Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Ethnopolitische Konflikte


10.2.2012
Die meisten innerstaatlichen Konflikte sind ethnopolitische Auseinandersetzungen oder haben eine ethnische Dimension. In ihnen werden Aspekte der ethnischen Identität wie Sprache, Kultur und Abstammung überzeichnet und zu Instrumenten der Mobilisierung gegen "die Anderen".

Mitglieder der Real Irish Republican Army (RIRA) in Londonderry, Nordirland, am 25. April 2011.Mitglieder der Real Irish Republican Army (RIRA) in Londonderry, Nordirland, am 25. April 2011. (© picture-alliance/dpa)



Eine große Zahl der gewaltsam ausgetragenen innerstaatlichen Konflikte der vergangenen Jahre hat einen ethnischen Hintergrund. Dies gilt für den Kosovo und das Baskenland ebenso wie für Tschetschenien, Südthailand, Sudan/Darfur, die Elfenbeinküste und den Irak. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Konkurrenz und Feindschaft zwischen unterschiedlichen Volksgruppen etwas Zwangsläufiges, Unvermeidliches hat. Hier kann man erst einmal grundsätzlich Entwarnung geben. Dass ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Nationen und Ethnien durchaus möglich, ja die Regel ist, belegt allein die Zahl von weltweit deutlich mehr als 10.000 Völkern und Volksgruppen. Die UNESCO zählt rd. 6.000 verschiedene Sprachen. Sollte tatsächlich eine grundsätzliche Unverträglichkeit zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen bestehen, müsste die Zahl ethnischer Konflikte und Kriege um ein Vielfaches höher sein.

Das "Ethnische" als Ursache und Antreiber von Konflikten



Doch woran liegt es dann, dass ethnische Gruppen und Völker aneinander geraten? Dazu gibt es drei wissenschaftliche Erklärungsansätze. Die primordialistische Theorie geht davon aus, dass ethnische Merkmale soziale Gruppen von Anfang an prägen und mehr als andere Einflüsse und Interessen ihr kollektives Selbstverständnis und Handeln bestimmen. Ethnische Merkmalen sind u.a. Herkunft, Abstammung, Sprache, Sitten, Gebräuche, Religion und Siedlungsgebiet. Für die Vertreter des primordialistischen Ansatzes erscheint die Dominanz einer nicht-ethnischen Identität (z.B. politische Ideologie, wirtschaftliche Vernunft oder Bündnissolidarität) als künstlich und deshalb zeitlich begrenzt.

Der konstruktivistische Ansatz betrachtet ethnische Identitäten als soziale Konstrukte, die unter dem Einfluss dominierender Eliten und im Zusammenleben der jeweiligen Gruppe geformt, verändert, aufgewertet oder in den Hintergrund gedrängt werden. Die konstruktivistische Perspektive verdeutlicht, dass die Identität jedes Individuums und jeder Gruppe keineswegs nur durch ethnische Merkmale bestimmt wird. Daneben besteht eine Vielzahl weiterer Prägungen: Stand, Dynastie, Religion, Weltanschauung, Klasse, Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildung usw. Im Prozess der "Ethnisierung" werden diese Eigenschaften zurückgedrängt, abgewertet oder mit ethnischen Inhalten gefüllt. Die ethnische Identität wird zum Kern des Gruppenzusammenhangs.

Der instrumentalistische Ansatz rückt den politischen Zweck und das Ziel von Ethnisierungsprozessen in den Mittelpunkt. Danach erlangen ethnische Merkmale erst durch die Propaganda und die Inszenierungen politischer, religiöser und intellektueller Führer ihre herausgehobene Bedeutung gegenüber anderen sozialen, weltanschaulichen und politischen Prägungen. Die eigene Anhängerschaft soll gegen andere Gruppen aufgehetzt und mobilisiert werden. Ziel ist es, rivalisierende Gemeinschaften und ihre Führer abzuwerten, vom Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen abzuschneiden und von der politischen Macht zu verdrängen. Übliche Mittel sind die Infragestellung und Bekämpfung ihrer ethnischen und kulturellen Symbole, Rituale und Überzeugungen.

