Sinti & Roma in Europa

"Vertrauen ist ein Prozess"

Wie Integration funktioniert: Eine Reportage aus der Kita "Schaworalle" in Frankfurt am Main


24.2.2014
Die Forderung, mehr für Bildung und Integration der Roma zu tun, ist längst ein Gemeinplatz. Überraschend ist, dass es in Deutschland nur eine einzige Kindertagesstätte für Roma-Kinder gibt. Die Kita "Schaworalle" befindet sich in Frankfurt am Main und ist auch dauerhaft finanziert. Die Leiterin Sabine Ernst hat sie vor fast 20 Jahren mitgegründet.

Videoprojektion in der Kindertagesstätte Schaworalle. (© Paula Bulling)


Wenn Fremde sie nach ihrem Beruf fragen, hat Sabine Ernst zwei Antworten. Eine kurze und eine etwas präzisere. Die kurze nimmt sie, wenn ihr gerade nicht nach Diskussionen zumute ist. Dann sagt sie, sie leite eine Kita. "Ach, wie süß, was mit Kindern!", ist meist die Reaktion.

Manchmal aber fühlt sie sich kämpferischer. Dann antwortet sie: "Ich leite eine Kita für Roma-Kinder." Dann fällt die Reaktion anders aus. "Oh, das ist sicherlich anstrengend, heißt es dann", sagt Sabine Ernst und imitiert einen mitleidigen Blick, den sie zusätzlich erntet.

Sabine Ernst, 51 Jahre alt, ist die Chefin der einzigen Roma-Kita in Deutschland. Die Kita heißt "Schaworalle", das ist Romanes für "Hallo Kinder", sie liegt sehr zentral und gleichzeitig ein bisschen versteckt in Frankfurt am Main. Ein schönes altes Backsteinhaus mit Stuck über den Türen. Jeden Tag kommen bis zu 70 Kinder hierher.

Heute ist es ruhiger als sonst, es ist der letzte Ferientag, ein Freitag. Die Wände sind bemalt, unterhalb der Hüfthöhe, wo die Kleinsten noch heranreichen, etwas wilder als oberhalb. Oben im Spielzimmer üben ein paar Mädchen im Vorschulalter einen Tanz, die Jungs sitzen mit vor Konzentration rotem Kopf im Computerraum. Besuch, der den Kopf zur Tür hereinsteckt, wird artig-überschwänglich begrüßt. Unten steht die Küche offen, drei Frauen in weiten Schürzen hantieren mit großen Töpfen, gleich ist Mittagszeit.

Nach dem Essen wollen alle zusammen den Film von der letzten Kitafeier angucken. Hausmeister Detlef baut die Leinwand auf, richtet den Beamer aus. Dummerweise ist die Speicherkarte der Kamera verschollen. Elf Pädagogen und Erzieher arbeiten in der "Schaworalle", vier davon sind Roma. Sabine Ernst ist "Gadsche" – so nennen Roma Nicht-Roma. Man kann nicht davon ausgehen, dass es ein liebevoller Begriff ist. "Eine der wichtigsten Regeln der Roma ist: Trau den Gadsche nicht vorbehaltlos", sagt Ernst.

Vorsicht ist eine Überlebensstrategie



Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die jahrhundertelange Marginalisierung, die Verfolgung im Dritten Reich, die Ausgrenzung in den Heimatländern, aus denen Roma unter anderem nach Deutschland fliehen. "Besonders in Rumänien werden die Kinder in der Schule schlecht behandelt, sie gelten als dumm", beschreibt Ernst den Teufelskreis. "Später können sie dann nichts mit der Ausbildung anfangen; weil Roma bei den Gadsche keine Jobs bekommen." Kein Wunder also, dass Roma ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen, zur Unabhängigkeit – und nicht zur Eingliederung in die Mehrheitsgesellschaft. Die wiederum beäugt das Anderssein der Roma misstrauisch.

"Die Roma sind es nicht gewohnt, in anderen Zusammenhängen als der Familie Vertrauen aufzubauen", sagt Ernst. "Vorsicht war und ist für sie eine Überlebensstrategie."

Vielleicht ist es auch ihrer direkten, offenen Art zu verdanken, dass die Frankfurter Roma-Familien bei Sabine Ernst alle Vorsicht fahren lassen. Bei dem herzlichen Lachen ist es tatsächlich schwer vorstellbar, sie könne etwas im Schilde führen. Aber der wichtigere Grund ist wohl der: Sabine Ernst hat praktisch ihr ganzes bisheriges Berufsleben mit ihnen verbracht.

