Silhouette einer Moschee.

Vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei


27.10.2014
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich. Große Gebiete verblieben unter der Kontrolle der Alliierten und der erste Friedensvertrag sah sogar die territoriale Aufteilung des Reiches vor. Dies führte in den Türkischen Befreiungskrieg und zur Aushandlung eines neues Vertrages: 1923 gründete sich die Republik Türkei.

Große Nationalversammlung der Türkei 1930.Kemal Atatürk beim Verlassen der Großen Nationalversammlung in Ankara, Anfang der 1930er-Jahre. Rechts von ihm, der damalige Ministerpräsident Ismet Inönü. (© Wikimedia)

Als die Jungtürken 1908 gegen Sultan Abdülhamid II. (reg. 1876-1909) rebellierten und ihn zur Wiedereinsetzung der konstitutionellen Verfassung von 1876 zwangen, hatte das Osmanische Reich eine beinahe dreißigjährige Periode des Despotismus und der Einschränkung politischer und gesellschaftlicher Freiheiten durchlebt. Weite Teile der Bevölkerung begrüßten die Revolution daher als "Verkündung der Freiheit".

Jungtürken

Mit einem Panzerfahrzeug marschieren die Jungtürken in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, ein. Der Putsch der Jungtürken führte 1909 zur Absetzung des Sultans.Einmarsch der Jungtürken in Istanbul 1908. (© picture-alliance)

Die Jungtürken (türkisch: Jön Türkler) waren eine nationalistisch-reformistische Gruppierung, die seit 1876 auf die Reformierung der Staatsform hinarbeitete. 1908 zwangen sie dem Sultan die Annahme einer Verfassung auf, zwischen 1913 und 1918 beherrschten sie de facto den osmanischen Staat. Die Partei der Jungtürken war das Komitee für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki Cemiyeti). Die Jungtürken inspirierten verschiedene Nationalisten des Nahen Ostens, u.a. auch den Gründer der Republik Türkei, Kemal Atatürk, der sich jedoch später von ihnen distanzierte.

Damit begann die Zweite Verfassungsperiode (II. Meşrutiyet dönemi) in der Geschichte des Osmanischen Reiches. Das Komitee für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki Cemiyeti), das zur Bewegung der "Jungtürken" (Jön Türkler) gehörte, hatte bereits zuvor als Geheimbund den politischen Kampf gegen das Sultanat geleitet und nun die Macht im Land inne. Seine Versuche, das Osmanische Reich zu einer gefestigten modernen und konstitutionellen Monarchie zu reformieren, blieben jedoch erfolglos. Nicht zuletzt diese innere Schwäche des Vielvölkerreiches zur Zeit der Jungtürken führte dazu, dass Nachbarstaaten versuchten, Gebietsforderungen an das Reich durchzusetzen. Diese Auseinandersetzungen und damit einhergehende massive territoriale Verluste – unter anderem das heutige Libyen und die Insel Kreta – führten 1912 zum Sturz der jungtürkischen Regierung.

Während sich in dieser Zeit zunächst eine Ideologie des osmanischen Patriotismus[1] durchsetzte, schufen die Balkankriege (1912-1913) die Grundlage für einen neuen türkischen Nationalismus. Das Osmanische Reich hatte in den Jahren 1912 und 1913 bis auf den heutigen europäischen Teil der Türkei, sämtliche Gebiete auf dem Balkan an Albanien, Serbien, Bulgarien und Griechenland verloren, was zu einer Homogenisierung der verbliebenen osmanischen Bevölkerung führte.

Erneuter Staatsstreich und Erster Weltkrieg



Am 23. Januar 1913 unternahm das jungtürkische Komitee für Einheit und Fortschritt einen erneuten Staatsstreich und setzte seine eigene Regierung ein. Als der jungtürkische Großwesir Mahmut Şevket Paşa[2] am 11. Juni 1913 einem Attentat zum Opfer fiel, errichteten die Jungtürken ein Unterdrückungsregime und gingen mit Härte gegen ihre politischen Gegner vor. Die Zeit des demokratischen Parlamentarismus und des Mehrparteiensystems der Zweiten Verfassungsperiode war damit beendet. Im folgenden Jahr begann in Europa der Erste Weltkrieg.

