Basilius-Kathedrale

17.2.2014 | Von:
Wolfram von Scheliha

Analyse: Staatliche Geschichtsschreibung im Post-Imperium

Putins Einheitslehrbuch für den Geschichtsunterricht

Mit Geschichte macht Wladimir Putin gern Politik. Als er im Februar 2013 forderte, dass die Vergangenheit Russlands an den Schulen künftig nur noch mit einem einheitlichen Lehrbuch unterrichtet werden solle, befürchteten viele, der frühere KGB-Offizier wolle so Stalin und die Sowjetunion rehabilitieren. Doch Putins Pläne gehen in eine andere Richtung. Das Ende Oktober 2013 veröffentlichte Lehrbuchkonzept überrascht durch eine stückweise Abkehr von der national-russischen Schulbuchgeschichtsschreibung. Doch der formulierte neue multinationale und multikulturelle Ansatz ist nur vordergründig modern. Denn das Lehrbuchkonzept entpuppt sich vor allem als eine Apologie der russländischen und sowjetischen Imperialpolitik.

2348958 01/16/2014 Chairperson of the State Duma Sergei Naryshkin is seen here during Russian President Vladimir Putin's meeting with authors of a new conceptual design for a new national history text-book, 16 January 2014. Sergey Guneev/RIA NovostiSergei Naryshkin, Vorsitzender der Staatsduma Russlands, bei einem Treffen am 16.01.2014 mit Wladimir Putin und Autoren, die an einem neuen Konzept für ein nationales Geschichtsbuch arbeiten. (© picture-alliance/dpa)

Stalin als Lackmustest

Putins Ruf vom 19. Februar 2013 nach einem einheitlichen Schullehrbuch zur russländischen Geschichte wird von vielen als ein weiteres Indiz für die sich verfestigenden autoritären Herrschaftsstrukturen in Russland gesehen. Es gibt sogar eine vermeintlich passende historische Analogie: Stalins berühmt-berüchtigter "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU(b)" – die Bibel des untergegangenen Sowjetimperiums. Putins Zielvorgaben ließen tatsächlich das Schlimmste befürchten: Es solle eine "kanonische Version" der Geschichte entstehen, die der "offiziellen Einschätzung" entspricht. Das Lehrbuch solle zum "Patriotismus" erziehen und der jungen Generation das "Gefühl des Stolzes auf das eigene Land, auf seine Rolle in der Weltgeschichte" nahebringen. Das Wissen um die militärischen Siege solle schließlich ein "positives Pathos" des historischen Bewusstseins begründen.

Der Umgang mit der sowjetischen Geschichte und mit der Reizfigur Stalin gilt deshalb als ein Lackmustest zur Beurteilung des gesamten Schulbuchs. Sollen die Schrecken des Stalinismus mit ihren Millionen von Opfern zugunsten einer Heldengeschichte von Rjurik bis Putin verharmlost werden? Entsprechende Befürchtungen waren durchaus begründet. Als 2007 erstmals die Frage eines einheitlichen Geschichtslehrbuches aufkam, erschien die von Alexander Fillipow herausgegebene Handreichung für Lehrer "Die Neueste Geschichte Russlands, 1945–2006". Fillipow präsentierte darin Stalin als einen erfolgreichen Staatslenker, der in einer Reihe mit Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Großen steht: als einen Reformer, der zwar mit harter Hand regierte, dafür aber das Land einen deutlichen Schritt voranbrachte. Stalins Repressionen und den "Große Terror" rechtfertigte Filippow folgerichtig mit der Steigerung der Effektivität von Industrialisierung und Verwaltung. Dieses Bild vom "effektiven Manager" schien Stalin zu rehabilitieren. Führte Fillipows Lehrmaterial bereits zu einer breiten Kontroverse, kam es im Sommer 2010 nach der Neuauflage des Hochschullehrbuchs "Geschichte Russlands, 1917–2009" von Alexander Barsenkow und Aleksandr Wdowin zu einem handfesten Skandal. Die breite Empörung über das erstmals 2005 erschienene Buch stand offenkundig im Zusammenhang mit der Debatte um die 2009 von Präsident Dmitrij Medvedev eingesetzte (und im Februar 2012 wieder aufgelöste) Kommission zum Kampf gegen Geschichtsfälschungen.

