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19.11.2010

Analyse: Die polnisch-deutschen Migrationsbeziehungen: Gegenwart und Zukunft

Zusammenfassung

Im Folgenden werden Ausmaß, Ursachen und Konsequenzen der Migration der Polen nach dem EU-Beitritt (2004) unter besonderer Berücksichtigung der Erwerbsmigration nach Deutschland dargestellt. Auf der Grundlage der Trends, die im Migrationsverhalten der Polen in der Vergangenheit und Gegenwart festgestellt werden können, werden Schlussfolgerungen und Prognosen zur Migration nach Deutschland für die Zeit nach dem 1. Mai 2011 aufgestellt, dem Zeitpunkt, zu dem Deutschland seinen Arbeitsmarkt für Polen öffnet.

Einleitung

In den 1990er Jahren wurde die Migration in Polen vor allem durch die Systemtransformation hervorgerufen. Im Verlauf der Jahre sank sie erheblich, was zu der Annahme führte, dass sich Polen nun langsam von einem Land der Emigration in ein Land der Transitimmigration entwickele. Dies war allerdings nicht der Fall.

Die nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 beobachtete Abwanderung aus Polen - sowohl die befristetete als auch die dauerhafte Auswanderung - ist die größte Migrationswelle, die Polen in der gesamten Nachkriegszeit (mit Ausnahme einer kurzen Phase in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre) erlebt hat. Nach Schätzungen des Statistischen Hauptamts (Glowny Urzad Statystyczny - GUS) für die Zeit von 2004 bis 2009 hielten sich 1 Mio. (2004) bis 2,27 Mio. (2007) Menschen zwecks Erwerbstätigkeit länger als drei Monate im Ausland auf. Im Jahr 2009 verzeichnete GUS einen Rückgang der polnischen Erwerbsmigranten und schätzte die Anzahl auf 1,87 Mio. Hervorzuheben ist dabei, dass nach derselben Quelle 70% der Erwerbsmigranten aus Polen länger als ein Jahr im Ausland bleiben. Im Grunde sollten sie also als Residenten aufgefasst werden.

In Bezug auf die Kosten-Nutzen-Bilanz sowie die Konsequenzen, die sich aus der jüngsten Welle der Erwerbsmigration aus Polen ergeben, ist es schwierig, eindeutige Ergebnisse zu präsentieren. Zurzeit deutet es jedoch darauf hin, dass das Ausmaß der Abwanderung zur Folge hat, dass die negativen Konsequenzen der Migration, insbesondere auf einen längeren Zeitraum bezogen, den Nutzen überwiegen (wozu beispielsweise der Geldtransfer aus dem Ausland gehört), insbesondere, weil die Kosten-Nutzen-Rechnung davon abhängig ist, wieviel Prozent der Migranten nach Hause zurückkehrt. Obwohl sowohl polnische als auch ausländische Medien von einer massenhaften Rückkehr der Polen während der letzten Wirtschaftskrise sprachen, war erstens die Anzahl derer, die zurückkehrten, nicht groß, und handelte es sich zweitens hauptsächlich um eine befristete Rückkehr.

Eine Reihe von Analysen und Untersuchungen weist auf die Schwierigkeiten bei der Integration der rückkehrenden Migranten in den polnischen Arbeitsmarkt hin. Der unflexible Arbeitsmarkt, hohe Arbeitskosten und, damit einhergehend, niedrige Löhne und bürokratische Schwierigkeiten bei der Gründung einer eigenen wirtschaftlichen Existenz sind Faktoren, die junge Menschen mit Arbeitserfahrung und Auslandsaufenthalt nicht zur Rückkehr ermuntern.

Diese Meinung bestätigen die neuesten Daten des Labour Force Survey, die zeigen, dass nur ein geringer Prozentsatz von Polen während der Wirtschafts- und Finanzkrise aus Großbritannien nach Polen zurückkehrte und sich dieser marginale Trend auch schnell wieder umkehrte. Schon im ersten Halbjahr 2010 wird wieder eine steigende Anzahl von Polen in Großbritannien verzeichnet. Im ersten Halbjahr 2010 erreichte sie eines der höchsten Niveaus seit 2004, nämlich 537.000 Personen.

Konsequenzen für die Bevölkerungsstruktur

Was die Folgen der Abwanderung nach dem EU-Beitritt Polens betrifft, so muss unterstrichen werden, dass neben dem Rückgang der Geburtenrate die Migration der zweite Faktor für den tatsächlichen Bevölkerungsrückgang in Polen ist. Das negative Bevölkerungswachstum stieg von minus 0,01% im Jahr 1997 auf minus 0,08% im Jahr 2006 (GUS, 2008).

Zum Nutzen der Migration auf der Makroebene gehört eindeutig die Verringerung der sozialen Spannungen, die sich aus der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt ergaben (Stichworte Lohnniveau und die Gefahr der Verarmung). Die Arbeitslosenquote sank von 20% Anfang 2004 auf 11,5% Anfang 2010. Es kann daher schwerlich davon gesprochen werden, dass der polnische Arbeitsmarkt darunter gelitten hat, dass ihm junge und ausgebildete Kräfte abhanden kamen. Vielmehr hätte der polnische Arbeitsmarkt die Scharen junger, neu hinzukommender Jahrgänge kurzfristig nicht aufnehmen können.

