Basilius-Kathedrale

17.2.2014 | Von:
Wolfram von Scheliha

Analyse: Staatliche Geschichtsschreibung im Post-Imperium

Putins Einheitslehrbuch für den Geschichtsunterricht

Post-imperiale Geschichtsschreibung mit Formelkompromissen

Wladimir Putin ist allerdings nicht über Nacht zu einem Multikulti-Anhänger geworden. Aber er möchte in eben dieses Geschichtsbuch als derjenige eingehen, der dem Land nach den "Wirren" der Jelzin-Ära die Stabilität zurückgegeben und dem Separatismus Einhalt geboten hat. Dazu ist aber ein gewisser Interessensausgleich zwischen den verschiedenen Nationalitäten in Russland unabdingbar. Der Ansatz, beim Geschichtsunterricht den rein russischen Erzählstrang zu verlassen und auch die anderen Nationalitäten zu berücksichtigen, ist jedoch nicht neu. Fachkreise diskutieren dies seit den 1990er-Jahren, und in Kooperation mit dem Europarat entstanden Vorschläge, die einige Lehrbücher bereits recht vielversprechend umsetzen. Doch es gibt auch Widerstände. Leonid Kazwa, Ko-Autor einer Schulbuchreihe, vertritt beispielsweise die Ansicht, die Geschichte der nichtrussischen Nationalitäten bräuchte nur dann behandelt zu werden, wenn es für das Studium der Geschichte der Russen notwendig sei.

Demgegenüber plädiert das neue Schulbuchkonzept für einen "Dialog der Kulturen in einem einzigen historischen Raum". Dies solle den Schülern das "Gefühl der Zugehörigkeit zu einem sehr reichen, gemeinsamen kulturellen und historischen Raum" vermitteln. Die Erziehungsziele sind laut Konzept Patriotismus, Bürgersinn und Toleranz sowie das erwähnte "positive Pathos". Weiter heißt es: "Tragödien darf man nicht verschweigen, doch ist es notwendig zu unterstreichen, dass das russische Volk und andere Völker unseres Landes die Kräfte gefunden haben, gemeinsam die ihnen zuteil gewordenen schweren Erfahrungen zu überwinden." Bei der Vermittlung von Russlands Multinationalität und Multikonfessionalität sei "zu betonen, dass der Anschluss an Russland und die Zugehörigkeit zum russländischen Staat eine positive Bedeutung für die Völker unseres Landes hatten: Sicherheit vor äußeren Feinden, Beendigung innerer Wirren und Fehden, wirtschaftliche Entwicklung, Verbreitung von Aufklärung, Bildung, Gesundheitsfürsorge usw."

Solche Sätze entsprechen allerdings weniger dem modernen Ansatz eines interkulturellen Dialogs, sondern dem kolonialzeitlichen Bild einer russischen Zivilisierungsmission gegenüber den vermeintlich unzivilisierten Völkern des "Ostens". Zugleich vermittelt diese Herangehensweise einen Geschichtsdeterminismus, als ob es keine andere Entwicklungsmöglichkeit als die Entstehung des russländischen Vielvölkerstaats gegeben hätte. Doch Putin und die von ihm beauftragte Arbeitsgruppe haben nicht nur die Gebiete und Völker, die heute zur Russländischen Föderation gehören, im Blick, sondern auch die ehemaligen Sowjetrepubliken. Denn für Putin bedeutet der Zerfall der Sowjetunion "die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts". Mit der Gründung der "Eurasischen Union", die er zum wichtigsten außenpolitischen Projekt seiner dritten Amtszeit ausgerufen hat, versucht er diese Entwicklung durch eine neue, post-imperiale Form der politischen und wirtschaftlichen Integration jedenfalls ein Stück weit zu korrigieren. Das Einheitsgeschichtsbuch dient deshalb auch dazu, entsprechende geschichtspolitische Signale in diese Richtung zu senden, um den angesprochenen Staaten eine Wiederannäherung an Russland zu erleichtern. Folglich kam bereits im Dezember 2013 aus Moskau der Vorschlag, auf der Grundlage des entwickelten Konzepts ein Einheitslehrbuch für die noch gar nicht existente "Eurasische Union" zu erarbeiten.