Den osmanischen Staat führte nun das Zentralkomitee der jungtürkischen Partei, das nach außen durch das Triumvirat Talat Paşa (1874-1921), Enver Paşa (1881-1922) und Djemal
Enver Paşa (links), Oberbefehlshaber der türkischen Armee, im Gespräch mit General Arnold von Winckler, Oberbefehlshaber der 11. deutschen Armee in Mazedonien, 1916.Der türkische Kriegsminister Enver Paşa im Gespräch mit General Arnold von Winckler, dem Oberbefehlshaber der 11. deutschen Armee in Mazedonien, 1916. (© picture-alliance)
Paşa (1872-1922) repräsentiert wurde. Diese neue Staatsführung hielt eine Beteiligung des Osmanischen Reiches am Kriegsgeschehen für unvermeidlich. Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen und Verwerfungen, mit denen das 20. Jahrhundert eingeläutet wurde, hatten den Ersten Weltkrieg beinahe angekündigt. Insbesondere die Balkankriege erschienen wie das regionale Vorwort dazu. Am 2. August 1914 unterzeichneten das Deutsche und das Osmanische Reich einen Bündnisvertrag.

Der Erste Weltkrieg brachte in vielerlei Hinsicht Zerstörung über das Osmanische Reich und endete 1918 mit dessen Niederlage. Auch der Bevölkerungsverlust im Reich war groß, insbesondere unter den muslimischen Türken, Tscherkessen, Albanern und Kurden. Hauptleidtragende des Krieges waren jedoch vor allen anderen die Armenier: Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Armenier in den Jahren 1915 und 1916 bei der Vertreibung aus ihrer Heimat starben oder ermordet wurden. Schätzungen variieren zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Opfern.


Eintritt in den Ersten Weltkrieg

Trotz der mittlerweile langen republikanischen Tradition der Türkei ist die Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg bis heute ein Teil der türkischen Geschichte, mit dem nicht unverkrampft umgegangen wird. In der Türkei gibt es daher noch immer eine eigene Erzählweise zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg; bis heute wird sie auch in Schulen gelehrt:

Dieser Geschichte zufolge durchfuhren eines Tages zwei deutsche Kriegsschiffe die Dardanellen und erreichten Istanbul, nachdem sie im Mittelmeer der britischen Flotte entkommen waren. Ihre Namen "Göben" und "Breslau" wurden jedoch auf der Fahrt ins Schwarze Meer in "Yavuz" und "Midilli" geändert
Die deutschen Kriegsschiffe "Göben" und "Breslau" im Bosporus während des Ersten Weltkrieges.Die deutschen Kriegsschiffe "Göben" und "Breslau" im Bosporus. (© picture-alliance/akg)
und den Besatzungen der Fes, die typische Kopfbekleidung türkischer Männer dieser Zeit, aufgesetzt. Die Schiffe durchquerten das Schwarze Meer und bombardierten die russische Flotte im Hafen von Sewastopol, der größten Stadt auf der Halbinsel Krim. Ungewollt und unwissentlich sei das Osmanische Reich so in den Krieg geraten. An allen Fronten des Krieges - ganz besonders an den Dardanellen - kämpften die osmanischen Soldaten zwar erfolgreich und heldenhaft, doch durch die Niederlage Deutschlands, an dessen Seite man in den Krieg eingetreten war, sei auch das Osmanische Reich zu den Besiegten gezählt worden.


