Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

27.3.2014 | Von:
Maciej Bartkowski

Analyse: Die Maidan-Revolution in der Ukraine - Gewaltloser Widerstand in gewaltgeladener Situation

Der massive Gewalteinsatz des Regimes in seinen letzten Tagen war kein Zeichen der Stärke. Er zeigte seine grundlegende Schwächung und war ein verzweifelter Versuch, den eigenen Niedergang abzuwenden. Denn Janukowytschs Sturz gingen drei Monate der Mobilisierung des Volkes und ziviler Widerstandsaktionen voraus, die den schwächsten Punkt in der Abwehr des Regimes angriff – dessen schwindende Fähigkeit, den freiwilligen oder erzwungenen Gehorsam der Bevölkerung sicherzustellen.

Anatoli Pavljuk cooks borsch soup for the activists guarding barricades at the Independence Square Maidan in Kiev, Ukraine on February 25, 2014. Borsch soup is a typical Ukrainian beetroot soup. LEHTIKUVA / Vesa Moilanen *** FINLAND OUT. NO THIRD PARTY SALES. **Anatoli Pavljuk kocht Borsch für die Aktivisten des Maidan in Kiew. (© picture-alliance/dpa)

Gewaltlose Organisierung der Maidan-Revolution

Die Ukrainer engagierten sich vom Beginn der Kiewer Proteste in der zweiten Novemberhälfte an bis zum 21. Februar, dem Tag, an dem Janukowytsch aus der Hauptstadt floh, ununterbrochen – in einem beeindruckenden Aufgebot gewaltloser Aktionen, die das Regime wohl stärker als sämtliche von den Radikalen angewendete Gewalt getroffen und in die Knie gezwungen haben. Der Maidan in Kiew bestand aus mehreren Tausend regulären Campern und aus Zig- und Hunderttausenden von weiteren Personen, die sich ihnen während der größeren Demonstrationen an den Wochenenden anschlossen. Der Maidan war nicht nur eine physische Besetzung städtischen Raums, sondern auch ein tiefgehendes psychologisches Phänomen, das Gefühle der Menschen umfasste – Liebe fürs Land, Wut aufs Regime, Scham über die Art und Weise, wie die Regierung ihre Bürger behandelte, Hoffnung, dass sich das organisierte Volk letztlich durchsetzen würde. So betrachtet ging es beim Maidan um die Befreiung gefangener Gedanken und Gefühle – in geistigem wie praktischem Sinne. In den drei Monaten des Widerstands gegen das Janukowytsch-Regime schufen die Ukrainer eine wahrhaftig abwägende und selbstorganisierte Polis. Über hundert Wissenschaftler nahmen an dem auf dem Maidan errichteten Wissenschaftscamp teil. Die Offene Maidan-Universität hielt während der Besetzung Hunderte von Vorlesungen und Diskussionsforen ab, um die Menschen zu informieren und zu bilden. Bildung hatte auf dem Maidan die Organisierung von Widerstand zum Gegenstand, aber auch das Reden in der Öffentlichkeit, die Organisierung von Dienstleistungen, die Verbesserung sozialer und komunikativer Fähigkeiten und den wirksamen Einsatz Sozialer Medien. Schnell wurde ein Netzwerk zur Unterbringung aufgebaut, um Aktivisten von außerhalb Kiews bei der Suche nach einer Unterkunft zu helfen. Dafür stellten Kiewer Bürger Hunderte von Schlafplätzen in ihren Privatwohnungen zur Verfügung. Rechtsanwälte riefen die Initiative Euromaidan SOS ins Leben, die festgenommenen Aktivisten rechtliche und finanzielle Unterstützung zukommen ließ. Viele Menschen kamen und boten Geld, Lebensmittel, Kleidung, Decken und Zelte an. Suppenküchen, die von Hunderten von Freiwilligen effektiv organisiert wurden, waren dafür verantwortlich, jeden Tag Essen für Tausende von Maidan-Campern zuzubereiten und auszugeben. Unter dem Schutz der nationalen Krankenhausinitiative wurden medizinische Einrichtungen aufgebaut, die Medizinstudenten und Ärzte betrieben. Einige waren mit Geräten ausgestattet, um die sie sogar die lokalen Krankenhäuser beneiden konnten.