Aber auch auf die Ukraine gehen die Autoren geschichtspolitisch einen Schritt zu. Alexander Tschubarjan, Akademiehistoriker und trotz seiner 82 Jahre die geschichtspolitische Allzweckwaffe des Kremls, meldete am 16. Januar 2014 dem Präsidenten, man habe bei der Frage des Ursprungs des "altrussischen" Staats einen Kompromiss gefunden. Für ukrainische Nationalhistoriker gehört die so genannte Kiewer Rus – als Begriff eine Erfindung der Historiographie des 19. Jahrhunderts – exklusiv zur ukrainischen Geschichte, denn ihrer Meinung nach sind die großrussische Nation und das spätere Moskauer Reich völlig unabhängig davon entstanden. Russische Historiker postulieren dagegen einen gemeinsamen "altrussischen Ethnos". Vor allem hieraus leiten die Machthaber in Russland bis heute ihre Großer-Bruder-Attitüde gegenüber der Ukraine ab. Das Lehrbuchkonzept folgt zwar weitgehend dem traditionellen russischen Narrativ, vermeidet aber die in der Ukraine anstößigen Begriffe. Diese finden sich stattdessen auf der Liste "Schwierige Fragen der Geschichte Russlands" wieder, die bislang zwanzig Punkte umfasst, aber nicht als abgeschlossen gilt. Das Verfahren der Identifizierung und der gesonderten Erörterung "schwieriger Fragen" war in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der polnisch-russischen Kommission für schwierige Fragen erfolgreich praktiziert worden, um geschichtspolitische Minen zu entschärfen.

Ähnliche Formelkompromisse finden sich auch zu anderen kritischen Punkten. Auf Drängen der Historiker aus Tatarstan entfällt künftig der Begriff "Tatarenjoch" und wird durch "System der Abhängigkeit der russischen Länder von den Khanen der Goldenen Horde (sog. ›Joch der Goldenen Horde‹)" ersetzt. Dies vermeidet zwar eine Stigmatisierung der heutigen Tataren, in der Substanz ändert sich das traditionelle Narrativ, soweit es sich aus dem Konzept herauslesen lässt, aber nur marginal.

Patchwork-Historiographie anstelle einer integrierten Geschichte

Dass letztlich nicht mehr bei dem Schulbuchkonzept herausgekommen ist, liegt an der Vorgehensweise des Arbeitsgruppe. Die Federführung bei der Ausarbeitung des ersten Konzeptentwurfs lag in der Hand des Instituts für russländische Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Moskau, ohne Beteiligung nichtrussischer Historiker. Folglich entspricht der Text weitgehend dem traditionellen national-russischen Narrativ und berücksichtigt kaum andere Völkerschaften. Dieser Entwurfstext wurde am 1. Juli auf mehreren Internetseiten veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Putin wünscht ein transparentes Verfahren und möchte die Bevölkerung einbeziehen. Denn das Einheitslehrbuch soll, wie es Sergej Naryschkin, Duma-Präsident und Vorsitzender der Arbeitsgruppe, formulierte, einen "Gesellschaftsvertrag über die Wahrnehmung der Vergangenheit" darstellen. Parallel machte sich die Arbeitsgruppe, die aus den zuständigen Fachministern, Vertretern des Kremls, Lehrern und Historikern besteht, an die Überarbeitung des Entwurfs. Es ist vor allem auf die drei nichtrussischen Historiker Chirsi Amirchanow aus Dagestan sowie Ramil Chajrutdinow und Rafael Chakimow aus Tatarstan zurückzuführen, dass das schließlich beschlossene Lehrbuchkonzept die Geschichte der nichtrussischen Nationalitäten stärker berücksichtigt.

Legt man beide Texte nebeneinander, lässt sich die Vorgehensweise der Arbeitsgruppe leicht nachvollziehen: Um das traditionelle Narrativ herum wurden die Hinweise zu den anderen Nationalitäten einfach nur eingefügt. Dies unterbricht und erweitert den bisherigen Erzählstrang, verändert ihn aber nicht grundsätzlich. Das Ergebnis ist eine Patchwork-Geschichte, die nicht frei von inneren Widersprüchen ist. Denn bei der Darstellung der außenpolitischen Entwicklungen behält das Konzept die national-russische Perspektive bei. Die Herrschaft der "Goldenen Horde" und den zum Teil freiwilligen Übertritt einiger Fürstentümer der Rus unter polnische und litauische Oberhoheit im Mittelalter bringt das Konzept auf den Nenner "Ausländerherrschaft", Polen und Litauen werden sogar explizit und eindeutig negativ konnotiert als "andersethnische Staatsgebilde" charakterisiert. Die während der "Zeit der Wirren" Anfang des 17. Jahrhunderts im Raum stehende Zarenwahl des polnischen Königs oder seines Sohnes betrachtet das Konzept als einen drohenden "Verlust der nationalen Unabhängigkeit", obwohl den Polen die Krone von Teilen der russischen Elite, darunter auch vom Vater des späteren ersten Romanow-Zaren, angetragen wurde. Die russische Expansion nach Westen und Osten wertet das Konzept dagegen durchweg positiv: Die Eroberung der tatarischen Khanate von Kasan und Astrachan in der Mitte des 16. Jahrhunderts? "Ein bedeutender Erfolg." Die Einverleibung des Baltikums unter Peter dem Großen? Sie diente der Verbesserung der Grenzsicherheit (desselben Arguments bediente sich auch Stalin bei seiner Annexion der baltischen Republiken). Die russische Beteiligung an den Teilungen Polens? Das war die Erfüllung von Russlands historischer Mission des Sammelns des ganzen Erbes der Kiewer Rus. Dass in jedem dieser Fälle andere Nationen ihre Unabhängigkeit verloren, bleibt völlig unberücksichtigt.

