Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

10.11.2015 | Von:
Wolfgang Schreiber

Innerstaatliche Kriege seit 1945

Aus den Forschungen der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) ergeben sich wichtige Trends in Bezug auf Häufigkeit, Ursachen und Dynamiken innerstaatlicher Kriege. Vor dem Hintergrund der Langfristtrends weist das Jahr 2014 keine besonderen Merkmale auf.

Von der kolumbianischen FARC-Guerrilla zerstörte Häuser in Toribio, Kolumbien.Von der kolumbianischen FARC-Guerrilla zerstörte Häuser in Toribio, Kolumbien. (© AP)

Die Zahl der Kriege in der Welt hat sich nach den Kriterien der AKUF 2014 auf 26 erhöht. Dies waren zwei mehr als 2013. Trotz dieser eher leichten Veränderung wurde 2014 allgemein als ein besonders konfliktreiches Jahr wahrgenommen. Dies lag vor allem an den beiden neuen Kriegen in der Ukraine sowie im Nahen Osten zwischen Israel und der palästinensischen Hamas ("Gaza-Krieg").

Auch die Expansion und die Gewalt des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak erhielten 2014 eine große mediale Aufmerksamkeit. Zu Beginn des Jahres wurde aber zunächst über drei "vergessene Kriege" in Afrika verstärkt berichtet: in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und im Norden Nigerias. Ins Vergessen geriet über diese Vielzahl eskalierter Konflikte fast der Krieg in Syrien, der auch ohne Einbeziehung des IS mehr Todesopfer forderte als alle anderen Kriege 2014 zusammen.

Um diese aktuellen Entwicklungen einordnen und bewerten zu können, erscheint ein Vergleich mit den langfristigen Tendenzen der Entwicklung zwischen- und innerstaatlicher Kriege angebracht. Dazu müssen zunächst die verschiedenen Kriegs- und Konflikttypen definiert und klassifiziert werden.

Wann spricht man von einem Krieg?

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) definiert Kriege als gewaltsam ausgetragene Massenkonflikte zwischen zwei oder mehr bewaffneten Gruppen, von denen mindestens eine Seite reguläre Streitkräfte der Regierung sind. Die Kampfhandlungen müssen ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation ausweisen und mit einer gewissen Kontinuität geführt werden.

In ihren seit 1993 erscheinenden Jahresberichten "Das Kriegsgeschehen" betrachtet die AKUF darüber hinaus auch bewaffnete Konflikte, die die Kriterien der Kriegsdefinition nicht ganz erfüllen. Dazu zählen vor allem solche Konflikte, in denen Kämpfe nur sporadisch stattfinden und/oder an denen kein staatlicher Akteur mit eigenen Truppen beteiligt ist.
Innerstaatliche Kriegstypen seit 1945Innerstaatliche Kriegstypen seit 1945 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Üblicherweise wird zwischen zwei großen Typen innerstaatlicher Kriege unterschieden (vgl. Grafik 1): In Antiregimekriegen kämpfen Rebellen für den Sturz der Regierung bis hin zur Umgestaltung des politischen Systems. Diese machen gut die Hälfte der innerstaatlichen Kriege seit 1945 aus. Sezessionskriege werden um die Abtrennung eines Teils des Territoriums eines Staates geführt. Auf diesen Typ entfallen rund 37%.

Innerstaatliche Kriege

Das Attribut "innerstaatlich" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Kriege durchaus mit äußerer Beteiligung und Einmischung stattfinden. Finanzielle oder militärische Unterstützung der innerstaatlichen Kriegsparteien – zum Beispiel durch Waffenlieferungen von Nachbarstaaten oder regionalen und globalen Großmächten – ist eher die Regel als die Ausnahme. An etwa einem Drittel der innerstaatlichen Kriege seit 1945 waren ausländische Truppen direkt beteiligt.

Innerstaatliche Kriege weisen nach ihrer Austragungsform eine große Spannbreite auf. Die Zahl der Rebellen beträgt in einigen Fällen nur einige Hundert, in anderen dagegen mehrere Zehntausend. Gleichfalls variieren Bewaffnung und Taktik von Guerilla-Angriffen mit Kleinwaffen bis zu großen Auseinandersetzungen mit einem breiten Waffenarsenal. In einigen Kriegen ist ein ganzes Land von Kampfhandlungen betroffen, in anderen sind es nur bestimmte Gebiete.

Auch die Konfliktkonstellation kann sehr unterschiedlich sein. In einigen innerstaatlichen Kriegen kämpft nur eine Rebellengruppe gegen den Staat, in anderen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Gewaltakteure, die unter Umständen mehrfach die Seiten wechseln.

