Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

20.12.2017 | Von:
Regina Heller

Nordkaukasus

Was vor 25 Jahren als ethno-nationalistischer Unabhängigkeitskampf in Tschetschenien begann, hat sich in einen nationalistisch ausgerichteten Dschihad in der Region Nordkaukasus verwandelt. Unter dem Einfluss des IS droht eine erneute Transformation – in einen Konflikt, der ganz Russland erfassen könnte.

Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014.Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014. (© picture-alliance/AP)

Aktuelle Konfliktsituation

Die Gewalt im Nordkaukasus ist bereits seit einigen Jahren konstant rückläufig. 2015 wurden 209 Todesopfer in der Region registriert, 2016 waren es 202 und 2017 (bis einschließlich Juli) 58. Verglichen mit 2012 hat sich die Zahl der Gewaltereignisse sogar auf weniger als ein Drittel verringert. Die meisten Anschläge wurden in Dagestan verübt. Hier befindet sich seit einigen Jahren das organisatorische Zentrum des pankaukasischen Untergrundkampfes, der ursprünglich in Tschetschenien begann. Einige wenige Anschläge ereigneten sich aber auch außerhalb des Nordkaukasus. So kam es im August 2016 zu einem Angriff auf einen Polizeiposten in der Nähe von Moskau. Weitere in Moskau und St. Petersburg geplante Attentate konnten von den russischen Behörden vereitelt werden. Zu den meisten der Anschläge hat sich der sogenannte Islamische Staat (IS) bekannt.

Dass die Anschläge im Namen des IS und nicht mehr des "Kaukasischen Emirats" erfolgen, ist neu. Das seit 2007 bestehende "Emirat", das bisher als ideologische Klammer der lose organisierten militanten, salafistischen Muslim-Bruderschaften (Jamaate) im Nordkaukasus fungiert, hat in den letzten Jahren an Gewicht und Einfluss verloren und wurde mehr und mehr vom IS vereinnahmt. Das ist besonders bemerkenswert, weil die ideologische Kluft zwischen beiden groß war, und die Führung des "Kaukasischen Emirats" die Ziele und Methoden des IS stets abgelehnt hat. Seit der IS 2014 in einer Videobotschaft die "Provinz Kaukasien" ausgerufen hat, haben sich ihm viele lokale Emire und Feldkommandeure des "Kaukasischen Emirats" angeschlossen und dem IS und seinen Führern Gefolgschaft geschworen. Aus heutiger Sicht scheint der IS den Konkurrenzkampf um die ideologische Vorherrschaft im Nordkaukasus gewonnen zu haben.

Neu ist auch, dass der bislang eher nationalistisch ausgerichtete pankaukasische Untergrundkampf durch die Verschmelzung mit dem IS nun offenbar auch wieder stärker darum bemüht ist, seine Attacken auf Gebiete und Ziele außerhalb des Nordkaukasus auszuweiten. Das "Kaukasische Emirat" hatte bisher seine Anschläge mehrheitlich gegen Staatsbedienstete, Mitarbeiter lokaler und föderaler Sicherheitsdienste, hohe Regierungsmitglieder sowie offizielle Vertreter des gemäßigten Sufi-Islam im Nordkaukasus gerichtet. Seit dem Anschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedovo (2011) hat es keine nennenswerten Attentate mehr außerhalb der Region gegeben. Der IS hat in den letzten zwei Jahren wiederholt mit Terroranschlägen auf zivile und administrative Ziele in ganz Russland gedroht, vor allem aber damit, den "Jihad" im Nordkaukasus unvermindert und großflächig fortzusetzen. Die bislang geringe Gewaltintensität deutet jedoch darauf hin, dass die Gruppen und Verbände noch nicht in der Lage sind, einen solchen strukturierten und großflächig angelegten Kampf zu führen.
Konflikte im NordkaukasusKonflikte im Nordkaukasus. PDF-Icon Hier finden Sie die Karte als hochauflösende PDF-Datei Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (mr-kartographie)

Ursachen und Hintergründe

Die gegenwärtige Schwäche der terroristischen Gruppierungen, die nunmehr mehrheitlich unter dem Dach des IS operieren, hat mehrere Gründe. Erstens konnte Russland in den letzten Jahren einige Erfolge bei der Verfolgung und Neutralisierung von führenden Köpfen und Mitgliedern des militanten Aufstands im Nordkaukasus erzielen. Dokku Umarov, Kopf des "Kaukasischen Emirats", wurde bereits 2013 von Spezialkräften getötet, später auch seine beiden Nachfolger. Zweitens hat die Abwanderung von Kämpfern und gewaltbereiten Salafisten aus dem Nordkaukasus nach Syrien und in den Irak zu einer Ausdünnung in den eigenen Reihen und zu Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Kämpfer geführt. Drittens schließlich versiegten wichtige Finanzierungsquellen aus dem Ausland, konkret durch die Terrororganisation Al-Qaida, die ihre Aufmerksamkeit ebenfalls stärker in Richtung Naher Osten lenkte. Seit der Zerschlagung des IS in Syrien und im Irak ist zu vermuten, dass mehr Kämpfer nach Russland zurückkehren und das Gewalt- und Konfliktrisiko im Nordkaukasus wie auch in ganz Russland wieder ansteigen wird. Viele Rückkehrer sind militärisch ausgebildet und verfügen über Kampferfahrungen; sie sind zudem gut vernetzt.

