Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Kolumbien


14.9.2016
Die kolumbianische Regierung und die FARC-Guerilla haben sich auf einen Friedensvertrag geeinigt. Die Zustimmung der Bevölkerung steht noch aus. Die Umsetzung der Friedensvereinbarung wird eine enorme Herausforderung für die kolumbianische Gesellschaft sein.

Am 2. Oktober 2016 stimmen die Kolumbianer über den Friedensvertrag in einem Referendum ab. Er soll zuvor am 26. September unterzeichnet werden. Auf dem Bild zu sehen ist Juan Carlos Galindo, Leiter des Nationalregisters, mit dem Muster eines Stimmzettels.Am 2. Oktober 2016 stimmen die Kolumbianer über den Friedensvertrag in einem Referendum ab. Er soll zuvor am 26. September unterzeichnet werden. Auf dem Bild zu sehen ist Juan Carlos Galindo, Leiter des Nationalregisters, mit dem Muster eines Stimmzettels. (© picture-alliance/dpa)

Aktuelle Situation



Als vorläufiger Höhepunkt der vierjährigen Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos und der linken Guerillaorganisation FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) ist am 29. August 2016 ein beidseitiger Waffenstillstand zwischen den Parteien in Kraft getreten.

Einige Tage zuvor, am 24. August, war der Text des Gesamtabkommens am Verhandlungsort Havanna (Kuba) veröffentlicht worden. Die feierliche Unterzeichnung ist für den 26. September in der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena vorgesehen.

In Teilabkommen waren bereits Einigungen zu den Verhandlungsthemen ländliche Entwicklung, politische Teilhabe, Umgang mit den Opfern des Konflikts, Übergangsjustiz sowie Drogenanbau und -handel erreicht worden. Hervorzuheben ist, dass sich der juristische Rahmen auf alle direkt und indirekt am Konflikt beteiligten Akteure bezieht, also neben den FARC ausdrücklich auch die kolumbianischen Streitkräfte sowie politische und Wirtschaftsakteure einschließt.

Die Teilvereinbarung zum Umgang mit den Opfern des bewaffneten Konflikts sieht sowohl die Schaffung einer Wahrheitskommission als auch eines Sondertribunals für den Frieden vor. Dabei soll die Wahrheitsfindung Priorität haben und das Prinzip "Strafnachlass im Austausch für Beiträge zur Wahrheitsfindung" gelten. Es sollen nur die Verantwortlichen für die schwersten Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Für den Tatbestand der Rebellion und damit verbundene Taten ist dagegen eine Amnestie vorgesehen. Keine Amnestie wird bei Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid gewährt. Hier werden jedoch kürzere Haftstrafen (5 bis 8 Jahre) in Aussicht gestellt, wenn die Täter bei der Aufklärung ihrer Vergehen helfen. Ansonsten riskieren sie bis zu 20 Jahre Haft.

Die seit Oktober 2012 laufenden Friedensverhandlungen waren auf einen kleinen Teilnehmerkreis beschränkt. Garanten aus Norwegen, Kuba, Chile und Venezuela begleiteten die Verhandlungen. Entgegen der ursprünglichen Forderung der FARC stand dabei das (kapitalistische) Wirtschaftssystem Kolumbiens nicht zur Diskussion. Im Kern sollten die Voraussetzungen für die Umwandlung der Guerilla in eine zivile politische Kraft geschaffen werden. Die fünf Themenblöcke umfassende Verhandlungsagenda adressierte wesentliche Konfliktursachen.

Nach der Unterzeichnung soll der Friedensvertrag am 2. Oktober der kolumbianischen Bevölkerung in einem Referendum zur Abstimmung vorgelegt werden. Präsident Santos erklärte, dass er fest an eine Zustimmung glaube und es daher auch keinen Plan B für den Fall der Ablehnung gebe. Nach Meinungsumfragen war die Unterstützung in der Bevölkerung für die Verhandlungen begrenzt, und eine Zustimmung zum Abkommen ist keineswegs sicher. Nationale Umfragen aus der letzten Augustwoche belegen allerdings erstmals eine Mehrheit der Befürworter von über 60%.

Störfeuer kommt hauptsächlich aus der Partei von Ex-Präsident Uribe, der bereits die Verhandlungen abgelehnt hat und weiterhin auf eine militärische Lösung setzt. Die Vereinbarung sei ein Zugeständnis der Straflosigkeit an Terroristen. Unter dem Konflikt leidet vor allem die ländliche Bevölkerung; sie ist aber nicht wahlentscheidend. Immerhin sieht ein Teil der Elite die Verhandlungen positiv; sie sind bisher jedoch kaum bereit, sich an den Kosten des Friedens zu beteiligen.

