Dossierbild Polen
9.5.2011

Analyse: Das Projekt des polnisch-deutschen Schulbuchs

Zusammenfassung

Der Autor skizziert die Entstehungsgeschichte des polnisch-deutschen Schulbuchprojekts, das an die Arbeit der polnisch-deutschen Schulbuchkommission anknüpft, die 1972 gegründet worden war. Mit zunehmender Entkrampfung in den polnisch-deutschen Beziehungen und der Entwicklung des polnisch-deutschen Schüleraustauschs seit den 1990er Jahren stieg der Bedarf, neues Lehrmaterial zu entwickeln und zu veröffentlichen. Die vom damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier vorgestellte Idee, ein gemeinsames deutsch-polnisches Lehrbuch zu verfassen, stieß bei der national-konservativen Regierung in Warschau auf kein Interesse; nach dem Regierungswechsel in Warschau 2007 gab die große Politik grünes Licht. Mittlerweile sind die Empfehlungen für das polnisch-deutsche Geschichtsbuch von Experten erarbeitet und der Öffentlichkeit im Dezember 2010 vorgestellt worden. Nun entscheidet sich am freien Markt, ob sich ein polnisch-deutsches Verleger-Tandem findet, das es übernimmt, die ersten Bände von Geschichtsdidaktikern entwickeln zu lassen und herauszugeben.

Einleitung

Am 31. Januar 2011 fand in Warschau eine lang erwartete Pressekonferenz statt, auf der die Ergebnisse der neuen Untersuchung »Barometer Polen-Deutschland« zum Thema polnisch-deutsche Beziehungen vorgestellt wurden. Sie stimmen optimistisch. Zum wiederholten Mal bestätigt sich, dass eine Mehrheit der Polen die Beziehungen zu ihrem Nachbarn als gut oder sehr gut bewertet. Die Geschichte wirkt sich nicht mehr auf die Beurteilung der polnisch-deutschen Beziehungen aus. Über zwei Drittel der Befragten waren der Meinung, dass der Schwerpunkt in den Kontakten mit den Deutschen auf der Gegenwart und Zukunft liegen sollte, nur 20 Prozent gaben historische Fragen an. Die Autoren der Untersuchung interessierte außerdem das Verhältnis der Polen zur Geschichte. Gefragt wurde darüber hinaus nach der Möglichkeit einer gemeinsamen polnisch-deutschen Geschichtsschreibung. Bei ersterem ließ sich feststellen, dass sich eine gewisse Müdigkeit eingestellt hat, ständig zur Vergangenheit zurückzukehren. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass die Diskussionen darüber zur Versöhnung beitragen, 46 Prozent fanden, dass dies eher dazu führt, des Leids getrennt zu gedenken.

Im Zusammenhang mit den hier angestellten Überlegungen ist die Antwort auf die zweite Frage sehr interessant: 46 Prozent der Befragten gaben an, dass die Erstellung eines polnisch-deutschen Schulbuchs für den Geschichtsunterricht möglich sei, aber 41 Prozent drückten ihre Zweifel am Erfolg dieser Idee aus. Überraschend scheint, dass sich die jüngsten Befragten am skeptischsten äußerten, das heißt diejenigen, die die Schule unlängst abgeschlossen hatten bzw. die noch zur Schule gehen. Geteilt waren auch die Meinungen über die Möglichkeiten, das gemeinsame Schulbuch in den polnischen Schulen einzusetzen. 51 Prozent der Befragten sahen dies positiv, 32 Prozent waren der Einschätzung, dass es dazu nicht kommen werde. Wie lassen sich diese deutlichen Unterschiede erklären? Auf der einen Seite erfahren wir, dass die Polen die polnisch-deutschen Beziehungen positiv beurteilen, auf der anderen Seite sind sie skeptisch, was die Möglichkeit angeht, ein gemeinsames Geschichtsbuch zu verfassen. Eine Erklärung dafür ist nicht einfach. Die genannten Untersuchungen konzentrierten sich auf die politischen Beziehungen und die gemeinsamen Interessen in Europa, die von Polen und Deutschland verlangen, zusammenzuarbeiten und sinnvolle Lösungen zu finden. Eine ganz andere Frage ist das Problem, die Geschichte gemeinsam darzustellen. Es ist das erste Mal, dass von den Bildungspolitikern beider Länder der Entschluss gefasst wurde, ein Schulbuch vorzubereiten, das sowohl in Polen als auch in Deutschland eingesetzt werden soll. Dies war ein Experiment, ein vollkommenes Novum; es verlangte von beiden Staaten, ihren Platz sowohl in der Geschichte als auch in Europa erneut zu überdenken. Diese Herangehensweise musste eine gewisse Skepsis hervorrufen, in manchen Fällen völlige Ablehnung.

Im Folgenden werde ich die Entstehungsgeschichte des polnisch-deutschen Schulbuchprojekts skizzieren, seine Voraussetzungen und die ersten Ergebnisse. Da das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, haben die Ergebnisse vorerst hypothetischen Charakter und müssen noch in der Zukunft überprüft werden. Doch schon jetzt lässt sich feststellen, dass für die Umsetzung dieses Projekts drei Faktoren notwendig sind, die zusammengenommen werden müssen: Vertrauen unter den Historikern, politischer Wille und Interesse seitens der Verlage und der Lehrerschaft.

