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Analyse: Die neue polnische Migration nach Deutschland aus lokaler Perspektive


19.6.2012
Der Landkreis Uecker-Randow an der polnisch-deutschen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern ist Migrationsziel vieler Polen. Sie bremsen den Prozess der Entvölkerung und fördern die Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Region.

Die Gemeinde Löcknitz im Landkreis Uecker-Randow ist ein beliebter Zielort für polnische Staatsbürger. Etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sind polnischer Herkunft. Grund für den Zuzug sind v.a. die niedrigen Immobilienpreise.Die Gemeinde Löcknitz im Landkreis Uecker-Randow ist ein beliebter Zielort für polnische Staatsbürger. Etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sind polnischer Herkunft. Grund für den Zuzug sind v.a. die niedrigen Immobilienpreise. (© Maja Kaeding)

Am 1. Mai 2011 wurden die Zugangsbeschränkungen für Polen zum deutschen Arbeitsmarkt vollständig aufgehoben. Trotz der Barrieren bei der Aufnahme einer Arbeit und obwohl die Migration nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004 in verschiedene Richtungen ging, blieb Deutschland ein wichtiges Zielland für die Polen. Nach Angaben des Statistischen Hauptamts (Główny Urząd Statystyczny – GUS) in Warschau hielten sich in den EU-Ländern Ende 2010 am meisten Polen in Großbritannien (560.000), Deutschland (455.000), Irland (125.000), den Niederlanden (108.000) und in Italien (92.000) auf. Noch vor dem Jahr 2011 führte Deutschland schrittweise eine Reihe von Erleichterungen für den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ein. Beispielsweise wurden in Anbetracht des Fachkräftemangels in manchen Branchen im Jahr 2007 Erleichterungen auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure mit bestimmten Spezialisierungen und für Absolventen deutscher Hochschulen eingeführt. 2008 konnten Hochschulabsolventen (nicht nur deutscher Hochschulen) aus den neuen EU-Mitgliedsländern eine Arbeit, die ihren Studienfächern entspricht, in Deutschland aufnehmen. Viele Polen sind außerdem auf dem deutschen Arbeitsmarkt anwesend, weil sie ein eigenes Unternehmen leiten. Nach Angaben der Bundeshandwerkskammer waren mit Stand vom 31. Dezember 2010 27.484 polnische Firmen im deutschen Handwerksregister als selbständige Wirtschaftssubjekte registriert; davon waren 94 Prozent der Firmen in den westlichen Bundesländern und in Berlin tätig. Interessanterweise fällt die Zahl der Registrierungen in der Hauptstadt, während gleichzeitig eine steigende Tendenz in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zu beobachten ist, was mit dem Fehlen einer Reihe von Dienstleistungen in Ostdeutschland und dem aktiven Eintritt polnischer Firmen in die sich ergebenden Nischen zu tun hat. Im Ergebnis, so die Angaben des Statistischen Bundesamtes, lebten im Jahr 2011 468.481 Polen in Deutschland, das sind fast 7 Prozent aller Ausländer in Deutschland und gleichzeitig die drittgrößte Gruppe nach den Türken (23 Prozent) und den Italienern (8 Prozent). Die Hälfte der Polen konzentriert sich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen. Im Gegensatz beispielsweise zu den Türken hat sich die Anzahl der Polen in Deutschland in den letzten Jahren nicht verringert, sondern ist gestiegen (im Jahr 2010 betrug die Anzahl der Polen in Deutschland 419.435). Eine der Regionen, in der in den letzten Jahren ein Zuwachs notiert wurde, ist die Grenzregion in Nordostdeutschland, insbesondere das Gebiet des ehemaligen Landkreises Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern.

Migration im Grenzraum



Es handelt sich hier um eine periphäre Region Deutschlands mit einer im Landesvergleich sehr hohen Arbeitslosigkeit (16,5 Prozent), wo die negativen demographischen Trends seit 30 Jahren den Rest Deutschlands überholen. Seit Anfang 1991 hat sich die Bevölkerung dieser Region um ein Viertel verringert. Dies ist kein besonderes Phänomen – in den Jahren 1990 bis 2002 verließen eine Million Menschen Ostdeutschland. Die Mehrheit der Deutschen, die wegzogen, waren junge Menschen, gut ausgebildet, häufig Frauen. Sie hinterließen leere Häuser und Wohnungen, ältere Menschen, die ärztlicher Hilfe bedürfen, und Kindergärten, in denen die Anzahl der Kinder systematisch abnimmt. Im Ergebnis kann ein Teil der Stellen, die aufgrund von Verrentungen frei werden, nicht besetzt werden, insbesondere in Branchen, die eine hohe Qualifizierung erfordern. Die Unternehmer klagen über den Mangel an jungen Menschen, die in den Betrieben und Berufsschulen eine Ausbildung aufnehmen.

