Basilius-Kathedrale

3.5.2013 | Von:
Andreas Umland

Analyse: Neue rechtsextreme Intellektuellenzirkel in Putins Russland: das Anti-Orange Komitee, der Isborsk-Klub und der Florian-Geyer-Klub

Der Florian-Geyer-Klub von Gejdar Dshemal

Die erstaunlichste Neugründung im rechtsextremen Intellektuellenmilieu ist jedoch ein kleiner Zirkel, der sich Konzeptioneller Klub "Florian Geyer" http://www.flor iangeyer.ru/ nennt und am 22. September 2011 gegründet wurde. Angeführt von dem berüchtigten Islamisten und bekennenden Antiwestler Gejdar Dshemal benutzt die Gruppe den Namen einer deutschen Bauernkriegsfigur. Die historische Gestalt Geyer ist in Russland unbekannt, ja dürfte selbst in Deutschland nur wenigen ein Begriff sein. Der Name "Florian Geyer" ist hingegen Zeithistorikern gut bekannt – als Bezeichnung der 8. Kavallerie-Division des SS, die 1943–1944 an der Ostfront zum Einsatz kam. Freilich berufen sich Dshemal, Dugin und Schewtschenko, die Gründer des Florian-Geyer-Klubs, lediglich auf den einstigen Bauernkrieger und nicht auf die SS-Division. Die Vergangenheit insbesondere Dugins weist jedoch darauf hin, dass den Klubgründern die Verwendung des Namens im Dritten Reich bekannt sein dürfte, und dass hier gezielt mit der doppelten historischen Referenz von "Florian Geyer" gespielt wird. Dshemal und Dugin waren 1980–1990 Mitglieder eines kleinen Moskauer Okkultistenzirkels, der sich "Schwarzer Orden der SS" nannte. In den 1990er Jahren äußerte sich Dugin sowohl unter seinem Pseudonym "Aleksandr Schternberg" als auch unter seinem eigenen Namen wiederholt affirmativ zu Sympathisanten, Angehörigen und Abteilungen der SS, etwa zum Institut "Ahnenerbe", zum italienischen Waffen-SS-Bewunderer Julius Evola, zum "Reichsführer" Heinrich Himmler und dem "Obergruppenführer" Reinhard Heydrich. Die in der russischen Öffentlichkeit wahrscheinlich bekannteste Führungsfigur des Florian-Geyer-Klubs, der bereits erwähnte TV-Moderator Schewtschenko, gab zwar nicht den Bezug zur SS-Division zu, konzidierte jedoch in seiner Eröffnungsrede zur Gründung des Klubs: "Dieser Name wurde auch von den deutschen Nationalsozialisten (seinem linken Flügel) benutzt, die mit dem Nationalbolschewismus verbunden waren. Und das Florian-Geyer-Lied, das die junge Generation aus dem Schaffen der Gruppe Rammstein kennt, war sehr populär in jenen linken und rechten Kreisen, die eine antielitäre und antiliberale Position einnahmen." http://www.floriangeyer.ru/lectures/sovremennaya-demokratiya-kak-politicheskij-institut. Um so erstaunlicher ist daher, dass – neben etlichen Rechtsextremisten – auch einige Intellektuelle an den bisherigen Rundtischgesprächen des Klubs teilnahmen, die nicht in diesen Kontext passen, darunter der Historiker Igor Tschubais, der Jurist Mark Fejgin und der Soziologe Boris Kagarlizkij. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass an den Sitzungen des Klubs auch antiamerikanische Aktivisten aus dem Ausland zu Wort kommen, z. B. der italienische "Traditionalist" Claudio Mutti. Ein weiterer erwähnenswerter Mitwirkender des Klubs ist der schillernde Publizist Wladimir Kutscherenko, besser bekannt unter seinem Pseudonym "Maksim Kalaschnikow", der gleichzeitig Mitglied des Isborsk-Klubs ist. Er sympathisiert, wie Dugin, mit Aspekten des Nationalsozialismus und entwickelt in seinen Publikationen ebenfalls extravagante politische Traumwelten. In dem in großer Auflage erschienenen Buch "Vorwärts zu einer UdSSR-2" (2003) phantasiert Kalaschnikow beispielsweise von einer "Neurowelt", die eine "Struktur" wäre, die Charakteristika "einer Kirche, eines gewaltigen Medienkonzerns sowie eines Finanzimperiums" kombinieren würde und "mit einem Geheimdienst ausgestattet" wäre. Wie im Falle des Anti-Orangen Komitees ist unklar, ob der Klub trotz seiner fortgesetzten Internetpräsenz derzeit noch aktiv ist. Das letzte auf der Klubwebseite dokumentierte Treffen fand im Juni 2012 statt.

Russische Antiwestler auf dem Vormarsch?

Seit der Ankündigung von Putins dritter Präsidentschaft im September 2011 ist eine Neustrukturierung des ultranationalistischen Intellektuellenmilieus im Gange, wobei dem Isborsk-Klub die größte Bedeutung zukommt. Die rechtsextremen Publizisten äußern sich zumeist kritisch zu den heutigen Zuständen in Russland, entwerfen gar apokalyptische Szenarien für die Zukunft des Landes. Sie können dennoch frei agieren, treten häufig im Staatsfernsehen auf und werden vom Kreml wohlwollend geduldet, wenn nicht gezielt gefördert. Sollten sich diese Tendenzen fortsetzen, wird sich die ohnehin kritische russische öffentliche Meinung gegenüber den USA noch verschlechtern und sich die Entfremdung zwischen Russland und dem Westen weiter vertiefen.

Lesetipps

  • Laruelle, Marlene: Inside and Around the Kremlin’s Black Box. The New Nationalist Think Tanks in Russia, in: Institute for Security and Development Policy Stockholm Papers Series, Oktober 2009. http://www.isdp.eu/images/stories/isdp-main-pdf/2009_laruelle_inside-and-around-the-kremlins-black-box.pdf
  • Popescu, Nico: The Strange Alliance of Democrats and Nationalists, in: Journal of Democracy, 23.2012, H. 3, S. 46–54. http://blogs.euobserver.com/popescu/files/2012/07/The-Strange-Alliance-of-Democrats-and-Nationalists.pdf
  • Satter, David: The Threat of Russian Nationalism, in: FPRI E-Notes, April 2012. http://www.fpri.org/enotes/2012/201204.satter.threat-russian-nationalism.pdf
  • Umland, Andreas: Post-Soviet “Uncivil Society” and the Rise of Aleksandr Dugin: A Case Study of the Extraparliamentary Radical Right in Contemporary Russia. Cambridge: University of Cambridge, 2007. http://www.acade mia.edu/2635113/Post-Soviet_Uncivil_Society_and_the_Rise_of_Aleksandr_Dugin_A_Case_Study_of_the_Extraparliamentary_Radical_Right_in_Contemporary_Russia_University_of_Cambridge_2007_
  • Umland, Andreas: Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken im Elitendiskurs des postsowjetischen Rußlands. Eine spektralanalytische Interpretation der antiwestlichen Wende in der Putinschen Außenpolitik, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 13.2009, H. 2, S. 101–125. http://www.academia.edu/205532/Restauratives_versus_revolutionares_imperiales_Denken_im_Elitendiskurs_des_postsowjetischen_Russlands_Eine_spektralanalytische_Interpretation_der_antiwestlichen_Wende_in_der_Putinschen_Aussenpolitik


  • Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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