Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, 9. April 2011.

Innerstaatliche Konflikte seit Anfang der 1990er Jahre

Forschungstrends und politische Bewertungen


2.2.2010
Wahrnehmung, Analyse und Bearbeitung innerstaatlicher Konflikte haben sich seit dem Ende des Ost-West-Konflikts mehrfach verändert. Das hat auch mit der wechselnden Konjunktur globaler Diskurse und Bedrohungsszenarien zu tun.

Regierungstruppen im Kongo werden im September 2007 von Rebellen gefangen gehalten.Regierungstruppen im Kongo werden im September 2007 von Rebellen gefangen gehalten. (© AP)

Die internationale Wahrnehmung und Behandlung innerstaatlicher Konflikte in Wissenschaft, Medien und Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals gravierend verändert. Während des Ost-West-Konflikts hielt man innerstaatliche Kriege in den Ländern der Dritten Welt für "Stellvertreterkriege" der Supermächte. Dadurch wurden die nationalen Konfliktursachen und die Motivationen der Akteure ausgeblendet. Zum Beispiel war der afghanische Bürgerkrieg ab 1979 die Folge eines rein innenpolitischen Konflikts, in den die Sowjetunion und die USA erst später eingriffen.

Vom Stellvertreterkrieg der Supermächte zum ethnischen Konflikt



Als nach dem Ende der Blockkonfrontation die Zahl der innerstaatlichen Kriege weiter zunahm, wurde deutlich, dass die Ursachen dieser Konflikte nicht in der Struktur des internationalen Systems gelegen haben konnten. Eine neue Erklärung war nötig. Schnell verbreitete sich die Interpretation, dass die neuen innerstaatlichen Kriege primär das Resultat ethnischer Streitigkeiten seien. Während des Ost-West-Konflikts, so diese Logik, hätten nationale Regierungen ethnische Konflikte eindämmen können, doch mit dem Ende der Blockkonfrontation wären die unterdrückten Identitäten wieder hervorgetreten, was zu blutigen Konflikten führe. Der jugoslawische Bürgerkrieg (1991-1995) sowie der ruandische Genozid (1994) wurden dabei als Beispiele herangezogen, die diese Erklärung stützten.

Bürgerkriegsökonomien und zerfallen(d)e Staaten



Über die Jahre wurde jedoch zunehmend deutlich, dass sich viele Konflikte nicht allein durch Ethnizität begründen ließen. Diese Sichtweise wurde daher durch eine Theorie abgelöst, die innerstaatliche Konflikte durch die ökonomische Motivation der Kriegsakteure erklärte. Im Unterschied zur "ethnischen" Erklärung, die die Konflikte weitgehend als irrational und gefühlsgesteuert ansah, hob dieser Ansatz die wirtschaftliche Rationalität der Gewalt hervor, wobei unter anderem auf Fälle wie Sierra Leone (1991-2001) und die Demokratische Republik Kongo (1996-2003) verwiesen wurde.

Doch auch die ökonomische Theorie hatte ihre Schwächen. Tatsächlich ließ sich nämlich zeigen, dass innerstaatliche Konflikte zwar eine wirtschaftliche Dimension haben, diese jedoch keineswegs in allen Fällen im Vordergrund steht. Vielmehr brechen weiterhin viele Konflikte aufgrund sozialer oder politischer Missstände aus. Und selbst die profitgierigsten Gewaltunternehmer (Warlords) kommen ohne eine politische oder ideologische Begründung ihres Tuns nicht aus.

Die nächste Theorie bezeichnete innerstaatliche Konflikte stattdessen als Folge von Staatszerfall. Nach dieser Logik stellen zerfallene Staaten "gewaltoffene Räume" dar, die es Rebellen überhaupt erst ermöglichen, einen Bürgerkrieg (aus welchen Gründen auch immer) vom Zaun zu brechen.

Inzwischen zeichnen sich die Umrisse einer weiteren Theorie ab, die den politischen Charakter von Bürgerkriegen hervorhebt. Dies bezieht sich sowohl auf die Ziele der Beteiligten als auch auf die Strategien der Kriegführung, die immer mehr auf die Kontrolle der Zivilbevölkerung als auf den militärischen Sieg gegen die Gegenpartei ausgerichtet seien. Nur so ist das Vorgehen beispielsweise der Taliban in Afghanistan zu erklären, die diese Strategie verinnerlicht haben. Westliche Politiker und Kommandeure setzen demgegenüber darauf, den Krieg durch die Verstärkung ihrer Truppen zu gewinnen. Ob eine Intensivierung der militärischen Gewalt zum Ziel führt, wird jedoch von Forschern wie Jochen Hippler (2009) bezweifelt, der davor warnt, dass zivile Opfer von Luftangriffen dem Feind Zuspruch verschaffen und ihn dadurch sogar eher stärken als schwächen können.

Die Veränderung der Bedrohungswahrnehmung



Warum kam es zu dieser Abfolge verschiedener Erklärungen? Einerseits hat das damit zu tun, dass man ursprünglich nur wenig über das komplexe Ursachengefüge und die Dynamik innerstaatlicher Konflikte wusste, zumal sich die lange dominante Theorie der "Stellvertreterkriege" als grobe Vereinfachung erwiesen hatte. Insofern steht die Vielfalt von Interpretationen auch für einen Lernprozess als Resultat vertiefter wissenschaftlicher Forschung, der zu einer differenzierteren Sichtweise geführt hat.

