Basilius-Kathedrale

17.2.2014 | Von:
Wolfram von Scheliha

Analyse: Staatliche Geschichtsschreibung im Post-Imperium

Putins Einheitslehrbuch für den Geschichtsunterricht

Partielle "Entrussifizierung" des historischen Narrativs

Das grundlegend Neue an dem Konzept liegt deshalb nicht in der Darstellung der Sowjetzeit, sondern in dem formulierten Ansatz. Denn er bedeutet – zumindest auf dem Papier – einen Bruch mit der traditionellen russischen und sowjetischen Schulbuchgeschichtsschreibung. Er markiert den Beginn einer "Entrussifizierung" des historischen Narrativs. Das ausgegebene Ziel ist nun eine multinationale und multikulturelle Geschichte des Gesamtstaats. Folglich sollen nicht nur die ethnischen Russen und die Ostslawen, sondern auch andere in Russland lebende Nationalitäten Berücksichtigung finden. Dies ist eine Abkehr von dem im Zweiten Weltkrieg nach Stalins Vorgaben propagierten Konzept des Sowjetpatriotismus, das nach dem Untergang der Sowjetunion (nun bezogen auf die Russländische Föderation) weitgehend beibehalten wurde. In Wirklichkeit handelte es sich bei diesem Patriotismus aber um einen großrussischen Nationalismus, denn die stalinistische Propaganda schrieb der russischen Mehrheitsnation in der imperialen und kolonialen Tradition des Zarenreichs gegenüber den anderen Nationalitäten die führende Rolle zu. Den Tataren, beispielsweise, ließ Stalin sogar per ZK-Beschluss jegliche historische "Progressivität" absprechen.

Es war deshalb kein Zufall, dass Putin seinen Vorschlag für das Einheitsgeschichtsbuch auf einer Sitzung des "Rates für interethnische Beziehungen beim Präsidenten der Russländischen Föderation" verkündete. Die Schule, führte Putin damals aus, habe eine wichtige Rolle, um eine Kultur des Austausches zwischen Vertretern unterschiedlicher Nationalitäten herauszubilden und eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts zu verfestigen. Deshalb solle das Schulbuch im Rahmen einer geschlossenen Logik die russländische Geschichte lückenlos darstellen und zeigen, dass sich das Schicksal des Landes auf der Einheit verschiedener Völker, Traditionen und Kulturen gründet. Bestehende Widersprüche zwischen verschiedenen nationalen Narrativen sollen aufgelöst oder zumindest sichtbar gemacht werden. Ein Beispiel: Die Turko-Mongolen, die über die Rus im 13. Jahrhundert eine Tributherrschaft errichtet hatten, charakterisieren die traditionellen Schulbücher gewöhnlich als blutrünstige, wilde Barbaren und bezeichnen sie mit dem allerdings auch in den Quellen verwandten Begriff "Tataren". Zudem werden diese für viele negative Entwicklungen verantwortlich gemacht, für die Abkoppelung Russlands vom übrigen Europa, für die notorische Rückständigkeit und sogar für den Mangel an demokratischer Kultur. Die Geschichtsbücher der Republik Tatarstan und anderer Turkvölker, die sich als Nachfahren jener mittelalterlichen Turko-Mongolen verstehen, sehen aber gerade in der Zeit der so genannten "Goldenen Horde" eine Hochphase ihrer eigenen, hochentwickelten "Zivilisation", die einen durchaus positiven Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte Russlands gehabt habe. Mit der Aufhebung solcher Widersprüche möchte Putin einen "einheitlichen geisteswissenschaftlichen Raum unserer multinationalen Nation" schaffen, so dass in Wladiwostok im Geschichtsunterricht genau das gleiche gelehrt wird wie in Moskau, Murmansk oder Grosnyj.

Nationale Spannungen und demographischer Wandel

Was als eine geschichtspolitische Zwangsmaßnahme aussieht, macht unter praktischen Gesichtspunkten durchaus Sinn. Denn Mobilität und Binnenmigration haben in Russland zuletzt deutlich zugenommen. Aus ähnlichen Gründen diskutiert man auch in Deutschland über eine Harmonisierung der Lehrpläne der sechszehn Bundesländer. Für die Abkehr vom rein national-russischen Narrativ zu einer in höherem Maße multinationalen Perspektive gibt es aber noch andere gewichtige Gründe. Auch Russland unterliegt einem tiefgreifenden demographischen Wandel. Während die Geburtenrate bei der ethnisch russischen Bevölkerung deutlich sinkt, steigt sie vor allem bei den überwiegend muslimischen Nationalitäten. Mittel- und langfristig nimmt deshalb der russische Bevölkerungsanteil prozentual ab und vor allem in den Schulen nimmt der Anteil nichtrussischer, muslimischer Schüler erheblich zu. Diese Entwicklung geht mit einem wachsenden nationalen Selbstbewusstsein der nichtrussischen Nationalitäten einher, das bis hin zu Unabhängigkeitsbestrebungen reicht. Diese Entwicklung drückt sich auch in der Schaffung eigener Nationalgeschichten aus, die sich bewusst von der imperialen russischen Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts absetzen. Eine solche Konfrontation der historischen Narrative verschärft indes die vorhandenen nationalen Spannungen in Russland weiter.

Entsprechende Konflikte sind auch auf die gestiegene Mobilität zurückzuführen. So leben lediglich 30 % der tatarischen Bevölkerung in der Republik Tatarstan. Die Tataren in den übrigen Landesteilen möchten aber auch nicht, dass ihre Kinder in der Schule lernen, sie seien Nachfahren primitiver Barbaren. Auf der anderen Seite verfestigen bei der ethnisch russischen Bevölkerung die in deren Nationalgeschichte tradierten Stereotypen die Vorbehalte gegenüber den Binnenmigranten. In Moskau vertreten laut einer Umfrage 62 % der Bevölkerung die Ansicht, die Vielzahl der Nationalitäten bringe dem Land mehr Schaden als Nutzen. 88 % der Moskauer sind sogar der Meinung, man müsse den Zuzug von Angehörigen einiger Nationalitäten begrenzen. Die jüngsten nationalistischen Demonstrationen in Moskau mit beachtlichem Zulauf und die gewalttätigen Auseinandersetzungen waren für Putin immerhin so beunruhigend, dass er sie in seiner Rede vor der Föderalen Versammlung am 12. Dezember 2012 ausdrücklich verurteilte und zur Verteidigung des Friedens unter den unterschiedlichen Nationalitäten aufrief.


Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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