Waffenstillstand und Diktatfrieden



Der Waffenstillstand von Moudros vom 30. Oktober 1918 bedeutete für das Osmanische Reich das Ende der Kampfhandlungen. Das Komitee für Einheit und Fortschritt, welches das Osmanische Reich in den Krieg gezogen hatte, weil es darin die Möglichkeit zur Rückeroberung verlorener osmanischer Territorien gesehen hatte, löste sich eine Woche nach dem Waffenstillstand auf. Seine Führer, unter ihnen auch das frühere Triumvirat, flohen außer Landes. Die Geschicke des untergehenden Osmanischen Reiches lenkte nun eine Regierung unter Sultan Mehmet VI., der der letzte Sultan des Osmanischen Reiches (1918-1922) bleiben sollte.

Erst der Friedensvertrag von Sèvres bedeutete für das Osmanische Reich das wirkliche Ende des Ersten Weltkrieges. Der Vertrag wurde am 10. August 1920 in der Nähe von Paris unterzeichnet und beließ nur dem Anschein nach ein "Osmanisches Reich" auf der Landkarte: Nach der vereinbarten neuen Grenzziehung blieb lediglich ein dörflich-landwirtschaftlicher Staat in Zentralanatolien mit einem Küstenstreifen am Schwarzen Meer zurück.[3] Die übrigen Teile sollten zwischen den Siegermächten Russland, Frankreich, Italien und Griechenland aufgeteilt werden. Als diese Pläne und die Tatsache, dass die Regierung des Sultans ihnen nichts entgegensetzen würde, in der türkischen Öffentlichkeit bekannt wurden, regte sich der "Nationale Widerstand" (Milli Mücadele). An seine Spitze setzte sich Mustafa Kemal, der siegreiche General der Schlacht von Gallipoli[4], der 1934 den Nachnamen Atatürk erhalten sollte.

Seine Anhänger und andere nationale Kräfte hatten bereits bei der Parlamentswahl im Dezember 1919 die Mehrheit gewonnen und eine Reihe von Gesetzen beschlossen, die den Interessen der Alliierten entgegenstanden. Als Istanbul im März 1920 dann von Großbritannien besetzt wurde und führende Abgeordnete verhaftet wurden, löste der Sultan das Parlament auf. Unter der Führung Mustafa Kemals trafen sich die Abgeordneten daraufhin im heutigen Ankara und gründeten am 23. April 1920 die Große Nationalversammlung der Türkei (Türkiye Büyük Millet Meclisi). Sie erklärte den Vertrag von Sèvres für ungültig und die Istanbuler Regierungsvertreter zu Hochverrätern. In Ankara und Istanbul standen sich fortan zwei Regierungen gegenüber. Im Januar 1921 verabschiedeten die Abgeordneten in Ankara dann eine neue Verfassung, in der sie das Volk zum Souverän erklärten. Damit emanzipierte sich die neue Regierung erstmals nicht nur von der alten osmanischen Regierung sondern auch vom Sultanat und der Monarchie als Staatsform.

Der Türkische Befreiungskrieg



Der "Nationale Widerstand" (Milli Mücadele oder Kurtuluş Savaşı) begann als Partisanenkrieg: Bewaffnete Widerstandsgruppen, die Kuvayı Milliye (türkisch für "Nationale Kräfte"), begannen im Mai 1919 dezentral organisiert die griechische Armee zu bekämpfen, die kurz zuvor Izmir besetzt hatte. Die Kuvayı Milliye bestanden aus desertierten Offizieren der osmanischen Armee, ehemaligen Anhängern der Jungtürken und anderen Freiwilligen. Organisiert wurden sie von der "Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Rumelien und Anatolien" unter Mustafa Kemal (Atatürk). Nach der Gründung der Großen Nationalversammlung in Ankara wurden die Kuvayı Milliye dann mit der neu gegründeten türkischen Armee vereint.

Aus den Auseinandersetzungen entwickelte sich der Griechisch-Türkische Krieg (1919-1922), der von ethnischem Hass auf beiden Seiten geprägt war. Die von Großbritannien unterstützten griechischen Truppen rückten nach der Besetzung Izmirs weiter in Richtung Ankara vor. Entscheidende Schlachten fanden bei Inönü[5] (Januar und April 1921) und Sakarya (August bis September 1921) statt, in deren Folge sich die Franzosen, Italiener und schließlich auch die Briten aus den von ihnen nach dem Friedensvertrag von Sèvres besetzten Gebieten der Türkei zurückzogen.