Ein anderer wichtiger Grund für das konjunkturelle Auf und Ab der Erklärungsansätze und Theorien ist der schnelle Wandel, den der vorherrschende internationale Diskurs zur globalen Bedrohungslage und Sicherheitspolitik nach 1989 durchgemacht hat. Die frühen 1990er waren geprägt von einem großen Optimismus über die Zukunft der Welt. Francis Fukuyama (1992) sprach von einem "Ende der Geschichte" und dem unaufhaltsamen Siegeszug von Demokratie und Kapitalismus. Der damalige US-Präsident George Bush sprach 1990 sogar von einer "neuen Weltordnung", die auf die alte spannungsgeladene Konfrontation der Supermächte folgen würde.

Nun, da die drängendsten internationalen Probleme als gelöst galten, wurde der Neoliberalismus zur dominanten Ideologie dieser "neuen Weltordnung". Nach dessen Sichtweise sollten Menschen und Unternehmen die größtmögliche Freiheit genießen. Der Staat galt als weitgehend überflüssig und sollte auf einige wenige Kernfunktionen reduziert werden, um dem freien Spiel der Wirtschaft nicht im Wege zu stehen (Fukuyama 2004, Khan 2002). Für etwa ein Jahrzehnt blieb diese Argumentation weitgehend unangefochten (Debiel/Lambach/Pech 2007).

Die Welt nach dem 11. September 2001



Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde deutlich, dass der freie Markt nicht für internationale Sicherheit sorgen konnte. Nach der Entwicklungspolitik entdeckte auch die Sicherheitspolitik den Staat neu, der nun wieder als Garant für Schutz und Sicherheit der Menschen galt. Gleichzeitig bewiesen die Erfahrungen in Afghanistan und anderswo, dass der Aufbau staatlicher Institutionen ein politischer Prozess ist, der oft auf Widerstände trifft. Diese übergreifenden Diskurse beeinflussten auch die Wahrnehmung innerstaatlicher Konflikte. So sind z.B. die ethnische und die ökonomische Theorie zur Erklärung innerstaatlicher Konflikte mit neoliberalen Positionen verbunden: Beide heben die geringen Möglichkeiten staatlicher Intervention hervor und verorten die Ursachen gewaltsamer Konflikte in Konstanten menschlichen Verhaltens, sei es nun in der Unvereinbarkeit verschiedener Identitäten oder in schlichter Gier.

Der inzwischen eingetretene Wandel des Diskurses hin zu einer "Wiederentdeckung" des Staates und der Politik hatte auch Folgen für die Wahrnehmung innerstaatlicher Konflikte. Diese werden nun als Folge politischer Auseinandersetzungen interpretiert, die nicht im Rahmen der bestehenden Institutionen gelöst werden können. Eine häufige Reaktion auf diese Diagnose ist die Strategie des Staats- und Institutionenaufbaus.

Literatur



Greiner, Bernd; Müller, Christian; Walter; Dierk (Hrsg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006.

Hippler, Jochen, 2009: "The Decisive Battle is for the People's Minds" – Der Wandel des Krieges: Folgerungen für die Friedens-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik, in: Jochen Hippler et al (Hrsg.): Friedensgutachten 2009, Münster, S. 32-47.

Fukuyama, Francis, 1992: The End of History and the Last Man. London: Penguin.

Fukuyama, Francis, 2004: State-building: Governance and World Order in the Twenty-First Century. London: Profile Books.

Khan, Mushtaq H. (2002): State Failure in Developing Countries and Strategies of Institutional Reform, Paper presented at the World Bank ABCDE Conference, Oslo, 24-26 June 2002.

Weiterführende Literatur



Daase, Christopher (2001): Terrorismus – Begriffe, Theorien und Gegenstrategien. Ergebnisse und Probleme sozialwissenschaftlicher Forschung, in: Die Friedens-Warte, Vol. 76, Heft 1, S. 55-79.

»http://www.bpb.de/files/Q81JV4.pdf«

Links



Chojnacki, Sven (2004): Neue Kriege oder substaatliche Kriege? Gewaltakteure und Gewaltmärkte: Wandel der Kriegsformen? In: Die neuen Kriege, Der Bürger im Staat, Heft 4/2004, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 197-204.
»http://www.friedenspaedagogik.de/themen/neue_kriege/>chojnacki.pdf«

Hippler, Jochen (1999): Konflikte und Krisenprävention, in: Stiftung Entwicklung und Frieden, Globale Trends 2000: Fakten, Analysen, Prognosen, hrsg. von Ingomar Hauchler, Dirk Messner, Franz Nuscheler, Frankfurt a.M.

»http://www.jochen-hippler.de/Aufsatze/Konflikte_und_Krisenpravention
/konflikte_und_krisenpravention.html«


medico international (2002): Ungeheuer ist nur das Normale: Zur Ökonomie der "neuen" Kriege, medico-Report No. 24, Frankfurt. »http://www.medico.de/download/mi_report-24_it.pdf«

Hoch, Martin: Krieg und Politik im 21. Jahrhundert, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 20/2001.
»http://www.bpb.de/publikationen/VKE3AO«

Hirschmann, Kai (2001): Terrorismus in neuen Dimensionen. Hintergründe und Schlussfolgerungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 51/2001.»http://www.bpb.de/publikationen/BEPMBD«

Debiel, Tobias; Lambach, Daniel; Pech, Birgit (2007): Geberpolitiken ohne verlässlichen Kompass? Zum Wandel des Governance-Diskurses in schwierigen Zeiten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte(48/2007): 10-16.

»http://www.bpb.de/publikationen/H7TZQV«


 

Interaktives Portal

Informationsportal Krieg und Frieden

Informationsportal Krieg und Frieden

Die weltweiten Rüstungsausgaben sind 2010 um 1,3 Prozent gestiegen - auf 1,6 Billionen US-Dollar. Welches Land gibt wie viel für sein Militär aus? Und wer bezieht die meisten Waffen aus Deutschland? Das interaktive Portal liefert Antworten auf sicherheitspolitische Fragen. Weiter...