Quellentext

Sabine Ernst

Meine Arbeit ist vor allem Beziehungsarbeit, Vertrauen ist ein Prozess.



Mitte der 1990er-Jahre kamen die ersten Roma-Familien nach Frankfurt. In der Innenstadt tauchten plötzlich bettelnde Kinder auf, die an keiner Schule angemeldet waren. Leute beschwerten sich beim Jugendamt. Sabine Ernst, junge Diplompädagogin, arbeitete damals als Sozialberaterin beim Förderkreis Roma. Zusammen mit Mitarbeitern des Jugendamtes entwickelte der Verein die Idee zu einem Projekt: Sie wollen die Kinder von der Straße holen und ihnen den Zugang zu Bildung ermöglichen. "Wir haben uns das kurzfristig vorgestellt", sagt Ernst. "Wir dachten, wenn wir den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen und mit den Eltern sprechen, funktioniert die Integration in die Regelschule schnell."

Ganz so leicht war es dann nicht. Das Kinderhaus, in dem die älteren Kinder in die Vorschule gehen sollten, war bald überfüllt, auch jüngere Kinder kamen. Viele rebellierten dagegen, sich für den regelmäßigen Schulbesuch fit machen zu lassen. Es gab Streit, Hausverbote. Wer in die Schule geschickt wurde, blieb dort nicht lang.

Also wurde ein Kindergarten eingerichtet. Und weil es mit den Regelschulen nicht recht klappte, sprach Sabine Ernst beim Schulamt vor: Sie wollte einen eigenen Grundschullehrer beschäftigen. Wenn die Kinder nicht in die Schule gingen, sollte die Schule eben zu ihnen kommen.

Die "Schaworalle" macht Emanzipation möglich



Bald wurden weitere Lehrer eingestellt, Pädagogen, Praktikanten; mittlerweile kann man hier sogar einen Hauptschulabschluss machen. Die "Schaworalle" ist heute als reguläre Kita und Schule anerkannt und dauerhaft finanziert; im Gegensatz zu dem Gros der Roma-Initiativen in Deutschland, die immer nur Projekte sind und so nicht wirklich nachhaltig arbeiten können. Das aber ist die Voraussetzung für Vertrauen.

Manchmal passiert es zum Beispiel, dass Roma-Mädchen ab einem bestimmten Alter nicht mehr zur Schule kommen. "Roma wollen gerade ihre Töchter beschützen, sie haben Angst, dass sie einen Freund haben könnten oder anfangen zu rauchen", sagt Ernst. Sie redet dann mit den Eltern. Manche von ihnen kennt sie schon lange: Sie haben die Anfänge der "Schaworalle" erlebt, jetzt schicken sie ihre Kinder. Sie hören ihr zu, diskutieren. Bisher konnte sie viele Mädchen bis zum Abschluss in der Schule halten.

Im Flur hängt ein Bilderrahmen mit alten Fotos. Bei einem ist das Glas zersplittert. "Wir lassen ihn trotzdem hängen", sagt Ernst. "Die Kinder freuen sich, wenn sie hier ihre Mutter oder ihren Onkel entdecken."

2006 bekommt das "Schaworalle"-Team die Theodor-Heuss-Medaille für das "beispielhafte Engagement, sich gegen die soziale und kulturelle Ausgrenzung von Roma-Kindern und -Jugendlichen einzusetzen". Die Urkunde hängt in Sabine Ernsts Büro. Das Büro sieht mehr aus wie ein Spielzimmer. Auf dem Schreibtisch stehen ferngesteuerte Autos, den Konferenztisch ziert ein Kuchen aus Kugelknete. Die Knete ist neu. Alle zehn Minuten kommt eine Gruppe Kinder herein und präsentiert ein neues Gebäckstück in hellblau und rosa.

"Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, ist die: Warum öffnet man eine eigene Kita für Roma, wenn man sie doch eigentlich integrieren will?", erzählt Sabine Ernst. Es ist eine dieser Fragen, die eigentlich ein Vorwurf sind und die ihr schon lange auf die Nerven gehen. Aber das würde man nicht merken, wenn sie es nicht extra sagen würde. Sabine Ernst hat die Fähigkeit, zu lachen, wenn sie gerade beginnt, sich aufzuregen und alles geduldig nochmal von vorn zu erklären. "Wir wollen kein Ghetto einrichten", sagt sie. "Aber es kann auch nicht darum gehen, die Roma in alle bestehenden Verhältnisse hineinzupressen." Das klappt einfach nicht. Mit "Schaworalle" hat sie etwas aufgebaut, was sie einen "Schutzraum" nennt, eine Möglichkeit der Emanzipation. Hier werden die Roma in ihrer Kultur ernst genommen.

