Silhouette einer Moschee.

Die moderne türkische Literatur

... oder der türkische Roman im Spiegel der Geschichte


3.11.2014
Die moderne türkische Literatur reicht zurück ins 19. Jahrhundert. Sie ist von ihren Anfängen an geprägt durch eine an westlichen Vorbildern angelehnte, dabei jedoch ursprünglich eigene Form. Über die Zeit war türkische Literatur immer wieder explizit politisch oder wurde selbst zum Politikum. Bisweilen erzählt sie eine andere Geschichte der Türkei, als die der etablierten Geschichtsschreibung. Besonders die moderne türkische Literatur wird heute weltweit übersetzt und gelesen.

"Sahaflar Çarşısı" – Der alte Bücherbasar im Istanbuler Stadtteil Beyazıt"Sahaflar Çarşısı" – Der alte Bücherbasar im Istanbuler Stadtteil Beyazıt. (© picture-alliance)

Literaturproduktion in der Türkei war – und ist zu einem gewissen Teil bis heute – politisch. Der türkische Roman blickt dabei auf eine komplexe, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts beginnende Geschichte zurück. Seine Genese ist in der Türkei – bzw. damals noch dem Osmanischen Reich – eine andere als in Europa, wo sich der Roman bereits im 17. Jahrhundert entwickelte. Im Osmanischen Reich war der Roman als Genre hingegen ein "Importprodukt" im Rahmen der staatlichen Reformen zur Europäisierung. Er traf auf die klassische Erzählliteratur, die von einigen der ersten Romanschriftsteller im direkten Vergleich zunächst als rückständig angesehen wurde[1]. Die ersten Romane waren noch eng angelehnt an die im 19. Jahrhundert vermehrt erfolgenden Übersetzungen des europäischen, insbesondere des französischen Romans und dienten zunächst vornehmlich als Vehikel für didaktische Botschaften im Sinne einer an Europa orientierten Modernisierung der Gesellschaft. Das Genre fand gleichwohl in kurzer Zeit zu einer genuin-eigenen Form – mit Blick auf Stilistik und Inhalt gleichermaßen. So gilt das inzwischen auch ins Deutsche übersetzte Werk "Aşk-ı Memnu" (Verbotene Lieben, 1900) des Schriftstellers Halit Ziya Uşaklıgil heute ebenso als Meilenstein der türkischen Literatur, wie die Werke Ahmet Hamdi Tapınars der 1940er- und 1950er-, die Romane Oğuz Atays der 1970er-Jahre oder das bisherige Werk des türkischen Literatur-Nobelpreisträgers (2007) Orhan Pamuk.

Moderne türkische Literatur entwickelte sich in der multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft des damaligen Osmanischen Reiches. Sie wurde in verschiedenen Sprachen und Schriften verfasst. Der Roman "Akabi Hikayesi" (Die Geschichte von Akabi) von Hovsep Vartanian (auch als Vartan Paşa[2] bekannt), einem nicht-muslimischen Osmanen aus dem Jahr 1851 etwa wurde in armenischer Schrift und in türkischer Sprache verfasst. Er kann als erster türkischer Roman gelten[3], auch wenn das in vielen klassischen Literaturgeschichten diesen Platz einnehmende Werk "Taaşşuk-ı Talat ve Fitnat" (Die Liebesgeschichte zwischen Talat und Fitnat, 1872) von Şemsettin Sami – in osmanischer Schrift publiziert – ein deutlich größeres Publikum erreichte.

Diese Form der Multikulturalität, die sich wenige Jahrzehnte später in den kunstvollen, kurz vor der Jahrhundertwende entstandenen Romanen der Literaturströmung "Edebiyat-ı Cedide" ("Neue Literatur", 1896-1901) von Autoren wie Uşaklıgil spiegelt, findet sich auch in der türkischen Literatur der Gegenwart wieder. Zeitgenössische Autorinnen wie Elif Şafak und Aslı Erdoğan stehen für eine ebenso kosmopolitische, um eine globale Dimension erweiterte Literatur, die sich jenseits nationaler Grenzen bewegt. So spannt sich zwischen der Literatur um 1900 und 2000 ein hundertjähriger Bogen.