Die Musik des Widerstands war auf dem Maidan laut zu hören. Eines der Lieder, "Vitya Ciao" ("Ciao, Wiktor", eine deutliche Anspielung auf Wiktor Janukowytsch), wurde Anfang Dezember auf Youtube gepostet, wo es ein reges Eigenleben entwickelte und bald fast eine Million Mal angeguckt worden war. Der Geist des singenden Maidans war ansteckend. In der Kiewer U-Bahn hielten die Menschen zu Hunderten an, um die Nationalhymne zu singen, die auch auf dem Maidan immer wieder zu hören war. Ein anderes Video, "Ich bin Ukrainerin", brachte es auf über 7,5 Millionen Klicks: Es zeigt eine junge Frau, Julia Maruschewska, die auf dem Maidan steht und sehr emotional über Widerstand, Repression und die Ausdauer der Aufständischen spricht, während im Hintergrund der Lärm der Proteste zu hören ist. Der Maidan war nicht nur der Platz des Widerstands der Gesunden und körperlich Fitten. Unter den Freiwilligen an der Essensausgabe waren auch blinde Aktivisten und Protestierende mit Behinderungen trugen Schilder mit der Aufschrift "Erschießt Ihr uns auch?" durch die Straßen – eine Referenz auf die Polizeigewalt, die im Januar zum Tod von Aktivisten geführt hatte. Bilder von ihnen wurden weltweit geteilt. Außerdem wurde die Maidan-Revolution von einem großen Netzwerk alternativer Medien unterstützt, darunter unabhängige Onlinemedien wie Hromadske TV, UA Stream TV und Espreso TV, auf den Maidan bezogene Facebookseiten wie Euromaidan, Hromadski Sector Maidanu und Automaidan sowie zahlreiche Freiwillige, die Broschüren und Flugblätter mit unzensierten Informationen über die Maidan-Revolution, Repressionen und Forderungen der Bevölkerung in Städten im Osten der Ukraine verteilten. Zu einem frühen Zeitpunkt des Widerstands riefen die Ukrainer einen Boykott von Produkten und Firmen ins Leben, die dem regimetreuen Oligarchen oder Abgeordneten der Partei der Regionen gehörten oder die für enge Verbindungen zu ihnen bekannt waren. Die Organisatoren des Boykotts machten dafür über 200 Unternehmen aus der gesamten Ukraine aus. Die Boykottziele deckten eine große Bandbreite ab – von Finanzinstituten wie Banken über Restaurants, Hotels, Einkaufszentren, Autohäuser, Online- und Printmedien und alkoholische Getränke bis hin zu Molkereiunternehmen. Es wurde berichtet, dass die Preise einiger Produkte aufgrund eines Überangebots fielen. Von einigen Firmen wurde bekannt, dass sie ihre Produkte umpackten, um Kunden zurückzugewinnen – in Verpackungen ohne Firmenkennzeichnung. Der Verkaufsmenge einiger der boykottierten Produkte fiel in der Hauptstadt auf weniger als die Hälfte. Die wichtigste Facebook-Boykottgruppe hat fast 60.000 Mitglieder, die Facebookseite der Boykottgruppe einer einzelnen Stadt – Lwiw – fast 4.500. Mit der Radikalisierung des Widerstands verlegten sich die Protestierenden zunehmend auf Aktionen, die stärker den Charakter von Störmaßnahmen trugen, dabei aber immer noch gewaltlos blieben: Sie brachten Regierungsgebäude in Kiew und anderen Regionen faktisch unter ihre Kontrolle und besetzten sie.

