Innerstaatliche Kriege seit 1945
Nach der mal stetigen mal sprunghaften Zunahme innerstaatlicher Kriege nach 1945 ist ihre Zahl seit 1993 rückläufig. 2010 wurden noch 25 innerstaatliche Kriege ausgetragen. Rückblickend zeigt sich, dass diese Kriege besonders in Phasen der Gründung und Konsolidierung von Staaten ausbrechen.Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) definiert Kriege als gewaltsam ausgetragene Massenkonflikte zwischen zwei oder mehr bewaffneten Gruppen, von denen mindestens eine Seite reguläre Streitkräfte der Regierung sind. Die Kampfhandlungen müssen ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation aufweisen und mit einer gewissen Kontinuierlichkeit geführt werden. In ihren seit 1993 erscheinenden Jahresberichten "Das Kriegsgeschehen" betrachtet die AKUF darüber hinaus auch bewaffnete Konflikte, die die Kriterien der Kriegsdefinition nicht ganz erfüllen. Dazu zählen vor allem solche Konflikte, in denen Kämpfe nur sporadisch stattfinden oder an denen kein staatlicher Akteur mit eigenen Truppen beteiligt ist.
Zur Klassifizierung innerstaatlicher Kriege
Kriegstypen seit 1945 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/Üblicherweise wird zwischen zwei großen Typen innerstaatlicher Kriege unterschieden. Zum einen sind dies die sog. Antiregimekriege, in denen Rebellen für den Sturz der Regierung bis hin zur Umgestaltung des politischen Systems kämpfen. Diese machen gut die Hälfte der innerstaatlichen Kriege seit 1945 aus. Die zweite große Gruppe innerstaatlicher Kriege wird um die Sezession oder zumindest Autonomie eines Teils des Territoriums eines Staates geführt. Auf diesen Typ entfallen rund 37%.
Das Attribut „innerstaatlich“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Kriege durchaus mit äußerer Beteiligung und Einmischung stattfinden. Finanzielle oder auch militärische Unterstützung der innerstaatlichen Kriegsparteien – zum Beispiel durch Waffenlieferungen von Nachbarstaaten oder regionalen und globalen Großmächten – ist eher die Regel als die Ausnahme. An etwa einem Drittel der innerstaatlichen Kriege seit 1945 waren ausländische Truppen direkt beteiligt.
Innerstaatliche Kriege weisen nach ihrer Austragungsform und Dauer eine große Spannbreite auf. Einige dauern nur wenige Tage, andere viele Jahre. Mit über 50 Jahren ist der Krieg in Birma der am längsten währende Krieg. Die Zahl der Todesopfer in innerstaatlichen Konflikten kann von einigen Hundert bis über eine Million reichen wie im Chinesischen Bürgerkrieg in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, dem Biafra-Krieg in Nigeria Ende der 1960er Jahre oder dem Krieg im Südsudan in den 1980er und 1990er Jahren.
Auch das öffentliche Interesse variiert stark. Es kann groß sein wie z.B. im Fall der Kriege in Mittelamerika (Nicaragua, El Salvador) in den 1980er Jahren und während der Kriege in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre. Für die meisten dieser Konflikte trifft aber eher die Bezeichnung "vergessene Kriege" zu.
Trends des Kriegsgeschehens seit 1945
Zwar waren entgegen der allgemeinen Wahrnehmung Kriege zwischen Staaten zahlenmäßig auch im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht dominant. Seit 1945 überwiegen innerstaatliche Kriege jedoch eindeutig und bestimmen weitgehend das Kriegsgeschehen. Die AKUF klassifiziert 166 der 238 zwischen 1945 und 2010 ausgetragenen Kriege als innerstaatlich. Das sind fast 70% (vgl. Grafik 1). Darüber hinaus dauern innerstaatliche Kriege im Durchschnitt wesentlich länger als andere. Zwischenstaatliche Kriege endeten in über 70% der Fälle innerhalb eines Jahres; nach 1945 dauerte keiner länger als zehn Jahre. Umgekehrt wurden noch nicht einmal 30% der innerstaatlichen Kriege innerhalb eines Jahres beendet; mehr als 20% dauerten länger als zehn Jahre.
Anteil innerstaatlicher Kriege am Kriegsverlauf Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/Bis Mitte der 1970er Jahre hat sich der Anteil innerstaatlicher Kriege tendenziell weiter erhöht und macht seitdem fast durchweg über 90% des jährlichen Kriegsgeschehens aus (vgl. Grafik 2). Bis Anfang der 1990er Jahre ist ihre Zahl stetig angestiegen. Indes sind die zwischenstaatlichen Kriege nicht etwa verschwunden. Vielmehr weist deren jährliche Zahl in den vergangenen 60 Jahren eine erstaunliche Konstanz auf.
Auch wenn nach 1945 auf allen Kontinenten der Anteil innerstaatlicher Kriege im Vergleich zu zwischenstaatlichen überwog, zeigen sich doch regional z.T. erhebliche Unterschiede. So weisen Mittel- und Südamerika mit 80% und Afrika sowie Europa mit 75% jeweils überdurchschnittliche Anteile an innerstaatlichen Kriegen auf. Der Vordere und Mittlere Orient (VMO) liegen dagegen mit 60% und Asien mit 66% unter dem weltweiten Durchschnitt.