Die Kriegsdauer reicht von wenigen Tagen bis zu vielen Jahren und Jahrzehnten. Mit über 50 Jahren ist der Krieg in Myanmar, dem ehemaligen Birma, der am längsten währende Krieg. Die Zahl der Todesopfer kann von einigen Hundert bis über eine Million reichen. Die Grenze von einer Million getöteten Soldaten und Zivilisten wurde beispielsweise im Chinesischen Bürgerkrieg in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, dem Biafra-Krieg (Nigeria) Ende der 1960er Jahre oder dem Krieg im Südsudan in den 1980er und 1990er Jahren überschritten.

Trends des Kriegsgeschehens seit 1945

Kriegstypen seit 1945Kriegstypen seit 1945

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung gab auch schon im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr innerstaatliche als zwischenstaatliche Kriege. Seit 1945 überwiegen innerstaatliche Kriege jedoch eindeutig das Kriegsgeschehen. Die AKUF klassifiziert von den 249 zwischen 1945 und 2014 ausgetragenen Kriegen 176 als innerstaatlich. Das sind über 70% (vgl. Grafik 2). Bis Mitte der 1970er Jahre hat sich der Anteil innerstaatlicher Kriege immer weiter erhöht und macht seitdem fast durchweg über 90% des jährlichen Kriegsgeschehens aus (vgl. Grafik 3).
Anteil innerstaatlicher Kriege am KriegsverlaufAnteil innerstaatlicher Kriege am Kriegsverlauf

Die AKUF-Statistik zeigt auch, dass innerstaatliche Kriege im Durchschnitt wesentlich länger dauern als zwischenstaatliche. Kriege zwischen Staaten endeten in über 70% der Fälle innerhalb eines Jahres. Nach 1945 dauerte keiner länger als zehn Jahre. Umgekehrt wurden noch nicht einmal 30% der innerstaatlichen Kriege innerhalb eines Jahres beendet; mehr als 20% dauerten länger als zehn Jahre.

In Bezug auf das innerstaatliche Kriegsgeschehens seit 1945, ergeben sich sowohl im Zeitverlauf als auch in der geografischen Verteilung signifikante Trend und Unterschiede. Zweimal verzeichnet die Kurve des Kriegsverlaufs einen deutlichen Anstieg der Zahl der innerstaatlichen Kriege innerhalb von wenigen Jahren: in der ersten Hälfte der 1960er Jahre und Anfang der 1990er Jahre (vgl. Grafik 3). Beide Perioden fallen mit der Gründung einer vergleichsweise großen Zahl neuer Staaten zusammen, zunächst in Afrika und später im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens und der Sowjetunion. Diese neuen Staaten weisen in den entsprechenden Perioden jeweils eine überdurchschnittliche Zahl an innerstaatlichen Kriegen auf.

Ein zweites Merkmal des Kriegsgeschehens im Zeitverlauf ist der deutliche Rückgang der Zahl innerstaatlicher Kriege nach 1992. Abgesehen von den beiden erwähnten Ausschlägen Anfang der 1960er und der 1990er Jahre stieg die Zahl der Kriege relativ kontinuierlich an und erreichte 1992 mit 53 innerstaatlichen Kriegen (von 55 Kriegen insgesamt) ihren Höhepunkt. Seitdem halbierte sich die Zahl der Kriege auf 26 im Jahr 2014 und liegt damit etwa auf dem Niveau von Mitte der 1960er Jahre.

Dieser Rückgang lässt sich aus mehreren Faktoren erklären: Zum einen waren die Kriege in Osteuropa und auf dem Territorium der früheren Sowjetunion von vergleichsweise kurzer Dauer. Zum anderen verloren etliche Akteure in bereits länger andauernden innerstaatlichen Kriegen mit dem Ende des Ost-West-Konflikts ausgangs der 1980er Jahre die Unterstützung durch eine der beiden Supermächte bzw. ihre Verbündeten und damit die materielle Grundlage für ihre Kriegsführung.

Seit den 1990er Jahren gibt es eine weitere Veränderung. Bis 1990 wurden Kriege in der Mehrzahl (56:44) militärisch entschieden. Rebellen waren dabei nur in einem Fünftel der Fälle erfolgreich. In den letzten 25 Jahren überwogen dagegen knapp die Verhandlungslösungen (52:48), wobei hier in vier Fünftel der Fälle externe Vermittler einen wesentlichen Beitrag leisteten.

