Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Süd-Thailand


12.10.2015
Seit über zehn Jahren verüben im Süden Thailands separatistische Organisationen Gewalttaten. Sie fordern die Loslösung der islamisch-malaiisch geprägten Gebiete. Der herrschenden Militärregierung ist es wie schon ihren Vorgängerinnen nicht gelungen, die Gewalt zu reduzieren und den Konflikt einzudämmen.

Soldat in Süd-Thailand.Soldat in Süd-Thailand. (© picture-alliance/AP)

Aktuelle Konfliktsituation



Auch im Jahr 2015 hat sich der gewaltsame Konflikt im Süden Thailands nicht beruhigt. In den mehrheitlich von malaiischen Muslimen bewohnten Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat sowie in geringerem Maße auch in Songkhla und Satun kommt es weiterhin regelmäßig zu Anschlägen und Gewalttaten von Separatisten, die eine Loslösung der südlichen Provinzen vom Gesamtstaat fordern. Mit Bombenanschlägen auf staatliche Einrichtungen und gezielten Tötungen von Vertretern des thailändischen Staates wie Soldaten, Polizisten, Verwaltungsmitarbeitern und Lehrern schaffen sie ein Klima der Gewalt.

So wurde beispielsweise am 28. August 2014 die Lehrerin Patimoh Saemaesae durch eine Bombenexplosion im Khok Pho Distrikt in der Provinz Pattani getötet und am 29. November 2014 eine andere Lehrerin, Katesaya Muenkoto, im gleichen Distrikt auf offener Straße erschossen. Am 10. Juli 2015 wurden sechs Menschen getötet, als unbekannte Täter eine Bombe in einer Karaoke-Bar in der Stadt Padang Besar an der Grenze zu Malaysia hochgehen ließen. Eine weitere Bombenexplosion am 17. September 2015 in der Narathiwat-Provinz tötete drei Menschen und verletzte 14 weitere. Auf der anderen Seite wurden am 9. Januar 2015 drei vermeintliche Separatisten von Sicherheitskräften erschossen, als thailändische Sicherheitskräfte eine religiöse Schule im Mayo-Distrikt untersuchen wollten.

Seit Mai 2014 wird Thailand von einer Militärregierung gelenkt, die die gewählte Premierministerin Yingluck Shinawatra durch einen Putsch aus dem Amt gedrängt hatte. Bereits im September 2006 hatte das Militär gegen die zivile und demokratisch gewählte Regierung geputscht. Insgesamt gestaltete sich die innenpolitische Lage im Königreich Thailand seit 2005 sehr turbulent. Seit der gewaltsamen Eskalation des Konflikts im Jahr 2004 waren sieben verschiedene Regierungen an der Macht – und keiner gelang es, den Konflikt im Süden Thailands auch nur einzudämmen. Auch die gegenwärtige Regierung um General Prajuth Chan-ocha steht vor der schwierigen Aufgabe, ein Ende der Gewalt herbeizuführen.

Der seit Juli 2005 verhängte Ausnahmezustand wurde bisher von allen thailändischen Regierungen verlängert. Er erlaubt den thailändischen Sicherheitskräften ein oft sehr hartes Vorgehen gegenüber vermeintlichen "Terroristen" und deren Unterstützern. Der Konflikt im Süden Thailands wird von beiden Konfliktparteien mit großer Brutalität geführt, von der in hohem Maße auch die Zivilbevölkerung betroffen ist. Nach Angaben von Deep South Watch, einer zivilgesellschaftlichen Organisation an der Universität in Pattani, gab es von Januar 2004 bis Mitte 2015 mehr als 6.000 Tote und über 10.000 Verletzte.