War der IS bislang wenig effektiv bei der Durchführung konkreter Anschläge, so scheint er erfolgreicher in seinen Bemühungen, vor allem junge Muslime im Nordkaukasus zu ideologisieren und zu radikalisieren. Die schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnisse in der Region – eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, korrupte lokale Eliten sowie Repression und Gewalt durch Sicherheitskräfte – bilden hierfür einen fruchtbaren Nährboden. Die Gewalterfahrungen aus den beiden ethno-nationalistischen Unabhängigkeitskriegen in Tschetschenien (1994-1996 und 1999-2001) und dem nachfolgenden brutalen Vorgehen Moskaus gegen die einheimische Bevölkerung wirken bis heute nach. Aber auch die Unzufriedenheit über die von den lokalen Regierungen viele Jahre ignorierten schlechten Lebensbedingungen in der Region ist weiterhin groß.

Bereits 2013 startete der IS in Russland über das Internet und soziale Medien eine groß angelegte Propaganda-Offensive. Darin bedient er Gefühle der Unzufriedenheit, der Wut und der Ohnmacht gegenüber den lokalen und föderalen Behörden, indem Diskriminierung ethnischer Minderheiten in Russland sowie Willkür gegenüber nicht-traditionellen Formen des Islam thematisiert und angeprangert werden. Gerade im Osten des Nordkaukasus, wo der Islam traditionell eine große Rolle spielt und starken identitätsbildenden Charakter hat, sympathisieren viele Menschen mit der radikalen Ideologie des IS. Weil offizielle und "traditionelle" Formen des Islam (z.B. Sufi-Islam) häufig mit den etablierten und korrupten Machtstrukturen in Verbindung gebracht und damit auch für die Instabilität der Region verantwortlich gemacht werden, sehen sie in der IS-Ideologie eine "saubere" Alternative und einen gerechteren Gesellschaftsentwurf. In diesem Milieu bestehen günstige Bedingungen, um Hass gegenüber dem russischen Staat zu säen, Kämpfer zu rekrutieren und Terrorzellen zu etablieren.

Bearbeitungs- und Lösungsansätze

Im Inneren der Russischen Föderation hat Moskau in den letzten Jahren versucht, das Problem primär mit geheimdienstlichen und militärischen Mitteln in den Griff zu bekommen. Maßnahmen zur gezielten Aufstandsbekämpfung wurden vor allem in Vorbereitung auf die Winterolympiade 2014 in Sotschi intensiviert. 2010 wurde das "Kaukasische Emirat" per Gesetz zu einer Terrororganisation erklärt und verboten. Nachdem Russland den IS lange ignoriert hatte, wurde 2014 auch er auf die Liste terroristischer Vereinigungen gesetzt. Bis dahin hatten die Behörden der Abwanderung von Kämpfern aus dem Nordkaukasus in den Nahen Osten tatenlos zugesehen, bisweilen wurden sie dabei sogar aktiv unterstützt.

Außenpolitisch deutet Russland die IS-Problematik inzwischen als internationales Sicherheitsproblem. Sein militärisches Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg wurde u.a. als Gegenmaßnahme begründet, um die Infiltration des Nordkaukasus durch den IS zu verhindern. Neben dem eigenen militärischen Eingreifen in Syrien bemüht sich Moskau aber auch um Kooperationen im Kampf gegen religiös motivierten Extremismus und Terrorismus, zum Beispiel mit den Ländern Zentralasiens sowie China und der Türkei.

Eine grundsätzliche Strategie, die an den sozio-ökonomischen und identitätspolitischen Ursachen des Konflikts ansetzt und von russischen Experten in einem unlängst veröffentlichten Bericht vorgeschlagen wurde[1], scheint im derzeitigen politischen Klima in Russland nicht umsetzbar zu sein. Der Bericht setzt auf soziale Modernisierung und den damit einhergehenden Elitenwechsel. Diesbezüglich stellt der Nordkaukasus längst keine Besonderheit dar. Das institutionelle Versagen und die ideologische Rückwärtsorientierung der Gesellschaft sind längst nicht mehr nur Probleme, die den Nordkaukasus betreffen, sondern auch symptomatisch für viele andere Regionen Russlands. Sie werden nicht zuletzt durch das politische System verursacht und sind zum Teil sogar gewollt, da sie die Macht der nationalen und regionalen Eliten stützen. Die Führung in Moskau hat vorerst kein Interesse daran, an dieser Situation substanziell etwas zu verändern.

