Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

28.11.2013 | Von:
Gerhard Simon

Analyse: 80 Jahre Holodomor – die Große Hungersnot in der Ukraine

Ereignis und Erinnerung

Der Holodomor, die Große Hungersnot 1932/33, ist zu einem wichtigen Aspekt der nationalen Erinnerung in der neuen Ukraine geworden. Mit dem Gedenken an die Opfer, die in sowjetischer Zeit tabu gewesen sind, distanziert sich das Land von der stalinistischen Gewaltherrschaft und nähert sich dem Westen an.

2325408 Ukraine, Kiev. 11/23/2013 A woman at a ceremony of mourning on Holodomor Remembrance Day on the grounds of the Memorial National Museum in Kiev. Alexei Furman/RIA NovostiAm 23.11.2013 wurde dem Holodomor gedacht. Im Nationalmuseum in Kiev steht eine Tafel in gedenken an die Opfer der Hungersnot. (© picture-alliance/dpa)

Hunger in der Sowjetunion

In den Jahren 1932/33 ereignete sich in der Sowjetunion eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Sechs bis sieben Millionen Menschen wurden Opfer einer Hungersnot, über die damals nur wenig nach außen drang. Und auch heute ist sie außerhalb der Ukraine kaum im öffentlichen Bewusstsein vorhanden. Die Hungersnot war die Folge der Zerstörung der Landwirtschaft und des Dorfes durch die erzwungene Kollektivierung. Sie war zugleich die Bestrafung der bäuerlichen Bevölkerung für den Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft. Sie war ein Schlag gegen den ukrainischen Nationalismus. Sie sollte ein für allemal die bolschewistische Macht in den Dörfern etablieren, die bislang nur oberflächlich revolutioniert worden waren. Die Hungersnot war nicht zwangsläufig. Sie war nicht die Folge von Missernten oder Wetterkatastrophen. Sie wurde von der Stalinführung sehenden Auges in Kauf genommen und verschärft. Hilfsmaßnahmen für die hungernden Menschen auf den Dörfern wurden nicht nur nicht ergriffen, sie wurden verhindert und verboten. Statt die bäuerliche Bevölkerung mit einem Minimum an Nahrungsmitteln zu versorgen, wurden im Hungerwinter 1933 1,7 Millionen Tonnen Getreide exportiert. Das sollte gegenüber dem Ausland der Beweis dafür sein, dass es in der Sowjetunion keinen Hunger gab und dass die Gerüchte darüber nichts als antisowjetische Propaganda wären. Gehungert wurde 1932/33 in vielen Regionen der Sowjetunion. Aber nicht überall starben die Menschen hungers und nirgendwo in der Sowjetunion waren so viele Todesopfer zu beklagen wie in der Ukraine. Von den insgesamt sechs bis sieben Millionen Todesopfern starben 3 bis 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine, etwa 1,7 Millionen in Kasachstan, weitere Hunderttausende im Nordkaukasus, an der Wolga und in Westsibirien. Während in der Ukraine und in der Russischen Föderation hauptsächlich die ländliche Bevölkerung in den Getreideanbaugebieten verhungerte, hatte das Hungersterben in Kasachstan andere Gründe. Die Enteignung und zwangsweise Ansiedlung der Nomaden in den Steppen Kasachstans brachte hier zuerst dem Vieh und dann den Menschen den Tod.