Eine Kultur ernst nehmen heißt natürlich auch: Interesse für die Sprache zeigen. Romanes lernen ist nicht ganz einfach, es gibt praktisch keine Lehrbücher. Die Roma betrachten ihre Sprache als geheime Sprache, sie wollen sich vor Spitzeleien der Gadsche schützen. Manchmal bat Sabine Ernst eines der Kinder, ihr ein Wort in ihrer Muttersprache aufzuschreiben, damit sie es lernen könne. Bis das Kind von seinem wütenden Vater zurückgepfiffen wurde. Heute versteht sie: "Ich musste mich erst bewähren."

Eingang der Kindertagesstätte Schaworalle. (© Paula Bulling)
Offenbar hat sie das geschafft. Viele der Eltern sprechen heute Romanes mit ihr, sie versteht fast alles. Weil das Sprechen aber noch etwas holpert, antwortet sie auf Deutsch. "Wir praktizieren hier die Gleichberechtigung der Sprachen", sagt Ernst.

Für das Thema Gleichberechtigung ist Sabine Ernst sehr empfindlich. Sie hat oft beobachtet, dass scheinbar wohlmeinende Annäherungsversuche auch wieder nur dieselben Hierarchien reproduzieren.

Einmal rief sie der Leiter eines Kinderhortes an, seine Kinder würden neuerdings Zigeunerwitze machen. Er wollte nun gern mit allen die "Schaworalle" besuchen, die Kindern sollten lernen, was "Zigeuner" in Wirklichkeit sind. Es sollte eine Art Aufklärungsbesuch werden. Sabine Ernst lehnte ab. "Bei solchen Aktionen mache ich nicht mit. Meine Kinder kämen sich vor wie Tiere im Zoo. Wir veranstalten gern Tischtennisturniere gegen eine andere Kita. Und am Ende verliert ‚Schaworalle‘ oder sie gewinnt. Aber ‚deutsche Kinder besuchen Roma-Kinder‘, um sie mal anzugucken – das macht keinen Sinn."

So ein Zoobesuch würde eines von Sabine Ernsts großen Zielen unterlaufen: Sie möchte, dass die Kinder selbstbewusst mit ihrer Kultur umgehen, sich nicht verstecken. "Viele Roma halten ihre Herkunft geheim, weil sie die Vorurteile fürchten. Das ist sehr traurig und ungeheuer belastend: Sie müssen dann immer Angst haben, von anderen Roma enttarnt zu werden."

Wie naheliegend es da für Roma sein muss, die eigene Herkunft zu verschleiern, kann Markus Angel, ein ehemaliger Kollege von Sabine Ernst, gut erklären. Der 32-jährige Rom arbeitete wie sie beim Förderverein Roma, bevor er Koordinator in einem von der Offenbacher Arbeiterwohlfahrt getragenen Sozialprojekt für Roma wurde. Seit anderthalb Jahren hilft Angel jungen Roma beim Berufseinstieg, unterstützt sie beim Schulabschluss, kümmert sich um Praktika und Ausbildungsstellen.

Du bist Roma?



Zuerst geht es allerdings meist darum, die Jugendlichen zu alphabetisieren. "Die Jugendlichen, die zu uns kommen, sind in der Schule oft nicht mitgekommen", sagt Angel. Bei manchen habe Mobbing zu Fehlzeiten geführt und die dazu, dass das Interesse für Schule ganz verloren ging. Außerdem spiele das Thema Bildung in vielen Roma-Familien einfach keine Rolle. "Weil die Roma immer ausgegrenzt wurden, zählt für viele nur, dass die Familie zusammenhält. Es gibt aber auch einige Jugendliche, die ich kenne, die eine gute Schullaufbahn haben und gut integriert sind."

Markus Angel sagt, er habe einen guten Draht zu den Jugendlichen. Nicht nur, weil Romanes seine Muttersprache ist und er die Kultur kennt, sondern auch weil er die Familien über die angegliederte Sozialberatung in allen Lebensproblemen unterstützt. "Ich verstehe, warum die keine solide Ausbildung haben, ich reagiere nicht gleich abfällig. Und ich verstehe, wie schwer es ist, zu lernen, wenn die Familie nicht dahintersteht." Auch seine Eltern hätten keinen Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder zur Schule gingen. Also bliebt Markus gerade so lang auf der Schule, bis er lesen und schreiben konnte, den Hauptschulabschluss machte er nicht mehr. Als sein Vater starb, merkte Markus Angel, dass er für sich selber sorgen müsse. Und dass das schwierig sein würde.

