Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Indien


12.11.2015
In Indien schwelen seit Jahrzehnten mehrere ethno-politische und religiöse Konflikte. Die wichtigsten sind der maoistische "Volksbefreiungskrieg" der Naxaliten, die Autonomie- und Sezessionsbestrebungen im abgelegenen Nordosten des Landes sowie die Rivalität zwischen den religiösen Gemeinschaften, besonders zwischen Hindus und Muslimen.

Graffiti der Communist Party of India in Kolkata, Indien.Graffiti der Communist Party of India (CPI) in Kolkata, Indien. (© picture-alliance/AP)

Aktuelle Situation



Die ländlichen Gebiete im Osten haben sich zum Schauplatz für den schwersten innerstaatlichen Konflikt in Indien entwickelt. Dort führen als Naxaliten bezeichnete maoistische Rebellen einen "Volksbefreiungskrieg" gegen den indischen Staat. Die Naxaliten, die überwiegend in der landesweit verbotenen Communist Party of India (CPI-Maoist) zusammengeschlossenen sind, kontrollieren kleine Teile des indischen Territoriums und verüben regelmäßig Anschläge auf Sicherheitskräfte, politische Gegner und die öffentliche Infrastruktur. Die Maoisten behaupten, im Namen der von Armut, Ausgrenzung und Diskriminierung betroffenen Teile der indischen Bevölkerung zu kämpfen.

Nach einer zunehmenden Militarisierung und räumlichen Ausdehnung des Konflikts zwischen 2005 und 2009 hat die indische Zentralregierung im Frühjahr 2009 einen nationalen sicherheits- und entwicklungspolitischen Aktionsplan zur Eindämmung der Gewalt beschlossen. Hierdurch konnten die Naxaliten vielerorts zurückgedrängt und durch die Verhaftung, Tötung oder Kapitulation führender Kader erheblich geschwächt werden. Trotz des Rückgangs des Gewaltniveaus seit 2012 ist ein Ende des Konflikts nicht in Sicht. Die Rebellen verüben auch weiterhin Anschläge auf Sicherheitskräfte. Im Mai 2013 griffen sie einen Konvoi der regierenden Kongress-Partei im indischen Bundesstaat Chhattisgarh an, wobei 27 Kongress-Politiker ums Leben kamen.

Der zweite Konfliktherd befindet sich in den nordöstlichen Bundesstaaten Assam, Manipur und Nagaland. In der unwirtlichen und rückständigen Region leben über 200 unterschiedliche Stammesgruppen. Seit der Unabhängigkeit schwelen Konflikte sowohl zwischen der Zentralregierung und militanten Unabhängigkeits-/Sezessions-Bewegungen als auch zwischen den unterschiedlichen Ethnien und Stämmen. Die gewaltsamen Konflikte drehen sich hauptsächlich um Entwicklungschancen, kulturelle Identität, Autonomie und Sezession.

In den letzten Jahren konnte die Regierung durch Friedensverhandlungen und gezielte para-militärische Operationen einen Rückgang der Gewalt erreichen. Beigetragen hat hierzu auch die bessere Kooperation mit Nachbarstaaten wie Bangladesch und Myanmar, die als Rückzugsorte für die Aufständischen dienen. Seit dem Frühjahr 2015 ist jedoch wieder ein leichter Anstieg der Gewalt zu beobachten. Hierfür ist vornehmlich eine neue Allianz aus unterschiedlichen aufständischen Gruppen unter dem Namen United National Liberation Front of South East Asia (UNLFW) verantwortlich. Im Juni 2015 hat sie einen Konvoi der indischen Armee in Manipur angegriffen und 18 Soldaten getötet.

Ein dritter großer innerstaatlicher Konflikt wird zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften ausgetragen. Indien zählt weltweit zu den zehn am stärksten vom islamistischen Fundamentalismus betroffenen Staaten. In den letzten zehn Jahren wurden über 6.000 Menschen Opfer islamistischer Gewalt. Den Schwerpunkt bildet dabei der von Indien kontrollierte Teil Kaschmirs. Aber auch im Rest des Landes verübten Islamisten zahlreiche Terroranschläge. In Mumbai, das wiederholt Ziel von Anschlägen wurde, explodierten im Juli 2011 zeitgleich drei Bomben, durch die 26 Menschen starben und 130 verletzt wurden.

In den letzten beiden Jahrzehnten ist ebenfalls ein Anstieg hindu-nationalistischer Gewalt zu beobachten. Die Übergriffe richteten sich vor allem gegen die muslimische und die christliche Minderheit. Laut politischen Beobachtern hat sich dieser Trend seit der Amtsübernahme der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) unter Premierminister Narendra Modi im Mai 2014 weiter verschärft.