Alle drei Ansätze können zu einem besseren Verständnis gewaltträchtiger Ethnisierungsprozesse und zur Suche nach Alternativen beitragen. Aufgrund der tiefen Verwurzelung der gemeinsamen Abstammung und Geschichte im individuellen und kollektiven Bewusstsein besitzen ethnische und nationalistische "Erzählungen" (Narrative) erfahrungsgemäß ein größeres Mobilisierungspotenzial als andere Ideologien.[1] Durch die Stärkung alternativer Identitäten (z.B. Klasse, Geschlecht, Zivilgesellschaft, historische Erfahrungen, wirtschaftliche Interessen) kann jedoch die Allgegenwart des Ethnischen ausbalanciert und zurückgedrängt werden. Schließlich verweist der instrumentalistische Ansatz darauf, dass die politischen, intellektuellen und Medieneliten die Hauptverantwortung für ethnische Konflikte und ihre Folgen tragen. Hier muss die Umsteuerung ansetzen.

Die Anatomie ethno-politischer Konflikte



In ethnopolitischen Konflikten werden die vermeintlich angestammten, unveränderlichen Unterschiede zwischen Gruppen und Gemeinschaften zum Gegenstand der Auseinandersetzung. So wollten Slovenen, Kroaten, Bosnier und Mazedonier plötzlich nur deshalb nicht mehr in einem Staat zusammenleben, weil sie unterschiedlichen ethnischen Gruppen angehören. Immer mehr Menschen in den verschiedenen Gemeinschaften glaubten fest daran, dass sie kämpfen und ihr Leben einsetzen müssen, weil ihre Abstammung, ihre Sprache, ihre Religion einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt sind. Hinter den ethnischen Gegensätzen verschwanden alle anderen Ursachen, Interessen und Ziele. Mit zunehmender Eskalation wurde der Konflikt selbst zur zentralen Begründung und zum wichtigsten Inhalt der politischen Identität der Konfliktparteien.

Das hatten die herrschenden Eliten durchaus beabsichtigt. Denn die Fokussierung auf das Ethnische vereinfacht die Identifizierung von Freund und Feind und vermag, gewaltige soziale Energien freizusetzen. Um die Situation weiter anzuheizen, wurden in früheren Kriegen und Auseinandersetzungen errungene Siege zum Gegenstand gezielter Mythisierung, ebenso wie erlittene Demütigungen, Niederlagen und Gewalterfahrungen. Solche Mythen und Erzählungen wurden von den Führern auf allen Seiten genutzt, um ihre Interessen und Ziele zu rechtfertigen und durchzusetzen.

Innerhalb der eigenen Gemeinschaft verwandelten sich die gemeinsamen ethnischen Merkmale, politischen, religiösen und moralischen Überzeugungen in Mittel der Kontrolle und Disziplinierung. In einem Klima des Misstrauens, der Verdächtigung und Konformismus wurden Menschen mit anderen Überzeugungen, anderem Glauben und anderer Abstammung zu potenziellen Verrätern gestempelt und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Selbst die Vertreter der politischen, militärischen und intellektuellen Eliten begannen, an die von ihnen selbst in die Welt gesetzten Konfliktbegründungen zu glauben. Die Eskalation spitzte sich weiter zu, weil radikalisierte Kräfte in den verschiedenen Lagern ihre politischen Führungen zu einem noch extremeren Kurs drängten.

Wie das Beispiel des ehemaligen Jugoslawiens zeigt, sind ethnische Konflikte letztlich politische Auseinandersetzungen. Darum ist es präziser, von ethno-politischen Konflikten zu sprechen. Denn es kommt zu einer Ethnisierung des Politischen. Politische und soziale Überzeugungen, Interessen, Ziele und Widersprüche erscheinen im Gewand des Ethnischen. Umgekehrt ist eine Politisierung des Ethnischen zu beobachten, das zunächst eine relativ eigenständige, nicht mit dem Politischen verbundene Form der Vergesellschaftung darstellt. Familienbande, Hautfarbe, religiöse Bekenntnisse, Sprache und Gruppenrituale werden zu politisch hoch brisanten Zugehörigkeits- und Abgrenzungsmerkmalen. Politik und Ethnizität scheinen miteinander zu verschmelzen.