Also holte er alles nach: den Hauptschulabschluss an der Abendschule, die Realschule. Nebenbei begann er, sich im Förderverein Roma zu engagieren. Er gab Nachhilfe und machte eine Fortbildung für Mediation, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Er arbeitete dann regelmäßig beim Förderverein, begleitete Roma zu Ämtern, übersetzte, vermittelte, half, Formulare auszufüllen. Eine rundum gelungene Integrationsgeschichte also, über die all jene, die den Roma-Zuzug so kritisch sehen, jubeln müssten.

Früher hat Markus Angel auf die Frage, woher er komme, stets gesagt: "Ich bin Roma." Auch in Vorstellungsgesprächen. "Ich wollte mit offenen Karten spielen." Bis er auf sein gutes Abschlusszeugnis angesprochen wurde. Nicht lobend, sondern: ob er es gefälscht habe. "Ein Roma mit einem Einserabschluss, da war natürlich was faul", sagt Markus Angel. "Manchmal wenn ich sage, dass ich Roma bin, sagen die Leute: 'Du bist Roma? Aber das macht doch nichts. Wir sind doch alle Menschen.' Das sind dann die Toleranten." Er lacht, als er das erzählt, es ist ein bitteres Lachen.

Heute hat er eine andere Antwort. Er sagt, seine Familie stamme aus Polen, einige aus Indien. Ist ja auch nicht falsch, seine Großeltern wohnten tatsächlich noch in Polen, und Indien ist das Herkunftsland der Roma. Die Antwort ist so richtig wie die von Sabine Ernst, wenn sie sagt, sie arbeite in einer Kita. Das Roma-Wort wird elegant umgangen.

Fragt man Sabine Ernst nach ihren Erfahrungen mit Ressentiments, wird sie energisch. Seit sie mit Roma arbeite, sagt sie, falle ihr verstärkt die "Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft" auf. Einerseits beklage man, dass es in der modernen Gesellschaft keinen Familienzusammenhalt mehr gebe, keinen Respekt vor den Alten – und andererseits schimpfe man das Clanverhalten der Roma asozial. Man trauere dem Ende der Großfamilie nach – und finde Roma-Frauen, die traditionell früh heiraten und Kinder bekommen, seltsam archaisch. "Das macht mich restlos wütend. Weil immer wieder die alten Klischees ausgepackt werden. Kaum jemand kennt doch wirklich einen Rom oder eine Romni."

Abgesehen davon, dass es ihre Arbeit belastet. "Wir werden immer sofort als Problem wahrgenommen", sagt Ernst. Beim letzten Umzug der "Schaworalle" hat zuerst einmal die Polizei angerufen, man sollte sich "präventiv" unterhalten. "Als ob alle Roma zwangsläufig kriminell wären, als ob es nicht viele gebe, die es hier geschafft haben und jetzt gut dastehen! Als ob das nicht alle wollten, die zu uns kommen! Als ob es ein Lebensziel wäre, in Frankfurt unter der Brücke zu wohnen!"

Früher habe sie sich im Restaurant auch mal in Gespräche am Nebentisch eingemischt, wenn über "Zigeuner" hergezogen wurde. "Das mache ich aber nicht mehr. Lieber engagiere ich mich hier, als mich im Privatleben aufzureiben", sagt sie, und klingt schon wieder gut gelaunt.

Die Speicherkarte ist aufgetaucht, großer Jubel, der Film kann beginnen. Die Kindergartenkinder gucken sich selbst zu, wie sie ein Lied singen, einen rumänischen Klassiker, den ihnen die rumänische Köchin beigebracht hat. Die etwas Älteren schämen sich altersgemäß für ihren Auftritt in einem Musical auf Romanes, sie schlagen die Hände vors Gesicht und winden sich. Die Großen sprechen nochmal leise mit, als am Ende ihr Rap von "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" kommt und, als Zugabe, Goethes "Zauberlehrling". Fast alle hier sind dreisprachig aufgewachsen. Der Goethe-Text, sagt Sabine Ernst, habe ihnen am besten gefallen, "die Kinder waren wie elektrisiert".

Als die letzte Strophe verklungen ist, drehen sich in der ersten Reihe zwei Mädchen um. "Sabine, was machen wir als Nächstes?" Das weiß sie noch nicht, antwortet Sabine Ernst. Aber dass es hier noch lange weitergeht, das steht fest.


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Autor: Ariane Breyer für bpb.de
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