Großbritannien und EU
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Großbritannien zwischen Empire und Europa

Geopolitische Spannungen und wirtschaftspolitische Ambivalenzen in der unmittelbaren Nachkriegszeit


10.6.2016
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Großbritannien innerhalb weniger Jahrzehnte vom Empire zur Mittelmacht. Mit dem verlorenen Status als Weltmacht ging die Suche nach einer neuen Rolle einher.

Commonwealth, NachkriegszeitQueen Elizabeth II. eröffnet die siebte Nachkriegskonferenz der Commonwealth Parliamentary Association. (© picture-alliance, empics)

Der Niedergang des Empires und die Suche nach einer neuen Rolle



Am Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Großbritannien zu den vier Siegermächten. Das Vereinigte Königreich galt als Weltmacht, trotz der erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Probleme, die aus den Kriegsanstrengungen resultierten. 1945 umfasste das britische Empire ein Viertel der Erdoberfläche. 700 Millionen Menschen waren Untertanen des britischen Königs. London beteiligte sich aktiv an der Gestaltung der globalen Nachkriegsordnung. Die institutionellen Grundlagen der internationalen Finanz-, Handels- und Sicherheitspolitik – das Bretton Woods System und die Vereinten Nationen – wurden in enger Abstimmung mit Großbritannien konzipiert und errichtet. In den 1960er- und 1970er- Jahren war der Großteil der britischen Kolonien und Protektorate im Zuge der Dekolonisierung unabhängig geworden. Das Britische Empire hatte sich aufgelöst und Großbritannien hatte sich von einer Weltmacht zu einer europäischen Mittelmacht entwickelt.

Bis in die 1960er-Jahre hinein agierte Großbritannien jedoch außenpolitisch als Weltmacht. Es verstand sich in weltpolitischer Hinsicht als dritte Kraft und verfolgte in der Außenpolitik seine Drei-Kreis-Theorie, nach der Großbritannien sich im Mittelpunkt dreier Kreise befindet: des Commonwealth, der USA und Kontinentaleuropas.[1] Die besonderen Beziehungen zu den USA, die "special relationship", sollten auf gleicher Augenhöhe fortgesetzt und stabilisiert werden. Gleichzeitig galt es, die britische Führungsrolle im Commonwealth zu konsolidieren und die Beziehungen zu Westeuropa zu festigen. Dabei standen zum einen sicherheitspolitische Erwägungen im Kontext des sich zum Kalten Krieg entwickelnden Ost-West-Konflikts im Zentrum der britischen Aufmerksamkeit; zum anderen der Prozess der Dekolonisation des britischen Empire und die damit verbundenen innen- und außenpolitischen Identitätskrisen. Eine engere Anbindung an Europa im Rahmen der europäischen Integration stellte bis in die späten 1950er-Jahre hinein keine wirkliche Option dar.[2]

Die Gründe für die Distanzierung zum europäischen Integrationsprojekt waren vielschichtig. Neben dem Selbstverständnis als global wirkende Weltmacht stand die auch nach 1945 fortwirkende machtpolitische Rivalität zwischen Großbritannien und Frankreich einer britischen Beteiligung an supranationalen europäischen Institutionen entgegen. Und umgekehrt verhinderte Frankreich in den 1960er-Jahren aufgrund seiner Befürchtungen, dass eine Annäherung Großbritanniens an Europa einen stärkeren Einfluss der USA in Europa und damit eine Schwächung der eigenen Machtposition bedeuten könnte, eine britische Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Schließlich behinderte auch die britische Deutschlandpolitik, deren Bezugsrahmen die Sicherheit vor und nicht die Kooperation mit Deutschland war, eine Annäherung an Europa.[3] Am nachhaltigsten wirkte jedoch das Festhalten am nationalstaatlichen Souveränitätsprinzip einer Kooperation am politischen Projekt "Europa" entgegen. Statt supranationaler Integration favorisierten die Briten die Idee eines vereinigten Wirtschaftsraumes auf der Grundlage eines Staatenbundes, einer Konföderation. Insgesamt orientierte sich die britische Europapolitik sehr viel stärker an Fragen nach den wirtschaftlichen Vorteilen einer Mitgliedschaft in der Gemeinschaft als an der Idee "Europa" als Friedensordnung und Wertegemeinschaft. Die ambivalente Haltung Großbritanniens zu Europa resultierte in der Gründungsphase letztlich auch aus dem Umstand, dass der Weg nach Europa zusammenfiel mit dem Niedergang Großbritanniens als Weltmacht.[4]