Mit der Gründung der Türkischen Republik als Nationalstaat im Jahr 1923 wurde der ehemals kosmopolitische und multiethnische Charakter des Reiches, insbesondere der alten Hauptstadt Istanbul, wie er in Uşaklıgils Roman noch zu Tage tritt, zu einem Politikum. Während die Erinnerung an die nahe osmanische Vergangenheit in Ahmet Hamdi Tanpınars Klassiker "Huzur" (Seelenfrieden, 1949) noch einen festen Bestandteil des Alltags darstellt, müssen zeitgenössische Autoren eine sehr viel breitere Lücke im kollektiven Gedächtnis überbrücken, in dem die osmanische Vergangenheit über Jahrzehnte kaum Raum einnahm.

Zur Herausbildung eines Kanons und Rolle der türkischen Literatur



Auch wenn die Geschichte des türkischen Romans zurück ins 19. Jahrhundert reicht, bildete sich, wie die Komparatistin Jale Parla bemerkt, ein literarischer Kanon – eine Richtschnur oder eine Art allgemeiner Konsens über die wichtigsten Werke der türkischen Literatur – erst in den 1980er-Jahren heraus. Diese Entwicklung ging mit umfassenden literaturwissenschaftlichen Analysen einher, beginnend mit dem bis heute einflussreichen Band "Türk romanına eleştirel bir bakış" (Der türkische Roman, 1984) des türkischen Anglisten Berna Moran[4]. Es bedurfte also zum einen Wissenschaftler wie Moran, die mit türkischer und westlicher Literatur(-theorie) gleichermaßen vertraut waren und zum anderen eines gesellschaftspolitisch offenen Klimas, bevor es im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts möglich war, von einem Kanon zu sprechen, auf den sich die Literaturwissenschaft überwiegend verständigen konnte.

Als einen wesentlichen Grund für dieses Phänomen der späten Kanonbildung nennt Parla die Brüche, die sich aus der Transformation vom Osmanischen Reich zum Nationalstaat Türkei ergaben. Traditionell wurde der türkische Roman zunächst vor allem als Mittel zur Verbreitung sozialer Reformen, zum Transport neuen Gedankenguts für eine Gesellschaft im Umbruch betrachtet. Dieser Trend setzte sich in der frühen kemalistischen Zeit fort, begleitete, stützte und forderte die Atatürk’sche Kulturrevolution (1922-38) heraus. Mehr noch als die Reform des Alphabets 1928, also der Übergang von arabischer zu lateinischer Schrift, prägte die Sprachreform der 1930er-Jahre die Literatur und steht für einen tiefen Bruch mit der Vergangenheit. Das Ersetzen der vielen für das Osmanische charakteristischen persischen und arabischen Lehnworte durch neu geschaffene, als genuin türkisch angesehene Begriffe, trug maßgeblich dazu bei, dass mit der neuen Schrift und Sprache eine andere Ära anbrach: Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurde die theoretisch noch greifbare osmanische Vergangenheit bis in die 1980er-Jahre geradezu ausgeblendet[5]. Die vor der Republikgründung auf Osmanisch geschriebenen Texte wurden für die nachfolgenden Generationen unlesbar. Die Übertragungen in das neue Türkisch gingen häufig auf Kosten der sprachlichen Authentizität, insbesondere dann, wenn nicht die Autoren selbst, wie das etwa bei Uşaklıgil der Fall war, die Werke in die neue Sprache und neue Zeit transferierten. Der Gebrauch der Sprache wurde so ebenfalls zum Politikum: Ein "gereinigtes", progressives Türkisch stand einer "alten" Sprache gegenüber, die mit der als rückwärtsgewandt verstandenen Vergangenheit assoziiert wurde, von der man sich bewusst distanzieren wollte. Insbesondere Autoren der Gegenwart haben das alte Osmanisch jedoch im großen Stil wiederentdeckt, in Erinnerung und zum
Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül und Bundespräsident Horst Köhler auf der Frankfurter BuchmesseDer damalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül und der damalige Bundespräsident Horst Köhler auf der Frankfurter Buchmesse 2008 im Pavillon des Gastlandes Türkei. (© picture-alliance/dpa)
Einsatz gebracht.