Indes scheint Moskau die Fliehkräfte, die dieses System entwickelt, zu unterschätzen. Auch wenn der militante ethno-nationalistische Unabhängigkeitskampf in Tschetschenien, der die weitere Konfliktdynamik in der Region geprägt hat, mittlerweile ausgeblutet ist, so ist doch das Bestreben nach Selbstbestimmung gerade dort weiter groß. Mit harter Hand und Rückendeckung aus Moskau wurde unter Achmed Kadyrow und später dessen Sohn Ramsan der bewaffnete Widerstand massiv bekämpft und ein "offizieller" Islam etabliert. Einerseits wurden so radikale Strömungen unterdrückt, andererseits neue Begehrlichkeiten geweckt. So trifft Putins loyaler Gefolgsmann immer häufiger innen- und außenpolitische Entscheidungen, die im Widerspruch zu denen der Zentralregierung in Moskau stehen. Bezeichnend waren etwa die Demonstrationen im September 2017 im Nordkaukasus und in Moskau gegen Russlands Blockade einer Resolution im UN-Sicherheitsrat zum Schutz der muslimischen Rohingya in Myanmar, zu dem Russland freundschaftliche Beziehungen unterhält. Kadyrow selbst hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, für die Belange der muslimischen Minderheit auf die Straße zu gehen.

Moskau hatte daraufhin seine Position gegenüber der Regierung Myanmars deutlich verschärft. Darüber hinaus unterhält Kadyrow enge außenpolitische Beziehungen zu Staatsführern aus der arabischen Welt, die er nicht nur zur Unterstützung Moskauer Interessen, sondern auch seiner eigenen einsetzt. Beobachter sehen darin eine schleichende Autonomisierung Tschetscheniens. Die Regierungen Inguschetiens und Dagestans sind politisch zu schwach, um ähnlich selbstbewusst zu agieren. Doch die tschetschenische Politik der "religiösen" Selbstbestimmung, auch wenn zu einem hohen Preis, nämlich der gewaltsamen Pazifizierung des Landes, erkauft, könnte ihnen perspektivisch als Vorbild und Ventil für eigene Autonomieansprüche dienen.

Geschichte des Konflikts

Die Gewaltgeschichte im Nordkaukasus begann bereits mit der zaristischen Kolonialpolitik. Im 19. Jahrhundert organisierten Imame den bewaffneten Widerstand gegen die Unterdrückung der kaukasischen Völker durch das Zarenreich. Während der Sowjetherrschaft verschärften Vertreibung, Umsiedlung und die zentrale Kontrolle über ökonomische Ressourcen die Spannungen und Konflikte.

Die dadurch angestauten Frustrationen und Widersprüche brachen beim Übergang in die postsowjetische Periode auf. Die dramatischste und opferreichste Folge war der Tschetschenienkonflikt. Die von Vertretern der tschetschenischen Nationalbewegung 1991 ausgerufene unabhängige Republik "Itschkerien" wurde von Moskau nie anerkannt. Politische Lösungen wurden kategorisch abgelehnt und die Unabhängigkeitsbewegung in zwei Kriegen (1994-1996 und 1999-2000) niedergeschlagen. Im zweiten Tschetschenienkrieg nahmen Guerilla-Taktiken zu. Moskau bezeichnete seine Militäreinsätze bereits damals schon als "Anti-Terror-Operationen".

2000 wurde der zweite Tschetschenienkrieg von Russland für beendet erklärt, obwohl der bewaffnete Widerstand weiterhin aktiv war. Seine Führer vollzogen ab Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre eine Hinwendung zum Islam, um seine Aktivitäten weiterhin legitimieren zu können, und weiteten den bewaffneten Kampf auf die gesamte Region Nordkaukasus aus.

Literatur

Gumppenberg, Marie-Carin von/ Steinbach, Udo (Hrsg.) (2008): Der Kaukasus. Geschichte – Kultur – Politik, München.

Politkowskaja, Anna (2008): Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg, Frankfurt/M.

Quiring, Manfred (2016): Pulverfass Nordkaukasus. Nationale Konflikte und islamistische Gefahren am Rande Europas, Berlin.

International Crisis Group (2016). The North Caucasus Insurgency and Syria: An exported Jihad? Europe Report 238, Brüssel.

Malashenko, Alekey (2015): Islamic Challenges to Russia, From the Caucasus to the Volga and the Urals, Carnegie Moscow Center, May 2015, Moskau.

Links

Caucasian Knot.

Eurasia Daily Monitor.

Fußnoten

1.
Стародуровская, Ирина/ Казенин, Константин 2017: Северный Кавказ и современная модель демократического развития, Комитет гражданских инициатив, Москва 01.04.2016: https://komitetgi.ru/analytics/2774/.
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Autor: Regina Heller für bpb.de
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