Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Nordkaukasus


17.11.2015
Der Konflikt im Nordkaukasus hat sich von einem ethno-nationalistischen Unabhängigkeitskampf in Tschetschenien zu einem nationalistisch ausgerichteten Dschihad gewandelt, der die gesamte Region erfasst. Trotz aktuell abnehmender Gewaltintensität ist die Region von einer Stabilisierung oder gar Befriedung noch weit entfernt.



Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014.Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014. (© picture-alliance/AP)

Aktuelle Konfliktsituation



Im Nordkaukasus hat in den letzten Jahren die Zahl der Gewaltereignisse stetig abgenommen. 2013 wurden 529 Todesopfer in der Region registriert, 2014 waren es 341 und 2015 (bis einschließlich September) 134. Anders als noch 2010 (Anschlag auf die Moskauer Metro) und 2011 (Anschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo) gab es in den vergangen drei Jahren keine nennenswerten Anschläge außerhalb der Region. Die durch Selbstmordattentate vor den Olympischen Winterspielen 2014 im südrussischen Sotschi genährten Befürchtungen, die Gewalt könnte wieder eskalieren, haben sich nicht bewahrheitet. Dass trotz der massiven Bemühungen Moskaus die Sicherheitslage in Tschetschenien nicht als stabil bezeichnet werden kann, zeigt der Anschlag von Dezember 2014 auf das zentrale Pressehaus in Grosny.

Seit der Ausrufung des "Kaukasischen Emirats" 2007 durch den tschetschenischen Warlord und selbsternannten Präsidenten "Itschkeriens" Doku Umarow (†2014) hat sich der Wandel von einem ethno-nationalistischen Konflikt für die Unabhängigkeit Tschetscheniens in einen radikal-islamistischen und pan-kaukasischen Untergrundkampf fortgesetzt. Das "Kaukasische Emirat" ist aktuell in Dagestan am aktivsten. Auch das organisatorische Zentrum des Untergrundkampfs wurde von Tschetschenien nach Dagestan verlagert. In Dagestan fanden 2014 und 2015 die meisten Anschläge statt; hier kamen auch die meisten Menschen ums Leben.

Bislang bildete das "Kaukasische Emirat" die ideologische Klammer der in der Region operierenden militanten, salafistischen Muslim-Bruderschaften (Jamaate), die mitunter sehr autonom agieren. Das "Kaukasische Emirat" konzentriert sich vor allem auf den Kampf gegen die russische Staatsmacht, wodurch es sich deutlich von anderen, transnational ausgerichteten islamistischen Terror-Organisationen, wie Al-Qaida oder auch dem "Islamischen Staat" (IS), unterscheidet. Seine Anschläge richten sich mehrheitlich gegen Staatsbedienstete, Mitarbeiter der lokalen und föderalen Sicherheitsdienste, hohe Regierungsmitglieder sowie offizielle Vertreter eines gemäßigten Sufi-Islam. Einige Beobachter sehen angesichts des steigenden Einflusses des IS im Nordkaukasus die Gefahr einer weiteren Ausweitung des Konflikts über die Region hinaus.

Ursachen und Hintergründe



Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014.Trotz massiver Bemühungen Moskaus kann die Sicherheitslage im Nordkaukasus nicht als stabil bezeichnet werden: Anschlag auf das zentrale Pressehaus in Grosny im Dezember 2014. (© picture-alliance/AP)
Eine anhaltend hohe Jugendarbeitslosigkeit, niedrige Einkommen und korrupte lokale Eliten bilden den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Wut und Gefühle der Ohnmacht wachsen. Befeuert wurde der bewaffnete Kampf zusätzlich durch die langjährige "Gewaltkultur", die sich im Zuge der rücksichtslosen Bekämpfung des zunächst ethno-nationalistischen Widerstands und später des islamistischen Terrorismus durch die russischen Sicherheitsorgane etabliert hat. Auch die Strukturschwäche des Nordkaukasus wirkt konfliktverschärfend. Die repressive Anti-Terror-Politik Moskaus und der Versuch einer gewaltsamen "Pazifizierung" haben die Desintegration der Region und die Radikalisierung vor allem junger Muslime nur noch weiter befördert.

