Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

17.1.2012 | Von:
Lutz Schrader

Formen und Typen innerstaatlicher Konflikte

In den Medien ist u.a. von Ressourcen- und Modernisierungskonflikten, von ethno-politischen und religiösen Konflikten oder von Macht-, Territorial- und Identitätskonflikten die Rede. Solche Etiketten sind schnell verteilt. Doch gibt es Kriterien, nach denen die Vielfalt sozialer Konflikte geordnet werden kann?

Ein schwer bewaffneter Soldat patrouilliert in der Innenstadt Mumbais, Indien. Im November 2008 hatte es hier schwere Anschläge von Islamisten gegeben.Ein schwer bewaffneter Soldat patrouilliert in der Innenstadt Mumbais, Indien. Im November 2008 hatte es hier schwere Anschläge von Islamisten gegeben. (© AP)



Sinnvollerweise setzt der Versuch der Kategorisierung und Typenbildung bei den grundlegenden Elementen eines Konflikts an, wie sie im sog. Konfliktdreieck von Johan Galtung zusammengefasst sind: an der Verhalten- oder Akteursebene, an der Interessen- oder Sachebene sowie an der Wert- oder Beziehungsebene. Weil jeder Konflikt auch in eine spezifische sozio-strukturelle und sozio-kulturelle Umgebung eingebettet ist, kommen noch zwei weitere Ebenen hinzu: die sozialen Strukturen und die kulturellen Gegebenheiten. Je nachdem, welche dieser fünf Ebenen den Konflikt am meisten prägt, wird gemeinhin von einem Akteurskonflikt, einem Sachkonflikt, einem Beziehungskonflikt, einem Strukturkonflikt oder einem Kulturkonflikt gesprochen. Grundsätzlich ist aber jeder soziale und politische Konflikt eine Mischform dieser fünf Grundtypen, denen sich wiederum verschiedene Subtypen zuordnen lassen.

Akteure, Verhaltensmuster und Austragungsformen

In Abhängigkeit von den einen Konflikt prägenden Akteuren und ihren spezifischen Verhaltens- bzw. Kampfformen spricht man z.B. von Bürgerkrieg, von Guerillakrieg, Bürgerkriegsökonomie oder Terrorismus. Unter ersterem wird ein systematischer Krieg zwischen Aufständischen (Rebellen) und der Regierung oder zwischen organisierten politischen, ethnischen, religiösen Gruppierungen um die Kontrolle des Staates verstanden.

Ein Guerillakrieg ist dagegen eine lose Abfolge kleinerer Angriffe und Gefechte mehr oder weniger unabhängig operierender Einheiten, die den deutlich stärkeren Gegner zermürben sollen. In Bürgerkriegsökonomien dient die Kriegführung vorrangig der wirtschaftlichen Bereicherung. Für die sogenannten Gewaltunternehmer (Warlords) wird der Krieg zum gewinnorientierten Selbstzweck. Im Unterschied dazu bezeichnet Terrorismus keine militärische Strategie im engeren Sinne. Sie ist eher eine gewaltgestützte Kommunikationsstrategie: Durch die Verbreitung von Angst und Schrecken zielt sie auf die Eroberung des Denkens und Fühlens der betroffenen Menschen.

Sach- und Interessenebene

Auf der Sachebene rivalisieren die Konfliktparteien um ein knappes Gut. Gekämpft wird um den Besitz bzw. die Kontrolle von Territorien, den Zugang zu Bodenschätzen, Wasser und anderen Naturressourcen oder um die Verfügung über Macht- und Einnahmemöglichkeiten, die sich aus der Kontrolle über den Staatsapparat ergeben. Der sachliche Kern des Konflikts kann aber auch der Streit um den "richtigen" Entwicklungs- und Modernisierungskurs und die Verteilung der daraus resultierenden Gewinne und Verluste sein. Um geeignete Gegenstrategien und die Verteilung von Kosten und Gewinnen geht es auch in Klimakonflikten.