Zeitlicher Verlauf und geografische Verteilung
Betrachtet man das innerstaatliche Kriegsgeschehen seit 1945, ergeben sich signifikante Unterschiede im Zeitverlauf und der geografischen Verteilung. Zunächst zum Zeitverlauf. Zweimal verzeichnet die Häufigkeit innerstaatlicher Kriege innerhalb von nur wenigen Jahren einen deutlichen Anstieg: Zum ersten in der ersten Hälfte der 1960er Jahre und zum zweiten Anfang der 1990er Jahre (vgl. Grafik 2). Beide Perioden fallen mit der Gründung einer vergleichsweise großen Zahl neuer Staaten zusammen, zunächst in Afrika und später im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens und der Sowjetunion. Die neu entstehenden Staaten weisen in den entsprechenden Perioden jeweils eine überdurchschnittliche Zahl an innerstaatlichen Kriegen auf.
Ein weiteres Merkmal des Kriegsgeschehens im Zeitverlauf ist der deutliche Rückgang der Zahl innerstaatlicher Kriege nach 1992. Dies ist insofern bemerkenswert, als seit 1945 – abgesehen von den beiden erwähnten Sprüngen Anfang der 1960er und der 1990er Jahre – ihre Zahl relativ kontinuierlich angestiegen ist und 1992 mit 53 innerstaatlichen Kriegen (von 55 Kriegen insgesamt) ihren Höhepunkt erreichte. Seitdem halbierte sich die Zahl auf 25 im Jahr 2010. Heute finden etwa so viele innerstaatliche Kriege statt wie Mitte der 1960er Jahre.
Dieser Rückgang lässt sich aus mehreren Faktoren erklären: Zum einen waren die Kriege in Südosteuropa und auf dem Territorium der früheren Sowjetunion in der Regel von vergleichsweise kurzer Dauer. Zum anderen verloren etliche Akteure in bereits länger andauernden innerstaatlichen Kriegen außerhalb Europas mit der Beendigung des Ost-West-Konflikts ausgangs der 1980er Jahre ihre Unterstützung durch die beiden Supermächte und deren Verbündete und damit die materielle Grundlage für ihre Kriegsführung.
Innerstaatliche Kriege nach Regionen Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/Was die regionale Verteilung der innerstaatlichen Kriege angeht, spiegelt diese im Wesentlichen eine häufig genannte Tatsache des Kriegsgeschehens der vergangenen Jahrzehnte wider: Über 90% der Kriege nach 1945 wurden in der sogenannten Dritten Welt ausgetragen. Bei den innerstaatlichen Kriegen liegt Afrika vor Asien und dem VMO mit Anteilen von jeweils über 20%. Es folgen Lateinamerika mit 15% und Europa mit 7% (vgl. Grafik 3). Blickt man auf die vergangenen Jahre, so haben sich die Anteile Afrikas und Asiens auf jeweils gut ein Drittel erhöht, während sich die Zahlen für Lateinamerika gegenüber der Gesamtperiode halbiert haben. Europa ist mittlerweile frei von Kriegen.
Bezüglich der beiden bedeutenden innerstaatlichen Kriegstypen (vgl. Grafik 1) bestehen innerhalb des Untersuchungszeitraums große regionale Unterschiede. Der Anteil der Antiregimekriege, die weltweit etwa die Hälfte der innerstaatlichen Kriege ausmachen, liegt in Lateinamerika bei 90% und in Afrika bei fast 60%. Umgekehrt dominieren in Asien und Europa mit jeweils fast 60% Sezessionskriege. Auch im Vorderen und Mittleren Orient liegen diese Kriege mit etwa 50% vor dem Anteil der Antiregimekriege.
Für Lateinamerika scheint die Erklärung relativ einfach. Die Dekolonisation war im Wesentlichen bereits im 19. Jahrhundert abgeschlossen. Grundsätzliche territoriale Konflikte spielten spätestens seit 1945 sowohl inner- als auch zwischenstaatlich keine Rolle mehr und wurden seither nur noch selten kriegerisch ausgetragen. Umgekehrt waren in Asien und dem Vorderen und Mittleren Orient Gebietskonflikte vergleichsweise häufig Anlass zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Diese äußerten sich zum einen innerstaatlich im Kampf ethnischer Minderheiten für einen eigenen Staat. Zum anderen wurden auch zwischen Staaten vergleichsweise häufig Kriege um Territorien geführt, von denen einige sogar mehrfach eskalierten: China/Taiwan, Indien/Pakistan und Israel/arabische Nachbarstaaten.
Für Afrika liegt der Anteil zwischen- und innerstaatlicher Kriege um Territorien jeweils deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt. Dies erscheint zunächst überraschend, würden doch gerade die von den Kolonialmächten hinterlassenen Grenzen einen wesentlich höheren Anteil an Sezessionskriegen nahe legen. Offenbar befürchtet die Mehrzahl afrikanischer Regierungen einen Dominoeffekt, sobald die ersten Sezessionen erfolgreich waren. Außerdem scheint es angesichts der verbreiteten fragilen Staatlichkeit für starke Rebellenbewegungen attraktiver zu sein, gleich den Gesamtstaat zu übernehmen.
Links
»Homepage der Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung (AKUF)«
»AKUF-Kriegsdefinition«
»AKUF-Kriegstypen«
»Beitrag zum Kriegsgeschehen 1945-2000 im AKUF-Jahrbuch „Das Kriegsgeschehen 2000“.«
»Uppsala Conflict Data Program (UCDP)«