Es gibt aber auch Radikalisierungstendenzen, die nicht auf die Politik Moskaus zurückzuführen sind. In einigen Teilen der Region, besonders in Dagestan, besitzt der Islam einen stark identitätsbildenden Charakter. Offizielle und "traditionelle" Formen des Islam werden häufig mit den etablierten und korrupten Machtstrukturen in Verbindung gebracht. Viele wünschen sich eine "saubere" Alternative, die sie in radikalen Ideologien zu finden glauben. Die gegen etablierte Strukturen gerichtete Islamisierung betrifft auch andere muslimisch geprägte Teile Russlands, etwa Tatarstan oder die Ural-Region. Die Hinwendung zum Salafismus muss also nicht automatisch auch eine Erhöhung der Gewaltbereitschaft bedeuten. Sie schafft allerdings ein Milieu, in dem es gewaltbereiten Gruppen leichter fällt, Kämpfer zu rekrutieren und Terrorzellen zu etablieren.

Beobachter führen den derzeitigen Rückgang der Gewalt im Nordkaukasus auf eine strukturelle Schwächung bzw. Spannungen innerhalb des "Kaukasischen Emirats" zurück, das offenbar bei seinen Anhängern an Boden verliert. Hinzu kommt, dass seit 2013 eine große Zahl von Dschihadisten, insbesondere aus Tschetschenien und Dagestan, nach Syrien und in den Irak gegangen ist, um sich dem IS oder der al-Nusra-Front anzuschließen. Einige haben sich unabhängigen Einheiten (etwa die "Soldaten Syriens") angeschlossen. Die geschätzte Zahl schwankt je nach Quelle zwischen 200 und 2.000. Alle eint der Kampf gegen Assad als wichtigen Verbündeten Russlands und "Unterdrücker" der Sunniten in Syrien. Von offizieller russischer Seite wird betont, dass ein Großteil der tschetschenischen Kämpfer in Syrien aus der Diaspora stamme und in Westeuropa aufgewachsen sei. Nur etwa 150 kämen direkt aus Tschetschenien.

Das Verhältnis des "Kaukasus-Emirats" zu den transnational agierenden, islamistischen Gruppierungen ist ambivalent. Mit al-Qaida gibt es durchaus weltanschauliche Überschneidungen, auch wenn einige ihrer Ziele und Praktiken kritisiert werden. Größer ist die Kluft zum IS, dessen Ziele und Methoden dezidiert abgelehnt werden und mit dem sich ein Konkurrenzkampf um ideologische Vorherrschaft im Nordkaukasus anzubahnen scheint. Im September 2014 rief der IS in einer Videobotschaft die "Provinz Kaukasus" aus und kündigte an, den Kaukasus zu "befreien". Die Erklärung hat bislang keine substanziellen Aktivitäten in der Region nach sich gezogen. Allerdings sind bereits einige wichtige Figuren des "Kaukasischen Emirats" – lokale Emire und Feldkommandeure – zum IS übergelaufen.

Seit Sommer 2015 verfügt der IS über einen russischsprachigen Propaganda-Kanal in den sozialen Medien. Das "Kaukasische Emirat" reagierte darauf, indem es seinen Anhängern verbot, mit IS-Sympathisanten zu kooperieren. Emir Ali Abu Muhammad (mit bürgerlichem Namen Aliaschkab Kebekow), der nach Umarows Tod 2014 die Führung des "Kaukasischen Emirats" übernahm, hatte bereits zuvor die Dschihadisten in Syrien aufgefordert, in den Nordkaukasus zurückzukehren und dort ihren Kampf gegen Russland weiterzuführen. Derzeit kehren viele Kämpfer aus Syrien zurück. Dies ist jedoch weniger das Ergebnis der Aufforderung Ali Muhammads, als vielmehr auf Streitigkeiten innerhalb des IS zurückzuführen.

Bearbeitungs- und Lösungsansätze



Moskau hat in der Vergangenheit unterschiedliche Ansätze verfolgt, um die Gewalt im Nordkaukasus einzudämmen. Von 2000 bis 2008 wurde versucht, die Situation in der Region vor allem mit militärischer Repression in den Griff zu bekommen. Unter der Präsidentschaft Medwedews (2008 bis 2012) kam eine Entwicklungs- und Modernisierungspolitik hinzu. Das Konfliktmanagement wurde zunehmend loyalen lokalen Akteuren übertragen. Zugleich versucht Moskau, mithilfe administrativer Reformen, der Ernennung eines Sonderbeauftragten und der Einrichtung eines "Nordkaukasus-Ministeriums" auch weiterhin auf die Region einzuwirken.