Sachkonflikte können verschiedenen Unterkategorien zugeordnet werden. Drehen sie sich um Wasser, Bodenschätze oder landwirtschaftliche Produkte, haben wir es mit Verteilungs- und Ressourcenkonflikten zu tun. Kämpfen politische Gruppen in einem Land gegen die eigene Regierung oder eine Kolonialmacht um die Kontrolle des Staatsapparates, sprechen wir von Antiregimekriegen oder Machtkonflikten. Ist das Streitobjekt ein bestimmtes Gebiet, handelt es sich um Territorialkonflikte, die die Form eines Eroberungs- oder Sezessionskrieges annehmen können. Nicht selten sind auch immaterielle Güter wie der Anteil an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen in einem Staat oder bestimmte Rechte wie politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie Gegenstand der Auseinandersetzung. Dafür hat sich die Bezeichnung Minderheiten- oder Selbstbestimmungskonflikte eingebürgert.

Beziehungs-, Gefühls- und Wertebene

Die Beziehungsebene kommt ins Spiel, weil die je konkrete Sicht auf den Sachkonflikt und der Umgang mit diesem naturgemäß durch die historisch gewachsene Qualität der Beziehung zwischen den Konfliktparteien beeinflusst werden. Bestehen gute Beziehungen, sind konstruktive Verständigung und gütliche Einigung viel leichter möglich. Umgekehrt wird ein Sachkonflikt durch angespannte Beziehungen und mehr noch durch Misstrauen und Feindschaft zusätzlich aufgeheizt und verhärtet. Dann besteht die Gefahr, dass sich Sach- und Beziehungsebene gegenseitig aufschaukeln.

Während Sach- und Zielkonflikte jederzeit entstehen können, haben Beziehungskonflikte meist eine Vorgeschichte. Die Beziehungsebene wird geprägt durch Erwartungen, Hoffnungen und Ängste, Gewissheiten und Unsicherheiten, Stereotypen und Vorurteile, Sympathien und Antipathien sowie Wertüberzeugungen und Rollenvorstellungen, die sich bei den Mitgliedern der Konfliktparteien herausbilden und verfestigen. Neue Erfahrungen bestätigen und verfestigen diese Annahmen und Haltungen zu einem mehr oder weniger stabilisierten Selbstbild von der eigenen Gruppe und einem Fremd- bzw. Feindbild von "den Anderen".

Beziehungskonflikte können durch die Vielfalt der genannten "weichen Faktoren" genährt oder zugespitzt werden. Auf der individuellen Ebene sind deshalb durchaus Bezeichnungen wie Erwartungskonflikte, angstbasierte Konflikte oder Gewissenskonflikte üblich. In sozialen und politischen Kontexten sind dagegen die Kategorien wie Wertkonflikte, Rollenkonflikte oder Identitätskonflikte am meisten verbreitet. Identitätskonflikte sind Auseinandersetzungen, in denen das individuelle bzw. kollektive Selbstverständnis der Konfliktparteien herausgefordert oder sogar existenziell bedroht wird.

Identitätsebene

Die Identitätsebene wird aber auch von den politischen, religiösen und Meinungsführern der Konfliktparteien genutzt, um die eigene Position gegenüber den anderen Parteien zu stärken. Dazu idealisieren sie die Ziele der eigenen Gruppe z.B. als gottgewollte oder zivilisatorische Mission. Dies geht nicht selten mit der Herabsetzung des "Feindes" als unkultiviert, gottlos, barbarisch, ja unmenschlich einher. Rachegefühle angesichts früherer Niederlagen werden geschürt und die Verheißung der Lösung aller Probleme nach einem Sieg beschworen. Zur Mobilisierung nutzen politische und Meinungsführer oft Schreckensszenarien davon, was die Angehörigen der eigenen Gemeinschaft erwartet, wenn "die Anderen" den Sieg davontragen.

