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Kommentar: Sprachenpolitik in der Ukraine | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Sprachenpolitik in der Ukraine

Gerhard Simon Köln Von Gerhard Simon

/ 5 Minuten zu lesen

Seit jeher ist die Ukraine ein zweisprachiges Land. Russisch war lange Zeit vorherrschend, doch dies wandelte sich seit der Unabhängigkeit zugunsten des Ukrainischen. Welches Konfliktpotential steckt in der Sprachenpolitik?

Herausgeber der Länderanalysen

Erstellt werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

An ukrainischen Schulen wird überwiegend in der Landessprache unterrichtet. (© picture alliance/TASS/dpa)

Dieser Text erschien zuerst auf Externer Link: "Ukraine verstehen". Die Website ist Teil des Ukraineprogramms des Externer Link: Zentrum Liberale Moderne und bietet Berichte, Analysen und Kommentare über die Entwicklungen im Land. Das Projekt wird gefördert von der International Renaissance Foundation.
Wir danken dem Zentrum Liberale Moderne und Prof. Dr. Gerhard Simon für die Erlaubnis zum Nachdruck.

Die Redaktion der Ukraine-Analysen

Einleitung

Die Ukraine ist ein zweisprachiges Land und steht damit in Europa keineswegs allein. Allerdings hat das zumeist entspannte, manchmal aber auch konfliktgeladene Nebeneinander der ukrainischen und russischen Sprache seine Besonderheiten, die in dieser Form nirgendwo in Europa eine Parallele finden. Bekanntlich ist die Ukraine ein Nachzügler auf der europäischen Bühne. Jahrhundertelang ohne eigene Staatlichkeit, haben die Ukrainer ihre Identität wesentlich im Medium der ukrainischen Sprache bewahrt. Es war deshalb folgerichtig, dass die neue Ukraine nach 1991 in ihrer Verfassung die ukrainische Sprache zur alleinigen Staatssprache erklärte. Allerdings bedeutete dies keineswegs die Ausschaltung des Russischen, ja man kann sagen, die Erklärung des Ukrainischen zur Staatssprache war vor einem Vierteljahrhundert eher ein Wechsel auf die Zukunft als eine lebensweltliche Realität.

Die Wirklichkeit ist vielmehr durch eine weitverbreitete Zweisprachigkeit von Millionen Ukrainern bestimmt, die in Europa ihresgleichen sucht. Allerdings ist diese Zweisprachigkeit im Land höchst unterschiedlich verteilt: Im Westen des Landes ist die erste dieser zwei Sprachen das Ukrainische und im Osten das Russische, wobei es keine scharf markierte Grenze gibt. Die in der geographischen Mitte gelegene Hauptstadt Kiew ist in gewissem Sinn das Herz dieser Zweisprachigkeit: Man spricht (noch) überwiegend wie der Osten, orientiert sich aber politisch wie der Westen. Auf dem Euro-Majdan in Kiew 2013/14 wurde hauptsächlich Russisch gesprochen, aber das Ziel war die Westintegration der Ukraine.

Zwei grundsätzliche Momente sind zu bedenken: Erstens, die weit verbreitete Bilingualität vermindert das Konfliktpotential, und zweitens, die ukrainische Sprache drängt seit der Unabhängigkeit in vielen Bereichen nach vorn. Die Ukraine wird dennoch ein zweisprachiges Land bleiben.

Der historische Hintergrund

Wie ist die Zweisprachigkeit entstanden? Sie ist in vieler Hinsicht der historischen Entwicklung geschuldet. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war die ukrainische Sprache im Zarenreich im öffentlichen Raum verboten. Es gab vor 1905 keine einzige Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache und keine Kirchengemeinde, in der Ukrainisch gepredigt wurde. Der Druck ukrainischer Bücher war verboten. Der russische Imperialismus behauptete (und behauptet dies bis heute), die Ukrainer seien kein eigenständiges Volk, sondern ein Teil der großrussischen Nation. Das alles galt nicht für die westlichen, bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörenden Territorien der Ukraine, wo die muttersprachliche Kultur und Wissenschaft im Gegenteil einen großen Aufschwung nahmen.

Die Entfaltung der ukrainischen Nationsbildung im Zarenreich wurde zusätzlich durch die Industrialisierung gebremst, die im Osten der Ukraine ihren Schwerpunkt hatte. Im Zuge der Industrialisierung wanderten Hunderttausende Russen und Russischsprachige in die neuen Industriezentren ein. Der ersten Industrialisierungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte eine zweite in sowjetischer Zeit. Bis heute sind deshalb die Städte insbesondere im Osten und Süden der Ukraine russisch geprägt, das Umland aber spricht ukrainisch. Die Ukrainer waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Wesentlichen eine bäuerliche Bevölkerung.

Die sowjetische Sprachen- und Nationalitätenpolitik forcierte – nach einer kurzen pro-ukrainischen Phase in den 1920er Jahren – die russische Sprache und Kultur und reduzierte das Ukrainische in der Tendenz auf die Funktion einer dörflichen Umgangssprache. Deshalb war die Ukraine am Ende der Sowjetzeit in hohem Maß sprachlich russifiziert. In vielen Bereichen wie den Hochschulen, in den Medien oder der Wirtschaft dominierte das Russische. Es gab – außer im Westen des Landes – Millionen von Ukrainern, für die das Russische zur Erstsprache geworden war.