Großbritannien zwischen Commonwealth und Europa: Die 1950er Jahre



1951 wurde auf Initiative der französischen Politiker Jean Monnet und Robert Schuman die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegründet. Damit wurde die erste supranationale Einrichtung in Europa geschaffen. Sie stellte "die Gesamtheit der französisch-deutschen Produktion von Kohle und Stahl unter eine gemeinsame oberste Autorität". Durch die "Solidarität der Produktion" sollte "jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich" werden.[5] Mit der EGKS wurden alle Handelsrestriktionen für Kohle und Stahl abgeschafft und die Bildung einer Freihandelszone für Kohle und Stahl zwischen den sechs Vertragspartnern – Frankreich, Italien, der Bundesrepublik Deutschland und den Benelux-Staaten – festgelegt. Die Gründungsväter der EGKS hofften, dass sich aus der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der europäischen Staaten automatisch die politische Zusammenarbeit ergeben würde.

Jean Monnet hatte in den zehn Jahren vor der Gründung der EGKS zwei Anläufe unternommen, um Großbritannien für die Idee einer europäischen Integration zu gewinnen, im Juni 1940 und erneut im April 1949. Sein Ziel war die Gründung einer Wirtschaftsunion zwischen Frankreich und Großbritannien, die als Grundstein für eine europäische Wirtschaftsunion fungieren sollte. Großbritannien und Frankreich sollten kooperativ die Führungsrolle in Europa übernehmen. Beide Initiativen scheiterten am Desinteresse Großbritanniens. Jean Monnet und Robert Schumann veränderten daraufhin ihre Strategie. Unterstützt durch die USA arbeiteten sie nun an der Etablierung eines französisch-deutschen Duopols als Motor für die europäische Integration. Politisch wurde diese Führungsstruktur mit der Gründung der Montanunion umgesetzt.

Die ablehnende Haltung der Briten gegenüber den französischen Offerten resultierte zum einen aus dem Fortwirken der politischen Spannungen zwischen Frankreich und Großbritannien. Zum anderen war die britische Wirtschaft zum Zeitpunkt der Verhandlungen um die Etablierung europäischer Kooperationsstrukturen noch zu sehr mit dem Commonwealth verwoben, als dass eine wirtschaftliche Integration mit Europa denkbar gewesen wäre. Noch 1950 gingen knapp 50 Prozent der britischen Exporte in die Länder des Commonwealth. Und umgekehrt importierte Großbritannien 42 Prozent seiner Waren aus dem Commonwealth. Noch zwanzig Jahre später gingen und kamen ca. ein Viertel aller britischen Exporte und Importe in das bzw. aus dem Commonwealth.

Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und dem Commonwealth

1950-1970

195019601970
Britische Exporte in das Commonwealth (in % aller britischen Exporte) 47,7 40,2 24,4
Importe aus dem Commonwealth (in % aller britischen Importe) 41,9 34,6 25,9

Quelle: John Darwin, The End of the Empire. The Historical Debate, Oxford 1991, 50.

So initiierte und unterstützte die britische Regierung zwar die frühen europäischen Organisationen wie die Westunion (Brüsseler Pakt) (1948) oder den Europarat (1949); supranationale Organisationen im Wirtschaftsbereich wie die EGKS (1951) lehnte sie dagegen von Anfang an konsequent ab. Mit Hinweis auf imperiale Interessen und Verpflichtungen beteiligte sich Großbritannien auch nicht an der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) (1952-54), der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) (1957).