Ursachen und Hintergründe



ThailandThailand
PDF-Icon Hier finden Sie die Karte als hochauflösende PDF-Datei (© Kämmer-Kartographie, Berlin 2012)
In den thailändischen Provinzen Pattani, Yala, Songhkla und Satun lebt eine Bevölkerungsmehrheit von ca. 1,8 Mio. Malaien, die sich in historischer und ethnischer Hinsicht deutlich von der übrigen Bevölkerung unterscheidet. Während die thailändische Staatsreligion der Buddhismus ist, sind die Bewohner der südlichen Provinzen fast ausschließlich gläubige Muslime, die vom 15. Jahrhundert bis in Integration in den thailändischen Nationalstaat im Jahr 1909 in einem eigenen, semi-autonomen Sultanat lebten. Der Süden Thailands gehört zu den Regionen, in denen der ökonomische Fortschritt des Landes nur sehr langsam zu besseren Lebensbedingungen für die lokale Bevölkerung führt. Konfliktverschärfend kommt hinzu, dass der allgemeine Wohlstand hier zwar deutlich höher ist als z.B. im Nordosten des Landes (Isaan), sich die Einkommensverteilung jedoch sehr ungleich gestaltet. Buddhistische ethnische Thais und chinesischstämmige Thais verfügen im Durchschnitt über ein deutlich höheres Einkommen und Vermögen als die Angehörigen der muslimisch gläubigen malaiischen Minderheit.

Seit 2004 verfolgen islamistische Gruppen in Südthailand kontinuierlich eine Politik der Gewalt gegen die thailändische Zentralregierung. Als politische Forderung wird die Wiedererrichtung eines unabhängigen islamischen Staats (Sultanat Patani) oder die Angliederung der Provinzen an Malaysia artikuliert. Es gibt aber auch Gewalttäter, denen es weniger um politische Inhalte als vielmehr um organisierte kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel zu gehen scheint

Bearbeitungs- und Lösungsansätze



Seit Beginn der Gewalteskalation gingen die thailändischen Sicherheitskräfte mit äußerster Brutalität und oft außerhalb des rechtsstaatlichen Rahmens gegen vermeintliche Separatisten vor. Diese Maßnahmen verstärkten die bereits latent vorhandenen Antipathien der lokalen Bevölkerung im Süden Thailands gegenüber der Zentralregierung und dem thailändischen Staat. Es entsteht zunehmend ein Klima der Feindseligkeit.

Eine von der thailändischen Regierung eingesetzte Nationale Versöhnungskommission unter Leitung des früheren thailändischen Premierministers Anand Panyarachun schlug im Juni 2006 vor, sowohl Teile des islamischen Gesetzes als auch Malaiisch als Amtssprache in den Südprovinzen zuzulassen. Der frühere Premierminister Abhisit Vejjajiva (2008-2011) betonte immer wieder, dass er eine friedliche Konfliktlösung unter Anerkennung der kulturellen und sprachlichen Besonderheiten suche und veranlasste die Verwendung zusätzlicher Steuergelder zur Entwicklung des Südens. So erhöhte die thailändische Regierung ihr Entwicklungsbudget für die südlichen Provinzen im Jahr 2009 um 50% gegenüber dem Vorjahr auf rund 1,3 Mrd. Euro für Projekte in den folgenden drei Jahren.

Im Februar 2013 begann die thailändische Regierung unter Premierministerin Yingluck Shinawatra Friedensgespräche mit der Barisan Revolusi Nasional-Coordinate (BRN-Coordinate) und anderen bewaffneten Gruppen unter Vermittlung der malaysischen Regierung. Die Verhandlungen wurden mehrfach verschoben, weil die Separatistenorganisation Bedingungen stellte, die für die thailändische Verhandlungsseite nicht akzeptabel waren. So verlangte BRN-Coordinate, dass die Regierung die malaiische Patani-Nation anerkennen und alle verhafteten separatistischen Gewalttäter freilassen solle. Es kam dementsprechend zu keinen sichtbaren Fortschritten.

Mitte des Jahres 2015 fanden unter Vermittlung des muslimischen Nachbarlands Malaysia informelle Gespräche zwischen Vertretern der thailändischen Militärregierung und Mitgliedern von sechs verschiedenen Widerstandsgruppen aus Süd-Thailand statt, doch konkrete Ergebnisse wurden bislang nicht bekannt gegeben. Mitte Juli 2015 wurde der 63-jährige Sama-ae Thanam, der bis 1997 den bewaffneten Arm der PULO (Patani United Liberation Organization) anführte, nach 18 Jahren im Gefängnis von der thailändischen Regierung begnadigt und auf freien Fuß gesetzt. Mitglieder der BRN begrüßten dies als Zeichen des guten Willens der Bangkoker Regierung, machten jedoch ebenfalls deutlich, dass die Freilassung keine direkten Auswirkungen auf die Friedensgespräche haben werde.

