Dossierbild Polen

11.8.2009 | Von:
Dieter Bingen

Vorreiter des Umbruchs im Ostblock

Die Geschichte Polens nach 1980 ist gekennzeichnet durch einen fortwährenden Machtkampf. Die Gewerkschaft "Solidarnosc" konkurrierte mit der PZPR um die politische Führung des Landes. Schließlich kam es 1989 zu Verhandlungen am "Runden Tisch".

Lech Walesa, der Leiter der streikenden Arbeiter-Delegation, steht auf einem Podium und spricht nach der Verhandlung zu streikenden Arbeitern, die mit Blumen winken.Lech Walesa,der Leiter der streikenden Arbeiter-Delegation, spricht zu den streikenden Arbeitern, 1980. (© AP)

Innerhalb weniger Wochen verlor die PZPR die direkte Kontrolle über mehr als 90 Prozent der organisierten Arbeiter und damit ihre Legitimationsbasis als "führende Kraft" beim Aufbau des Sozialismus in Polen. Das Protokoll der Vereinbarungen von Danzig wurde in der Folgezeit zum Bezugsrahmen der sich im Lande immer weiter ausbreitenden Gewerkschaftsbewegung. Im November 1980 waren von den 16 Millionen Werktätigen Polens rund zehn Millionen der neuen Gewerkschaft "Solidarnosc" (Solidarität), die im Oktober 1980 registriert wurde, beigetreten. [...]


Die von der Parteiführung als herausfordernd empfundene Haltung der neuen Gewerkschaftsbewegung wurde durch die Lähmung des alten Partei- und Staatsapparates gefördert. Zwar war Parteichef Gierek am 5. September 1980 durch den bisherigen ZK-Sekretär für Sicherheit, Stanislaw Kania, abgelöst und eine Erneuerung in der Partei gefordert worden, aber weder die PZPR noch die Regierung konnten ein überzeugendes Reformprogramm für die Wirtschaft und die politische Mitbestimmung der Gesellschaft entwickeln. Der erst im August 1980 ernannte Ministerpräsident Józef Pinkowski trat im Februar 1981 zurück. Sein Nachfolger wurde General Wojciech Jaruzelski (geb. 1923), der den Posten des Verteidigungsministers (seit 1968) und den Oberbefehl über die Streitkräfte beibehielt. Stellvertretender Ministerpräsident wurde der als liberal geltende Publizist und Politiker Mieczyslaw Rakowski (1926–2008). [...]

Ein Jahr nach der Unterzeichnung der "gesellschaftlichen Vereinbarungen" trat die Solidarnosc in Oliwa bei Danzig im September 1981 zum ersten Landeskongress zusammen. Walesa kündigte dort eine eigene Strategie der Gewerkschaft zur Rettung der Wirtschaft an und setzte die Gewerkschaft dem Vorwurf aus, sie wolle dem Staat die Wirtschafts- und Verteilungspolitik aus der Hand nehmen und selbst staatliche Aufgaben übernehmen. Großes Aufsehen erregte eine Solidarnosc-Botschaft an die Arbeiter in den sozialistischen Bruderstaaten.

Im Oktober 1981 übernahm Ministerpräsident und Verteidigungsminister Jaruzelski auch das Amt des Ersten Sekretärs des ZK der PZPR. Immer offener wurde von der Parteiführung mit einem gesetzlichen Streikverbot gedroht. Das politische Klima verschärfte sich in den Novemberwochen zusehends. Am 12. Dezember kündigte die Gewerkschaftsführung in Danzig an, sie werde für den Fall, dass in der für den 15. und 16. Dezember einberufenen Sejmsitzung der Regierung Sondervollmachten erteilt würden, am 17. Dezember einen nationalen Protesttag durchführen. Gleichzeitig verlangte sie innerhalb der nächsten zwei Monate eine Volksabstimmung über das Vertrauen in die Regierung.

Verhängung des Kriegsrechts

Am 13. Dezember 1981 verhängte Ministerpräsident und Parteisekretär General Jaruzelski über Polen das Kriegsrecht und setzte einen von ihm geleiteten "Armeerat der nationalen Errettung" (WRON) ein. Walesa und andere Mitglieder der Solidarnosc-Führung sowie eine große Zahl von Intellektuellen und Aktivisten der Gewerkschaft und anderer Verbände wurden interniert, aber auch ehemalige Staats- und Parteifunktionäre, unter anderem der Ex-Parteisekretär Gierek. In einer in der Sowjetunion gedruckten Proklamation und in einer Rundfunkansprache rechtfertigte Jaruzelski die Verhängung des Kriegsrechts mit Umsturzplänen der Solidarnosc, die "Anarchie, Willkür und Chaos" und einen Bürgerkrieg heraufbeschworen hätten.

Der Einsatz der Sicherheitskräfte unter dem politischen Schirm der Armee erwies sich als die letzte Möglichkeit für die Nomenklatur des realsozialistischen Systems, ihre Machtposition zu behaupten. So übernahm die Armee weitgehend die Aufgaben, für die unter "normalen" Bedingungen die PZPR zuständig war. Nach Aufhebung des Kriegsrechts (22. Juli 1983) wurde durch die Personalunion von Erstem Sekretär des ZK der PZPR, Regierungschef und Oberbefehlshaber der polnischen Armee die herausragende Rolle der Streitkräfte im Staat vorläufig festgeschrieben. [...]

Gescheiterte Normalisierungsversuche

Neben dem Kampf gegen ideologische Gegner in den Parteireihen und in der Gesellschaft suchte die Jaruzelski-Führung nach Wegen, die Nichtkommunisten für sich zu gewinnen, freilich nicht die politische Opposition (wie zum Beispiel den Solidarnosc-Untergrund). Die katholische Hierarchie mit dem Primas Józef Kardinal Glemp (geb. 1929) an der Spitze spielte bei den demonstrativ herausgestellten Dialog- und Verständigungsangeboten eine Schlüsselrolle. Hauptziel der Politik war die politische Neutralisierung der katholischen Kirche.

Wichtigstes Forum und politischer Transmissionsriemen der von der Jaruzelski-Führung deklarierten Verständigung sollte die 1982 geschaffene "Patriotische Bewegung der nationalen Wiedergeburt" (PRON) sein, die 1983 offiziell die seit den fünfziger Jahren bestehende "Front der Nationalen Einheit" (FJN) ablöste. In ihr waren alle legalen politischen und gesellschaftlichen Organisationen vertreten. Die Bereitschaft zum politischen "Dialog", der von der Jaruzelski-Führung in der Übergangszeit bis zum Beginn der Politik von "Glasnost" (Transparenz) und "Perestrojka" (Umgestaltung) in der Sowjetunion angeboten wurde, reichte weit über das hinaus, was die Parteiführungen in den anderen so genannten realsozialistischen Staaten ihren Gesellschaften offerierten. Das Bemühen musste jedoch weitgehend wirkungslos bleiben, weil sich die politisch engagierten Teile der polnischen Gesellschaft in der ersten Hälfte der achtziger Jahre in ihren Vorstellungen nicht von Vergleichen mit den Nachbarstaaten leiten ließen, sondern von der Unreformierbarkeit des real existierenden Sozialismus in Polen überzeugt waren.

Mit der Verabschiedung des Gewerkschaftsgesetzes am 8. Oktober 1982 war die Solidarnosc verboten worden. Seit 1982 auf Betriebsebene von der PZPR initiierte neue Gewerkschaften (OPZZ) suchten nach einem unabhängigen Profil, wurden aber von einem Großteil der Arbeiter abgelehnt. [...]


Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen