Dossierbild Polen

23.2.2010 | Von:
Boguslaw Bakula

Die Last der Freiheit

Polnische Kultur 1989-1999

Das Jahr 1989 markiert für Polen die Rückkehr von der sozialistischen Entfremdung zum eigenverantwortlichen Umgang mit der Geschichte. Die Debatten der 1990er Jahre stellten das tradierte polnische Selbstbild oft fundamental in Frage. Die Kultur hat durch diese Debatten aber auch an Freiraum gewonnen.

Skluptur des polnischen Künstlers Igor Mitoraj in Krakau.Skluptur des polnischen Künstlers Igor Mitoraj in Krakau. (© AP)

In seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins zeigt Milan Kundera eine Reihe von Figuren, die die Verantwortung für das eigene Schicksal aufgegeben und sich an den unberechenbaren Zufall ausgeliefert haben. Aus der Emigration zurückgekehrt, verlieren sie in der "befriedeten" Heimat ihre existenzielle und soziale Last: Sie ergeben sich der Realität und werden zum Spielball der Politik und der Geschichte. Die "Leichtigkeit", die so entsteht, ist kein Ergebnis von Freiheit, sie kennzeichnet vielmehr ein gleichgültig gewordenes Individuum, das sich mit seiner Versklavung abgefunden hat. Eben diese paradoxe, erdrückende Leichtigkeit erfasste nicht nur Kunderas fiktive Protagonisten, sondern mit ihnen ihr ganzes Land und die gesamte reale Region Osteuropa.

Als die osteuropäischen Gesellschaften 1989 aus der sozialistischen Leichtigkeit des Seins erwachten, war es allem anfänglichen Enthusiasmus zum Trotz keineswegs offensichtlich, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen würden. Die plötzliche Freiheit stellte eine Last dar, die ihre Träger oft überforderte. Bei vielen kam der Wunsch auf, zu der früheren Leichtigkeit zurückzukehren, zumal die neue Freiheit nicht nur einen Modernisierungsschub, sondern auch Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg mit sich brachte. [1]

Der Umbruch oder die subjektive Leichtigkeit der Last

Für die einen war der Umbruch ein Moment, für die anderen ein langer Prozess. Mal war er schnell, mal sanft, mal blutig. In Polen ist es besonders schwierig, den Beginn dieser Entwicklung zu bestimmen. Der Widerstand und die gewaltsamen staatlichen Reaktionen darauf zogen sich über Jahre hin und zerfielen in mehrere Phasen. Selbst der 4. Juni 1989, der Tag der ersten demokratischen Wahlen in Osteuropa seit 1939, der formal die kommunistische Herrschaft beendete, war nur ein Glied in einer Kette von Ereignissen.


Nach Meinung mancher Historiker begann der Widerstand gegen den Kommunismus mit dem bewaffneten Arbeiteraufstand im Juni 1956 in Posen und kulminierte zwischen dem 4. Juni und dem 17. November 1989, andere dagegen datieren seinen Beginn erst auf den Herbst 1989. Der Umbruch im weiteren Sinn dauerte bis 2004 an, als die ostmitteleuropäischen Staaten Mitglieder der EU wurden. Er war von einer Vielfalt von Erfahrungen begleitet, die an die Stelle von Kunderas sklavischer Leichtigkeit die Empfindung existenzieller Last zurückbrachten.

In Polen kam es zwischen den Verhandlungen am Runden Tisch (Februar-April 1989) und dem 4. Juni zu einer Häufung von Ereignissen, in denen kollektive Begeisterung und eiskaltes Kalkül zusammenflossen. Beide verbanden sich im Wunsch nach Veränderung, den nicht nur die Opposition hegte. Diese verzichtete zum ersten Mal seit Jahren darauf, zu einem Boykott der Wahlen aufzurufen und wurde damit zum wichtigsten Motor der Veränderung. Aus dem Untergrund gingen Hunderte von Gruppen hervor, die mit der staatlich organisierten Propaganda rivalisierten. Nach Jahren von Erniedrigungen, Opfern, Pessimismus und Eskapismus deutete der kollektive Enthusiasmus auf einen Wandel im Verhältnis von Gesellschaft und offizieller Politik hin.

Nahezu alle wichtigen Stimmen der polnischen Kultur und Kunst sowie der katholischen Kirche unterstützten das Programm der Solidarnosc. Beliebte und prominente Schauspieler, die nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 das "Radiokomitee" – die größte Propaganda-Institution der Volksrepublik Polen – boykottiert hatten, tauchten nun auf einmal wieder im Fernsehen auf. Auf einem Wahlplakat, das Lech Walesa Seite an Seite mit den Kandidaten der Solidarnosc zeigte, hieß es: "Warte nicht, schau nicht nur zu, hilf!" Dies glich einem von der Nation erteilten moralischen Mandat und galt zugleich als eine Art Passierschein für den Eingang in die Geschichte. In den Juni-Wahlen entschieden sich knapp über 60 Prozent der Bürger für das Reform-Programm. Die kollektive Begeisterung war Ausdruck der subjektiven Leichtigkeit der neuen Last. Doch der Umbruch war auf lange Sicht weder ein vollständiger Sieg der oppositionellen Kräfte noch eine Niederlage der zurückweichenden Regierung, trug er doch deutliche innere Risse in sich – Risse, die sich in wechselseitigem Misstrauen der Akteure, ökonomischen Interessenkonflikten und Angst vor den materiellen Folgen des Systemwandels manifestierten.

Die Utopien der Intellektuellen

Ohne Rücksicht auf die Unruhe in den kommunistischen Regierungen der Nachbarländer, die Repressionen seitens der Sowjetunion fürchteten, gleichzeitig aber von einem ungeduldigen Michail Gorbachev zum Handeln angetrieben wurden, nahm das aus Kommunisten und Solidarnosc-Vertretern bestehende polnische "Vertragsparlament" nach dem 4. Juni 1989 zügig zahlreiche Reformen in Angriff. Neu war an diesem Parlament auch die Wiedereinführung des Senats, des Oberhauses des Parlaments, das am 4. Juni ebenfalls gewählt wurde und in dem die Solidarnosc 99 von 100 Sitzen gewann. Der Senat bestand zum größten Teil aus herausragenden Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Kunst und Bildungswesen.

Die Wähler hatten ein deutliches Zeichen gegen das kommunistische Menschenbild und die Kultur des Sozialismus gesetzt. Plötzlich sah man neue Gesichter und ein anderes Auftreten. Die parteitreue Sprache war im Senat – anders als im Sejm – vom Rednerpult verschwunden; die neue Rhetorik knüpfte an historische Vorbilder an und war getragen von aufrichtiger Sorge um das Los der Republik. Auch die lockere Kleidung der Senatoren hatte mit dem steifen, provinziellen Stil der parteitreuen Sejm-Abgeordneten wenig gemeinsam. In seiner personellen Zusammensetzung war der Senat gewissermaßen eine Fortsetzung des im Dezember 1981 durch den Kriegszustand unterbrochenen Kongresses der polnischen Kultur. Viele der damals internierten Künstler und Intellektuellen kehrten 1989 in die Öffentlichkeit zurück.

Die Vorstellung, das Oberhaus solle ein Art Areopag der Weisen und der Visionäre sein, der neue Ideen generiert und das politische Handeln moralisch und philosophisch überwacht und begleitet, war idealistisch. Sie speiste sich aus der polnischen Romantik und dem Geist der europäischen Antike. Doch die Idee einer Autorität, die nicht auf der Macht der Partei, sondern auf der Kraft des Verstandes, der Schönheit der Kunst und der Anerkennung der Wähler für den mutigen Einsatz der Dissidenten gegen den Totalitarismus gründete, hatte gegen die Missgunst des Unterhauses und der wachsenden Schar neuer Parteien einen schweren Stand. Der kommunistische Menschenschlag kehrte zurück, und der nach Parteizugehörigkeit besetzte Senat der nachfolgenden Legislaturperiode war keine moralische Instanz mehr, sondern ein fünftes Rad am schwankenden Wagen der polnischen Demokratie. Seine erste Amtszeit gilt aber heute noch als Beispiel für eine historische und moralische Alternative zu Korruption und Machtgier.

In der ersten Phase des Umbruchs richtete das gesamte Osteuropa seinen Blick auf die Künstler und die Intellektuellen. Diese Eliten waren es, die die nationale Erneuerung repräsentierten. In der Tschechoslowakei begann der Wandel mit der Wiederbelebung der Charta 77, vor allem des Künstlerkreises um Václav Havel. In der Ukraine waren es im Unabhängigkeitsjahr 1991 vorrangig die Dichter, die für die Freiheit eintraten: Dem wenige Jahre zuvor in einem Lager ermordeten Wasyl Stus, der zum ersten Märtyrer der ukrainischen Revolution wurde, folgten andere herausragende Schriftsteller wie Dmytro Pawlyczko, Iwan Dracz und Iwan Dziuba nach. Mit einem Mal wurden osteuropäische Schriftsteller zu Präsidenten, Musiker und Wissenschaftler zu Ministern und Botschaftern. Es schien, als könnte der Umbruch der 1990er Jahre den Vertretern der artes liberales endlich zu einer nicht nur dekorativen, sondern tragenden Rolle in der Politik verhelfen. Dass diese Phase eine kurze Episode blieb, lag vor allem daran, dass es innerhalb der Künstlerkreise keine politischen Eliten gab. Schon bald kehrte der Traum von einer Republik, die von Intellektuellen und Künstlern regiert wird, dorthin zurück, wo er hergekommen war: ins Reich der Utopie.

Spaltungen, Rückfälle, Abstiege

In der ersten Phase der Transformation konnte die marode polnische Wirtschaft kaum mit den politischen Veränderungen Schritt halten. Während die Demokratie ihr politisches Gewicht zurückgewann, schwanden materielle Werte, die im Besitz des Staats und seiner Bürger waren, aufgrund der Inflation über Nacht. Der gleichzeitige Rückzug des Staates aus der Kulturfinanzierung führte zu einer schweren Krise. Theater, Konzertsäle, Zeitschriften und Museen wurden geschlossen. Selbst den großen staatlichen Universitäten setzte die Inflation bedrohlich zu. Lokale Kulturinstitutionen in der Provinz wurden fallengelassen. Die Mehrheit der kulturell engagierten Kreise biss in der Hoffnung auf bessere Zeiten die Zähne zusammen.

Doch die Wirtschaftskrise überstieg die Kräfte vieler Bürger und schwächte ihr Vertrauen in die keimende Demokratie. Eine große Zahl junger Emigranten verließ Polen. Die Reformer wurden müde, viele gaben ihre Ziele auf und wechselten die Reihen oder begannen sich gegenseitig zu bekriegen. Eben damals kamen zunehmend Gruppen zu Wort, für die die "unerträgliche Leichtigkeit" der sozialistischen Vergangenheit ein wünschenswerter Zustand war, den es vor der wild wuchernden Freiheit zu retten galt.

Kultur- und Künstlerkreise zerfielen in Lager: Es gab jeweils zwei Verbände für Schriftsteller, Journalisten, bildende Künstler, Schauspieler, Musiker, Filmemacher und Wissenschaftler. Der Konflikt zwischen ihnen, der noch auf die 1980er Jahre zurückging und ursprünglich von Solidarnosc-nahen und oppositionellen Kreisen entfacht worden war, gewann nun, sobald es um konkrete Vorteile ging, an Schärfe. Verbissen kämpften die konkurrierenden Verbände um Einfluss und um die Aufteilung des Vermögens – hier setzten sich meist die Nachfolgeorganisationen der kommunistischen Institutionen durch -, um Zeitschriftentitel, Fördergelder und schließlich um die schwindenden Mitglieder. Mit der Zeit nahmen einige der Verbände den Dialog auf und schlossen sich zusammen, doch die einflussreichen Kreise, die sich in den 80er Jahren für die Opposition engagiert hatten, hielten die Spaltung aufrecht. Entscheidend waren dabei allerdings weniger die künstlerischen und politischen Profile der konkurrierenden Organisationen als ihr unterschiedliches Verhältnis zu bestimmten historischen Werten.

Diese Differenzen sowie die Wirtschaftskrise wirkten sich auch auf den Buchmarkt aus. Aus den Regalen der Buchhandlungen verschwand zunächst die ideologische Literatur – vor allem Bücher von Unterstützern des Kriegsrechts. Zugleich wurden sie bereits ab 1990 mit Publikationen überschwemmt, die zuvor ausschließlich im Untergrund oder im Ausland erscheinen konnten. Die faktische Aufhebung der sogenannten präventiven Zensur, die formal noch bis Mitte 1990 existierte, tatsächlich aber seit Juni 1989 nur noch Symbolwert besaß, führte zu einem rasanten Aufschwung der Samizdat- und Exilliteratur. Publiziert wurde sie zunächst vor allem von Verlagen, die "ohne Wissen und Erlaubnis" agierten. Die eilig und auf schlechtem Papier gedruckten Texte wurden auch auf der Straße auf Tischen und Feldbetten angeboten und direkt "auf die Hand" verkauft. Doch unter den neuen Bedingungen galten diese für den Untergrund typischen Sitten als "Piraterie" und konnten sich nur kurze Zeit halten.

Von den Kulturzeitschriften aus dem ehemaligen Untergrund überlebten nur wenige: der (städtisch geförderte) Posener Czas kultury, der katholische Tygodnik Powszechny, das monatlich erscheinende Kulturmagazin Odra und die im Umbruchjahr 1988/1989 gegründete Res publica. Der Markt der in hohen Auflagen erscheinenden Zeitschriften war dagegen zunächst völlig von kommunistischen Strukturen und Institutionen beherrscht und wurde später von ausländischen Konzernen übernommen. Die noch aus sozialistischen Zeiten stammenden Wochenblätter Polityka, Forum, Wprost sowie die lokalen und regionalen Tageszeitungen verfügten weiterhin über großen Einfluss und ein treues Publikum. Nachdem die meisten lokalen Zeitungen teilweise zu hohen Preisen in den Besitz deutscher Konzerne übergegangen waren, suchte sich der ehemalige Eigentümer, d.h. der Parteiapparat, ein neues Betätigungsfeld. Unter anderem begann er in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in den Bildungssektor zu investieren, insbesondere in die Entwicklung privater Hochschulen, in denen eine große und einflussreiche Gruppe von einst partei- bzw. militärnahen Wissenschaftlern einen bequemen Unterschlupf finden sollte.

Die Rolle der Emigration

Von enormer Bedeutung für die Entwicklung unabhängiger Kultur und Literatur am Anfang der 1990er Jahre war die ins Land einsickernde Exilkultur. Ihr Einfluss war schon seit 1976 spürbar gewesen, als einige Verlage in Polen erfolgreich begonnen hatten, die Zensur zu umgehen, doch erst mit dem Umbruch wurde er prägend. Die drei Kommunikationsebenen der polnischen Kultur – die offizielle, die inoffizielle und die des Exils -, die bis dahin parallel und getrennt voneinander exisitiert hatten, trafen nun aufeinander. Das Zusammenfließen dieser Strömungen mit ihren oft grundverschiedenen Wertvorstellungen, Texten und Beteiligten in einem einzigen Organismus stellt zweifellos eine der wichtigsten kulturellen Veränderungen der 1990er Jahre dar.

Eine historische Rolle spielten dabei gerade die Emigranten, etwa der exilierte Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der aus Berkeley zurückkehrte, um sich in Krakau niederzulassen. Seine literarischen Zwiegespräche mit dem litauischen Autor Tomas Venclova, sein enorm erfolgreicher, in viele Sprachen übersetzter Essay Rodzinna Europa sowie seine Unterstützung für den Erhalt des jüdischen Erbes in Krakau sind beispielhaft für Miloszs Engagement für einen neuen mitteleuropäischen Dialog. Auch emigrierte Dramatiker wie Slawomir Mrozek, Filmemacher wie Roman Polanski, Jerzy Skolimowski, Agnieszka Holland, Zbigniew Rybczynski und Theaterregisseure wie Jerzy Grotowski und Jan Kott kamen in den Neunzigern nach Polen zurück.

Allerdings erwies sich die Verständigung zwischen den verschiedenen Strömungen oft als schwierig. In den Jahrzehnten davor hatte der Dialog mit dem Exil im engen Kreis der Dissidenten stattgefunden, später im etwas breiteren Kreis der Solidarnosc-Aktivisten. Nachdem 1990 die Tür zu einer nationalen Debatte aufgestoßen war, wurde manchen Beteiligten bewusst, dass sich ihre auf der Ablehnung des Kommunismus aufbauenden Welten auflösten. Das Fehlen eines gemeinsamen Feindbilds beschleunigte das Auseinanderdriften der oppositionellen Kreise, von denen jeder seine eigene Vorstellung davon hatte, wie das Land aus der Krise geführt werden sollte. Die Debatte darüber wurde zu einer nicht enden wollenden Streitigkeit, die von der polnischen Gesellschaft mit Argwohn verfolgt wurde.