Die Entstehungsgeschichte des polnisch-deutschen Schulbuchprojekts

Vor 20 Jahren haben Polen und Deutschland den »Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit« unterzeichnet (17. Juni 1991). Er leitete eine neue Phase im Annäherungsprozess zwischen beiden Staaten ein, den die Ereignisse des Jahres 1989 ausgelöst hatten. Im Vertrag über gute Nachbarschaft wird eigens auf die Bildung hingewiesen. Im Artikel 25, Absatz 5, heißt es: »Die Arbeit der unabhängigen deutsch-polnischen Schulbuchkommission wird weiterhin gefördert.« Diese Kommission war 1972 entstanden und hatte Historiker aus Polen und der Bundesrepublik Deutschland versammelt. Im Laufe der Jahre hatte sie trotz politischer Beschränkungen bestimmte Arbeitsformen ausgearbeitet, die sich auch unter den neuen Bedingungen nach 1990 bewährt haben. Erinnert sei an die ersten Empfehlungen der Kommission im Jahr 1976, die eine lebhafte Debatte in der Bundesrepublik hervorgerufen hatten - die erste bekannte Debatte darüber, wie die polnisch-deutschen Beziehungen in Schulbüchern darzustellen seien. Der Veröffentlichung der Empfehlungen waren mehrmonatige bilaterale Diskussionen über die Darstellung unterschiedlicher Aspekte der polnisch-deutschen Beziehungen vom Mittelalter bis in die Gegenwart vorausgegangen. »Wer 1945 vorausgesagt hätte«, so Professor Gotthold Rhode, deutsches Kommissionsmitglied, am 31. Januar 1977 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, »daß polnische und deutsche Historiker der Kriegsgeneration zwar hart, aber sachlich und höflich-kollegial in Warschau in deutscher Sprache über die Möglichkeiten der Versachlichung der Schulbücher und des Geschichtsunterrichts verhandeln würden, wäre für geistesgestört erklärt worden. Derartige Rückblicke zeigen, dass es nicht nötig ist, die Arbeit an einem solchen Werk nur mit Skepsis zu betrachten.« Dabei war nicht Verständigung um jeden Preis gesucht, sondern eine andere Lösung vorgeschlagen worden: Man bemühte sich, das betreffende Problem aufzuzeigen und die Art und Weise zu erläutern, wie es in Polen und in Deutschland betrachtet wird.

Der steigende Bedarf an polnisch-deutschem Lehrmaterial

An diese Erfahrungen konnten Anfang der 1990er Jahre die Historiker und Geographen aus Polen und Deutschland anknüpfen, die unter den neuen politischen Bedingungen die Tätigkeit der Kommission fortsetzten. Jetzt kamen Themen auf, die vorher aus politischen Gründen nicht öffentlich diskutiert werden konnten. In dieser Zeit entstand auch die Idee, Ergänzungsmaterial für den Geschichtsunterricht zu erarbeiten, das in beiden Ländern im Unterricht einsetzbar ist. Im Jahr 2001 wurde den Schulen eine Sammlung von Quellenmaterial zur Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Verfügung gestellt, die bis heute genutzt wird. Die Publikation wird mit Beiträgen eingeführt, die sich mit verschiedenen Aspekten der beiderseitigen Beziehungen auseinandersetzen, darunter Fragen, die immer noch Kontroversen auslösen. Mit zunehmender Entkrampfung in den polnisch-deutschen Beziehungen und der Entwicklung des polnisch-deutschen Schüleraustauschs stieg der Bedarf, neues Lehrmaterial zu entwickeln und zu veröffentlichen. An zwei Initiativen soll hier insbesondere erinnert werden: Im Jahr 2007 erschien eine Publikation von Matthias Kneip und Manfred Mack, Mitarbeitern des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, die von einer Ausstellung begleitet wurde. Beide Initiativen waren ein beträchtlicher Erfolg. Die Autoren stellten auf sehr zugängliche und attraktive Weise die polnisch-deutschen Beziehungen in den letzten 1000 Jahren dar. Da sich die Publikation ausschließlich an deutsche Schüler wendet, haben die Autoren auch Probleme angesprochen, die in den deutschen Lehrplänen sonst nicht vorkamen bzw. nur selten thematisiert wurden. Das zweite Projekt war eine Initiative von Kinga Hartmann, Angestellte der Schulbehörde in der grenznahen sächsischen Stadt Bautzen (Niederlausitz). Bei ihrer Arbeit mit deutschen und polnischen Lehrern stellte sie fest, wie wenig Hilfsmaterial diesen zur Verfügung stand, um die neueste polnisch-deutsche Geschichte zu vermitteln. Daraufhin rief sie ein Projekt ins Leben, das erste Projekt an der deutsch-polnischen Grenze im Rahmen des EU-Programms INTERREG, an dessen Umsetzung Wissenschaftler, Lehrer und Schüler aus den grenznahen Gebieten Sachsens und aus Niederschlesien beteiligt waren. Für die Zeitspanne von 1933 bis 1949 wurden ergänzende Unterrichtsmaterialien für das Fach Geschichte zusammengestellt, die die komplexen Probleme der polnisch-deutschen Beziehungen vermitteln. Für die polnischen und deutschen Lehrer und Schüler war dies eine enorme Herausforderung. Zum ersten Mal erfuhren die deutschen Projektteilnehmer beispielsweise vom Schicksal der Polen, die nach 1939 in die Sowjetunion deportiert worden waren, und die polnischen Teilnehmer von den deutschen Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone (später DDR). Die Notwendigkeit dieser Initiative bestätigte auch die lebendige Diskussion, die das Projekt begleitete. Nach Erscheinen der ersten Ausgabe des Ergänzungsmaterials erschienen in der polnischen und der deutschen Presse mehr als 100 Rezensionen.


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