Ration Book, Zweiter Weltkrieg, LebensmittelrationierungLebensmittel wurden nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 rationiert. Dazu gab das Ministry of Food "Ration Books" an die Bevölkerung aus.
Die britische Haltung zur europäischen Integration änderte sich erst Ende der 1950er-Jahre. Die internen wirtschaftlichen Probleme wurden immer drängender und die relative Stärke des Pfund Sterling gegenüber den europäischen Weichwährungen erschwerte den Aufbau von Handelsbeziehungen zu Europa. Dies wiederum wirkte sich nachteilig auf das von der Labour-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg initiierte und von den Konservativen fortgesetzte wohlfahrtstaatliche Wachstumsprogramm aus. Zwar ging es den Briten im Vergleich zu den 1930er Jahren in den ersten zwanzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ökonomisch so gut wie nie zuvor. Im internationalen Vergleich, insbesondere auch mit den europäischen Nachbarländern, hinkte die britische Wirtschaftsentwicklung jedoch deutlich hinterher und konnte mit dem weltweiten Nachkriegsboom nicht mithalten. Während in der Bundesrepublik Deutschland die Lebensmittelrationierung bereits 1950 aufgehoben worden war, musste die britische Bevölkerung bis zum Juli 1954 mit Lebensmittelmarken einkaufen.[6] Immer wieder wurde die britische Wirtschaft von schweren Zahlungsbilanzkrisen erschüttert, die u.a. auf die finanzpolitischen Regelungsstrukturen des Sterlinggebietes zurückzuführen waren.[7] Nach dem Suez-Debakel 1956[8] setzte sich schließlich zunehmend die Einsicht durch, dass das Commonwealth weder in sicherheitspolitischer noch in wirtschaftspolitischer Hinsicht die in es gesetzten Erwartungen würde erfüllen können.[9]


Fußnoten

1.
Wichard Woyke, Die Europäische Gemeinschaft: Entwicklung und Stand. Ein Grundriss (Opladen: Leske + Budrich, 1989), 31; Ursula Lehmkuhl/Hans-Heinrich Jansen (Hrsg.), Grossbritannien, das Empire und die Welt: Britische Aussenpolitik zwischen "Grösse" und "Selbstbehauptung", 1850-1990 (Bochum: Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, 1995).
2.
Alan S. Milward, The UK and the European Community (London: F. Cass, 2002).
3.
Josef Foschepoth/Rolf Steininger (Hrsg.), Die Britische Deutschland- und Besatzungspolitik 1945-1949 (Paderborn: F. Schöningh, 1985); Rolf Steininger/Rolf Badstübner (Hrsg.), Die doppelte Eindämmung: Europäische Sicherheit und deutsche Frage in den Fünfzigern (München: v. Hase & Koehler, 1993).
4.
Wolfram Kaiser, Using Europe, Abusing the Europeans: Britain and European Integration, 1945-63 (New York: St. Martin's Press, 1996).
5.
Heinrich Händel/Daniel Gossel, Großbritannien (München: C.H. Beck, 2002), 112.
6.
Heinrich Händel/Daniel Gossel, Großbritannien (München: C.H. Beck, 2002), 112.
7.
Vgl. Ursula Lehmkuhl, Kanadas Öffnung nach Asien: Der Colombo-Plan, das "New Commonwealth" und die Rekonstruktion des Sterlinggebietes 1949-1952 (Bochum: Universitätsverlag N. Brockmeyer, 1990).
8.
Ursula Lehmkuhl, "Vom Umgang mit dem Niedergang: Strategien der Sicherung britischer Machtpositionen in der internationalen Politik vor und nach Suez", in: Winfried Heinemann/Norbert Wiggershaus (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956 (München: Oldenbourg, 1999b), 589-613.
9.
Vgl. Ursula Lehmkuhl, Pax Anglo-Americana: Machtstrukturelle Grundlagen anglo-amerikanischer Asien- und Fernostpolitik in den 1950er Jahren (München: Oldenbourg, 1999a).
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Autor: Ursula Lehmkuhl für bpb.de
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