Besonders in Dagestan kamen weiche Maßnahmen zum Einsatz, um in dieser ethnisch sehr heterogenen Teilrepublik Polarisierungen zwischen einzelnen Gruppen zu verhindern. So wurden etwa Dialogforen zwischen moderaten Salafisten und Regierungsvertretern initiiert. Nachdem hier die gewünschten Erfolge ausblieben, griff man ab 2014 wieder stärker auf harte Sicherheits- und Repressionsmaßnahmen zurück. Moskaus Stabilisierungs- und Entwicklungsstrategien kranken vor allem an den korrupten, autoritären und wenig verantwortungsvollen lokalen Eliten.

Aktuell ist Moskau bemüht, die positive Entwicklungsdynamik aufrechtzuerhalten. 2010 wurde das "Kaukasische Emirat" per Gesetz zu einer Terrororganisation erklärt und verboten. Lokale und föderale Sicherheitskräfte machen seither weiter Jagd auf führende Köpfe und Mitglieder. 2014 wurde der Tod Doku Umarow bekannt gegeben (vermutlich bereits 2013 ums Leben gekommen); 2015 auch der seines Nachfolgers Abu Muhammad. Bislang hat das "Kaukasus-Emirat" keinen neuen Führer benannt.

Die russischen Sicherheitsbehörden haben die IS-Problematik lange ignoriert und den IS stets als Produkt westlicher Einmischung im Nahen Osten bezeichnet. Russische Menschenrechtler werfen Moskau sogar vor, die Abwanderung von Kämpfern aus dem Nordkaukasus in den Irak und nach Syrien aktiv unterstützt zu haben. Erst im Dezember 2014 setzte Russland den IS auf seine Terrorliste, andere islamistische Gruppierungen mit Beteiligung nordkaukasischer Kämpfer hingegen nicht. Seither deutet Moskau die IS-Problematik als internationales Sicherheitsproblem. Sein militärisches Eingreifen in Syrien, das nicht zuletzt auch die Infiltration des Nordkaukasus durch den IS verhindern soll, wird nach aller Erfahrung zu einer weiteren Radikalisierung der Rückkehrer aus Syrien führen.

In der jüngsten Zeit sind viele ethnische Russen aus dem Nordkaukasus abgewandert; ihr Anteil liegt in einigen Teilrepubliken mittlerweile unter einem Prozent. Angesichts des anhaltenden Terrorismus, der enormen finanziellen Hilfe, die Moskau in der Region weiterhin leistet und einer selbstherrlichen Politik Kadyrows in Tschetschenien haben in Russland die Ressentiments gegenüber den Völkern des Kaukasus deutlich zugenommen; Forderungen nach Grenzschließung werden laut. Moskau wird eine Unabhängigkeit der Region jedoch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Zu groß ist die Gefahr neuer ethnischer Konflikte in der Region und, dass auch andere Regionen von dieser Dynamik erfasst werden

Geschichte des Konflikts



Die Gewaltgeschichte im Nordkaukasus beginnt bereits mit der zaristischen Kolonialpolitik. Im 19. Jahrhundert organisierten Imame den bewaffneten Widerstand gegen die Unterdrückung der kaukasischen Völker durch das Zarenreich. Die Sowjetpolitik schürte durch Vertreibung, Umsiedlung und die zentrale Kontrolle über die ökonomischen Ressourcen interethnische Konflikte, Gewalt und Instabilität.

Die Spannungen brachen beim Übergang in die postsowjetische Periode auf. Am folgenreichsten erwies sich der Tschetschenienkonflikt. Die von Vertretern der tschetschenischen Nationalbewegung 1991 ausgerufene unabhängige Republik "Itschkerien" wurde von Moskau nie anerkannt, die Unabhängigkeitsbewegung in zwei Kriegen (1994-1996 und 1999-2000) niedergeschlagen. Politische Lösungen wurden von Moskau kategorisch abgelehnt. Im zweiten Tschetschenienkrieg nahmen Guerilla-Taktiken zu. Moskau bezeichnete seinen Militäreinsatz daher als "Anti-Terror-Operation". Im Jahr 2000 wurde der zweite Tschetschenienkrieg für beendet erklärt, obwohl der bewaffnete Widerstand immer noch aktiv war. Mit Achmed Kadyrow wurde unter der Ägide Putins ein ehemaliger Rebell Präsident, der bis heute jegliche Opposition und Widerstände durch seine eigenen Sicherheitskräfte mit ausgesprochener Brutalität bekämpft.