Mit vielen Übersetzungen international anerkannter Autoren ist die türkische Literatur längst ein Teil der Weltliteratur. In Deutschland hat etwa die Buchmesse 2008 – mit Türkei als Gastland – einen neuen Impuls zur breiteren Übersetzung türkischer Literatur gesetzt. Ebenso förderlich war etwa die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Yaşar Kemal (1997) und Orhan Pamuk (2005) sowie die Publikation der "Türkischen Bibliothek", in der die wichtigsten Werke der modernen türkischen Literatur der deutschen Leserschaft zugänglich wurden.
Innerhalb der Türkei ist die Bedeutung der Literatur hoch. Es gibt eine beeindruckende Vielzahl an Literaturzeitschriften und wöchentlicher Literaturbeilagen großer Tageszeitungen. Dass Literatur zunehmend auch für die offizielle Seite an Relevanz gewinnt, zeigt das 2005 ins Leben gerufene TEDA-Projekt des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus,
Orhan PamukOrhan Pamuk auf der Pressekonferenz anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2005. (© picture-alliance)
das literarische Übersetzungen ins Türkische und aus dem Türkischen fördert. Der vom genannten Ministerium gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, der Robert Bosch Stiftung und der S. Fischer Stiftung seit 2010 vergebene deutsch-türkische "Übersetzerpreis Tarabya" spiegelt diese Tendenz.

Zentrale Strömungen moderner türkischer Literatur

[6]

Die Periode des "Modernen Osmanismus" (1876-1908) umfasst zwei unterschiedliche Strömungen: Zum einen die "Tanzimat-Literatur" (1860-96), die ihren Namen aus der als Tanzimat (1839-1876) bezeichneten Zeit der Neuerungen und Reformen bezieht, die den Abstand zu Europa verringern sollten[7]: Werke dieser Zeit dienten ganz überwiegend als Vehikel, um den neuen Zeitgeist und die von Intellektuellen[8] als notwendig betrachtete Modernisierung nicht nur des Staatswesens, sondern der Gesellschaft im Ganzen, einer möglichst großen Schicht von Lesern nahe zu bringen.

Zum anderen fällt die avantgardistische "Neue Literatur" in diese Zeit: Lag in der traditionellen osmanisch-islamischen Literatur ein Schwergewicht auf der Rhetorik, so trat nun der Inhalt verstärkt in den Vordergrund. Viele Romane der ersten Stunde – und dann auch wieder der republikanischen Zeit (also ab 1923) – waren bestrebt, einen didaktischen Auftrag zu erfüllen. Dieser bestand darin, den nicht zuletzt zum Erhalt des Reiches als notwendig erkannten Modernisierungsprozess – oder später dann den neuen Nationalgedanken – unters Volk zu bringen. So stand zunächst auch eine Vereinfachung der Sprache im Vordergrund. Dieser Entwicklung entzogen sich die Autoren der "Neuen Literatur" der 1890er-Jahre jedoch bereits wieder und erschufen stattdessen eine gleichsam neue, kunstvolle Sprache, indem sie den Reichtum des osmanischen Vokabulars voll ausschöpften und mit neuen Wortkreationen und eigener Stilistik dem türkischen Roman einen frühen Höhepunkt bescherten.