Diese Taktik erwies sich als sehr hinderlich für die Behörden. Ohne erheblichen personellen Aufwand, der für Janukowytsch generell schwierig war, konnten die nun gut verbarrikadierten Gebäude nicht wieder eingenommen werden. Gleichzeitig war die Besetzung der zentralen Regierungsgebäude durch die Aktivisten ein starkes Signal an die Öffentlichkeit, dass die Regierung die Lage nicht unter Kontrolle hatte. Die Aufständischen benutzten die besetzten Gebäude – besonders in Kiew – zur Unterstützung der größeren Besetzung des zentralen Platzes. Sie hielten dort medizinische Versorgung bereit und richteten Zentralen zur Essensverteilung sowie Aufwärmplätze für die kalten Wintertage ein. Außerdem entstanden dort Koordinations- und Kommunikationszentralen. Als an den entscheidenden letzten Tagen des 20. und 21. Februar Sondereinsatzkräfte der Polizei Maidan-Aktivisten bekämpften, besetzten Aktivisten Schienen und blockierten so einen Zug mit 500 Sicherheitskräften, die aus Dnipropetrowsk kamen und auf dem Weg nach Kiew waren. Sie wurden zum Aussteigen und zur Rückkehr in ihre Kasernen gezwungen und erreichten ihr ursprüngliches Ziel nicht. In anderen Städten und Orten entlang der größten Straße der Ukraine zwischen Odessa und Kiew wurden Blockaden errichtet und Busse mit von der Regierung bezahlten Schlägern (titushki) gestoppt, die so zu Hunderten am Erreichen der Hauptstadt gehindert wurden. Einige Kiewer Taxifahrer waren dafür bekannt, unvermutet auftauchenden Schlägergruppen, die von außerhalb Kiews kamen, um Chaos zu verbreiten, Fahrten anzubieten, mittels derer sie diese dann direkt ins Zentrum des Maidans brachten und dem Widerstand der Bürger übergaben. Stadtteilbewohner gründeten Nachbarschaftswachen, um Schlägertrupps zu kontrollieren und außer Gefecht zu setzen. Allein in Kiew gab es elf Nachbarschaftswachen, die Facebookseiten zur Koordination einrichteten. Ihre Größe variierte von einigen Dutzend bis zu Hunderten und Tausenden Mitgliedern. Sie übertrafen die Anzahl der Schläger und zwangen diese, die Stadt zu verlassen. Der Automaidan oder die ukrainische Auto-Bewegung, die auf ihrem Höhepunkt aus über tausend Autos bestand, erfüllte während des Widerstands wichtige Kommunikations-, Schutz- und Deeskalierungsfunktionen. Oft war der Automaidan Auge und Ohr des Maidan, indem er Bewegungen der Sicherheitskräfte und der als titushki bekannten von der Regierung beauftragten Schläger beobachtete. Etliche Male blockierte er Eingänge zu Geländen der Sicherheitskräfte und verhinderte so deren Einsatz. Er leitete die Blockade der nahe bei Kiew gelegenen Präsidentenresidenz in Meschigorje, die Janukowytsch stark erschütterte. Er schützte die Krankenhäuser, in denen die verwundeten Aktivisten behandelt wurden, gegen Polizei und Schläger. Außerdem brachten die Autoaktivisten Feuerholz, Essen, Wasser und Medizin auf den Maidan. Am Ende patrouillierte der Automaidan durch die Hauptstadt und andere ukrainische Städte, um zu verhindern, dass marodierende titushki Verwüstungen anrichteten. Die Patrouillen trieben Schläger in die Enge und brachten sie auf den Maidan, wo sie öffentlich angeklagt und umerzogen und letztlich gegen das Versprechen freigelassen wurden, nach Hause zurückzukehren – was die meisten von ihnen auch taten. Die Störtaktiken des Automaidan waren so effektiv, dass das Regime hart gegen ihn vorging. Mitglieder des Automaidan wurden von der Polizei regulär angehalten, worauf viele ihre Führerscheine verloren, während ihre Autos ausgebrannt, mutwillig beschädigt oder konfisziert wurden. Der Anführer des Automaidan wurde entführt und von Unbekannten schwer misshandelt. Die Stärke des Maidan kam ursprünglich nur durch ein paar Hundert gewaltbereite Jugendlichen zustande, die darauf aus waren, Steine und Molotowcocktails zu schmeißen und improvisierte Waffen einzusetzen. Sie verbreiterte sich dann durch die tägliche Arbeit der Aktivisten und der normalen Bürger, die das Funktionieren des Maidan 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche aufrechterhielten – 92 Tage lang ohne Unterbrechung, während der gesamten Zeit des Widerstands.


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