Im September 1922 eroberte Mustafa Kemal schließlich das seit Mai 1919 von den Griechen besetzte Izmir zurück. In den Tagen nach der Einnahme wurden an die 40.000 Menschen Opfer anti-griechischer Übergriffe. Am 11. Oktober 1922 wurde dann die Waffenstillstandsvereinbarung von Mudanya unterzeichnet.

Der Türkische Befreiungskrieg hatte den Wunsch nach weiteren politischen Veränderungen geweckt und der Waffenstillstand von Mudanya die Verhandlung eines neuen Friedensvertrags zum Ende des Ersten Weltkriegs erwirkt: Als
Mehmed VI. beim Verlassen des Dolmabahçe-Palasts.Der letzte Sultan des Osmanischen Reiches geht ins Exil: Mehmed VI. beim Verlassen des Dolmabahçe-Palasts am 17. November 1922. (© Wikimedia)
die Ententemächte zu diesen Verhandlungen sowohl die Regierung in Istanbul als auch die Regierung in Ankara in das schweizerische Lausanne einlud, reagierte Ankara umgehend und nahm die erste radikale politische Veränderung vor: Die Große Nationalversammlung, also das Parlament in Ankara, erklärte am 1. November 1922 sämtliche seit 1920 von der Regierung in Istanbul unterzeichneten Verträge für ungültig und beschloss das Ende des Sultanats. Mehmet VI. verlor seinen Herrschertitel "Sultan" und wurde außer Landes verwiesen. Kalif, also religiöses Oberhaupt, wurde sein Cousin Abdülmecid II.
Gruppenbild der Teilnehmer der Konferenz von Lausanne, an der das Friedensabkommen zwischen den Alliierten und der Türkei ausgehandelt wurde, 24 Juni 1923. Ganz vorne, von links nach rechts: Lord George Curzon, britischer Aussenminister, Benito Mussolini, italienischer Ministerpraesident und Raymond Poincare, franzoesischer Ministerpraesident.Gruppenbild der Teilnehmer der Konferenz von Lausanne am 24. Juni 1923. Vorne, von links nach rechts: Der britischer Außenminister George Curzon, der italienische Ministerpräsident Benito Mussolini und Raymond Poincare, der französische Ministerpräsident. (© picture-alliance)
Das politische System wurde fortan als ein vom Parlament dominiertes Kalifat definiert.

Die darauf folgenden Friedensgespräche führten am 24. Juli 1923 schließlich zur Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne. Der Vertrag ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Erstens beendete er aus türkischer Sicht endgültig den Ersten Weltkrieg. Und zweitens wurde der neue Staat durch den Vertragstext auf internationaler Ebene politisch festgeschrieben und legitimiert. Die Grenzen des neuen Reiches und seine Legitimität würden fortan nicht mehr diskutiert werden.

Republikgründung



Das Ende des vierjährigen Befreiungskrieges (Kurtuluş Savaş) und die Ausrufung der Türkischen Republik am 29. Oktober 1923 forcierten die Trennung vom alten Regime und stärkten die Position Mustafa Kemals, der ihr erster Präsident wurde.

Gleichzeitig befand sich das Land in einer eigenartigen Übergangssituation. Das Sultanat war abgeschafft, aber das Kalifat war geblieben. Das politische System dieser Tage ließe sich als eine hybride "Kalifats-Republik" beschreiben. Dieses Szenario dauerte etwa fünf Monate an. Am 3. März 1924 endete es mit der Abschaffung des Kalifats und der Ausweisung des osmanischen Herrscherhauses.