Ende August 2015 schlossen sich sechs Separatistenorganisationen (BRN, drei verschiedene Flügel der PULO, die Gerakan Mujahideen Islam Patani (GMIP) und die Barisan Islam Pembebasan Patani (BIPP) zu einer Dachorganisation mit dem Namen Majlis Syura Patani (Mara Patani) zusammen. Damit gingen die Separatisten auf die Forderung Bangkoks ein, eine einheitliche und verbindliche Repräsentation für die Friedensgespräche mit der Regierung zu schaffen.

Geschichte des Konflikts



Obwohl Thailand im Gegensatz zu den Vielvölkerstaaten Indonesien und Malaysia oftmals als ethnisch und kulturell homogen dargestellt wird, bildet neben den verschiedenen Bergvölkern im Norden und Nordosten des Landes die malaiisch-muslimische Bevölkerung in den südlichen Provinzen an der Grenze zu Malaysia eine bedeutende Minderheit. Sie macht rund 4,6% der Gesamtbevölkerung aus. Die malaiische Minderheit, die in den Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat lebt, ist sich ihrer eigenen Identität im Verhältnis zur ethnisch und religiös unterschiedlichen zentralthailändischen Bevölkerungsmehrheit bewusst und verweist auf eine jahrhundertelange eigene Geschichte.

Ein Auslöser der Unruhen in den muslimischen Südprovinzen war die Homogenisierungspolitik der thailändischen Regierungen. Es entstanden militante Widerstandsgruppen wie die BBMP (Barisan Bersatu Mujahideen Pattani, Vereinigte Muhajidin Front von Patani). Bis Anfang 2004 köchelte der Konflikt auf kleiner Flamme. Dann organisierten radikale Separatistenorganisationen unter der Führung von BRN-Coordinate im Süden Thailands eine Reihe von Anschlägen gegen zentralstaatliche Einrichtungen. Als Beginn der Eskalation gilt der 4. Januar 2004, als muslimische Jugendliche bei einem Überfall auf eine Kaserne rund 400 Maschinengewehre erbeuteten.

Die damalige thailändische Regierung unter Premierminister Thaksin Shinawatra befahl daraufhin den nationalen Streitkräften, mit Härte auf Provokationen und Übergriffe zu reagieren. Seither kommt es regelmäßig zu Brand- oder Bombenanschlägen auf staatliche Schulen und andere staatliche Einrichtungen. Am 28. April 2004 erschossen Sicherheitskräfte in der Krue Se Moschee in Pattani 32 Muslime, die zuvor eine Kaserne und Polizeistationen überfallen hatten. Am 25. Oktober 2004 löste die thailändische Armee in Tak Bai in der Provinz Narathiwat eine Protestversammlung von muslimischen Jugendlichen gewaltsam auf und verhaftete mehrere Hundert Demonstranten. Bei dem sechsstündigen Transport zu einem Armeestützpunkt in völlig überfüllten Armeelastwagen erstickten mindestens 78 jugendliche Demonstranten. Inzwischen hat die thailändische Regierung sich für den Vorfall entschuldigt und rund 1,2 Mio. Euro als Entschädigung an die Hinterbliebenen gezahlt. Trotzdem geschehen auch weiterhin Morde und Gewalttaten – sowohl vom thailändischen Militär als auch von muslimischen Separatisten.

Literatur und Links



»Glass, Nicola (2013): Der blutige Konflikt in Thailands Süden, auf: Tagesschau.de«

»Human Rights Watch (2013), Thailand: New Killings in South«

»International Crisis Group (2015): Southern Thailand: Dialogue in Doubt, Asia Report N°270, 8 July 2015.«

»Helbardt, Sascha (2011): Deciphering Southern Thailand's Violence: Organisation and Insurgent Practices of BRN-Coordinate, Dissertation, Südostasienwissenschaft, Universität Passau.«

»Wigand, David (2014): Separatismus in Südthailand - Schwierigkeiten der Konfliktlösung, Bachelor-Arbeit, Humboldt-Universität Berlin«

»Askew, Marc/ Helbardt, Sascha (2012): Becoming Patani Warriors: Individuals and the Insurgent Collective in Southern Thailand, Studies in Conflict & Terrorism, 35:11, S. 779-809.«


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Patrick Ziegenhain für bpb.de

 

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