In den 1860er- und 1870er-Jahren suchten die Jungosmanen – eine von einer Handvoll Intellektueller gegründete Organisation, die bald ins europäische Exil ging – nach einem Optimum zwischen jenem Grad an Verwestlichung, der akzeptabel und nützlich war, und jenem Grad an Tradition, der zugleich notwendig erschien, um die Basis des osmanischen Staates zu erhalten und in die Zukunft zu heben. Namık Kemal (1840-1888), eines der Gründungsmitglieder, gehörte – zusammen mit Ahmet Mithat (1844-1912) – zu den bedeutendsten türkischen Literaten seiner Zeit. Ein – auch in sprachlicher Hinsicht – Meisterwerk dieser Periode und des Spiels mit übersteigerter Form der Verwestlichung ist "Araba Sevdası" (Eine Liebe für Kutschen, 1896). Sein Autor, Recaizade Mahmut Ekrem, gehörte neben Uşaklıgil, Mehmet Rauf und Nabizade Nazım zu den wichtigen Vertretern der "Neuen Literatur" – auch "Servet-i Fünun" genannt nach der gleichnamigen Zeitschrift, welche mit ihrem neuen Herausgeber ab 1896, dem Dichter Tevfik Fikret, ein einflussreiches Sprachrohr für die damaligen Autoren wurde.

Eine gerade in den letzten Jahren wieder ins Bewusstsein gerückte Autorin, deren Werke seit den 1990er-Jahren vermehrt ins heutige Türkisch übertragen wurden, ist Fatma Aliye (1862-1936), eine große Verehrerin Ahmet Mithats, der die Erzählungen Fatma Aliyes, seiner "Tochter im Geiste", seinerseits schätze.
Fatma Aliye Topuz (1862-1936)Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich die Autorin Fatma Aliye (1862-1936) literarisch mit der Rolle der Frau in der osmanischen Gesellschaft. (© Wikimedia)
Ihr Werk Nisvan-i Islam (Muslimische Frauen, 1892) wurde ins Arabische und ins Französische übersetzt[9]; in ihrem Briefroman Levayih-i Hayat (Szenen aus dem Leben, 1898; 2002 ins Türkische übertragen) stehen die Themen Ehe (aus Liebe vs. arrangiert), Bildung und Unabhängigkeit der Frau im Vordergrund.

Die Phase des Osmanischen Türkismus (1909-21) umfasste mit der jungtürkischen Revolution 1908 die Zeit der Zweiten Verfassung und eines Jahrzehnts der Kriege: beginnend mit den Balkankriegen 1912, über den Ersten Weltkrieg mit dessen Ende das Osmanische Reich in Trümmern lag, bis hin zum "Türkischen Unabhängigkeitskrieg" (1919-1923,). Wichtige Autoren dieser Zeit mit ideologisch aufgeladenen Werken sind Ziya Gökalp, Reşat Nuri Güntekin, Halide Edip Adıvar und Ömer Seyfettin. Die beiden letztgenannten Autoren sind in die türkische Literaturgeschichte auch als die führenden Autoren der Milli Edebiyatı (Nationale Literatur, 1911-23) eingegangen, in der angesichts der einbrechenden Kriege eine muslimisch-türkische Identität kreiert wurde.