Ursachen und Hintergründe



Die Naxaliten streben die gewaltsame Errichtung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung an. Ihre maoistische Guerillastrategie zielt auf die Kontrolle über die ländliche Bevölkerung und die Zerstörung der zentralen Institutionen des Staates. Der Konflikt hat eine starke sozio-ökonomische Komponente und ist eng verknüpft mit der Parallelität von Modernisierungsprozessen und dem Fortbestehen patriarchal-feudaler Strukturen, welche sich vor allem in der ungleichen Verteilung von Ackerland widerspiegeln.

Die Probleme bestehen bereits seit der britischen Kolonialherrschaft und sind bis heute kaum gelöst. Noch immer hat ein Großteil der Bewohner in den betroffenen Gebieten, die zu den ärmsten und rückständigsten Indiens zählen, kein Landnutzungsrecht und damit keinen direkten Zugang zur Haupteinnahmequelle. Gleichzeitig bedrohen Modernisierungsprozesse die traditionelle Lebensweise der Stammes- und Landbevölkerung. Durch den Abbau von Rohstoffen, die Ansiedelung von Industrien und die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen sind diese Bevölkerungsgruppen vielerorts gezwungen, ihre Siedlungsgebiete zu verlassen. Im Widerstand gegen die soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Ausgrenzung haben die Naxaliten viele Unterstützer unter den Unterkastigen (Dalits), verarmten Bauern und indischen Ureinwohnern (Adivasi).

Im Nordosten Indiens sind die vielfältigen Land- und Verteilungskonflikte vor allem ethno-politischer Natur. Die Hauptursachen, die bereits auf die britische Kolonialzeit zurückgehen, liegen zum einen in der wirtschaftlichen Abhängigkeit, Rückständigkeit und politischen Marginalisierung der Region und zum anderen in den Auseinandersetzungen zwischen den kulturell und ethnisch sehr unterschiedlichen Stammes- und Bevölkerungsgruppen. Die Nordostregion unterscheidet sich auch kulturell und ethnisch erheblich vom restlichen Indien, mit dem sie nur durch den 23 km schmalen Shiliguri-Korridor verbunden ist.

Während der Kolonialherrschaft wurde die Region nicht vollständig in den Staats- und Verwaltungsapparat Britisch-Indiens integriert und damit von Entwicklungs- und Modernisierungsprozessen weitestgehend ausgeschlossen. Sie diente primär als Pufferzone gegen mögliche Invasionen sowie als wichtige Rohstoffquelle. Da die britische Kolonialmacht vielerorts nicht auf traditionelle Autoritäten und Verwaltungsstrukturen zurückgreifen konnte, übernahmen Beamte und Experten aus Bengalen, dem damaligen Herrschaftszentrum Britisch-Indiens, zentrale Positionen in der lokalen Kolonialadministration und Wirtschaft.

Bis heute fühlt sich die lokale Bevölkerung um ihre wirtschaftliche und politische Macht betrogen. Auch bei der Schaffung der indischen Bundesstaaten wurden die Interessen der lokalen Bevölkerung sowie die Siedlungsgebiete der unterschiedlichen Stämme und Ethnien nur unzureichend berücksichtigt. Die indische Regierung reagierte auf die Aufstände zunächst mit massiver Militärpräsenz. Vor diesem Hintergrund hat sich der Nordosten zum Nährboden für separatistische Bestrebungen und Konflikte entwickelt.

Auch die inter-religiösen Konflikte haben ihren Ursprung während des Unabhängigkeitskampfes, als sich die indische Muslimliga unter Führung von Mohammed Ali Jinnah für die Schaffung eines unabhängigen Staates der Muslime einsetzte. Grundlage für diese Forderung ist die sogenannte "Zwei-Nationen-Theorie", wonach Hindus und Muslime nicht friedlich und gleichberechtigt in einem von Hindus dominierten Staat zusammenleben können. Mit der gewaltsamen Teilung Britisch-Indiens und der Gründung Pakistans ist hieraus ein zwischenstaatlicher, militärischer Konflikt erwachsen, der sich vor allem um die Zugehörigkeit Kaschmirs dreht.

In Indien bleibt das zentrale Ziel islamistischer Fundamentalisten die Abspaltung Kaschmirs. Im Einklang mit der Dschihad-Ideologie sehen sich viele islamistische Gruppierungen zudem im Krieg gegen alle Ungläubigen und streben die gewaltsame Islamisierung des gesamten Subkontinents an. Befördert wird der Konflikt durch die anhaltende wirtschaftliche Benachteiligung und Diskriminierung vieler Muslime.

Die Radikalisierung der Islamisten erklärt sich nicht zuletzt aus dem machtpolitischen Aufstieg der Hindu-Nationalisten. Nach ihrer Auffassung bildet der Hinduismus das kulturelle und identitätsstiftende Fundament der indischen Nation. Religiöse Minderheiten wie Muslime und Christen, deren Religionen ihren Ursprung außerhalb des Indischen Subkontinents haben, stellen hiernach eine potenzielle Gefahr für die Nation dar. Von ihnen wird verlangt, sich der hinduistischen Kultur unterzuordnen. Der Hindu-Nationalismus hat sich als Gegenentwurf zum säkularen Nationalismus des indischen Staatsgründers Jawaharlal Nehru entwickelt.