Je nachdem, ob auf der Identitätsebene die Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Religion oder die Unterstützung einer politischen Weltanschauung (z.B. Kommunismus, Maoismus oder Liberalismus) im Vordergrund stehen, wird der Konflikt als ethnischer, religiöser oder ideologischer Konflikt bezeichnet. Um die von politischen und intellektuellen Eliten bewusst betriebene Instrumentalisierung ethnischer, religiöser oder politisch-weltanschaulicher Identitätsbezüge für ihre Ziele deutlich zu machen, ist es analytisch präziser, von ethnopolitischen, politisch-religiösen oder politisch-ideologischen Konflikten zu sprechen.

Sozio-strukturelle und sozio-kulturelle Ebene

Jede Form menschlichen Zusammenlebens wird von sogenannten sozialen Trennungslinien durchzogen, an denen sich verschiedene Geschlechter, Generationen, Rassen und Ethnien, Klassen, Schichten und Milieus sowie soziale Gruppen (z.B. Arme und Reiche, Gesunde und Kranke, Mehrheiten und Minderheiten, Zentrum und Peripherie) gegenüberstehen. In aller Regel entbrennen Konflikte an diesen sozialen Brüchen und werden stark durch diese geprägt. Meist verbirgt sich unter der aktuellen Erscheinungsform eines "neuen" Konflikts ein altbekannter struktureller Kern. Deshalb nennt man diese Auseinandersetzungen u.a. Gender-, Generationen-, Armuts-, Klassen-, Minderheiten- oder Zentrum-Peripherie-Konflikte.

Die sozio-kulturelle und die sozio-strukturelle Ebene gehören zusammen; sie beeinflussen sich gegenseitig. Gesellschaftliche Strukturen werden durch kulturelle Glaubens- und Denksysteme entweder gestützt und legitimiert oder in Frage gestellt. Eine politische Herrschaft wird nicht nur deshalb instabil, weil ihr die schieren materiellen Ressourcen wie Geld und Waffen ausgehen, sondern vor allem dann, wenn sie an Akzeptanz und Legitimität unter den Herrschaftsunterworfenen verliert. Je nachdem auf welcher Ebene kulturelle Konflikte ausgetragen werden, spricht man z.B. von interkulturellen Konflikten, Legitimationskonflikten, Weltanschauungskonflikten oder Zivilisationskonflikten.

Kriterien für die Analyse innerstaatlicher Konflikte

Akteursebene Sachebene Beziehungsebene Strukturebene Kulturebene
Regierungen und reguläre Streitkräfte, Aufständische, Guerilla, Gewaltunternehmer, Terroristen, Drittstaaten, Internationale Organisationen Ziele und Interessen in Bezug auf die Kontrolle, den Besitz bzw. die (Um-)Verteilung knapper Güter Erwartungen, Gefühle, Vorurteile und Stereotypen, Wertüberzeugungen und Identitäten der Konfliktparteien soziale Trennungslinien zwischen den Konfliktparteien kulturelle Prägungen und Referenzsysteme der Konfliktparteien
Bürgerkriege Partisanen- bzw. Guerilla-Kriege, Gewaltökonomien, Terrorismus, Völkermord Herrschaft, Territorien, Naturressourcen, Status, Macht, Kosten und Nutzen, Befugnisse, Rechte und Freiheiten Stabilität vs. Destabilisierung, Vertrauen vs. Misstrauen, Anerkennung vs. Diskriminierung, Wertschätzung vs. Abwertung, Zugehörigkeit vs. Ausschluss, Toleranz vs. Disziplinierung Mann vs. Frau, alt vs. jung, "normal" vs. "abweichend", reich vs. arm, Dominanz vs. Unterordnung, (Klasse / Schicht / soziales Milieu), Mehrheit vs. Minderheit, Zentrum vs. Peripherie, dominante vs. marginalisierte Weltbilder Naturverständnis, Geschichtsbild, Menschen- und Weltbild, Sprache und Kultur, Religion, politische und Wertüberzeugungen, Wissenschaftsverständnis


Literatur

Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater, Bern, Stuttgart, Wien 2002.

Johan Galtung: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konfikt, Entwicklung und Kultur, Opladen 1998.

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