Auswege aus ethnopolitischen Konflikten



Nach der Beobachtung von Barbara Harr und Robert Gurr trifft eine gezielte ethnopolitische Mobilisierung dann auf fruchtbaren Boden, wenn in der jeweiligen ethnischen Gruppe oder Gemeinschaft ein erhebliches Frustrationspotenzial besteht. Dagegen sind weniger unzufriedene Gruppen, die zudem nur ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein ihrer eigenen Identität haben, erfahrungsgemäß kaum anfällig für die Bemühungen von politischen Eliten und Gewaltunternehmern, diese gegen eine reale oder vermeintliche Bedrohung durch andere Gruppen, Gemeinschaften oder Staaten zu mobilisieren.[2]

Diese Erkenntnis bietet Ansatzpunkte für die Bearbeitung und Überwindung ethnopolitischer Konflikte. Ethnizität ist nicht bloß "falsches Bewusstsein" und ein beliebig verfügbares Herrschaftsinstrument in den Händen machthungriger und verantwortungsloser Eliten. Tief verwurzelte soziale und politische Konflikte, zu denen auch ethno-politische Auseinandersetzungen gehören, resultieren grundsätzlich aus der Tatsache, dass menschliche Grundbedürfnisse nach Überleben, Wohlergehen, Sicherheit, Identität, Freiheit und Partizipation über einen langen Zeitraum nicht oder nicht ausreichend befriedigt wurden.[3] Vielfach nutzen politische Eliten gerade ethnopolitische Mobilisierungskampagnen, um von hausgemachten wirtschaftlichen und sozialen Missständen abzulenken.

Ein Ausweg aus ethnopolitischen Konflikten wird dann möglich, wenn hinter der Fixierung auf ethnische Unterschiede und nationalistischen Ressentiments frustrierte menschliche Grundbedürfnisse erkannt werden. Die Bearbeitungsstrategie der Wahl muss deshalb sowohl auf die Überwindung sozialer und kultureller Frustrationen und Traumata als auch auf die Durchführung sozioökonomischer Reformen gerichtet sein.

Literatur



Harff, Barbara /Gurr, Ted Robert (2004): Ethnic Conflict in World Politics. Dilemmas in World Politics, Boulder, Oxford: Westview Press.

Hensell, Stephan (2003): Typisch Balkan? Patronagenetzwerke, ethnische Zugehörigkeit und Gewaltdynamik in Mazedonien, in: Internationale Politik und Gesellschaft, Heft 4, S. 131-146.

Kaufman, Stuart (2006): Escaping the Symbolic Politics Trap: Reconciliation Initiatives and Conflict Resolution in Ethnic Wars, in: Journal of Peace Research, Vol. 43, No. 2, S. 201-218.

Schneckener, Ulrich (2002): Auswege aus dem Bürgerkrieg, Edition Suhrkamp, Band 2255 Modelle zur Regulierung ethno-nationalistischer Konflikte in Europa, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Smith, Anthony (2001): Nationalism: Theory, Ideology, History, Cambridge: Polity.

Volkan, Vamik D. (2006): Blindes Vertrauen. Großgruppen und ihre Führer in Krisenzeiten, Gießen: Psychosozial-Verlag.

Wieland, Carsten: The Bankruptcy of Humanism? Primordialism Dominates the Agenda of International Politics, in: Internationale Politik und Gesellschaft, Heft 4, 2005, S. 142-158.


Links



Burton, John W. (1998): Conflict Resolution – the Human Dimension, in: International Journal of Peace Studies, Vol. 3, No. 1.

Rubenstein, Richard E. (2001): Basic Human Needs. Next Steps in Theory Development, in: International Journal of Peace Studies, Vol. 6, No. 1.

Marker, Sandra (2003): Unmet Human Needs, in: Burgess, Guy /Burgess, Heidi (Hrsg.): Beyond Intractability, Conflict Research Consortium, University of Colorado, Boulder

Minority at Risk Project – Monitoring the Persecution and Mobilization of Ethnic Groups Worldwide.

Infos, Texte und Blogs zum Thema innerstaatliche Konflikte

Fußnoten



[1] Volkan, Vamik D. (2006): Blindes Vertrauen…

[2] Harff, Barbara /Gurr, Ted Robert (2004): Ethnic Conflict in World Politics…

[3] Rubenstein, Richard E. (2001): Basic Human Needs. Next Steps in Theory Development…


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