Mit Gründung der Republik Türkei 1923 setzte die Zeit des Türkistischen Sozialen Nationalismus: Nationale Allegorien (1922-49) ein. Aus der Sicht des Staates, aber auch aus der Perspektive vieler zeitgenössischer Intellektueller sollte der Blick zugunsten der neuen, progressiven, nach westlichem Vorbild errichteten Türkei nach vorne gerichtet sein. Möglich war dies nur durch die bewusste Trennung von der schmerzhaften Vergangenheit; dem Niedergang des Osmanischen Reiches. Mit der Republikgründung etablierte sich ein neuer, kemalistisch ausgerichteter Gesellschaftstyp, der im Zentrum der Literatur stand. Seine Geschichte lässt sich in vielen Romanen dieser Zeit als Gleichnis auf die Nation im Ganzen lesen.
Zu den bekanntesten und interessantesten Werken dieser Periode zählt der bereits kurz nach seinem Erscheinen ins Deutsche übertragende Roman "Yaban" (Der Fremdling, 1932) von Yakup Kadri Karaosmanoğlu, der zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges spielt. Das Buch handelt von der Problematik der offenkundigen Unvereinbarkeit einer über Jahrhunderte von der Obrigkeit vernachlässigten, ums Überleben kämpfenden und religiösen Riten anhängenden anatolischen Landbevölkerung einerseits und einer die neue Nation gestalten wollenden, streng säkular ausgerichteten kemalistischen Elite andererseits. Dass der Roman bis heute gelesen und diskutiert wird, liegt an seiner Vielschichtigkeit, die er trotz seiner Mission, dem Leser den Gedanken der neuen Nation nahezubringen, zweifelsohne besitzt.


Es folgte der Anatolische Soziale Realismus der 1950er- bis 1970er-Jahre, welcher die Hinwendung zur anatolischen Lebenswelt beinhaltete. In diese Zeit fallen große Autorennamen wie Nazım Hikmet mit seinem bereits in den 1940er-Jahren verfassten, posthum erschienenen Werk "Memleketimden İnsan Manzaraları" (Menschenlandschaften 1966-67), Kemal Tahir sowie viele der Werke Yaşar Kemals, der nicht nur den Topos, sondern auch die Sprache Anatoliens in die Literatur transferierte und in die Welt trug.

Die zeitlich folgende "Zwischenputschliteratur" fällt in die Periode zwischen den beiden Militärputsche vom 12. März 1971 und dem 12. September 1980. Erdağ Göknar betitelt diese Phase treffend als Existentialismus und Feminismus: Marginalisierte Stimmen. Einer der wichtigsten, sich jeglicher Kategorisierung entziehenden Schriftsteller dieser Zeit ist Oğuz Atay. Sein metafiktional erzählter, experimenteller Roman "Tutunamayanlar" (Die Haltlosen, 1971) sprengte alle mit der Republikgründung auferlegten sprachlichen Grenzen und nahm großen Einfluss auf nachfolgende Schriftstellergenerationen. Diese Zeit steht bereits für eine Überwindung vorheriger Tabus und den verstärkten Einbezug feministischer Themen. Besonders spannend ist der Roman Ölmeye Yatmak (Sich hinlegen und sterben, 1973) der Autorin Adalet Ağoğlu. Sie thematisiert die persönliche Emanzipation einer Professorin, die sich eines Mittags in ein Hotel in Ankara zurückzieht, um zu sterben bzw. ihr Leben zu reflektieren. Außerdem wird anhand von Erinnerungen der Protagonistin an ihre Grundschulzeit die Sozialisierung der ersten republikanischen Generation in den 1930er-Jahren in die erzählerische Gegenwart gehoben. Einer Generation, die hin und her gerissen ist zwischen der nach vorne gerichteten, hoch dominanten und dabei neue Möglichkeiten schaffenden Lehre Atatürks und ihrem teils traditionellen Zuhause in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft. Yusuf Atılgan, Leyla Erbil und Sevgi Soysal sind weitere wichtige Autoren für diese Zeit.

Der Militärputsch von 1980 ist als Zäsur in die türkische Literaturwissenschaft eingegangen. Der gewaltsame Putsch, der sich gegen "linke und rechte politische Extremisten" gleichermaßen richtete, gilt bis heute als einer der tiefsten Einschnitte in der türkischen Geschichte[10]. Die Linke traf er besonders hart, da er ihren bis dahin starken Einfluss auf Universitäten und Presse unterband. Im Zuge der wirtschaftlichen Reformen unter Ministerpräsident Turgut Özal (1983-1989) begann sich Ende der 1980er-Jahre das politische Klima zu liberalisieren. Globale Trends, Übersetzungen – etwa der Werke von Borges, Marquez, Eco, Calvino – und neue Verlage veränderten das Kulturleben. Der von Murat Belge gegründete Verlag İletişim etwa, in dem viel von der westlichen und lateinamerikanischen Literatur erschienen ist, die zeitgenössische türkische Autoren im besonderen Maße beeinflusst hat, feierte 2013 seinen 30. Geburtstag.