Die Rückkehr aus dem Exil war insofern nur ein partieller Erfolg. Allerdings hatte der Zirkel in Maisons-Laffitte nahe Paris, der sich um die Zeitschrift Kultura und ihren legendären Gründer und Chefredakteur Jerzy Giedroyc scharte, zeitweise einen gewissen Einfluss auf die polnische Außenpolitik nach 1989, insbesondere auf die Politik der kulturellen Integration in Mittel- und Osteuropa. [2] Das Programm der Kultura sah eine aktive polnische Ost-Politik vor, den Aufbau multilateraler politischer Beziehungen auf der Grundlage des territorialen Status quo, die Unterstützung nationaler Minderheiten und die Entwicklung gemeinsamer kultureller Initiativen und Konzepte für eine langfristige Zusammenarbeit. Viele der polnischen Spitzenpolitiker, darunter einige Premierminister, Außenminister sowie Mitglieder der präsidialen Kabinette, unterhielten nach 1989 Beziehungen zu Giedroyc und seine Kultura: Zu den Besuchern in Maisons-Laffitte zählten neben Lech Walesa und Aleksander Kwasniewski auch Tadeusz Mazowiecki, Bronislaw Geremek, Wladyslaw Bartoszewski, Janusz Onyszkiewicz, Jan Olszewski, Antoni Macierewicz, Piotr Naimski und Jerzy Milewski, aber auch jüngere Generationen polnischer Künstler und Publizisten, die mit der Bürgerrechtsbewegung wenig gemein hatten.

Giedroyc' wohl wichtigstes Erbe ist ein neues Modell eines mitteleuropäischen Dialogs, das er durch seine Publikationspolitik mitprägte und an dem sich zum Zeitpunkt des Umbruchs ein bedeutender Teil der polnischen Intellektuellen orientierte. Deutlich spürbar wurde dieser Einfluss in der Belletristik, aber auch in der Publizistik, vor allem dort, wo die schwierigen polnisch-ukrainischen und polnisch-litauischen Beziehungen thematisiert wurden.

Eine Kultur zwischen Autismus und Nomadentum

Zur Zeit des real existierenden Sozialismus machte an der Weichsel ein Spruch die Runde, wonach Polen wie ein Radieschen sei: außen rot und süß, innen weiß und scharf. Dieser Witz, der auf die Farben der Nationalfahne anspielte, enthielt eine komprimierte Interpretation der Nachkriegsgeschichte, in welcher das Aufeinandertreffen von Rot und Weiß nicht nur ein Wortspiel war. Der auf die Verteidigung nationaler, darunter auch religiöser Werte fixierte Kern der polnischen Kultur blieb auch während der Nachkriegsjahre erhalten. Dieser Kern basierte auf dem romantischen Mythos der letzten Schanze, "des Bollwerks des Christentums" und der "Engelhaftigkeit" seiner Bewohner. Das nationale Gedächtnis stützte sich nicht zuletzt auf die inoffizielle, doch gesellschaftlich relevante Überlieferung der gewaltsam erstickten Proteste der Jahre 1956, 1968, 1970, 1976, 1981, die auch im Sinne christlicher Eschatologie interpretiert wurden. Zum selben kulturellen Kern gehörte der Unwille, mit der sozialistischen Regierung zu kooperieren, und die stille Erhabenheit des Opfers – eine Haltung, die sich aus der Überzeugung von der Überlegenheit der nationalen Tradition über die kommunistischen Phrasen und die aufgezwungenen Regeln sowjetischen Gesellschaftslebens nährte. Die Verbindung dieser Elemente lässt sich als eine Art kultureller Autismus beschreiben.

Nach 1989 prallte das von solchem kulturellem Autismus geprägte nationale Zentrum mit einem neuen Gegner zusammen: mit den westlichen Kräften. Diese stellten ein Kulturmodell in Frage, in welchem eine einzige ideologische Kraft (Partei, Nation, Kirche) vorherrschte, und propagierten ihrerseits konsumtive, zumeist atheistische Formen der Teilhabe an der Gemeinschaft. Im Gegensatz zu den Leitbegriffen der autistischen Welt – nationaler Kanon, Tradition, Idealisierung der nationalen Geschichte, überhöhte moralische Ansprüche an den Künstler, sprachliche Identität, sittliche Kohärenz, Konformität mit dem Katholizismus, ablehnende Haltung gegenüber dem Westen – begann sich nach dem Wegfall politischer Schranken und der Zensur eine ganze Reihe "nomadistischer Diskurse" in Polen auszubreiten. Stichworte hierfür sind Postmoderne, McDonaldisierung der Gesellschaft, Massenkultur, Emigration, Globalisierung.


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