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Analyse: Vom "Vaterländischen Krieg 1812" zum "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945"

Siegesmythen als Fundament staatlicher Geschichtspolitik in der Sowjetunion, der Russländischen Föderation, der Ukraine und Belarus


17.2.2014
Die Geschichtspolitik der Russländischen Föderation weist eine Konstante und etliche Variablen auf: Fest steht allein der "Sieg über den Faschismus" im "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945" als Gründungsmythos des 1992 als Zerfallsprodukt der UdSSR entstandenen Konglomeratstaats. Weiterhin unklar hingegen ist, ob erinnerungskulturell künftig "Stalin" oder der "Entstalinisierung" der Vorzug gegeben werden soll. Der 2005 erfolgte Rückgriff auf den nur Wenigen präsenten patriotischen Erinnerungsort "1612" war ebenso erratisch wie der 2012 verstärkte Bezug auf den heroischen lieu de mémoire "1812" nahe liegend. Der selektive geschichtspolitische Bezug auf die Vergangenheiten von Sowjetunion, Zarenreich, Großfürstentum und Rus hält überdies das Spannungsverhältnis zwischen multiethnisch-russländischem Imperium und monoethnisch-russischem Nationalstaat aufrecht und hemmt damit den Prozess der Bildung einer corporate identity der Bürger der Russländischen Föderation.

1298167 Russia, Moscow. 11/25/2012 Participants of the state ball dedicated to the 200th Anniversary of the War of 1812 at the Grand Kremlin Palace in Moscow. Ruslan Krivobok/RIA NovostiMit dem nationalstaatlichen Ball im Kreml (Moskau) wird in historischen Kostümen dem 200. Jahrestag des Krieges von 1812 gedacht. (© picture-alliance/dpa)

Der "Vaterländische Krieg von 1812"



Die mediale, visuelle und repräsentationsmäßige Verwertung des russischen Sieges über Napoleon 1812 und seiner "Architekten", der Generäle Alexander Suworow und Michail Kutusow, stellte eine Neuausrichtung in der Geschichtspolitik des Zarenreiches dar. Denn bis dahin waren die imperial propagierten Erinnerungsorte sämtlich religiös konnotiert, was auch und gerade für militärische Ereignisse galt: Die Schlacht auf dem Peipus-See 1242 gegen den Deutschen Orden oder der Sieg auf dem Schnepfenfeld über die Tataren 1380 wurden im Moskauer Staat wie im petrinischen Russland als Triumphe der Orthodoxie über Ketzer und Ungläubige kanonisiert, die Sieger Alexander Newskij und Dmitrij Donskoj als Heilige verehrt. Hinzu kam, dass beide als Vertreter russischer Staatsmacht agierten (des Großfürstentums Wladimir-Susdal der eine, des Großfürstentums Moskau der andere) und damit in eine Traditionslinie zu den späteren Zaren gestellt wurden.

Anderen siegreichen Befreiern "russischer Erde" wurde diese Qualität nicht beigemessen, so dass sie als Heroen höchstens zweiter Klasse eingestuft wurden. Dies galt etwa für das Aufgebot eines Volksheeres (russ.: "opoltschenije") gegen die polnisch-litauische Besetzung Moskaus der Jahre 1610 bis 1612, in der sogenannten "Zeit der Wirren" ("Smuta"). Mit dem Sieg der Insurgenten wurde der Weg frei für die Krönung Michail Romanows 1613 zum Zaren durch seinen Vater, den Patriarchen Filaret. Die Dynastie Romanow, die bis 1917 herrschte, war damit begründet. Zwar war einer der Anführer der Aufständischen, Dmitrij Poscharskij, ein Fürst aus dem Haus der Rjurikiden, doch sein Partner, der Kaufmann (oder Metzger?) Kusma Minin aus Nischnij Nowgorod war nichtadliger, überdies wohl auch nichtrussischer, mutmaßlich tatarischer Herkunft. Das 1818 auf dem Roten Platz in Moskau aufgestellte Minin-und-Poscharskij-Denkmal ging folglich nicht auf eine Initiative der Monarchie, sondern auf die der Bürger Nischnij Nowgorods zurück. Und seine Errichtung wäre ohne die im Zuge des Sieges von 1812 erfolgte Wende in der Geschichtspolitik, die nun auf Reichspatriotismus und Russentum und nicht mehr auf Orthodoxie und Dynastie ausgerichtet war, nicht möglich gewesen. Überdies waren am Sieg über Napoleon nicht zuletzt ethnisch russische Freischärler beteiligt, die wie exakt 200 Jahre zuvor unter der Bezeichnung "opoltschenije" ("Landwehr") firmierten und deren Zahl auf nicht weniger als 400.000 (bei einer nur geringfügig höheren Zahl regulärer zarischer Truppen) geschätzt wird.

Allerdings bestand Zar Aleksandr I. darauf, den in der Folgezeit als "Vaterländischen Krieg" bezeichneten Waffengang gegen Frankreich und seine Verbündeten religiös einzubinden. In seinem Manifest "über die Erstattung der Dankbarkeit an Gott den Herrn für die Befreiung Russlands vom feindlichen Angriff" vom 25. Dezember 1812 (a. St.) dekretierte er:

"Von nun an soll der 25. Dezember, der Tag der Geburt Christi, im kirchlichen Kontext auch der Tag der Dankbarkeitsfeier sein – unter der Bezeichnung: Geburt unseres Erlösers Jesus Christus sowie Erinnerung an die Errettung der Kirche und des Russländischen Staates vor dem Angriff der Gallier mit ihren zwölf Heeren." (Polnoe sobranie Sakonow Rossijskoj Imperii, SPb,1830, t. 32, S. 486–487). Der Sieg über Napoleon 1812 ist seitdem ein zentraler staatlicher Erinnerungsort, wie nicht zuletzt die aufwändigen Feiern zum 100. Jubiläum 1912 im Zarenreich, 1962 zum 150. in der Sowjetunion und 2012 zum 200. in der Russländischen Föderation belegen, die jeweils mit Medienkampagnen, Publikationsoffensiven sowie (partei-)politischen und militärischen Inszenierungen unter dem Rubrum "Vaterländischer Krieg" einhergingen.



 
Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)Dossier Ukraine

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