Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Entwicklung innerstaatlicher Kriege und gewaltsamer Konflikte seit dem Ende des Ost-West Konfliktes


24.6.2014
Der drastischen Zunahme innerstaatlicher Kriege nach dem Ende des Kalten Krieges folgte Mitte der 1990er Jahren ein deutlicher Rückgang. Inzwischen nimmt ihre Zahl wieder stark zu. Außerdem verbreiten sich Gewaltkonflikte unterhalb der Kriegsschwelle.

Soldaten der chinesischen UNAMID-Truppen in Darfur, Sudan.Soldaten der chinesischen UNAMID-Truppen in Darfur, Sudan. (© UN Photo/Stuart Price)

Die Entwicklung innerstaatlicher gewaltsamer Konflikte und Kriege (vgl. Grafik 1: gestrichelte Linie) seit dem Ende des Ost-West-Konflikts lässt sich in fünf Phasen unterteilen. Die erste Phase beginnt mit der zunehmenden Schwäche der Sowjetunion ab Mitte der 1980er und dauert bis Anfang der 1990er Jahre. In dieser Zeit stieg die Anzahl innerstaatlicher Kriege steil an und erreichte mit einem Wert von 50 im Jahre 1992 den absoluten Höchstwert der bis 1945 zurückreichenden Messungen. In der zweiten Phase beschreibt die Verlaufskurve einen rapiden Abschwung auf ein Minimum von 28 innerstaatlichen Kriegen im Jahr 1996. Darauf folgte in der bis 2003 währenden dritten Phase eine erneute Zunahme auf 42 Kriege. Die vierte Phase war durch große Schwankungen gekennzeichnet. Von 2005 bis 2007 war die Anzahl mit 30 bzw. 32 Kriegen vergleichsweise niedrig. Dagegen stieg sie 2006 und 2008 mit 38 bzw. 40 Kriegen stark an. Seit 2010 zeigt sich wieder ein eindeutiger Trend, der bis heute anhält: Die Anzahl der Kriege stieg von 28 auf 45 im Jahre 2013 und hat damit den zweithöchsten Stand seit 1989 erreicht.

Entwicklung inner- und zwischenstaatlicher Krisen und Kriege 1945-2013Grafik 1: Entwicklung inner- und zwischenstaatlicher Krisen und Kriege 1945-2013 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Nicolas Schwank)
Die Entwicklung der Häufigkeit der innerstaatlichen Kriege beruht auf mehreren Faktoren und lässt sich aufgrund der schwierigen Datenlage struktureller Erklärungsfaktoren nicht komplett klären. Für die erste Phase ist das noch relativ einfach. Hier zeigt sich eindeutig der Einfluss des Endes des Ost-West Konfliktes: Mit dem Abflauen der Konfrontation zwischen den beiden Supermächten entfielen die Zuwendungen an Geld und Rüstungsgütern, die den Konfliktparteien vorher von beiden Militärblöcken jahrzehntelang großzügig gewährt worden waren. Mit dem Ausbleiben der Unterstützung an Regierungen konnten Rebellengruppierungen nun schnell militärische Erfolge erzielen, und in vielen Ländern begann der Zerfall geordneter Staatsstrukturen. Die Bürgerkriege in Somalia (ab 1992) und in Ruanda (1994) sind Beispiele hierfür. Letzterer gipfelte bekanntlich in einem Völkermord.

Der nachfolgende Rückgang der innerstaatlichen Kriege ab 1993 (Phase 2) kann zum Teil dadurch erklärt werden, dass sich in mehreren Bürgerkriegen eine der Konfliktparteien politisch und militärisch durchsetzte. Ihre Kontrahenten konnten sich schlicht die hohen Kosten eines aufwendigen Krieges nicht mehr leisten. In anderen Konflikten beugten sich die Bürgerkriegsparteien dem wirtschaftlichen Druck und den Forderungen der internationalen Gemeinschaft und stimmten einem Stopp der Gewalt und Friedensverhandlungen zu.