Ukraine: Vom Hunger zum Holodomor

Gehungert wurde in allen Getreideanbaugebieten, aber in der Ukraine war die Brutalität der Requirierungen und dadurch die Zahl der Opfer größer als anderswo. Dafür waren zwei Faktoren verantwortlich, die miteinander im Zusammenhang stehen. Erstens kam Stalin spätestens im Sommer 1932 zu der Überzeugung, dass es in der Ukraine einen nationalistisch motivierten Widerstand gegen die Getreiderequirierungen gäbe, der unbedingt gebrochen werden müsste, weil sonst die Gefahr bestünde, dass "wir die Ukraine verlieren können", wie Stalin an Kaganowitsch in einem Brief am 11. August 1932 schrieb. Die Kommunistische Partei der Ukraine sei voller "verrotteter Elemente" und voller "bewusster und unbewusster Anhänger von Petljura", dem ukrainischen nationalen Führer aus der Bürgerkriegszeit, die nur darauf warteten, sich mit Polen unter Piłsudski zu verbünden und gegen Moskau loszuschlagen. Ukrainischer Nationalismus war nach Stalins Einschätzung schuld an dem unzureichenden Getreideaufkommen und am Widerstand örtlicher und zentraler ukrainischer Behörden gegen den Ablieferungsplan für die Ernte 1932. Zweitens wurden daher in der Ukraine – und nur in der Ukraine – 1932/33 Maßnahmen ergriffen, die den Tatbestand des Genozids erfüllen, d. h. der gezielten Vernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Hunger, in diesem Fall der ganz überwiegend ukrainischen Bauernschaft. Es handelte sich insbesondere um drei Maßnahmen: Als im November 1932 offensichtlich wurde, dass das Plansoll für Getreide unerfüllbar war, reagierte die Stalinführung statt mit Hilfsmaßnahmen mit bislang ungekannten Repressalien. Gegen Kolchosen, die mit der Getreideablieferung im Rückstand waren, wurden durch einen Beschluss des ZK der KP(b)U vom 18. November sogenannte Naturalienstrafen verhängt. Die Kolchosen mussten zusätzlich Fleisch in Höhe des 15fachen Satzes der Monatsnorm abliefern. In der Praxis führten die Naturalienstrafen dazu, dass die Requirierungskommandos häufig sämtliche Nahrungsmittel in den Dörfern einschließlich Rüben, Zwiebeln und getrockneter Pilze konfiszierten. Sie lieferten damit die Bauern dem sicheren Hungertod aus. Etwa 90 % der Kolchosen mussten mit Naturalienstrafen rechnen; nur etwa 10 % hatten ihr Getreideablieferungssoll erfüllt. Außerdem beschloss das ukrainische ZK die Einführung sogenannter Schwarzer Listen. Für die Dörfer auf den Schwarzen Listen bedeutete dies die vollständige Einstellung des gesamten Handels in den staatlichen und kooperativen Läden. Alle vorhandenen Waren wurden aus den Läden fortgeschafft. Über die Dörfer wurde also eine vollständige Blockade wie im Krieg verhängt. Schließlich, um alle Wege auf der Suche zum Überleben abzuschneiden, erging am 22. Januar 1933 mit der Unterschrift von Stalin und Molotow eine geheime Direktive an alle Partei- und Staatsorgane, die die Ukraine und den Nordkaukasus voneinander und von der übrigen Sowjetunion abriegeln ließ. Hunderttausende von hungrigen Dorfbewohnern auf Hamsterfahrt wurden verhaftet und in ihre Dörfer zurückgeschickt, manche wurden zu Lagerhaft verurteilt. Der Verkauf von Eisenbahnfahrkarten in der Ukraine wurde zeitweise eingestellt. Der Hunger war zum Terror und zur Vernichtung durch Hunger, zum Holodomor, geworden.

Das Tabu

Der letzte Akt des Verbrechens war das Verschweigen. Der Holodomor wurde zum Tabu, zum Nichtgeschehen. Es hatte keine Hungersnot gegeben. Niemand sprach darüber, niemand schrieb darüber. Kein Friedhof, keine Erinnerung, kein öffentliches Wort – ein halbes Jahrhundert lang. Sogar in geheimen Dokumenten der politischen Führung wurde der Hunger seit 1934 nicht mehr erwähnt. Die Stalinführung und ihre Nachfolger unterstellten, was nicht benannt wird, was keinen Namen hat, das hat es auch nicht gegeben. Und so ist es auch: Geschichte, Vergangenheit, das ist das, was man wahrnimmt. Wenn man etwas aber nicht wahrnimmt, dann gibt es das auch nicht. Allerdings ist ein halbes Jahrhundert nicht lang genug, um jede persönliche, private Erinnerung zu tilgen. Der Graben, der die Generationen trennt, ist noch nicht so tief, dass er nicht mehr überbrückt werden kann durch die Erzählungen der Überlebenden, der Zeugen, vielleicht nur halblaut weitergegeben an die Kinder, aus Angst vor dem Tabu. In vielen Familien und unter Freunden blieb jedenfalls das Wissen um das Grauen der Jahre 1932/33 erhalten.


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