Diese Faktoren trugen dazu bei, dass sich in der Literatur stilistisch-experimentelle, neue und thematisch vielfältige Formen durchsetzten. Bereiche, die lange Zeit als Gefährdung des kemalistischen Nationalgedankens wahrgenommen wurden, z.B. Minderheiten aller Art, wurden ebenso verstärkt thematisiert wie das weite Feld lang verdrängten osmanischen Erbes und – vielleicht am wichtigsten – ein freierer Umgang mit der Sprache.

Zentrale Autoren der Periode des Post-Kemalismus und Neo-Osmanismus: Metafiktionen (1981-99) sind Orhan Pamuk und Latife Tekin. Ihre Werke waren in Form und Inhalt neu und herausfordernd genug, um eine bahnbrechende Wende in der modernen türkischen Literatur zu bewirken. Auch Hasan Ali Toptaş verdient Erwähnung: Sein Roman "Gölgesizler" (Die Schattenlosen, 1995) wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hymnisch als "poetisches Meisterwerk" gepriesen, als "Weltliteratur, die gleichwohl ihre Herkunft nicht zu verleugnen braucht" und den magischen Realismus neu erfunden habe. Murathan Mungan gehört zu den bekanntesten Schriftstellern in der Türkei. In einigen seiner komplexen, teils vergangene Mythen aufgreifenden und in die Gegenwart tragenden Werke ist das arabisch-kurdische Erbe seiner eigenen Familie eingeflossen. Ein Erbe, zu dem er sich so bewusst bekennt, wie zu seinen politischen Ansichten und zu seiner Homosexualität. Wie auch die Lyrikerin Gülten Akın ist Mungan Träger des seit 2008 jährlich vom Can Verlag vergebenen Erdal Öz-Literaturpreises.

Der Autor Hakan Günday bei einer Lesung im Rahmen des Literaturfestivals lit.Cologne in KölnHakan Günday während einer Lesung auf der lit.Cologne im März 2014. (© picture-alliance)
Für die jüngste Autorengeneration wählt Göknar den Begriff Transnationalismus und Überschreitung: Schreiben jenseits der Nation (ab 2000). Die Überschrift ist hier Programm: Hervorgehoben sei hier exemplarisch – neben den einleitend erwähnten Autorinnen – Murat Uyurkulaks Roman "Tol" (kurd. Rache; auf Deutsch erschienen unter dem Titel "Zorn", 2002), in dem auf poetische, tabulose und teils ins Phantastische gleitende Weise die multikulturelle Geschichte der Türkei neu erzählt und von der türkischen Literaturkritik gefeiert wurde. Zusammen mit den neuesten Namen der türkischen Literatur wie dem 1976 geborenen Kultautor Hakan Günday steht er dafür, was in der zeitgenössischen Literatur alles möglich ist im Spannungsfeld zwischen Lokalem und Globalem, türkischer und Weltliteratur, Vergangenheit und Gegenwart, oder: wie es der Zukunft gelungen ist, die Herkunft zurückzuerobern.