Eine andere Konsequenz aus der Abwanderung aus Polen nach 2004 sind jedoch die zum ersten Mal in der Geschichte Nachkriegspolens beobachteten perspektivischen Defizite auf dem Arbeitsmarkt (trotz permanent hoher Arbeitslosigkeit). Diese verursachten, dass aufgrund des Drucks der Arbeitgeber eine Änderung des polnischen Immigrationsrechts vorgenommen wurde und eine schrittweise Öffnung hin zu den östlichen Nachbarn stattfand.

Das Phänomen massenhafter Abwanderung junger und ausgebildeter Menschen verursacht langfristig den Abfluss von Wissen und die Reduzierung des Humankapitals. Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Transformation hatte einen erhöhten Bedarf an Wissen und entsprechenden Qualifikationen zur Folge. Dies schlug sich in einem ungewöhnlich dynamischen Anstieg der Studierendenzahlen in den letzten zwei Jahrzehnten nieder. 1991 studierten in Polen 374.000 Personen, 2006 waren es schon über 1,941 Mio. Dies bedeutet einen Anstieg von fast 520%. Dieses dynamische Wachstum war dank der Entstehung privater Hochschulen möglich. Dabei ist allerdings die Verbindung zwischen dem Angebot der Hochschulen und dem Bedarf des gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitsmarktes schwach - daher auch, unter anderem, die große Emigration unter Hochschulabsolventen, die sich Wissen und Qualifikationen angeeignet haben und dennoch keine Arbeit nach Beendigung des Studiums in Polen finden. Neben der mangelnden Vereinbarkeit von Ausbildungsmarkt und Bedarf des Arbeitsmarktes bestimmte auch der demographische Faktor den Wegzug aus Polen. Anfang des 21. Jahrhunderts begann die Generation des demographischen Hochs aus der ersten Hälfte der 1980er Jahre auf den Arbeitsmarkt ihren Platz zu suchen.

Die Abwanderung ausgebildeter und junger Menschen wird in relativ kurzer Zeit ernstzunehmende Konsequenzen für die demographische Situation in Polen haben. Die Migrationsforscherinnen Zofia Kostrzewa und Dorota Szaltys schrieben 2009: »Einen wesentlichen Einfluss auf die demographische Situation Polens hat und wird weiterhin die Auslandsmigration haben, insbesondere die beträchtliche Emigration. Da viele Migranten dauerhaft im Ausland bleiben, verringert sich die Bevölkerungszahl in Polen. Es emigrieren vor allem junge Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren, die ihre Pläne, eine Familie zu gründen, im Ausland realisieren.« Eine weitere Gefahr für die Lage und die Struktur der Bevölkerung Polens ergibt sich aus der befristeten Migration. Dazu die genannten Autorinnen: »Wenn die Altersstruktur aller Personen, die sich im Ausland aufhalten (nach Schätzungen von GUS 2,27 Mio.), die gleiche wäre wie die Altersstruktur der Bevölkerung, die sich im Ausland aufhält und ihre Ausreise in den Einwohnermeldeämtern gemeldet hat, würde sich zeigen, dass jeder vierte Pole im Alter von 20 bis 29 Jahren im Ausland lebt.«

Die sozialen Folgen

Eine weitere Frage verbindet sich mit den sozialen Kosten des Abwanderungsprozesses, als da wären die Trennungen in den Familien, der Zerfall von Familien sowie die Schwächung der Wachstumsdynamik mancher Regionen durch die Schwächung der sozialen Netzwerke. In den vergangenen Jahren entstand im Mediendiskurs über die Auswirkungen der Migration der Terminus »Euro-Waisen«, das sind Kinder, die in Kinderheime gegeben werden, weil ihre Eltern oder ein Elternteil im Ausland arbeiten. Die Medien berufen sich auf Daten, wonach es bereits 150.000 dieser »Euro-Waisen« in Polen gibt. Da es allerdings nicht möglich ist, dieses Phänomen korrekt zu schätzen, sollte diese Zahl meiner Meinung nach mit großer Vorsicht behandelt werden. Eine Untersuchung, von Februar/März 2008, die vom Büro des Beauftragten für die Rechte des Kindes in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass die Anzahl eventuell auf einem viel niedrigeren Niveau oszilliert, nämlich 10-15.000 Schüler, doch auch dies ist für sich genommen beunruhigend.

Der Geldtransfer aus der Migration ist eines der Positiva der Bevölkerungsabwanderung zwecks Arbeitssuche im Ausland. Nach einem Bericht des Wirtschaftsministeriums (2007) erreichte der Transfer der Einkünfte polnischer Emigranten im Jahr 2005 1% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das sind 3% des Exports und 30% des Jahresdurchschnitts der Einnahmen aus ausländischen Direktinvestitionen nach Polen in den Jahren 2004 bis 2005. Dieser Transfer kann also kurzfristig einen Rückgang ausländischer Direktinvestitionen nivellieren. Langfristig jedoch, darauf weist die Migrationstheorie hin, beginnen Erwerbsmigranten ihr Denken umzustellen - von den im Heimatland Verbliebenen auf das Leben im Aufnahmeland, was unter anderem einen Rückgang der Höhe des Transfers nach sich zieht.


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