Eine Rettung für die – wie ihre Einwohner sie nennen – vergessenen östlichen Randgebiete waren allerdings weniger die Hilfsprogramme für die Gebiete der ehemaligen DDR als die Neuankömmlinge aus Polen. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns ist sehr niedrig im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. 2011 betrug er 1,9 Prozent, das waren 31.465 Personen (ganz Deutschland 8,5 Prozent). Dabei waren die Polen mit 14, 3 Prozent, gefolgt von den Russen (9,7 Prozent) und den Ukrainern (7,3 Prozent) am stärksten vertreten. Der Landkreis Uecker-Randow wurde in den letzten Jahren der beliebteste Zielort für polnische Staatsbürger. Ende 2010 waren hier 1.667 Ausländer registriert, davon 1.258 (76 Prozent) polnische Staatsangehörige. Besondere Aufmerksamkeit zog in den letzten Jahren Löcknitz-Penkun als Zentrum der polnischen Migration auf sich. In Löcknitz selbst sind zirka 10 Prozent der Gesamtbevölkerung polnischer Herkunft.

Attraktive Wohnungsangebote



Die Polen emigrieren allerdings nicht der Arbeit wegen, um die es dort schlecht bestellt ist. Vor allem werden sie von attraktiven Wohnungsangeboten angezogen – die Preise für Immobilien sind hier niedriger als in Polen und es gibt ein großes Angebot. »Plötzlich zeigte sich, dass wir uns ein Häuschen auf dem Land leisten können!«, begründen die Polen vor Ort ihren Schritt. Sie tauschen ihre Zweizimmerwohnungen in Stettin (Szczecin) gegen Vierzimmerwohnungen auf der westlichen Seite der Oder. Nicht ohne Bedeutung ist die Nähe zur Grenze. Der Ort Löcknitz liegt zum Beispiel nur 25 Kilometer von Stettin entfernt. »Meine Verwandtschaft ist in Polen, und ich brauche nur eine Stunde Fahrt und schon bin ich dort«, unterstreichen die Polen, die sich ständig zwischen beiden Ländern bewegen und angeben, in Deutschland zu schlafen und in Polen einzukaufen. Das lokale Monatsblatt »Pasewalker Nachrichten« zitiert zur Beschreibung des Phänomens die Aussage von Polen »ich habe immer zwei Währungen im Portemonnaie«.

Wie bereits erwähnt, kam es nach der Wiedervereinigung Deutschlands aufgrund der starken Abwanderung in die westlichen Bundesländer in vielen ostdeutschen Städten zu Leerstand. In manchen Städten entschied man sich sogar, die Wohnblocks abzureißen. In großem Maß fand dies zum Beispiel in Eggesin, einem früher wichtigen Standort der NVA, statt. In Löcknitz betrug der Leerstand damals 12 Prozent und betraf vor allem die Plattenbauten. Nach der EU-Erweiterung ließ sich dagegen ein Zuzug von Bürgern aus Polen feststellen, so dass die Entscheidung fiel, den Abriss zugunsten der Immigration von Polen einzustellen. In Löcknitz wurde im Jahr 2006 der erste Anstieg polnischer Mieter festgestellt – seitdem geht der Leerstand deutlich zurück, was ohne den Anteil von Migranten aus Polen nicht möglich wäre (so nach Daten der Wohnungsbaugesellschaft Löcknitz und der Löcknitzer Wohnungsverwaltung).

Zwischen zwei Welten



Viele Polen, die im Landkreis Uecker-Randow leben, arbeiten täglich in Stettin, der größten Stadt in dieser deutsch-polnischen Grenzregion. Es sind dies vor allem Familien und gut ausgebildete junge Ehepaare, die gern ein Haus kaufen, durchaus auch in ländlichen Gegenden. Oft schicken sie ihre Kinder in die örtlichen Kindergärten und Schulen. Dazu die Einschätzung eines polnischen Einwohners: »Hier lassen sich Vertreter der polnischen Intelligenz und der Mittelklasse nieder und kaufen Häuser, denn in Stettin ist der Wohnungsmarkt bereits gesättigt. Das sind kreative Menschen, die sich durch ihre Tätigkeiten von anderen abheben.«