Bei dem Konzept handelt es sich daher nicht um eine moderne integrierte Geschichtsschreibung mit einem multiperspektivischen Ansatz. Vielmehr ist es der Versuch, die russische Imperialgeschichte zu rechtfertigen und auf diese Weise den heutigen russländischen Vielvölkerstaat zu legitimieren. Die post-imperiale Attitude, die hinter diesem Konzept steht, offenbarte sich bei Putins wohl ungeplantem verbalem Ausbruch während seines Treffens mit der Arbeitsgruppe am 16. Januar 2014. Es sei, als ob jemand einem ins Gesicht spucken würde, erregte sich der Präsident, wenn einige Schulbücher die Expansion des sowjetischen Machtbereichs nach Osteuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs kritisch darstellen. Was wäre, fragte er, die Folge gewesen, wenn der "Faschismus" den Krieg gewonnen hätte? Doch Putins Argumentation verkennt, dass es gar nicht um diese Alternative geht. Denn nach dem Sieg hätte Stalin fraglos die Möglichkeit gehabt, den Nationen Ostmittel- und Südosteuropas ihr Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren und sie nicht gewaltsam dem Sowjetimperium einzuverleiben. Die Ambivalenz bei der Betrachtung der Stalinzeit, die sich zunehmend in Russland durchsetzt und die einerseits aus dem berechtigten Stolz über den errungenen Sieg im Zweiten Weltkrieg, andererseits aber auch aus der Erinnerung an die stalinistischen Repressionen und an den Gulag besteht, umfasst bislang nicht die ebenfalls kritisch zu beurteilende sowjetische Imperialpolitik. Auch die Imperialpolitik des Zarenreichs wird nicht in Frage gestellt. Denn das ist ganz offensichtlich geschichtspolitisch unerwünscht.

Insgesamt hinterlässt daher das Konzept des einheitlichen Lehrbuchs für den Geschichtsunterricht einen zwiespältigen Eindruck. Die anfängliche Befürchtung, dass mit dem Schulbuch eine Rehabilitierung Stalins und des sowjetischen Systems verbunden sein würde, bestätigt sich nicht. Der formulierte Ansatz, eine multinationale, multikulturelle und multikonfessionelle Perspektive einzunehmen, gibt sich zwar modern und deutet einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der russischen Schulbuchgeschichtsschreibung an, doch zeigen sich bei der Umsetzung gerade in dieser Hinsicht deutliche Defizite. Das traditionelle national-russische Narrativ wird lediglich um einige Aspekte erweitert, bleibt aber bis auf Kompromisse und Modifizierungen bei einigen Formulierungen weitgehend unangetastet. Das Resultat ist ein post-imperiales Geschichtsbild, das dadurch vielmehr recht anschaulich auf geschichtspolitische Ebene die Ambitionen des russischen Präsidenten reflektiert.

Lesetipps

Meeting with Designers of a New Concept for a School Textbook on Russian History. January 16, 2014, 15:45. The Kremlin, Moscow. http://eng.kremlin.ru/news/6536

Kaplan, Vera: History Teaching in Post-Soviet Russia. Coping with Antithetical Traditions, in: Ben Eklof, Larry E. Holmes and Vera Kaplan (Hg.): Educational Reform in Post-Soviet Russia. Legacy and Prospects, London 2005, S. 247–271.

Shnirelman, Victor: Stigmatized by History or by Historians? The Peoples of Russia in School History Textbooks, in: History and Memory, 21.2009, H. 2, S. 110–149.

Zvereva, Galina: Die Konstruktion einer Staatsnation. Geschichtslehrbücher für das neue Russland, in: Lars Karl, Igor J. Polianski (Hg.): Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland (= Formen der Erinnerung; 40), Göttingen 2009, S. 87–118.


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Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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