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Analyse: Tadeusz Mazowiecki – Politik und Werte


20.11.2013
Tadeusz Mazowiecki war vom August 1989 bis Dezember 1990 der erste Premier Polens nach dem Zweiten Weltkrieg, der nicht dem kommunistischen Regime angehörte. Er machte sich maßgeblich um die Versöhnung und Verständigung mit Deutschland im europäischen Einigungsprozess stark. Am 28. Oktober 2013 verstarb er.

epa03934528 Cardinal Kazimierz Nycz (C) leads the religious rites at the funeral of former Polish Prime Minister Tadeusz Mazowiecki at his family's grave on the cemetery in the Laski village, near Warsaw, Poland, 03 November 2013. Tadeusz Mazowiecki, the first democratically elected Prime Minister of Poland after the collapse of communism, died on 28 October 2013 at the age of 86. EPA/Radek Pietruszka POLAND OUTKardinal Kazimierz Nycz leitete die Beerdigung von Tadeusz Mazowiecki am 03.11.2013 in der Nähe von Warschau. An der Beerdigung nahmen viele wichtige nationale und internationalen Politiker teil. (© picture-alliance/dpa)

Am 28. Oktober 2013 starb Tadeusz Mazowiecki, der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war ein Europäer der ersten Stunde. Und er gilt als derjenige, der Polen nach dem Scheitern des Kommunismus 1989 als Regierungschef mit grundlegenden Reformen den Weg in die Freiheit und Unabhängigkeit ebnete. In den letzten Wochen würdigten Politiker aus den politischen Parteien von links bis rechts, Intellektuelle und ehemalige Wegbegleiter den Menschen und Politiker Mazowiecki. Die polnischen Medien erinnerten ausführlich an das politische Lebenswerk des ersten Regierungschefs der Dritten Republik. Sein Charisma und seine moralische Integrität standen dabei im Mittelpunkt. Erste Stellungnahmen wurden schon am Todestag selbst abgegeben. Staatspräsident Bronisław Komorowski würdigte den ehemaligen Ministerpräsidenten, der seit 2010 bis zuletzt als sein persönlicher Berater fungierte, für seinen entscheidenden Beitrag zum Wandel in Polen sowie zur Entwicklung der gutnachbarschaftlichen Beziehungen mit Deutschland und ganz Europa. Regierungschef Donald Tusk bezeichnete Mazowiecki als einen der herausragendsten polnischen Politiker des 20. Jahrhunderts. Lech Wałęsa sagte, er sei der beste Ministerpräsident gewesen, den Polen bis heute gehabt habe.

Abschied



Den Höhepunkt der Gedenkfeierlichkeiten bildete am 3. November der von mehreren tausend Menschen gesäumte öffentliche Leichenzug von der Kapelle des Präsidentenpalastes über den Krakowskie Przedmieście zur Warschauer Johanneskathedrale. Unter Leitung des Metropoliten der Warschauer Erzdiözese, Kazimierz Kardinal Nycz, fand dort eine Trauermesse statt. Für die breite Öffentlichkeit wurde sie auf Videoleinwänden auf dem Schlossplatz sowie im polnischen Fernsehen übertragen, während in der Kirche die eingeladenen Gäste aus dem In- und Ausland von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Abschied nahmen. Die Bedeutung Mazowieckis für Polen unterstreicht allein schon ein Blick auf die Liste der Trauergäste. Zu ihnen zählten neben dem Staats- und Ministerpräsidenten die Marschälle von Sejm und Senat, Ewa Kopacz und Bogdan Borusewicz. Die ehemaligen Präsidenten Polens, Lech Wałęsa und Aleksander Kwaśniewski, waren anwesend sowie – neben Freunden und Weggefährten wie Adam Michnik und Władysław Bartoszewski – die Riege ehemaliger polnischer Ministerpräsidenten, Jan Krzysztof Bielecki, Jerzy Buzek, Włodzimierz Cimoszewicz, Kazimierz Marcinkiewicz, Leszek Miller, Józef Oleksy, Waldemar Pawlak, Hanna Suchocka und – viel beachtet – Jarosław Kaczyński. Die Delegation ausländischer Gäste führte der Kommissionspräsident der Europäischen Union, José Manuel Barroso, an. Während Kardinal Nycz Mazowiecki als Mann der polnischen, europäischen und der Weltkirche würdigte, unterstrich der Staatspräsident die Bedeutung des ehemaligen Regierungschefs als ehrenhafter Politiker. "Er hat gezeigt, dass man in der Politik gleichzeitig anständig und erfolgreich sein kann", sagte Komorowski. In der Regierung Mazowiecki seien "die Fundamente für ein freies Polen gelegt" worden. Fürbitten in den Sprachen der Länder, in denen Mazowiecki aufgrund seines internationalen politischen Engagements besonders große Anerkennung genießt – vor allem in Deutschland, Frankreich, den USA und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien – reflektierten die Orientierung Mazowieckis auf Versöhnung und Verständigung zwischen verfeindeten Nationen. Kondolenzschreiben wurden verlesen, von Papst Franziskus über den Dalai Lama bis hin zu Barack Obama und Angela Merkel. Für die Familien seiner anwesenden Söhne und die junge Generation sprachen seine Enkel einen persönlichen Dank.