Barsenkow und Wdowin versuchten ebenfalls, den Terror der 1930er-Jahre zu rechtfertigen und bedienten sich dabei auch offen antisemitischer Argumente, indem sie auf den hohen Anteil von Juden im Staatsapparat, bei der Polizei und der Presse hinwiesen. Diesen Zustand nannten sie "anormal". Die Presseberichterstattung führte zu einem beachtlichen zivilgesellschaftlichen Protest. Ein Ausschuss der Gesellschaftskammer, die Putin 2005 eigentlich als ein Gremium zur Domestizierung der Zivilgesellschaft ins Leben gerufen hatte, forderte das Bildungsministerium zur Überprüfung der Angelegenheit auf. Die Moskauer Lomonosow-Universität, der Arbeitgeber von Barsenkow und Wdowin, nahm die Untersuchung in die Hand, stellte eine Reihe "quellenkundlicher, methodologischer, konzeptioneller, methodischer und ethischer" Unzulänglichkeiten fest und empfahl, das Buch nicht mehr zu verwenden.

Vor dem Hintergrund dieses erfolgreichen zivilgesellschaftlichen Protests und nach mehreren kritischen Äußerungen Putins zu Stalin und zum Stalinismus war es eher unwahrscheinlich, dass Stalin mit dem Einheitslehrbuch nun doch wieder rehabilitiert würde. Tatsächlich reflektiert die am 30. Oktober 2013 veröffentlichte "Konzeption des neuen lehrmethodischen Komplexes zur vaterländischen Geschichte" deutlich eine Ambivalenz in Russland bei der Erinnerung an Stalin und seine Herrschaftszeit. Denn Stalin war eben nicht nur für den gewaltsamen Tod von Millionen von Menschen verantwortlich, sondern auch für den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Und dieser Sieg bildet das Herzstück der Erinnerungskultur in Russland. Eine Apologie Stalins und der sowjetischen Geschichte insgesamt ist jedoch mit dem neuen Schulbuchstandard nicht verbunden. Allerdings umfasst der vorliegende Text nur 80 Seiten, stellt aber mehr als tausend Jahre Geschichte dar. Verkürzungen und Vereinfachungen sind dabei nicht zu vermeiden. Manche Formulierungen gerade zum Zweiten Weltkrieg sind zweifellos streitbar. Das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt bleibt unerwähnt, obwohl es in einem früheren Textentwurf noch enthalten war; der Kriegseintritt der Sowjetunion wird mit dem 22. Juni 1941, dem Tag des deutschen Überfalls datiert, als ob es den sowjetischen Einmarsch in Ostpolen im September 1939, die Besetzung der baltischen Republiken und den Winterkrieg gegen Finnland nicht gegeben hätte. Dafür nennt das Konzept aber ausdrücklich die "Tragödie von Katyn". Noch in jüngster Zeit hat es offiziell geduldete Rechtfertigungs- und Leugnungsversuche der sowjetischen Verantwortung für dieses Massaker gegeben. In Bezug auf die innere Entwicklung kritisiert das Konzept die forcierte Industrialisierungspolitik Stalins, deren Preis sich als "überaus hoch" erwiesen habe; und es nennt die gewaltsame Kollektivierung eine "Tragödie für das Land", da sie mit Hilfe "grausamer Repressionen" durchgeführt worden sei. Daneben beklagt es die ideologische Zensur, die Suche nach "Volksfeinden" und die Massenrepressionen der 1930er-Jahre.

Für Irritation sorgt die Charakterisierung der Breschnew-Ära als die "stabilste in der Geschichte unseres Landes im 20. Jahrhundert", doch wird diese Feststellung durch den Verweis auf die Ende der 1970er-Jahre einsetzende wirtschaftliche und ideologische Krise modifiziert. Das systembedingte Fehlen an technischen Innovationen und der dadurch beförderte Rückstand im IT-Bereich gegenüber dem Westen werden ebenso erwähnt wie die Dissidentenbewegung, Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharow. Auch wenn man letztlich die genauen Formulierungen in den späteren Schulbüchern abwarten muss, ist ein Bemühen um eine differenzierte Darstellung der sowjetischen Vergangenheit erkennbar.


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Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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