Literatur



Gumppenberg, Marie-Carin von/Steinbach, Udo (Hrsg.) (2008): Der Kaukasus. Geschichte – Kultur – Politik, München.

International Crisis Group (2015): Chechnya: The Inner Abroad. ICG Europe Report 236, 30 June, Brussels.

Halbach, Uwe/ Isaeva, Manarsha (2015): Dagestan: Russlands schwierigste Teilrepublik. Politische und religiöse Entwicklungen am "Berg der Sprachen", SWP-Studie S 8, April, Berlin.

Malashenko, Alekey (2015): Islamic Challenges to Russia, From the Caucasus to the Volga and the Urals, Carnegie Moscow Center, May, Moscow.

Falkowski, Maciej (2014): On the Periphery of Global Jihad. The North Caucasus: The Illusion of Stabilisation, OSW Point of View 45, November, Warsaw.

Links



»Caucasian Knot«

»Eurasia Daily Monitor«

»Karte«


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Dr. Regina Heller für bpb.de

 

Interaktives Portal

Informationsportal Krieg und Frieden

Die weltweiten Militärausgaben sind 2013 leicht zurückgegangen - auf 1,7 Billionen US-Dollar. Welches Land gibt wie viel für sein Militär aus? Und wer bezieht die meisten Waffen aus Deutschland? Das interaktive Portal liefert Antworten auf sicherheitspolitische Fragen. Weiter... 

Trauernde Eltern in Syrieneuro|topics-Debatte

Eskalation im syrischen Bürgerkrieg

Nach Berichten über einen Giftgasangriff in der Nähe von Damaskus erwägen die USA einen Militäreinsatz gegen das Regime von Baschar al-Assad. Was kann eine Intervention der internationalen Gemeinschaft im syrischen Bürgerkrieg bewirken? Weiter... 

Ägyptische Sicherheitskräfte in der Nähe der al-Fateh Moschee am Ramses Platz in Kairoeuro|topics-Debatte

Ägypten in der Hand der Militärs

Ägyptens Generäle verteidigen nach dem Putsch gegen den gewählten Präsidenten Mursi ihre Macht mit aller Härte. Die Sicherheitskräfte gehen unnachgiebig gegen Muslimbrüder vor. Bereitet das Militär den Weg für Neuwahlen oder ist der Arabische Frühling in Kairo am Ende? Weiter... 

Koalition gegen den IS: v. l. n. r. der ägyptische Außenminister Sameh Shukri, der kuwaitische Außenminister Sabah Al-Khalid al-Sabah, der saudische Außenminister Prince Saud al-Faisal, der amerikanische Außenminister John Kerry, der Außenminister Omans, Yussef bin Alawi bin Abdullah, der Außenminister Bahrains, Sheikh Khaled bin Ahmed al-Khalifa und der libanesische Außenminister Gebran Bassil am 11.09.2014 in Jiddah, Saudi Arabien.euro|topics-Debatte

Breites Bündnis gegen IS

Rund 40 Staaten haben sich unter US-Führung zusammengeschlossen, um die Terrormiliz IS zu bekämpfen. Sie soll unter anderem mit Luftschlägen und der Unterstützung gemäßigter syrischer Rebellen gestoppt werden. Steht ein neuer Anti-Terror-Krieg bevor? Weiter... 

Der syrische Präsident Assad während eines Interviews mit der BBC, 08.02.2015.euro|topics-Debatte

Kein Frieden ohne Assad?

Angesichts der Flüchtlingskrise rückt der Krieg in Syrien wieder stärker in den Fokus. Einige Länder erwägen Luftschläge gegen IS-Stellungen, andere eine Zusammenarbeit mit dem Assad-Regime. Wie können die Ursachen der Flucht von Millionen Syrern bekämpft werden? Weiter... 

Dossier

Sicherheitspolitische Presseschau

Die Anschläge vom 11. September haben die Welt verunsichert. Seit 2001 stellt die bpb eine ausführliche und kommentierte Linkliste zusammen zu den Folgen des Terrorismus und den verschiedenen Aspekten der internationalen Sicherheitspolitik. Weiter...