter gesagt als getan", warnt Markus Kerber, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). "Diese Ehescheidung wäre ganz bestimmt keine freundliche", befürchtet auch der Oberhausabgeordnete David Hannay, einer der erfahrensten britischen Diplomaten, mit Blick auf die schwierigen Verhandlungen nach einem Brexit-Votum der Briten.

Die EU hätte voraussichtlich wenig politischen Anreiz, den Briten in dem Scheidungsprozess entgegenzukommen. Denn dadurch könnte ein brisanter Präzedenzfall geschaffen werden: Wenn Großbritannien gestattet würde, die wirtschaftlichen Vorteile der EU weitgehend ungeschmälert zu nutzen, ohne den Pflichten der Mitgliedschaft nachzukommen, warum sollten andere Mitgliedstaaten dann nicht dasselbe versuchen und ebenfalls austreten?

Schwierige Prognosen



Prognosen darüber, wie teuer der EU-Austritt für die Briten werden könnte, gibt es viele – und ihre Bandbreite ist ziemlich groß. Denn die wirtschaftlichen Auswirkungen hängen auch von der zukünftigen Beziehung Großbritanniens mit der EU zusammen, die noch alles andere als sicher ist.

Unter den Ökonomen sind die negativen Prognosen aber deutlich in der Mehrzahl. Schlimmstenfalls würden in Großbritannien bis zum Ende des Jahrzehnts rund 950.000 Arbeitsplätze vernichtet, schätzt der Arbeitgeberverband CBI. Die wirtschaftlichen Kosten des Brexit könnten bis zu 100 Milliarden Pfund (knapp 130 Milliarden Euro) erreichen. Es gibt noch weitaus düsterere Voraussagen: Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit dem Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo kam zum Ergebnis, dass der Brexit die Briten langfristig sogar bis zu 300 Milliarden Euro an Wohlstand kosten könnte. Eine Studie der London School of Economics and Political Science (LSE) sagte voraus, den Briten drohe ein ähnlich harter Rückschlag wie nach der Weltfinanzkrise von 2008/9.

Auch die OECD sieht den möglichen Brexit in einem negativen Licht: Je nach Szenario würde der Brexit jeden britischen Haushalt zukünftig zwischen 1500 und 5000 Pfund (umgerechnet 1900 bis 6500 Euro) kosten. Das Vereinigte Königreich würde demnach den freien Zugang zum Binnenmarkt verlieren und wäre mit neuen Hindernissen im Handel mit vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt konfrontiert, mit denen die EU bereits Freihandelsabkommen aufgebaut hat. "Ein Brexit wäre ein großer negativer Schock für die britische Wirtschaft, mit ökonomischen Konsequenzen für den Rest der OECD, besonders anderer europäischer Länder. In mancher Hinsicht käme ein Brexit einer Steuer auf das Bruttoinlandsprodukt gleich, die der Wirtschaft dauerhafte und steigende Kosten auferlegen würde", heißt es in der Studie.

Aber auch unter den Ökonomen finden sich Befürworter eines Brexit. Dazu zählen die "Economists for Brexit", eine Gruppe acht britischer Ökonomen, unter ihnen Patrick Minford, Professor für Angewandte Ökonomie an der Cardiff University, und Gerard Lyons, Berater des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson. "Wir haben mehr Vertrauen in die Fähigkeit des Vereinigten Königreichs, längerfristigen ökonomischen Erfolg mit einem Brexit zu erreichen, als dies in einer EU der Fall wäre, in der Reformen unwahrscheinlich sind und die sich aller Voraussicht nach weiter zentralisieren wird", heißt es in einem Bericht, den die acht Ökonomen Ende April veröffentlichten.

Sie prognostizieren ein Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent im Jahr 2020, sollte es zum Brexit kommen, gegenüber einem Wachstum von 2,5 Prozent, sollte Großbritannien in der EU verbleiben. Der entfallene EU-Mitgliedsbeitrag würde nach ihrem Modell dazu verwendet werden, die Einkommenssteuer zu reduzieren. Auch von dem Wegfall der EU-Vorschriften versprechen sie sich große Vorteile. Allerdings gibt es Zweifel daran, wie viele EU-Regeln tatsächlich wegfallen würden, wenn die EU als Handelspartner erhalten bleiben soll.

Geht es nach den Economists for Brexit, würde Großbritannien nach dem Brexit kein neues Abkommen über die Handelsbeziehungen mit der EU verhandeln. Stattdessen soll sich Großbritannien im Außenhandel allein an den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) orientieren. Kritiker verweisen indes auch auf eine Analyse des britischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums, nach der das WTO-Modell am schlechtesten abschnitt. Diese Studie rechnet mit einem jährlichen Minus von 5200 Pfund (umgerechnet 6800 Euro) pro Haushalt.

Eine weitere optimistische Schätzung kommt von der Londoner Denkfabrik Open Europe. Sie hält ebenfalls Szenarien für denkbar, in denen es dem Land außerhalb der EU wirtschaftlich besser gehen könnte. Der Haken daran ist allerdings: Realistischerweise sei damit nur zu rechnen, wenn Großbritannien eine offene Volkswirtschaft bleibe und auch weiterhin die ungeliebten Einwanderer in großer Zahl akzeptieren würde.


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Autor: Marcus Theurer für bpb.de
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