Bearbeitungs- und Lösungsansätze



Während traditionell vor allem Truppenkontingente zur Niederschlagung der Aufstände in die Konfliktgebiete entsandt wurden, wird seit den 1980er Jahren meist eine zweigleisige Strategie verfolgt. Sie besteht in einem kombinierten Einsatz (para-)militärischer Einheiten und ziviler Mechanismen der Konfliktbearbeitung. So wurden mit zahlreichen militanten Gruppierungen Friedensverhandlungen begonnen. Durch die Schaffung neuer Bundesstaaten und die Gewährung größerer Autonomie konnten separatistische Bestrebungen abgeschwächt werden. Flankierend dazu sollen entwicklungspolitische Reformen und Rehabilitierungsmaßnahmen für ehemalige Kämpfer die Konflikte beruhigen und überwinden.

Trotz der Fortschritte in der Aufstandsbekämpfung und des Rückgangs der Gewalt bestehen erhebliche Defizite und Probleme fort:
  • mangelhafte Ausbildung und Ausstattung der paramilitärischen Einheiten,
  • unzureichende Koordination der Sicherheitskräfte,
  • willkürliche Erschießungen und Verhaftungen, die durch Sondergesetze für die betroffenen Regionen begünstigt werden,
  • sowie die Ineffektivität von Entwicklungsprogrammen.
Positiv hat sich hingegen die verbesserte Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten ausgewirkt, in denen viele militante Gruppen ihre Lager und Rückzugsgebiete haben. Eine neue Qualität in der indischen Aufstandsbekämpfung markiert die paramilitärische Operation im Juni 2015 in Myanmar, wo indische Spezialeinheiten zwei Lager der Naga-Rebellen zerstörten, nachdem diese einen Konvoi der indischen Armee in Manipur angegriffen hatten.

Geschichte des Konflikts



Nach dem friedlichen Unabhängigkeitskampf gegen die britische Kolonialherrschaft zeigte bereits die blutige Teilung Britisch-Indiens, die mit einer Massenflucht, schweren Gewaltausbrüchen und Pogromen einherging, wie schwierig es sein wird, die ethnisch, religiös, sprachlich und sozioökonomisch extrem heterogene Gesellschaft in einem Nationalstaat zusammenzuhalten.

In den 1950er Jahren starteten die Unabhängigkeitskämpfe in Nagaland, die sich in den folgenden Jahrzehnten auf den gesamten Nordosten Indiens ausbreiteten.

Der Naxaliten-Konflikt begann in den späten 1960er Jahren als bewaffneter, von indischen Kommunisten unterstützter Bauernaufstand in den Unionstaaten Andhra Pradesh und West-Bengalen. Die Bewegung hat sich nach dem Ort Naxalbari im Distrikt Darjeeling in Westbengalen benannt, wo 1967 ein Bauernaufstand von der Polizei niedergeschlagen wurde.

Zwar konnte die Naxaliten-Bewegung zwischen 1972 und 1977 von indischen Sicherheitskräften zerschlagen werden. Langfristig hat sich ihre Unterstützerbasis infolge des brutalen Vorgehens der Sicherheitskräfte jedoch vergrößert. Mit dem Zusammenschluss unterschiedlicher militanter Gruppen setzte 1998 dann erneut eine Intensivierung und Militarisierung des Konflikts ein.

Die inter-religiöse Gewalt setzte sich auch nach der Teilung zwischen Indien und Pakistan fort. Zu besonders schweren, pogromartigen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen kam es 2002 im Bundestaat Gujarat.

Literatur



Getzschmann, Lutz (2011): Indien und die Naxaliten: Agrarrevolution und kapitalistische Modernisierung, Köln: ISP-Verlag.

Goswami, Namrata (2015): Indian National Security and Counter-Insurgency: The Use of Force Vs. Non-Violent Response, London: Routledge.

Guha, Ramachandra (2008): India After Gandhi: The History of the World's Largest Democracy, New York: Harper.

Jaffrelot, Christophe (2011): Religion, Caste, and Politics in India, London: C. Hurst & Co.

Schoefield, Victoria (2010): Kashmir in Conflict: India, Pakistan and the Unending War, London: I.B. Tauris.

Upadhyay, Archana (2009): India’s Fragile Borderlands: The Dynamics of Terrorism in North East India, London: I.B. Tauris.

Links



South Asian Terrorism Portal: Hintergründe, Trends und Analysen zu den innerstaatlichen Konflikten in Südasien

Informationsportal zu Südasien

Institute of Peace and Conflict Studies


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Autor: Thorsten Wojczewski für bpb.de
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