Konfliktparteien, denen es gelang, sich alternative Finanzierungsquellen zu erschließen, setzten dagegen ihren Kampf fort. Sie fanden auch Nachahmer. Die gesteigerte Fähigkeit von Rebellengruppierungen, natürliche Ressourcen wie "Blutdiamanten", seltene Metalle oder Drogen für die Finanzierung ihrer Kriegführung zu mobilisieren, erklärt hauptsächlich den erneuten, langsamen Anstieg der Zahl innerstaatlicher Kriege in der dritten Phase (ab 1997).

Für die nachfolgende vierte Phase zwischen 2004 und 2010 ist mit Blick auf die Anzahl innerstaatlicher Kriege eine Zickzack-Linie zu erkennen. Die Gründe hierfür liegen im Auseinanderdriften der Konfliktentwicklungen in den Regionen der Welt. Während Afrika und Asien in diesem Zeitraum tendenziell starke Rückgänge der innerstaatlichen Kriege aufwiesen, stiegen sie im Nahen und Mittleren Osten deutlich an. Besonders in Afghanistan und seinen Nachbarländern brachen nach der Intervention der USA im Jahre 2002 viele lokale innerstaatliche Kriege aus. Ein wichtiger Grund dafür ist in der Zersplitterung der alten Allianzen, aber auch im immer häufigeren Auftreten kleiner und regional agierender Gruppen zu suchen. Die fünfte und letzte Phase seit 2010 ist durch eine starke Zunahme von Konflikten infolge der Trendumkehr in Asien und Afrika gekennzeichnet. Dabei handelt es sich nur in Ausnahmefällen um das Aufbrechen neuer Konflikte. Häufiger ist die Intensivierung bereits bestehender und bereits schon früher gewaltsam ausgetragener Auseinandersetzungen.

Regionale Verteilung innerstaatlicher Konflikte



Regionale Entwicklung innerstaatlicher Kriege 1945-2013Grafik 2: Regionale Entwicklung innerstaatlicher Kriege 1945-2013 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Nicolas Schwank)
Ein Blick auf die regionale Entwicklung der innerstaatlichen Kriege zeigt, dass sich zum Ende der 1980er Jahre die Situation am deutlichsten im subsaharischen Afrika und in Europa verschlechtert hat. Besonders das bis dahin weitgehend friedliche Europa erfuhr eine völlig neue Situation. Hatte der Kontinent über lange Zeit mit dem Nordirland-Konflikt nur einen einzigen kriegsähnlichen Konflikt aufzuweisen, stieg ihre Zahl nun innerhalb von nur zwei Jahren auf acht an. Die Hauptursache waren die zentripetalen und Ablösungsbestrebungen nach dem Ende der Sowjetunion. An ihren Rändern erkämpften sich ehemalige Teilrepubliken nach und nach ihre Unabhängigkeit. Besonders im Baltikum und im Kaukasus (Armenien, Aserbaidschan und Georgien) wurde der Sezessionsprozess von zum Teil heftigen innerstaatlichen Auseinandersetzungen und Kriegen zwischen Befürwortern und Gegnern der Unabhängigkeit begleitet.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion wirkte sich ebenfalls auf das ehemalige Jugoslawien aus. Da die ideologische Klammer wegfiel, löste sich der Vielvölkerstaat auf, der bereits nach Titos Tod (1981) in eine Krise geraten war. Innerhalb weniger Jahre konnte für die gesamte europäische Entwicklung die prekäre Situation nicht zuletzt auch dank der euro-atlantischen Institutionen eingedämmt werden. Einen herben Rückschlag für die gesamteuropäischen Friedensbemühungen stellte der georgisch-russische Krieg im Jahre 2008 dar, in dessen Folge auch die innerstaatlichen Kriege in Georgien erneut eskalierten. Aktuell schwelen die gewaltsamsten Konflikte Europas in den russischen Teilrepubliken Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien im nördlichen Kaukasus sowie in der Ukraine.