Literatur



  • Adak, Hülya. "Gendering biography: Ahmet Mithat (on Fatma Aliye) or the canonization of an Ottoman male writer". Querelles, Band 10, Göttingen 2005, 189-204.
  • Damrosch, David. How to Read World Literature. Singapore 2009.
  • Dufft, Catharina. Orhan Pamuks Istanbul. Wiesbaden 2008.
  • Göknar, Erdağ. "The novel in Turkish: narrative tradition to Nobel prize". Turkey in the Modern World. Reşat Kasaba ed. Cambridge History of Turkey, Vol. 4. Cambridge 2008, 472-503.
  • Moran, Berna, Türk Romanına Eleştirel Bir Bakış 1. Ahmet Mithat’tan Ahmet Hamdi Tanpınar’a (Ein kritischer Blick auf den türkischen Roman 1. Von Ahmet Mithat bis Ahmet Hamdi Tanpınar), Istanbul 1998 [1983].
  • Moran, Berna, Türk Romanına Eletşirel Bir Bakış 2. Sabahattin Ali’den Yusuf Atılgan’a (Ein kritischer Blick auf den türkischen Roman 2. Von Sabahattin Ali bis Yusuf Atılgan), Istanbul 1997 [1990].
  • Moran, Berna, Türk Romanına Eleştirel Bir Bakş 3. Sevgi Soysal’dan Bilge Karasu’ya (Ein kritischer Blick auf den türkischen Roman 3. Von Sevgi Soysal bis Bilge Karasu), Istanbul 2001 [1994].
  • Moran, Berna. Der türkische Roman. Eine Literaturgeschichte in Essays – Band 1. Übers. Béatrice Hendrich, Wiesbaden 2012.
  • Kramer, Heinz/ Reinkowski, Maurus. Die Türkei und Europa. Eine wechselhafte Beziehungsgeschichte, Stuttgart 2008.
  • Pamuk, Orhan. "Wie meine türkische Bibliothek entstanden ist". Übers. Gerhard Meier. Zeit Literatur, No 42/ 2008, 8-11.
  • Parla, Jale, Türk Romanında Yazar ve Başkalaşım (Autor und Metamorphose im türkischen Roman), Istanbul 2011.
  • Parla, Jale. "The Wounded Tongue: Turkey’s Language Reform and the Canonicity of the Novel". PMLA, Vol. 123, 01/ 2008, 27-40.
  • Sagaster, Börte, "Die türkische Literatur". Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, No 3/ 2011, 1-38.
  • Seyhan, Azade, Tales of Crossed Destinies. The Modern Turkish Novel in a Comparative Context, New York 2008.
  • Strauss, Johann, "Who Read What in the Ottoman Empire (19th–20th centuries)?" Arabic Middle Eastern Literatures, Vol. 6, No. 1, 2003, 39-76.
  • Weidner, Stefan. "Unser Franz heißt Hasan. Türkisches Wunder: Die Romanpoesie von Hasan Ali Toptas". Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2006, Nr. 278, S. 38.


Fußnoten

1.
Berna Moran, Der türkische Roman, S. 1.
2.
"Paşa" (Pascha) war im Osmanischen Reich ein Titel für hohe Militärs und Beamte.
3.
Johann Strauss, Who Read What in the Ottoman Empire?, S. 40.
4.
Das insgesamt dreibändige, bis heute einflussreiche Werk erschien in den Jahren 1983-1994.
5.
Jale Parla, The Wounded Tongue: Turkey’s Language Reform and the Canonicity of the Novel, S. 28.
6.
Der folgende Abschnitt folgt in freier Anlehnung der Periodisierung – und damit verbunden der Begrifflichkeit – Erdağ Göknars.
7.
Kramer; Reinkowski, Die Türkei und Europa. Eine wechselhafte Beziehungsgeschichte, S. 87.
8.
Die Doppelrolle des Schriftstellers und Intellektuellen, der den gesamtgesellschaftlichen Diskurs anstößt, ist bis heute im türkischen Kontext eine typische.
9.
Hülya Adak, Gendering biography: Ahmet Mithat (on Fatma Aliye) or the canonization of an Ottoman male writer, S. 192.
10.
Jale Parla, The Wounded Tongue: Turkey’s Language Reform and the Canonicity of the Novel, S. 34.
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Autor: Dr. Catharina Dufft für bpb.de
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