Der aktuelle Hintergrund

Vieles hat sich seit der Unabhängigkeit geändert. Das Prestige des Ukrainischen hat deutlich zugenommen. In vielen Bereichen, wie in der Politik auf der gesamtstaatlichen Ebene, in der Belletristik oder im Hochschulwesen dominiert heute das Ukrainische. In anderen Bereichen, wie in den Printmedien oder der Unterhaltungsindustrie, ist nach wie vor das Russische vorherrschend.

92 % der Bürger bezeichnen sich laut einer neuen Umfrage des Rasumkow-Zentrums als Ukrainer, 6 % als Russen (s. Grafik 1). Das ist eine deutliche Verschiebung seit der letzten sowjetischen Volkszählung von 1989, als sich 72 % als Ukrainer und 22 % als Russen deklarierten. Die stark russisch geprägten, jetzt besetzten Territorien des östlichen Donbas und der Krim werden allerdings in den Umfragen seit 2014 nicht mehr erfasst. Das Sprachverhalten hat mit der nationalen (Neu)Identifizierung nicht Schritt gehalten. 68 % der Ukrainer geben jetzt Ukrainisch als ihre Muttersprache an, 14 % das Russische (s. Grafik 2). Nach der gleichen Umfrage erklären 55 %, zu Hause überwiegend Ukrainisch zu sprechen, 23 % überwiegend Russisch (s. Grafik 4). Diese Zahlen zeigen: Viele Ukrainer, insbesondere im Osten und Süden des Landes sprechen Russisch, identifizieren sich aber als Ukrainer. Eine Diskriminierung der russischen Sprache ist eine Erfindung der russischen Propaganda.

Der ins vierte Jahr gehende Krieg hat aber auch an der Sprachenfront Spuren hinterlassen: Die Politik fördert jetzt in bestimmten Bereichen aktiv die ukrainische Sprache. Das wird von der Mehrheit der Menschen unterstützt. Manche russischen sozialen Netzwerke wurden in der Ukraine abgeschaltet, weil sie von russischen Sicherheitsdiensten genutzt wurden, auch um kriegsrelevante Daten abzufischen. Ebenso wurden manche russischsprachige Bücher sowie Radio- und Fernsehsendungen wegen antiukrainischer Propaganda verboten. Der Import russischer Bücher ist seit 2017 generell erschwert. Dadurch soll nicht zuletzt die ukrainische Buchproduktion stimuliert werden, die bislang im Schatten russischer Bücher stand, die wegen hoher Auflagen billiger angeboten werden. Schließlich verabschiedete das Parlament 2017 ein Gesetz, das die elektronischen Massenmedien, die landesweit senden, verpflichtet, 75 % der Zeit in ukrainischer Sprache auszustrahlen. Für die regionalen Radio- und Fernsehstationen gilt eine Quote von 50 %.

Ein wichtiges Medium der Ukrainisierung ist seit vielen Jahren das Schul- und Vorschulwesen. Heute besuchen fast 90 % der Schüler Schulen mit ukrainischer Unterrichtssprache. Dieser Anteil ist höher als der Anteil der Ukrainer an der Bevölkerung, entspricht aber in etwa dem Anteil der Bürger, die sich als Ukrainer identifizieren (siehe oben), sich also der ukrainischen politischen Nation zurechnen. 9 % der Schüler lernen an Schulen mit russischer Unterrichtssprache; zudem haben 25 % der Schüler Russisch als obligatorisches Unterrichtsfach (Interner Link: Ukraine-Analysen 189).

Das neue Bildungsgesetz vom September 2017 hat zu einem internationalen Streit über Schulsprachen geführt. Das Gesetz sieht eine Intensivierung des Ukrainischunterrichts in den Minderheitenschulen des Landes vor. Dagegen hat insbesondere die ungarische Regierung lautstarken Protest auf internationaler Bühne bis in die Nato hinein erhoben. Der Vorwurf lautet: Das neue Gesetz führe zur Schließung der ungarnsprachigen Minderheitenschulen in Transkarpatien. Hier leben 150.000 Ungarn, die 12 % der Bevölkerung Transkarpatiens ausmachen. Die ukrainische Regierung weist die Vorwürfe zurück und betont, am Fortbestand der ungarnsprachigen wie auch der Bildungseinrichtungen der anderen Minderheiten werde nicht gerüttelt. Allerdings werde man den Ukrainischunterricht an allen Minderheitenschulen intensivieren, weil die Schulabsolventen derzeit erhebliche Mängel im Ukrainischen aufwiesen und deshalb auf dem Arbeitsmarkt und in den Hochschulen nicht konkurrenzfähig seien. Dieser Streit zeigt, wie rasch die Sprachenfrage sich politisch instrumentalisieren lässt. Hier lauert stets Konfliktpotential. Darüber darf aber nicht in Vergessenheit geraten, dass die allgegenwärtige ukrainisch-russische Zweisprachigkeit im Alltag in aller Regel erstaunlich reibungslos funktioniert.

Fussnoten

Prof. Dr. Gerhard Simon ist Historiker. Er war Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und lehrte an den Universitäten Köln und Bonn.