Die regionale Verteilung innerstaatlicher Kriege und Konflikte

Innerstaatliche Kriege nach RegionenInnerstaatliche Kriege nach Regionen

Die regionale Verteilung der innerstaatlichen Kriege spiegelt im Wesentlichen eine häufig genannte Tatsache des Kriegsgeschehens nach 1945 wider: Über 90% der Kriege wurden in der sogenannten Dritten Welt ausgetragen. Bei den innerstaatlichen Kriegen rangieren Afrika, Asien und der Vordere und Mittlere Orient (VMO) mit einem Anteil von jeweils über 20% an der Spitze. Es folgen Lateinamerika mit 14 und Europa mit 7% (vgl. Grafik 4). Blickt man auf die letzten Jahre, so haben sich die Anteile Afrikas, Asiens und des VMO auf jeweils fast ein Drittel erhöht. In Lateinamerika fand in den letzten Jahren lediglich in Kolumbien ein Krieg statt und in Europa eskalierte 2014 erstmals nach 15 Jahren wieder ein Krieg – der in der Ukraine.

Bezüglich der beiden bedeutenden innerstaatlichen Kriegstypen bestehen große regionale Unterschiede. Der Anteil der Antiregimekriege, die weltweit etwa die Hälfte der innerstaatlichen Kriege ausmachen, liegt in Lateinamerika bei 90% und in Afrika bei fast 60%. Umgekehrt dominieren in Asien und Europa mit jeweils fast 60% Sezessionskriege. Auch im VMO liegen diese Kriege mit etwa 50% vor dem Anteil der Antiregimekriege.

Für Lateinamerika scheint die Erklärung relativ einfach. Die Dekolonisation war im Wesentlichen bereits im 19. Jahrhundert abgeschlossen. Grundsätzliche territoriale Konflikte spielten spätestens seit 1945 sowohl inner- als auch zwischenstaatlich keine Rolle mehr. Umgekehrt waren in Asien und dem VMO Gebietskonflikte vergleichsweise häufig Anlass für kriegerische Auseinandersetzungen. Innerstaatlich waren das vor allem Kämpfe ethnischer Minderheiten für einen eigenen Staat. Auch zwischen Staaten wurden vergleichsweise häufig Krieg um Territorien geführt, von denen einige mehrfach eskalierten: China/Taiwan, Indien/Pakistan sowie Israel gegen seine arabischen Nachbarstaaten.

Nicht einfach zu erklären ist die Verteilung der Kriegstypen in Afrika. Gerade die von den Kolonialmächten hinterlassenen Grenzen würden einen wesentlich höheren Anteil an territorialen Kriegen nahelegen. Aber sowohl bei den zwischenstaatlichen als auch bei den Sezessionskriegen liegen die Anteile in Afrika jeweils deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt. Offenbar befürchtet die Mehrzahl afrikanischer Regierungen einen Dominoeffekt, sobald die ersten Sezessionen erfolgreich waren. Außerdem scheint es angesichts der verbreiteten fragilen Staatlichkeit für starke Rebellenbewegungen attraktiver zu sein, gleich den Gesamtstaat zu übernehmen.

Fazit: Das Jahr 2014 vor dem Hintergrund der Langfristtrends

Noch ist schlecht abzuschätzen, ob es sich im Jahr 2014 eher um eine zufällige Häufung von hochintensiven Konflikten handelte. Zuletzt gab es ähnliche Zahlen in den Jahren 1998-2000. Zu zahlreich sind die Einflussfaktoren, die Konfliktursachen zu Kriegen eskalieren lassen.

Abgesehen von der vergleichsweise großen Zahl intensiver Konflikte und deren Wahrnehmung in Medien und Politik unterscheidet sich das Krisenjahr 2014 kaum vom Kriegsgeschehen seit 1945. Das Verhältnis von zwischenstaatlichen zu innerstaatlichen Kriegen hat sich nicht verändert. Einerseits werden langandauernde Kriege weitergeführt wie der in Afghanistan, andererseits dauerte der jüngste israelisch-palästinensische Krieg nur wenige Wochen. Auch wenn mit dem Ukraine-Konflikt der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, werden doch auch weiterhin die meisten Kriege im VMO sowie in Afrika und Asien ausgetragen.

Links

Die Homepage der AKUF

AKUF-Kriegsdefinition und Kriegstypen

Beitrag zum Kriegsgeschehen 1945-2000 im AKUF-Jahrbuch "Das Kriegsgeschehen 2000"

Uppsala Conflict Data Program (UCDP)

Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung e.V. (HIIK)

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Autor: Wolfgang Schreiber für bpb.de
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