Im subsaharischen Afrika stieg die Zahl innerstaatlicher Kriege nach 1989 ebenfalls drastisch an. Als besonders anfällig erwiesen sich in diesen Jahren neben den bereits erwähnten Ruanda und Somalia insbesondere Uganda, Burundi und Äthiopien. Nach dem vorläufigen Höchststand von 16 innerstaatlichen Kriegen im Jahre 1994 halbierte sich deren Zahl innerhalb von nur zwei Jahren auf acht. Doch anders als in Europa eskalierte das Konfliktgeschehen erneut und erreichte 2002 mit 19 innerstaatlichen Kriegen einen abermaligen Höchstwert. Einen besonderen Schwerpunkt der gewaltsamen Auseinandersetzungen bildete in diesem Zeitraum die DR Kongo. Aber auch der Sudan, Angola und Uganda weisen bis heute eine hohe Kriegsbelastung auf. In den darauffolgenden Jahren bildeten neben der DR Kongo vor allem der Tschad und Nigeria die Spitze der Kriegsländer. Aktuell sind Nigeria, die Zentralafrikanische Republik, der Sudan, der Südsudan und Mali die wichtigen Schauplätze innerstaatlicher Kriege in Afrika.

Ein gegenläufiger Trend lässt sich für die Region Asien/Ozeanien feststellen. Hier sank nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Anzahl innerstaatlicher Kriege insgesamt deutlich. Zurückzuführen ist dies nicht zuletzt auf das – zumindest vorläufige - Ende vieler langjähriger Kriege, so in Kambodscha, Sri Lanka, Indonesien und Myanmar. Auch in Indien, wo es sehr viele innerstaatlicher Kriege im Norden des Landes gab, hat sich die Situation zumindest zeitweilig etwas beruhigt. Allerdings wurde und wird in Asien eine größere Zahl von gewaltsamen Konflikten unterhalb des Kriegsniveaus ausgetragen.

In den verschiedenen Teilen des amerikanischen Kontinents lag die Konflikthäufigkeit nach 1989 gleichfalls deutlich unter dem Wert der 1980er Jahre. Typische Konflikte um das politische oder ökonomische System, wie in Nicaragua, Guatemala oder El Salvador, bei denen sich beide Militärblöcke stark engagierten, wurden in den 1980er Jahren beendet oder ebbten in ihrer Gewaltintensität ab. Einzig Kolumbien bleibt weiterhin von blutigen Kämpfen zwischen den FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und den Regierungstruppen betroffen. Hier hat es die FARC durch den Aufbau eines lukrativen Drogenhandels geschafft, Einkommen für ihre militärischen Unternehmungen zu generieren. Kriege, in denen es vorrangig um die Verteilung der Gewinne aus dem Drogenschmuggel geht, toben ebenfalls in Mexiko und Brasilien.

Der Vordere und Mittlere Osten, der die islamischen Staaten vom Maghreb bis nach Afghanistan umfasst, zeigte nach dem Ende des Kalten Krieges zunächst eine ähnliche Tendenz wie in Amerika oder Asien. Die Kriegshäufigkeit nahm deutlich ab. In den letzten Jahren verschlechterte sich der Wert allerdings drastisch. Innerhalb des Beobachtungszeitraums war die Kriegszahl noch nie so hoch. Auffallend ist, dass die regionale Konfliktverlaufskurve erst nach 2002 – und damit nach den Kriegen der USA gegen Afghanistan und den Irak – deutlich anstieg. Es dominieren Konflikte, in die islamistische Gruppen in der einen oder anderen Weise involviert sind. Von Afghanistan und dem Irak aus sind Mudschaheddin-Gruppen in den gesamten arabischen Raum eingesickert. Sie nutzen die schwache Staatlichkeit vieler Länder, um mit Gewalt ihre Ziele einzufordern.