Rebellen warten darauf, dass sie ihre Waffen in einer Militärbasis in Tumaco, Kolumbien, abgeben können.Demobilisierte Rebellen der ELN übergeben ihre Waffen der regulären Armee Kolumbiens (© picture-alliance/AP)
Die kleinere Guerilla-Gruppe Nationales Befreiungsheer (ELN) und die Regierung kündigten im März 2016 offizielle Verhandlungen an. Der Beginn hat sich jedoch bis Anfang September nicht konkretisiert. Der ELN besteht auf einer eigenen Verhandlungsagenda, doch je weiter der Prozess mit den FARC voranschreitet, desto geringer wird der Spielraum dafür. Wenn es nicht gelingt, den ELN in den Friedensprozess einzubeziehen, könnte er zum Auffangbecken für alle mit der gegenwärtigen Entwicklung Unzufriedenen und nicht-demobilisierungswilligen FARC-KämpferInnen werden.

Ein weiteres Problem stellen die fortgesetzten Aktivitäten und Verbrechen der rechtsgerichteten paramilitärischen "Selbstverteidigungsgruppen" (AUC) dar. Diese wurden zwar während der Präsidentschaft von Alvaro Uribe (2002-2010) demobilisiert, de facto existieren sie jedoch unter anderen Namen weiter (u.a. Gaitanistas, Urabeños). Sie werden von der Regierung verharmlosend als kriminelle Banden (BACRIM) bezeichnet. Sie bedrohen und ermorden Oppositionelle sowie von ihrem Land vertriebene Bauern, die sich für die Rückgabe ihres Besitzes einsetzen. Auch ist die Ermordung demobilisierter Guerilleros durch Paramilitärs zu befürchten. Zunehmend besetzen paramilitärische Gruppen auch Gebiete, aus denen sich die FARC KämpferInnen zurückziehen.

Ursachen und Hintergründe



Karte von KolumbienKarte von Kolumbien PDF-Icon Hier finden Sie die Karte als hochauflösende PDF-Datei (© Kämmer-Kartographie, Berlin 2012)
Nach einem mehrjährigen erbitterten Machtkampf – der sogenannten Violencia (1948-1953) – schlossen die Konservativen und Liberalen einen Pakt der Machtteilung (1958-1974). Die "Violencia", der bis 1963 mehr als 200.000 Zivilisten zum Opfer fielen, hat das politische Klima des Landes nachhaltig vergiftet. Die "Nationale Front" zwischen Konservativen und Liberalen schloss andere Parteien faktisch von der Regierungsbildung aus. Auch danach wurden Oppositionelle bedroht und ermordet, darunter mehrere Präsidentschaftskandidaten. Den Tiefpunkt bildete die fast völlige Auslöschung der linken Partei Unión Patriótica in den 1980er Jahren.

Die politische Teilhabe oppositioneller Parteien, linker Gewerkschaften und zivilgesellschaftlicher Organisationen wird bis heute behindert. Politische Morde sind heute nicht mehr so häufig wie noch in den 1980er Jahren, aber immer noch ein Faktum. Der Zugang zu den Medien ist beschränkt. Kritische JournalistInnen werden bedroht. Die Rechtsstaatlichkeit bleibt oft auf der Strecke. Korruption grassiert.

Die wichtigste Konfliktursache war und ist das große soziale Gefälle zwischen Arm und Reich und damit verbunden die extrem ungleiche Verteilung von Landbesitz. Kolumbien ist weltweit eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit; es steht auf Platz 12 von 168 Ländern laut UNDP (Gini-Index von 55,9 für 2013).

Für die Mitte der 1960er Jahre als bäuerliche Selbstverteidigungsgruppe gegründete FARC-Guerilla stand die Landfrage im Zentrum. In den 1980er Jahren eskalierte der Konflikt, als verstärkt auftretende paramilitärische Gruppen im Auftrag von Grundbesitzern eine gewaltsame Umverteilung von Land betrieben. Vielfach wurden sie von staatlichen Sicherheitskräften geduldet oder offen unterstützt. Allein im Zeitraum von 1985 bis 2012 wurden sechs Mio. KleinbäuerInnen gewaltsam von ihrem Land vertrieben.

Der Drogenhandel bietet allen bewaffneten Gruppen eine üppige Finanzierungsquelle, in einigen Regionen kommt illegaler Goldbergbau hinzu. Die FARC-Guerilla hat sich darüber hinaus lange über Entführungen finanziert. Die Konkurrenz um Drogenanbaugebiete und –routen sowie Bodenschätze führt zu weiterer Gewalt.

Bearbeitungs- und Lösungsansätze



Mehrere Regierungen haben seit den 1980er Jahren Verhandlungen mit Guerilla-Gruppen geführt. Gesellschaftliche Veränderungen und die Aufarbeitung der Gewalt blieben dabei jedoch weitgehend ausgespart. 1984 ging die Partei Unión Patriótica (UP) als Ergebnis aus Verhandlungen zwischen den FARC und der Regierung Betancur hervor. Nach anfänglichen Wahlerfolgen begann die systematische Ermordung ihrer Mitglieder durch Paramilitärs.

Verhandlungen mit kleineren Gruppen, wie M19 und Quintín Lame, führten 1990 und 1991 zu deren Demobilisierung. Beide Gruppen konnten Delegierte in die Verfassungsgebende Versammlung entsenden. Von 1999 bis 2002 fanden unter Präsident Pastrana erneut Verhandlungen mit den FARC unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher Repräsentanten und mit großer Medienpräsenz statt. Die Verhandlungen endeten 2002 jedoch ergebnislos.