Ausschaltung der Opposition



Während Mustafa Kemal zu Beginn noch als Primus inter pares galt, übernahm er im Laufe der Zeit die klare Führungsposition: zunächst als Parlamentspräsident und Oberkommandierender, ab 1923 dann als Staatspräsident. Zudem wurde der Sieg im Türkischen Befreiungskrieg in der Öffentlichkeit vor allem seiner Person zugeschrieben. Bereits 1924 gründeten Kampfgefährten Mustafa Kemals, die ihm und seiner Machtfülle zunehmend kritisch gegenüberstanden, mit der Republikanischen Fortschrittspartei (Terakkiperver Cumhuriyet Fırkası) die erste Oppositionspartei. Der 1925 ausbrechende Kurdenaufstand beendete dieses Kapitel jedoch früh, da die Regierung ihn zum Anlass nahm, die Partei wie auch oppositionelle Zeitungen zu verbieten. Prominente Parteimitglieder wurden zudem im Folgejahr wegen angeblichen Verbindungen zum "Izmirattentat" auf Mustafa Kemal vor ein "Unabhängigkeitsgericht" gestellt und hingerichtet oder zu Haftstrafen verurteilt.

Die Kemalistische "Kulturrevolution"



Die Ausschaltung der politischen Opposition, wie auch das Verbot der religiösen Bruderschaften (tarikat) und Konvente (tekke) im Jahr 1925 sowie die Einführung des Zivilgesetzbuches nach Vorbild des Schweizer Gesetzes 1926 und die Umstellung der Schrift auf das lateinische Alphabet 1928 sollten den gesellschaftlichen Wandel der Türkei vorantreiben. Ebenso die Hutreform im Jahr 1925, die türkischen Männern das Tragen der traditionellen osmanischen Kopfbedeckung – des Fes – verbot und westliche Hüte als Kopfbedeckung vorschrieb, die Einführung des gregorianischen Kalenders 1926, die Abschaffung des Islam als Staatsreligion 1928 und die Abschaffung des Religionsunterrichts in Schulen im Folgejahr zählen zu den Reformen der kemalistischen Kulturrevolution, mit der Kemal Atatürk die Westorientierung der Türkei per Gesetz festschrieb.

Im Zuge dieses Prozesses etablierte sich die 1923 gegründete Republikanische Volkspartei (CHP), die Partei Mustafa Kemals. Sie ging aus der 1919 formierten "Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Rumelien und Anatolien" hervor. Organisationen und Vereine, die sich zu gesellschaftlichen und beruflichen Zwecken gegründet hatten und durch ihre Größe das Potenzial politischer Opposition erlangten, wurden hingegen seit Anfang der 1930er-Jahre geschlossen. Dazu gehörten Lehrervereine, die nationalistischen Zirkel der Türk Ocakları, Freimaurerlogen und Frauenvereine.

Neue Identität



Durch die Auflösung erst der politischen, dann auch der gesellschaftlichen Oppositionsformen sollte die Konstruktion einer neuen "nationalen türkischen Identität" vorangetrieben werden. Dabei spielten Theorien zur türkischen Geschichte und Sprache eine ebenso zentrale Rolle wie die Umstellung der arabischen Schrift und des Alphabets sowie der traditionellen Kleidung: Die Verbindung zur osmanischen Vergangenheit sollte endgültig gekappt und eine neue nationale, türkische Identität und der moderne Staatsbürger geschaffen werden.


Geschichte und Sprache als Grundlagen nationaler Identität

Geschichte ist die Grundlage jeder Identität. Bei der Konstruktion und Definition des "Türken" und "Türkentums" hatte sie daher auch eine ganz zentrale Bedeutung: In diesem Zusammenhang entstand beispielsweise die Theorie, die türkischen Volksstämme hätten Zentralasien wegen Trockenheit verlassen und seien in verschiedene Regionen der Erde, besonders aber eben nach Anatolien ausgewandert. An alle diese Orte - also in die ganze Welt - hätten sie die Zivilisation getragen. Eine zweite Stoßrichtung der Geschichtstheorie ging gegen die Existenz einer separaten kurdischen Identität: Bei der Auswanderung aus Zentralasien habe es demnach einige vom Weg abgekommene türkische Volksstämme gegeben, die in die Berge versprengt wurden und ihre Sprache vergessen hätten. Es wurde die Vorstellung in die Welt gesetzt, man habe diese "Bergtürken" "Kürt" genannt, weil ihre Schritte im Schnee der verschneiten Berglandschaften das Geräusch "kürt, kürt" hervorriefen.