Es gibt aber auch gegenteilige Beispiele – Polen, die in Deutschland arbeiten, aber in Polen wohnen. In Anbetracht der Spezifik des lokalen Arbeitsmarktes handelt es sich hierbei vor allem um Spezialisten mit guten Deutschkenntnissen, die in deutschen Institutionen angestellt sind, sowie um Personen, die ein eigenes Unternehmen betreiben. Zu dieser Gruppe gehören polnische Ärzte und Krankenschwestern, ohne die nach Einschätzung der ansässigen Deutschen »manche Fachgebiete nicht besetzt wären. Zum Beispiel haben wir in der ganzen Region keinen [deutschen] Hals-Nasen-Ohren-Arzt mehr, das sind nur Polen.« Andere fügen hinzu: »Im Krankenhaus sind ein Drittel der Ärzte aus Polen; wir müssten es wahrscheinlich schließen, wenn wir sie nicht hätten.«

Ein anderer Teil der Polen tut beides, er wohnt und arbeitet auf der deutschen Seite. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Reemigranten – Polen, die nach Jahren der Emigration in Westdeutschland nach Ostdeutschland ziehen, wo sie es näher zur Heimat und zur Verwandtschaft in Polen haben. Dies sind vor allem voll ausgebildete Menschen oder Rentner, weshalb die Frage nach einer Anstellung für sie kein wesentliches Problem dastellt.

Herausforderungen



Neben den positiven Beispielen fehlen aber auch die schwarzen Schafe nicht. Manche Polen haben die Möglichkeit, in Deutschland zu wohnen, als Chance gesehen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Vor allem am Anfang nutzten sie die attraktiven Mietangebote, insbesondere in Verbindung mit der Möglichkeit, Mietzuschüsse und Sozialhilfe zu beziehen. Diese Praktiken erregten bei vielen deutschen Einwohnern Abneigungen gegen die Polen; häufig wurden die polnischen Nachbarn als diejenigen wahrgenommen, die die Wohltaten des deutschen Wohlfahrtsstaates missbrauchen. Ein Teil von ihnen kehrte aber nach Polen zurück, denn die Unterhaltskosten in Deutschland überstiegen ihre Möglichkeiten und die potentiellen Profite aus der Sozialhilfe erwiesen sich als weniger attraktiv, als sie erwartet hatten. Die Polen, die gegenwärtig in diesen Gebieten leben, nehmen auch die ihnen zustehenden Privilegien wahr, aber es sind dies nicht die einzigen Gründe, warum sie sich auf der deutschen Seite der Oder niedergelassen haben.

Die Aktivitäten der lokalen Verwaltungen



Für die Niederlassung der Polen ist auch die aktive Politik der lokalen Verwaltungen von Bedeutung, die in der Migration eine Entwicklungschance für die Region sehen und den Zuzug von Polen unterstützen. Im Jahr 2009 ging aus der Initiative »Euroregion Pomerania« die Einrichtung einer Kontakt- und Beratungsstelle hervor, die unter anderen polnische Immigranten berät. Manche Behörden haben begonnen, Personal mit Polnischkenntnissen einzustellen. In den Schulen wird zusätzlicher Deutschunterricht angeboten und ein Teil der Kindergärten und Schulen arbeitet zweisprachig. Auch die Wohnungsbaugesellschaften, die Wohnungen vermieten, bieten Unterstützung an, indem sie zum Beispiel bei Kontakten mit den Behörden helfen. »Der Verwalter der Wohungsbaugesellschaft sagte, dass er auf die Kaution verzichten würde. Dann sagte er: ›Ich gebe euch Farbe‹, denn da war eine Renovierung nötig. Danach hat er uns noch einen Elektroherd besorgt und die ganzen Armaturen ausgetauscht sowie das Waschbecken und die Badewanne«, erzählt einer der befragten Polen, die hierher gezogen sind. Die angewendete Marketingstrategie erwies sich als wirkungsvoll. Heute stehen nur zirka 3 Prozent der Wohnungen in Löcknitz leer. Daher bezeichnen auch die Bürgermeister dieser Region, wenn sie sich in den lokalen Zeitungen äußern, die Situation, die sich aus dem Zuzug von Polen in diese Region und aus der Nähe zu Polen und vor allem zu Stettin ergibt, als Chance für die Region. Die deutschen lokalen Behörden sprechen von einer Agglomeration mit deutschen Kleinstädten als wesentlichen Partnern, die die Gewinner der Situation sind. Die deutschen Gemeinden im Grenzgebiet schauen lieber nach Polen als in Richtung ihrer Landes- oder Bundeshauptstadt. Gleichzeitig fühlen sie sich an den Rand der Landes- und Bundespolitik gedrängt, für die sie weit entfernte Randgebiete sind.



 

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