2003 unterzeichnete Präsident Uribe mit den paramilitärischen Gruppen ein Abkommen zu deren Demobilisierung. Für die Kommandanten war eine Höchststrafe von 8 Jahren Gefängnis vorgesehen, wenn sie zur Wahrheitsfindung beitragen und illegal erworbenes Vermögen abgeben. Einige der Kommandanten haben zur Aufklärung über die paramilitärische Durchdringung der politischen Institutionen beigetragen, sodass (wenige) Verantwortliche bestraft werden konnten. Bis Juli 2015 hatte die eigens geschaffene Sondergerichtsbarkeit "Gerechtigkeit und Frieden" aber nur 33 Urteile gefällt. Die Nichtregierungsorganisation INDEPAZ ermittelte für 2014/15, dass in mindestens 30% der kolumbianischen Gemeinden Gruppen präsent sind, die paramilitärische Aktivitäten und Drogenhandel betreiben.

Zivilgesellschaftliche Initiativen engagieren sich seit Jahren lokal für gewaltfreie Lösungsansätze, beispielsweise in sogenannten Friedensgemeinden oder humanitären Zonen. Für sie und andere AktivistInnen bleibt Kolumbien ein gefährliches Land. 2014 wurden 626 MenschenrechtsaktivistInnen bedroht und 55 ermordet. Für 72% der Taten sind paramilitärische Gruppen verantwortlich (siehe Bericht der NRO "Somos Defensores").

Die Geschichte des Konflikts



Seit dem Zerfall Groß-Kolumbiens 1829/30 in die drei Staaten Venezuela, Ecuador und Kolumbien befindet sich Kolumbien in einem nahezu permanenten Zustand innerer Kämpfe. Der Bürgerkrieg von 1948 bis 1953 zwischen Liberalen und Konservativen – die sogenannte Violencia – zwang Hunderttausende Bauern zur Flucht aus den fruchtbaren Andenregionen. Gerade in den bis dahin vernachlässigten Regionen sowie in den Armenvierteln der entstehenden und dynamisch wachsenden Großstädte gelang es der Guerilla, ab Mitte der 1960er Jahre Fuß zu fassen.

Der erstarkenden Guerilla setzte der Staat ab den 1970er Jahren eine Form der Aufstandsbekämpfung entgegen, die massive Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung einschloss. Ab den 1970er Jahren verbreitete sich der Cannabis- und Koka-Anbau. Drogenanbau und -handel erlangten zunehmende Bedeutung für die Finanzierung aller bewaffneten Gruppen.

In den achtziger Jahren erstarkten die paramilitärischen Gruppen, entstanden aus privaten Sicherheitsdiensten, Schutzgruppen der Großgrundbesitzer sowie der Drogenmafia. Sie gaben vor, die Guerilla zu bekämpfen, gingen jedoch vielfach gegen ZivilistInnen und Oppositionelle vor und waren wesentlich am Landraub sowie am Drogengeschäft beteiligt.

Die FARC wurde 2012 auf 7.800 KämpferInnen, der ELN auf ca. 1.500 bis 3.000 geschätzt. Beide Gruppen haben zahlreiche Verletzungen des Humanitären Völkerrechtes begangen. Das militärische Vorgehen von Präsident Uribe (2002-2010) hat die Guerilla geschwächt, was auch durch die unter seinem Amtsvorgänger Pastrana angelaufene US-Militärhilfe des "Plan Colombia" möglich wurde.

Literatur



Hörtner, Werner (2013): Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden. Zürich, Rotpunkt Verlag, ISBN-13 9789858695772.

Kurtenbach, Sabine (2012): Kolumbien – der weite Weg zu Kriegsbeendigung und Frieden. GIGA Focus Lateinamerika, Hamburg.

Angelika Rettberg und Daniel Quiroga (2014): Kolumbien: Der Kongress und die Friedensverhandlungen, GIGA Focus Nr. 6.

Amnesty international (2015): Ein Landtitel reicht nicht. Landrückgabe in Kolumbien nachhaltig durchführen, April 2015.

Links



»Deutschsprachige Informationen der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien.«

»Gini-Koeffizient laut UNDP / Weltbank«

»Informationen über die Menschenrechtslage in Kolumbien«

Lateinamerika-Zeitschrift mit regelmäßigen Beiträgen zur politischen Lage in Kolumbien. http://www.ila-web.de

»LänderInformationsPortal der GIZ«

»Textsammlung der AG Friedensforschung Kassel«

»Aktuelle Analysen der International Crisis Group«

»Transitional Justice and Colombia’s Peace Talks, Latin America Report N°49, 29 August 2013.«

»Colombia: Peace at Last? Latin America Report N°45, 25 September 2012.«

»Regelmäßige Berichte zur Konflikt- und Menschenrechtssituation«,»http://www.hrw.org/americas/colombia«und »http://www.hrw.org/americas/colombia«

»Bericht der NRO Somos Defensores (spanisch)«, »Bericht der NRO Somos Defensores (englisch)«


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Christiane Schwarz und Alexandra Huck für bpb.de

 

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