Zunahme gewaltsamer Krisen unterhalb der Kriegsschwelle



Eine bemerkenswerte neuere Entwicklung ist der starke Anstieg "gewaltsamer Krisen", wie sie im CONIAS-Ansatz bezeichnet werden. Der CONIAS Ansatz unterscheidet insgesamt fünf unterschiedliche Stufen politischer Konflikte, wobei die ersten beiden gewaltlos sind und die gewaltsamen Phasen in "gewaltsame Krise", "begrenzter Krieg" und "Krieg" unterschieden werden. Die Konfliktform "gewaltsame Krise" erfordert zwar einen geringeren Blutzoll als "begrenzte Kriege" oder "Kriege", sie tritt dafür aber oft überraschend und ohne große Vorwarnzeichen auf. Sie stellt eine neue Qualität der Bedrohung der inneren Sicherheit zahlreicher Staaten dar, die in ihren Auswirkungen – z.B. große Flüchtlingsbewegungen und das damit verbundene Elend der Zivilbevölkerung – durchaus an jene von Kriegen heranreichen. Für die Bewertung der Stabilität und Sicherheit eines Staates wird es deshalb immer wichtiger, nicht nur die Anzahl innerstaatlicher Kriege, sondern auch jene gewaltsamer Krisen zu beachten (vgl. Grafik 1: gestrichelte orangene Linie).

Zu "gewaltsamen Krisen" zählen unterschiedliche Formen politischer Konflikte. Darunter fallen beispielsweise Bombenanschläge, Selbstmordattentate oder einzelne, gezielte Tötungen von Zivilisten – also Konfliktformen, die in den Medien gemeinhin als Terrorismus bezeichnet werden. Ebenso fallen in diese Kategorie die Operationen kleinerer bewaffneter Gruppen, die ein ähnliches Vorgehen zeigen wie militärische Gruppen in Bürgerkriegen, aber aufgrund der Personalstärke und/oder ihrer Bewaffnung nicht das Kriegsniveau erreichen. Schließlich werden unter gewaltsamen Krisen auch jene militärischen Handlungen subsumiert, die von gut ausgebildeten und materiell ausgestatten staatlichen und nicht-staatlichen Armeen ausgeführt werden, aber in ihrem Ausmaß begrenzt bleiben. Jede einzelne dieser "gewaltsamen Krise" ist jedoch ausreichend, um das Sicherheitsgefühl in diesen Staaten empfindlich zu stören. Sie sind deshalb nicht nur eine massive Bedrohung für die physische Sicherheit der Bevölkerung, sondern auch eine Gefahr für das wirtschaftliche Wachstum geworden.

Die Verlaufslinie in der Grafik 1 zeigt, dass die Häufigkeit innerstaatlicher "gewaltsamer Krisen" bis Mitte der 1990er Jahre stark mit dem Aufkommen innerstaatlicher Kriege korreliert. Erst ab 1995 nimmt sie eine eigenständige Entwicklung und steigt fast kontinuierlich stark an. Da diese deutliche Zunahme in den Zeitraum fällt, in dem auch die Verbreitung des Internets voranschreitet, stellt sich natürlich auch die Frage, ob es sich bei dem Anstieg dieser Konfliktform um eine reale Zunahme handelt oder ob lediglich die Informationen und Berichte darüber zugenommen haben. Sicherlich ist ein solcher medialer Verstärkungseffekt nicht auszuschließen. Doch fallen in diesen Zeitraum noch andere Korrelationen – so die Häufung von Staaten mit schwacher Staatlichkeit und die zunehmende Verbreitung sogenannter leichter Waffen. Beides führte offenbar dazu, dass Rebellengruppierungen und andere gewaltbereite politische Gruppen mit geringerem Aufwand Wirkung erzielen konnten.

Literatur



Geis, Anna (2006): Den Krieg überdenken Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse, Baden-Baden: Nomos.

»Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) (2014): Conflict Barometer 2013, Heidelberg.«

Münkler, Herfried (2010): Der Wandel des Krieges, Weilerswist: Velbrück.

Schwank, Nicolas (2012): Konflikte, Krisen, Kriege, Baden-Baden: Nomos.

»Schwank et al. (2013): Der CONIAS Datensatz.«

Themnér, Lotta/ Wallensteen, Peter (2013): Armed conflict, 1946-2012, in: Journal of Peace Research, Vol. 50, No. 4, S. 509-521.


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