Medienecho – "Nasz Premier"



Ein Blick in die polnische Presse der vergangenen Tage lässt den gleichen Tenor zum Ausdruck kommen, dass Tadeusz Mazowiecki ein großer polnischer Staatsmann gewesen sei, ohne in der Politik jemals seine Menschlichkeit verloren zu haben. So werden seine Verdienste für die Dritte Republik in Texten und Bildern erinnert sowie sein stetes Bestreben, die unterschiedlichsten Personen und politischen Gruppierungen zusammenzuführen. In Nachrufen und Kommentaren wird er als kluger, anständiger und bescheidener Politiker gewürdigt. Mit ihm sei einer der maßgeblichen Gründerväter des neuen, freien und demokratischen Polen verstorben. Lange habe er zu Unrecht in der Kritik gestanden. Als Belege für das einmütige Medienecho lassen sich zahlreiche Schlagzeilen und Zitate anführen. So machte etwa die Gazeta Wyborcza, 1989 als Wahlzeitung der demokratischen Gewerkschaftsbewegung entstanden, am 29.10. mit einem ganzseitigen, schwarz-weiß Portraitfoto des Verstorbenen auf. Sie titelte dazu lediglich "Tadeusz Mazowiecki 1927–2013". Adam Michnik, ihr Chefredakteur und ehemaliger Weggefährte Mazowieckis in der Solidarność, überschrieb seinen Hauptkommentar mit "Nasz Premier" (Unser Premier), damit eine legendär gewordene Losung aus dem Sommer 1989 aufgreifend, als das "Bürgerkomitee bei Lech Wałęsa" nach den ersten halbfreien Wahlen als politischer Sieger hervorgegangen war. Parallel kommentierte der Chefredakteur der Rzeczpospolita in großen Lettern: "Danke für Polen, Herr Tadeusz". Die auflagenstärkste Boulevardzeitung Fakt titelte: "Der erste Ministerpräsident des freien Polen ist tot". Inhaltlich schließt sich die Berichterstattung und Kommentierung nahtlos an die Würdigungen der Politiker an. Beispielsweise heißt es in der Rzeczpospolita: "Solche Ministerpräsidenten gibt es nicht mehr", und die Zeitung Polska The Times resümiert: "Wir verabschieden uns von einem einfachen Menschen". Vor dem Hintergrund des geringen Ansehens der aktuellen polnischen Politik kommt darin die hohe Anerkennung für Mazowiecki zum Ausdruck, der einen selbstlosen Politikstil pflegte und stets Respekt im Umgang mit seinem politischen Gegenüber zeigte. Jan Widacki charakterisiert Mazowiecki in der Wochenzeitung Przegląd als "guten Menschen" und "wahren Staatsmann". Geleitet habe diesen der Glaube an die guten Absichten seiner politischen Mitstreiter und Opponenten, was nicht ausschloss, Widerspruch einzulegen, wenn etwas nicht mit seinen eigenen Werten übereinstimmte. Ebenso deutlich sei seine Haltung gewesen, die Interessen des Staates und der Nation höher zu stellen als Eigen- oder Parteiinteressen. Er habe sich nicht nach Umfragen gerichtet oder auf Mittel des Populismus und der Demagogie gesetzt, sondern sei auch für unpopuläre Wahrheiten eingetreten. Mit Blick auf die kurze Amtszeit Mazowieckis kommt Tomasz Lis in Newsweek Polska zu der Einschätzung, mit Mazowiecki sei der Mensch zum zentralen Bezugspunkt und zum größten Sieger der Dritten Republik geworden. Mazowiecki hatte in dieser Phase die schmerzhafteste und erniedrigendste Niederlage erlitten, sie hatte darin bestanden, dass er in den ersten freien und direkten Präsidentenwahlen im Herbst 1990 gegen Lech Wałęsa und den "Mann aus dem Nichts", den aus Peru eingereisten Geschäftsmann Stanisław Tymiński, verloren hatte. Wie viele andere Kommentatoren sieht auch Lis in der Bestattung in der Familiengrabstätte in Laski bei Warschau ein Symbol der Bescheidenheit Mazowieckis. In Anspielung auf die umstrittene Beisetzung Präsident Lech Kaczyńskis in Krakau 2010 formuliert er: "Wahre Größe braucht keinen Wawel". Und er schließt mit der Bemerkung, Polen verdanke Mazowiecki das beste Vierteljahrhundert seiner Geschichte. Ein Nachruf von besonderem Gewicht ist sicherlich der Kommentar von Adam Michnik in der Gazeta Wyborcza, gehörte er doch neben dem Journalisten Mazowiecki und dem Historiker Bronisław Geremek zu den intellektuellen Leitfiguren der Demokratiebewegung. In seinem Nachruf würdigt er den verstorbenen Ministerpräsidenten deshalb zu allererst als "Symbol der demokratischen Opposition und der Solidarność". Er sei ein Aushängeschild des damaligen Polens gewesen, ein Kämpfer für die Freiheit und ein Mann des Dialogs, der auch mit Vertretern des anderen politischen Lagers (etwa Wojciech Jaruzelski oder Aleksander Kwaśniewski) das Gespräch gesucht habe. Mazowiecki habe auf Polen und die Welt ohne Komplexe und Selbstgefälligkeit geschaut. Er sei dabei ein Patriot geblieben, frei von staatlichen Egoismen und Nationalismus. Er sei ein Christ gewesen im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II., des Gründers und Herausgebers der im damaligen Ostblock einzigartigen katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, Jerzy Turowicz, der Priester Jan Zieja und Józef Tischner.



 

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