Das zentrale Element der sprachlichen Identität war die ab 1935 propagierte "Sonnen-Sprachtheorie", der zufolge Ursprung aller Sprachen das Türkische sei. Auch in dieser Zeit entstand der Gedanke, dass die türkische Sprache von allen, aus anderen Sprachen übernommenen Wörtern befreit werden müsse. Sowohl die Geschichtstheorien als auch die These vom Türkischen als Mutter aller Sprachen sollten dem Türkentum zu einer homogenen Identität und jenem Stolz verhelfen, der allen Nationalismen eigen ist.

Auch die Ende der 1920er-Jahre ausgerufene Kampagne "Bürger, sprich Türkisch!" gehört in diese Reihe. Der Aufruf wandte sich nicht nur gegen alle Nicht-Muslime im Land, er war als Homogenisierungsmaßnahme auch gegen muslimische Adygäer, Albaner, Kurden und Bosnier gerichtet, die anderen ethnischen Wurzeln entstammten und weiterhin ihre Muttersprachen sprachen.


Bei diesem Versuch hatte man jedoch einem autoritären Regime den Vorzug gegenüber einer Demokratie nach heutigem Verständnis gegeben: Gleichzeitig war durch das Parteienverbot 1925 die Republikanische Volkspartei (CHP) nicht nur als einzige politische Organisation verblieben sondern auch vollständig mit dem Staat verflochten. Sämtliche beruflichen und gesellschaftlichen Organisationen waren ebenfalls an die CHP angeschlossen. Und schließlich war eine einzige allgemeingültige Definition des Türk(isch)en geschaffen worden.

Diese Entwicklung führte mit dazu, dass sich Ende der 1920er-Jahre ein überzogener türkischer Nationalismus in der Gesellschaft breit machte - sowohl in den freien Berufen als auch in den Handels-, Industrie- und Rechtsanwaltskammern und im öffentlichen Sektor. Vor diesem Hintergrund ereignete sich im Jahr 1934 auch das antisemitische Pogrom von Thrakien (Trakya olayları). Mit dem Tod Atatürks am 10. November 1938 endete die Zeit der radikalen Veränderungen.

Übersetzung: Georg Danckwerts



Fußnoten

1.
Die Idee des Osmanismus befürwortete das gleichberechtigte Zusammenleben aller Staatsbürger im Osmanischen Reich ungeachtet der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit.
2.
"Paşa" (Pascha) war im Osmanischen Reich ein Titel für hohe Militärs und Beamte.
3.
Weite Teile Ostanatoliens sollten z.B. Armenien zugeschlagen werden, weite Teile Südostanatoliens den Kurden, die dort die Möglichkeit erhalten sollten, einen eigenen Staat zu gründen. Das Gebiet um Izmir herum sollte zu Griechenland gehören.
4.
Die Schlacht von Gallipoli oder auch "Kampf um die Dardanellen" in den Jahren 1915 und 1916 bezeichnet eine der verlustreichsten Schlachten im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges. Die Schlacht endete mit der Niederlage der Alliierten, die von den Osmanen unter Führung General Mustafa Kemals abgewehrt wurden.
5.
Ismet Paşa, der als General die Schlachten bei Inönü gewonnen hatte, erhielt im Zuge der Namensreform in der Türkei 1934 den Nachnamen "Inönü". Er wurde der erste Ministerpräsident und später Staatspräsident der Türkei.
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Autor: Dr. Mehmet Ö. Alkan für bpb.de
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